
Foto Belinda Helmert: Paris, Österreichische Botschaft, Stefan Zweig-Büste gespiegelt im Konzertsaal mit Blick auf den letzten Habsburger Kaiser
Bakunin ante portas
1840 und damit acht Jahre vor der Februarrevolution fand Bakunin sein erstes (kurzes) Asyl in Paris, wo er seine radikalen Thesen des Sozialismus entwickelte, woraus sich rasch der Begriff kollektiver Anachismus entwickelte. 170 km nordwestlich von Moskau in der Nähe der Stadt Twer (heute ca. 420 000 Ew) mit seinerzeit 60 000 Einwohnern wurde kurz vor Waterloo als Adeliger geboren. Er lernte dort u.a. Proudhon kennen.
An den Aufständen in Paris, aber auch in Deutschland nahm er aktiv teil. In Dresden wurde er arrestiert und nach Russland ausgeliefert, wo man ihn 12 Jahre in sibirische Gefangenschaft steckte (ein Schicksal, das er mit Dostojewski teilte) bevor ihm die Flucht gelang und er in Polen sowie Italien Anarchismus lehrte. Er hatte vordem Mathematik und Philosophie studiert und in einer WG mit Alexander Herzen gelebt, was ihn politisierte und für den Sozialismus einnahm.
1840 kam er nach Berlin, wo er sein Deutsch verbesserte, was ihn sogar befähigte, deutsche Idealisten (Kant, Fichte, Schelling, Hegel, später Marx) ins Russische zu übersetzen. Aus dieser Zeit stammt auch die Freundschaft mit Turgenjew. Kurz: Bakunin begriff die Rückständigkeit seines Landes auf allen Gebieten und beschloss diese zu ändern. https://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=11244 Eine seiner Frühschriften „Gott und der Staat“ blieb wie viele andere Fragment, aber aufgrund der Kürze fand er durchaus seine Leserschaft. Seinen Ruhm verdankt er ohnehin weniger seinen nuer zwei abgeschlossenen und zu Lebzeiten veröffentlichten Büchern, sondern seiner Aktivität – Bakunin gehörte zu den Machern.
Der erste längere Aufenthalt Bakunins an der Seine erfolgte nach der Berliner Periode 1844-48, in er auch „Rußland wie es wirklich ist“ publizierte (Herzen und Turgenjew machten es in Russland in Intellektuellenkreisen bekannt). Bereits hier ist von klassenloser Gesellschaft die Rede, von Panslawismus und der Befreiung Polens vom Einfluss des Zaren. Der Text wurde fast zeitgleich in drei Sprachen veröffentlicht russisch, französisch und deutsch. Zumindest innerhalb der „Szene“ fand er große Beachtung. Nur etwa 10 Prozent nahmen in Paris und die Hälfte in Deutschland an der Revolution teil.
Paris besaß zu Bakunins erstem Aufenthalt Mitte des 19. Jahrhunderts etwa eine Million Einwohner – Berlin, wo er studierte, etwa 400 000. Zudem war die Industrialisierung an der Seine viel weiter fortgeschritten als an der Spree.#
Der zweite Aufenthalt in Paris erfolgte 6 Jahre vor seinem Tod anlässlich des französisch-russischen Krieges, dessen Resultat die Pariser Commune war. Zu dieser Zeit war er bei Marxisten längst in Ungnade gefallen; Marx selbst soll ihn jegliches theoretisches Wissen abgesprochen haben. Fairerweise muss man sagen, dass Bakunin als Begründer des kollektiven Anarchismus auch eine andere Idee bzw. Ideologie und Strategie vertrat, somit Konkurrent war. Zudem kannte er nachweislich nur die Rohfassung von „Gott und der Staat“. Die heutige Bibel der Anarchisten entstand in Form einer Redigierung in Paris und Lyon während der Barrikadenkämpfe, die er an vorderster Front erlebte. Seine ständiger Aktionismus vereitelte eine akribische schriftstellerische Tätigkeit.

Foto Belinda Helmert: Paris, Rue de Fave 6, Österreichische Botschaft, Blick vom Eingangssaal nach draußen in den Hof
Lebenslange Feindschaft mit Marx
Bakunin starb 1876 im Alter von 62 Jahren – ohne die körperlich extrem anstrengende Zeit in Gefangenschaft hätte er sicher älter werden können – Nach der Niederschlagung der Commune kam er nicht mehr nach Paris zurück, sondern verblieb wie viele russische Revolutionäre in der Schweiz und starb in Bern. Sowohl Turgenjew als auch Dostojewski erwähnen dies in ihren Romanen.
Michail Bakunin sah in der Pariser Kommune (1871) die historische Bestätigung des Anarchismus. Für ihn war sie die „erste Negation des Staates“, da die Pariser Arbeiter versuchten, sich selbst zu organisieren, ohne eine zentrale Regierung. Er kritisierte jedoch, dass die Kommunarden zu sehr an alten, repräsentativen Strukturen festhielten.
Er sah zudem die Zerschlagung des Staates als auch der Religion als unumgänglich für eine klassenlose Gesellschaft an an: Bakunin feierte den Aufstand, da die Kommune bewies, dass die Arbeiterklasse den bürgerlichen Staat nicht übernehmen, sondern direkt zerschlagen und durch Föderalismus ersetzen muss.bwohl er die Kommune unterstützte, bemängelte er, dass die revolutionären Räte in Paris einige traditionelle, repräsentative Regierungsformen beibehielten. Er forderte stattdessen eine strikte Selbstorganisation und dezentrale Rätestrukturen von unten nach oben.
Dieses Ereignis verschärfte den großen ideologischen Konflikt innerhalb der Ersten Internationale zwischen Bakunin und Karl Marx. Während Marx die Pariser Kommune als frühes Modell für die „Diktatur des Proletariats“ interpretierte, argumentierte Bakunin, dass sie den libertären Weg der staatsfreien Selbstorganisation demonstriere. Da sich beide Lager nicht einigen konnten, fehlte am Ende den Revolutionären die propagierte Solidarität. https://www.deutschlandfunk.de/michail-bakunin-der-begruender-des-anarchismus-100.html
Für viele Systemgegner bleibt der Hass zwischen den beiden Galionsfiguren unverständlich und scheint in persönlicher Abneigung begründet, da der gemeinsame Feind offensichtlich dazu hätte führen müssen, wenigstens vorübergehend die Kräfte zu bündeln. https://www-marxists-org.translate.goog/reference/archive/bakunin/bio/robertson-ann.htm?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=rq
Die Emanzipation vom deutschen Idealismus erscheint plausibel. Beispielhaft ist hier die Aussage 1851: „So überzeugte ich mich ziemlich rasch von der Nichtigkeit und Eitelkeit der ganzen Methaphysik: ich suchte Leben in ihr, aber sie ist langweilig, wirkt tödlich; ich suchte Taten, sie aber ist die absolute Untätigkeit. Ich gab die Philosophie preis und ergab mich der Politik.“ Entscheidend hier soll die Begegnung mit Ludwig Feuerbach gewesen sein, den Marx bekanntlich auch verachtete und als Verräter am Sozialismus stigmatisierte.
Ludwig Feuerbach und der Anarchist Michail Bakunin waren zentrale Figuren des radikalen Vormärz und prägten den Übergang vom deutschen Idealismus zum Materialismus. Bakunin übernahm maßgeblich Feuerbachs Religionskritik, entwickelte dessen Philosophie jedoch in eine radikale, atheistische und sozialistische Richtung weiter. Aus der Bekanntschaft mit Feuerbach ging der erste Entwurf von „Gott und der Staat“ hervor. https://www.payer.de/religionskritik/bakunin01.htm

Foto Belinda Helmert:Paris, Österreichische Botschaft, gespiegelter Lüster im Vortrags- und Konzertsaal, gelegen im 7. arrondissement, Palais Bourbon.
Um ein Beispiel von der Feindschaft mit Marx und dem Ton Bakunins zu geben, sei dasEnde seines Essays „Marxismus, Freiheit, Staat zitiert “ (1871): „Sie können sehr wohl sehen, wie hinter all den demokratischen und sozialistischen Phrasen und Versprechungen des Marxschen Programms in seinem Staat doch all das zu finden ist, was die wahrhaft despotische und brutale Natur aller Staaten ausmacht, wie immer ihre Regierungsform aussehen mag. In letzter Analyse sind der von Marx so nachdrücklich empfohlene Volksstaat und der von Bismarck mit ebensoviel taktischem Geschick wie mit Machtmitteln am Leben erhaltene aristokratisch-monarchistische Staat auf Grund der Natur ihrer innen- und außenpolitischen Zielsetzungen vollkommen identisch. In der Außenpolitik handelt es sich in beiden Fällen um dieselbe Entfaltung militärischer Macht, d.h. um Eroberung; in der Innenpolitik bedienen sich beide der bewaffneten Gewalt, des letzten Arguments aller bedrohten politischen Macht gegen die Massen, die, des ewigen Glaubens, Hoffens, Sich-Unterwerfens und Gehorchens müde, sich in revolutionärem Aufschwung erheben.
Dieser und andere Texte von Bakunin ist einsehbar unter https://www.marxists.org/deutsch/referenz/bakunin/index.htm
In „Sozialismus und Freiheit“ gleichfalls während der Pariser Commune verfasst, argumentiert, dass persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit untrennbar sind und dass individuelle Freiheit nur in einer Gemeinschaft existieren kann, in der alle Mitglieder die gleichen ökonomischen und sozialen Startbedingungen haben . Er lehnt das Konzept einer „Diktatur des Proletariats“ strikt ab. Für ihn kann Freiheit nicht durch die Versklavung der Massen während einer Übergangsphase geschaffen werden. Berühmt ist sein darin formuliertes Diktum, dass Freiheit ohne Sozialismus zu Ausbeutung führt, während Sozialismus ohne Freiheit in staatliche Sklaverei und Brutalität mündet.

Foto Belinda Helmert: Porzellan-Reiterfigur der Spanischen Hofschule in der Vitrine der Österreichischen Botschaft in Paris
Kollektiver Anarchismus
Der kollektivistische Anarchismus ist im GEgensatz zu Max Stirner individuellem Anarchismus eine libertäre und sozialistische Strömung. Er fordert die Abschaffung des Staates sowie des Privateigentums und befürwortet, dass Produktionsmittel in das kollektive Eigentum von Arbeitervereinigungen übergehen. Die Verteilung der Güter erfolgt dabei nach individueller Arbeitsleistung. Daher konvergiert Bakunin am ehesten mit Proudhon. Beide lehnten individuellen Aktionismus grundsätzlich ab. Eine weitere Variante bildet der anarchische Marxismus, den Kropotkin vertrat. Ohne ins Detail zu gehen, auch diese beiden Ideen vertragen sich nicht, zumindest fanden Bakunin und Kropotkin nie zusammen.
Bakunin vertrat die Idee des kollektiven Eigentum: Grund und Boden, Fabriken und Transportmittel gehören nicht dem Staat oder Einzelnen, sondern werden von den Arbeitern und freien Gemeinden selbst verwaltet. Das erinnert an Fouriers Phalaxen, da diese GRuppen, die den Staat ersetzen sollten, sehr klein und regional organisiert blieben.Der zweite Punkt betrifft die Vergütung nach Arbeitsleistung: Im Gegensatz zum späteren Anarchokommunismus („Jeder nach seinen Bedürfnissen“) favorisiert der Kollektivismus das Prinzip „Jeder nach seiner Leistung“. Die Arbeiter erhalten sogenannte Arbeitsmarken oder Gutscheine, die der aufgewendeten Arbeitszeit entsprechen und gegen Produkte eingetauscht werden können. Punkt drei betrifft die Selbstorganisation: Produktionsentscheidungen werden dezentral von Arbeiterverbänden, Syndikaten und freien Föderationen getroffen
In den Vierziger Jahren wohnte Bakunin hauptsächlich in 14 Rue des Moulins nahe dem heutigen Moulin Rouge, das Oktober 1889 entstand. Es liegt im heute 18. arrondissement von Paris, das Clichy heißt und zum Stadtviertel Montmarte gehört, welches lange gar nicht zu Paris gehörte. Danach wohnte er, v.a. 1844-47 in 4 Rue de Bourgogne. Das heute 7. arrondissement Palais Bourbon unweit des place des Invalides und damit der österreichischen Botschaft, bildete den Treffpunkt zahlreicher russischer Emigranten.

Foto Belinda Helmert: Der letzte Habsburger Kaiser Franz I, Reiterporträt in der Österreichischen Botschaft, Konzertsaal
Marx Zwischenstation von Paris
Karl Marx kam als Publizist und Journalist, hauptsächlich für „Vorwärts“ im Oktober 1843 mit seiner Frau Jenny nach Paris und blieb dort bis zu seiner Ausweisung im Januar 1845 für etwa 15 Monate. Nach seiner Ankunft in Paris wohnte Marx mit seiner Frau Jenny zunächst im Hôtel Vaneau ,11, Rue Vaneau (Montparnasse Quartier, gleichfalls in der Nähe des Invalidendoms. In dieser Zeit freundete er sich auch mit dem Dichter Heinrich Heine an. Das erste Treffen fand im Dezember 43 statt. https://intersoz.org/heinrich-heine-und-karl-marx/ Um nur ein Beispiel der Zusammenarbeit zu nennen: Marx sorgte für einen Vorabdruck Heines „Buch der Lieder” im Vorwärts!, Heine war unter die politische Lyrik er gegangen; auch ihm lag eine soziale Revolution am Herzen. „Die schlesischen Weber” (Weberlied) wurde sowohl über die Zeitschrift von Marx als auch ein Flugblatt verbreitet. https://intersoz.org/heinrich-heine-und-karl-marx/
Nach Marx‘ Rückkehr war die zweite Adresse Juni 1849 – August 1849. Nach der Revolution von 1848/49 und seiner Ausweisung aus Belgien und Deutschland reiste Marx im Juni 1849 nach einer kurzen Station in Köln erneut nach Paris, lebte in der Rue de Lille (7. arrondissement, Saint-Germain-des-Prés nahe dem Musée d’Orsay. Die gescheiterte Revolution verschlechterte Heines Zustand und auch den von Marx, der weiter nach London floh. Heine konnte /wolltekein Kommunist marxistischer Prägung sein.
Das Proletariat hatte seine vom historischen Materialismus zugeschriebene Rolle einfach ignoriert und war zum Volk mutiert. Spätestens an diesem Punkt wurde klar: Marx’ Theorien hatten einen zeitlichen Kern und mussten sich an den Voraussetzungen und Bedingungen der sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse beweisen,. https://taz.de/Jan-Gerbers-Karl-Marx-in-Paris/!5546071/

Foto Belinda Helmert: Verbindungs-Türen vom Vortragssaal in das Foyer der Österreichischen Botschaft, Paris
Von den Juden über Hegel zu Feuerbach
Marx arbeitete überaus produktiv, auch in Paris. Er schrieb zunächst „Zur Judenfrage“ (1844): Eine kritische Abhandlung über Emanzipation und Religion, erschienen in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern, dann „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“ (1844): Marx’ berühmter Text, der die Religion als „Opium des Volkes“ bezeichnet. Es folgten ökonomisch-philosophische Manuskripte 1844: Auch als, die als Pariser Manuskripte bekannt. wurden Diese bahnbrechenden Entwürfe enthalten Marx’ Theorie der „entfremdeten Arbeit“ (allerdings erstmals 1932 veröffentlicht). Daran schloss an „Die heilige Familie“ (1845): Ein gemeinsam mit Friedrich Engels verfasstes, polemisches Werk gegen die Junghegelianer. Zuletzt entstanden an der Seine auch „“Thesen über Feuerbach (1845): Kurze, aber wegweisende philosophische Notizen, darunter der berühmte elfte Satz: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern. In meinem Buch „Vormärz“ habe ich diese alle kurz analysiert. Wie ich überhaupt eingestehe: Marx Schriften kenne ich nur bis „Kommunistisches Manifest“, das mit der Februarrevolution bzw. Märzrevolution zusammenfällt. Die dicken Werke über den Kapitalismus habe ich nicht gelesen und maße mir kein Urteil darüber an. Fakt ist nur: der Kommunismus wurde nie so gelebt, wie ihn Marx sich vorgestellte.
Aus den Seiten in „Vormärz“ im Kapitel Marx 354- S.370 erstes Kapitel ein paar grundlegende Informationen, darunter die Finanzierung der „Vorwärts“ durch den seinerzeit erfolgreichsten Komponisten und Opern-Direktor Meyerbeer : https://www.jm-hohenems.at/static/uploads/2011/12/folder-meyerbeer-klein.pdf

Foto Belinda Helmert: französische, Europa- und österreichische Nationalflagge auf dem Flur der österreichischen Botschaft in Paris
Von Gespenstern und Nachblökern
Marx beanspruchte die revolutionäre Führung ebenso als Monopol wie die Richtigstellung und Deutung Hegels, auf dessen Dialektik er sich beruft, nicht nur, wenn er ihn von Kopf auf die Füße stellen will, was er im Prolog seiner Hegel-Kritik so wörtlich äußert. Da er sich als Wissenschaftler und Empirist bzw. als Historiker und Faktensammler begriff, waren alle anderen Junghegelianer für ihn im besten Fall Idealisten oder Utopisten, jedenfalls nicht philosophisch ernstzunehmen und immer noch bürgerlich denkend. Dass der Kommunismus für ihn zunächst historisch dialektischer Materialismus war, ist aussagekräftig.in der „Deutschen Ideologie“ fiel diese Terminologie erstmalig; wirklich bekannt und relevant wurde der Begriff aber erst mit „Das kommunistische Manifest“ in Verbindung mit „Ein Gespenst geht um in Deutschland“ https://oll.libertyfund.org/pages/marx-manifest
Hintergrund dafür liefert die Unterscheidung von Bürgertum und Proletariat und Klassenkampf als Leitmotiv, Ursache und Lösung für die gesellschaftliche Fehlentwicklung. Anarchismus bildete vor allem deshalb keine Option, weil Marx ihn für eine idealistische und utopische Bewegung hielt ohne wissenschaftliche Basis. Auch die sofortige Abschaffung des Staates hielt er für unsinnig und trat für eine Stärkung des Zentralismus ein. Aus dem dritten Kapitel über Marx in „Vormärz“ (S. 359) geht hervor, dass er Bauer, Feuerbach, Stirner für nachblökende Schafe des deutschen Wolfes hält

Foto Belinda Helmert: Stuhl und Vorhang im Vortragsaal der Österreichischen Botschaft
Trotzki – Illegalität in Permanenz
Lew Dawidowitsch Bronstein – besser bekannt unter seinem sich 1902 selbst zugelegten Namen Trotzki kam über 60 Jahre später auf die Welt als Bakunin und Marx, die nur vier Jahre trennte. Der 1879 in der heutigen Ukraine geborene Jude – heute noch ein Dorf, das wohl kaum jemand kennt namens Bereslawka – kam als Kriegsberichtsstatter 1914 (vordem aus der Schweiz ausgewiesen) nach Paris. Neben französisch beherrschte er auch deutsch und englisch fließend, hielt in diesen sowohl Reden als auch schriftliche Aussagen fest. Er wurde nach veränderter politischer Lage Oktober 1916 aus Frankreich ausgewiesen und emigrierte nach Spanien. Zumeist hielt er sich illegal in seinen jeweiligen Asylorten auf und wohnte bei politischen Feunden.
Trotzki war mehrfach inhaftiert, erstmals im Alter von 20 Jahren, auch sibirische Gefangenschaft war ihm als aktiver Oppositioneller des Zaren gewiss, letztmals nach Kriegsausbruch in Deutschland (München, Berlin) und blickte auf eine Wiener Zeit zurück. Erst 1928 wurde er als Intimfeind Stalins auch von den Revolutionären (Bolschweisten) aus Russland verbannt; erst nach Kriegsausbruch August 1917 war er, der Menschewiki zum Bolschewiki übergetreten. Einen Abriss über sein Auf und Ab an den verschiedenesten Brennpunkten ist zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=8Nq1TUbjZtI
Der bis zum Tod Lenins einflussreichste Politiker Russlands in der Stunde nach Zerschlagung des Zarenreiches (aufgestiegen als Führer der Roten Armee gegen die konservativen Weißgardisten) lebte in südlich gelegenen Pariser Vororten. Er kannte die Seadt durch diverse Kurzreisen, darunter Herbst 1902, wo er die Kunststudentin, Revolutionärin und spätere zweite Ehefrau Natalja kennenlernte, die in Frankreich verstarb und ihren Gatten 22 Jahre überlebte.
Über seinen ersten Paris-Aufenthalt und das Verhältnis zu Lenin gibt seine Autobiografie „Mein Leben“, Kapitel 11, Aufschluss. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/leben/11-emigrat.htm In dieser Zeit war noch offen, ob Lenin oder Plechanow die Revolution anführen sollten.
Nach der stalinistischen Säuberungswelle und dem erzwungenen Exil 1929 hielt er sich nicht mehr in Paris, sondern in Marseille auf, bis er 1933 nach Norwegen floh, wiederum illegal und nur inoffiziell geduldet. https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-leo-trotzki-flucht-exil-marseille-100.html
Während Marx Theoretiker und einflussreichster Ideengeber der Revolution und Bakunin der Akteur an vorderster Front waren, erfüllte Trotzki beides: er schrieb und trat in führenden Positionen eines Politiker bzw. eines Organisators der Armee auf. Sein bekannteste, mehrfach umgeschriebenes Werk (das mich sehr beeindruckte) lautet „Die permanente Revolution“ und hätte den Marxismus in eine andere Richtung gelenkt als sie es unter Stalin tat. Eine Auflistung mit Kurzbeschreibung aller Bücher liefert https://www.mehring-verlag.de/trotzki-bibliothek.html

Foto Belinda Helmert: Schaltkasten in der Österreichischen Botschaft, Paris
Demokratische Diktatur
Leo Trotzki hielt sich während zweier historischer Phasen in Paris auf: Im Ersten Weltkrieg (ab 1914) als Journalist und Kriegsberichterstatter sowie von Juli 1933 bis April 1934 im Exil auf der Flucht vor dem stalinistischen Regime. Seine wegweisende „permanente Revolution“ entstand schon 1905 nach demgescheiterten Aufstand nach Generalstreik und Marsch auf den Petersburger Winterpalast (Januar bzw. im orthodoxer russischer Zeitrechnung Februrarrevolution) und wurde in der Endfassung 1929 weltweit bekannt, da Trotzki sich hier von Stalin und dem Irrweg des Marxismus abgrenzt.https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/2530 Meine Zusammenfassung von Trotzkismus bzw. der permanenten Revolution:
Nicht verschwiegen werden soll, dass der Menschewiki Alexander Parvus (Israel Helphand) war, den Trotzki bei seinem ersten Parisaufenthalt kennenlernte. Den radikalen marxistischen Publizisten und Theoretiker lernte er ebenfalls im Pariser Exil kennen. Parvus beeinflusste Trotzkis politische Ansichten stark und prägte maßgeblich dessen Theorie der permanenten Revolution der geistige Vater oder zumindest der Impulsgeber der permanenten Revolution . Trotzki beschreibt die gleichfalls in „Mein Leben“. Der Volltext „Die permanente Revolutionn“ ist eingestellt unter https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/permrev/index.htm
Ein Satz darin lautet:
Der Umsturz der demokratischen Diktatur tritt unvermeidlich in die sozialistischen Aufgaben über und wird damit permanent.“
,,Gemeint ist die direkte Volksdemokratie, das Rätesystem mit ihrer Rotation, die verhindert, dass ein Machthaber sich zu lange und gegen den revolutionären Gedanken festzusetzen vermag.

Foto Belinda Helmert: Eifellturm bei Nacht von der Österreichischen Botschaft, Rue de Fave 6
Kein Sozialismus in einem Lande
Trotzki liefert eine Zusammenfassung mit 14 Grundsätzen. https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1929/permrev/ltperm11.htm
Der spätere Führer der Rotgardisten lehnte Gewalt nie ab, jedoch Verfolgung, Folter und Krieg. Daher wird er gelegentlich fälschlich als Pazifist bezeichnet. Er war international ausgerichtet, nicht auf nationale Interessen und sah, dass es nicht nur einen rechtslastigen, sondern auch einen linksideologischen Faschismus gab. Daher war er auch kein Demokrat im heute gebräuchlichen Sinn, forderte lediglich demokratische Strukturen unter der regiereden Einheitspartei und eine Zerschlagung das bürokratischen Staatsapparates. Parlamente lehnte er grundsätzlich ab, weil sie zu einer eigenen Klasse führen würden. Das Modell des Berufspolitikers hingeegen blieb für ihn alternativlos, ebenso fachbezogene Diskussionen. In kürzeyster Form: „„Das Proletariat schafft städtische ‚Sowjets‘„
Gerade durch seinen zweiten Aufenthalt in Paris lernte Trotzki Jean Jaurès schätzen, Historiker, sozialistischer Politiker und leidenschaftlicher Pazifist (Gegner des Ersten Weltkriegs). Trotzki bezog sich auf ihn als Historiker, sozialistischer Politiker und Vater der französischen Sozialdemokratie sowie den Gründer der Tageszeitung L’Humanité kämpfte er zeitlebens für soziale Gerechtigkeit. Zudem traten beide vehement für die IV. Internationale ein.
Unter „Verteidigung des Marxismus“ versteht man eine berühmte Sammlung von Schriften und Briefen Leo Trotzkis aus den Jahren 1939/1940. Darin verteidigte er die marxistische Theorie und die materialistische Dialektik innerhalb der amerikanischen Socialist Workers Party gegen innerparteiliche Kritiker. Als populärster Kritiker Stalins unter den Marxisten musste er, der lebenslang Verfolgte, einen gewaltsamen Tod sterben. https://dlf.uzh.ch/sites/stalindigital/2021/09/02/machtkampf/
Meine Begeisterung legte sich allerdings, als ich von seiner Skrupellosigkeit als Führer der Rotgardisten Näheres erfuhr. Dass man dies nicht mit Sanftmut bewerkstelligen kann, leuchtet ein, doch Trotzki machte sich einige Verletzungen der Menschenrechte schuldig, die lange hinter dem Mythos des Verfolgten zurückstanden, so dass der Unterschied zu Stalin zumindest in den heißen Jahren des Bürgerkriegs verschwindet. Auch Catro oder Che Guevara töteten oder erließen Todesbefehle, der Krieg, auch der Partisanenkrieg, schreibt seine eigenen unrühmlichen Gesetzte. Dennoch hat auch die Rücksichtslosigkeit Grenzen. Was bleibt ist die richtige Prognose: entweder siegt der Kommunismus global oder er wird untergehen bzw. missbraucht und verraten. Gut möglich, dass auch Trotzki „Säuberungen“ hätte durchführen lassen und nur sein gekränktes Ego Stalin verachtete, weniger seine Methoden.

Foto Belinda Helmert: Laserstrahl, Eifelturm im champ de Mars nahe der österreichischen Botschaft







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