Die Hölle sind immer die anderen

Foto Belinda Helmert: Deckenfresko des Saal Mazarins in Paris, der mehrere Stadtbezirke durchquerenden rue Richelieu 58 nahe dem Louvre , der Oper und der Comédie Francaise. Der Titel ist dem Stück „Hus clos“ Geschlossene Gesellschaft (Uraufführung 1944 ) von Sarteentlehnt.

Ein Pariser Nomade

Denkt man einen einen bibliophilen Intellektuellen, der in Paris geboren und auch gestorben ist, den vielleicht sogar die ganze Welt kennt, so kommt man automatisch auf Jean Paul Sartre, der zudem alle Gattungen (Literatur: Essay, Kunstkritik, Drama, Roman, Novelle, Kurzgeschichte) bis auf die Lyrik bemeisterte, dazu Philosoph war (der Hauptvertreter des französischen Existentialismus) und sogar eine eigene Literaturtheorie (engagierte und nicht engagierte Kunst) entwickelte. Mr. Unfehlbar war er dennoch nicht, wie seine hartnäckige Leugnung oder Bagatellisierung des Stalinismus oder des Terrorismus und damit fehlende politische Weitsicht dokumentieren. Ein nahezu wohlwollender Artikel über diese Fehlleistung bietet

Ein weniger schmeichelhafter steht unter https://www.welt.de/print-welt/article469581/Wie-Sartre-und-Stalin.html

Geboren im 16. arrondissement (Passy) am am 21. Juni 1905 in der Rue Mignard – dem westlichen Stadtteil am rechten (Sartre dürfte es ärgern) Seineufer, Die Flusstiefe beträgt heute zwischen 3 und 6 m – vor dem 20. Jahrhundert jedoch war die Seine deutlich flacher, oft nur 1 m, so dass im Zuge der Industrialisierung Schleusen für die Schifffahrt gebaut werden mussten. Viel Zeit verbrachteder Sohn eines Marineoffiziers und einer Cousine Albert Schweizers als Mutter dort jedoch nicht, sondern wuchs im Haus seiner Großeltern in La Rochelle, einer 180 km nördlich von Bordeaux gelegenen Hafenstadt auf. Erst als Teenager kehrte er 1920 nach Paris zurück, hauptsächlich im 5. arrondissement in der Rue Le Goff im prägenden Quartier Latin. Dort lag auch die Sorbonne. Weitere Stationen bildeten das 6. arrondissement mit dem Hotel La Louisiane, das am rive gauche liegt und östlicher Nachbar des Studentenviertels bildet. Zwischendurch lebte Sartre Lehrer in der Küstenstadt Le Havre (Normandie), rund 200 km nordwestlich von Paris, von wo es ihn nach Berlin Wilmersdorf verschlug, weshalb er gut deutsch spricht und Heidegger im Original las. https://www.hdg.de/lemo/biografie/jean-paul-sartre.html

Anfänglich interessierte er sich sogar für Nietzsche, doch spätestens 1938 brach er mit dem radikalen Subjektivismus und Individualismus. Die hatte politische (Faschismus als Bedrohung der Existenz) als auch ästhetische Gründe (Systemphilosophie). Der Wendepunkt schlug sich in seinem Debürtoman „Der Ekel“ nieder, da er die Lebenskrise und Infragestellung eines Lebensentwurfs in den Mittelpunkt rückt.

Er unterrichtete Philosophie (Husserl, Heidegger als Inspiration), zunächst am Gymnasium von Le Havre, doch während seiner Arbeit an „La Nausée“ bereits am Lycée Pasteur im Pariser Vorort Neuilly-sur-Sein und nach dem Krieg am Lycée Condorcet im Zentrum von Paris. Seine Wohnung teilte er mit der Lebensgefährin Simone de Beauvoir zunächst im Hotel Mistral (14. arrondissement Montparnasse) Nach seinen Jahren in Le Havre wohnte Sartre mit Simone de Beauvoir in einem Zimmer dieses Hotels in der Rue de Cels

https://www.sortiraparis.com/de/was-in-paris-zu-besuchen/geschichte-erbe/articles/332331-thematischer-spaziergang-spuren-jean-paul-sartre-paris-ile-de-france

Foto Belinda Helmert: Jakobsmuschel als Hausschmuck. Ihre strahlenförmigen Rillen der Muschel stehen symbolisch für die vielen verschiedenen Wege der Pilger und ist daher das Symbol der Pilgerwege, die in Santiago de Compostella enden. Sartre war bekennender Atheist.

Vom Zweifel am eigenen Seinsverständnis

National machte „La Nauseée“ Sarte berühmt. eine ausführliche Zusammenfassung samt Analyse liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/der-ekel/4438 Der Roman wurde lange jedoch missverstanden als physischer Ekel, bisweilen auch als psychisch somatisch bedingt, doch nicht als grundsätzliches philosophisches Problem des Selbstschutzes vor einer moralisch-geistigen Abneidung vor der Welt, die nicht zu tilgen ist (in dieser Hinsicht mit dem Absurden von Camus vergleichbar). Die philosophische Dimension des Ekels bei Jean-Paul Sartre (* Der Ekel, 1938) geht weit über ein bloßes physisches Ekelgefühl hinaus. Er ist ein existenzielles Erkenntnis- und Wachrüttelerlebnis: Der Ekel ist die intuitive, körperliche Konfrontation mit der reinen, sinnentleerten Existenz (der Kontingenz) und der radikalen Freiheit des Menschen

International, am Ende sogar global berühmt wurde Sartre durch sein philosophisches Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (1943), das als Kriegsphänomen in der Stunde Null für viele die existentiellen Probleme aufwarf und begründete, sogar Lösungswege aufzeigte. Der weltweite Ruhm setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als seine existentialistischen Schriften über die Grenzen Frankreichs hinaus exportiert und rezipiert wurden, weil man sich nach der für unmöglich gehaltenen Katastrophe grundsätzliche Fragen stellte und Gott /Religion nicht mehr als Erklärungsmodell diente. Zudem besaß der Marxismus, v.a. in Osteuropa und tw. in Südamerika Hochkonjunktur, schließlich hatte er am entschlossensten den Nationalsozialismus bekämpft.

Foto Belinda Helmert

Zwischen Sein und Nichts

Sein lässt sich reduzieren oder komprimieren auf die Freiheit als Totalität der Verantwortung, sowohl sich als auch der Gesellschaft gegenüber. Die bürgerliche Gesellschaft kennt diese nicht, sie delegiert oder sucht Gründe, nicht zu handeln bzw. den Egoismus zu legitimieren. Weder ökonomisch noch politische, familiäre oder psychologische, auch keine monetären Zwäge existieren dergestallt, dass der Mensch nicht verantwortlich wäre für sein Handeln.

Existenz geht Essenz voraus. Im Gegensatz zu einem Objekt (wie einem Messer), dessen Zweck und Wesen (Essenz) vom Hersteller konstruiert werden, bevor es existiert, kommt der Mensch ohne vorgegebenen Lebensplan auf die Welt. Der Mensch existiert zuerst und bestimmt sein Wesen danach durch seine Handlungen, Entscheidungen und Erfahrungen selbst. Mit anderen Worten: der Mensch entwirft sich selbst durch sein Engagement.

Dass Sartre das Nichts nicht „rien“ heißt oder auf Nichtsein beschränkt, hat seinen Grund, denn es geht der Seinserfahrung voraus, als Urgrund aller Möglichkeiten. Hier ist der Bezug zu Kierkegaard deutlich, wenngleich ohne Sprung in die Religion als rettende Möglichkeit bei einem Dilemma. Hier bleibt der Mensch allein auf sich gestellt, seine Wahl zu treffen und dementsprechend so zu handeln, dass aus dem Nichts etwas wird.

Es existieren zwei Seinsweseisen (modi) . Das An-sich (l’être-en-soi) sind die bloßen Dinge (wie ein Stein, ein Baum oder ein Tisch). Sie existieren einfach, sind vollständig in sich selbst und haben kein Bewusstsein oder keine Wahl. Das Für-sich (l’être-pour-soi) betrifft das menschliche Bewusstsein. Im Gegensatz zu den Dingen definieren wir uns nicht nur darüber, was wir sind, sondern vor allem darüber, was wir nicht sind.

Das an sich besagt nur wie etwas ist, die Art und Weise und nichts über den Grund oder die Begründung aus. Der Mensch ist eben nicht nur eine Ansammlung von Eigenschaften und Charakteren, sondern auch Wille und veränderbar, geradezu auf Veränderung angewiesen. Deshalb kann er sich stets auf etwas hin entwerfen und auch sich selbst, uindem er mit seiner alten Existenz und seinem Selbstverständnis oder dem Blick auf die Welt bricht. Erst dann ist er ein für sich, dementsprechend auch frei, was jedoch zur Gänze ausschließlich im Miteinander möglich ist. Die Wahl ist daher auch absolut, die Souveränität unantastbar.

Foto Belinda Helmert

Kritik der dialektischen Vernunft

In 42 Rue Bonaparte (im sechsten arrondissement . Zwischen 1945 und 1962 lebte Sartre mit seiner Mutter im vierten Stock dieses Gebäudes. Seine Wohnung, ein Brennpunkt des Schreibens und der intellektuellen Diskussion mit Simone de Beauvoir und anderen Denkern, war 1961 Schauplatz eines Attentats durch die OAS (Organisation de l’armée secrète), die in seiner radikalen des Algerischen Abhängigkeitskrieg den intellektuellen Rädeslführer sah. Nach dem Krieg ist halt immer auch vor dem Krieg. Auch de Gaulle stand auf der Liste der nationalistisch (rechtslastigen) Terroristen

Seinerzeit waren Philosophen durchaus gefährlich, weil einflussreich – heute unvorstellbar. – und von gewisser Autorität durch ihre mutmaßliche Unbestechlichkeit . Das Attentat auf Sartre ereignet sich am Juli 1961. http://docs.sartre.ch/Quick.pdf

Sartre zog unmittelbar danach in die222 Boulevard Raspail (14ᵉ. arrondissement. im Süden der Stadt, wiederum links der Seine in Montparnasse. Aufgrund dieses Attentats ließ er sich anschließend unter einem Pseudonym in einem unauffälligen Studio nieder. An diesem Ort vollendete er Les Mots (Die Wörter).

Unmittelbar davor hatte er sein zweites philosophisches Hauptwerk „Kritik der dialektischen Vernunft“ beendet und veröffentlicht, das erst 67 in deutscherS prache übersetzt wurde. Darin versteht Sarte, immer bemüht dem Marxismus und den Existentialismus zu versöhnen, indem er beiden eine philosophische Grundlage gibt, Dialektik nicht mehr wie Hegel oder Marx. Letzter versteht unter Dialektik die Lehre von den allgemeinen Bewegungs– und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Gesellschaft und des menschlichen Denkens., verkürzt die Wechselwirkung von Geist (Möglichkeiten und Ideen) und Materie (ökonomische, gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen, Wirklichkeit). Für Hegel indes bildet Dialektik Hegel ist Dialektik die treibende Bewegung des Denkens und der Wirklichkeit, in der Widersprüche nicht als Fehler gelten, sondern den Motor für Erkenntnis und Fortschritt ausmachen.

Sartres Definition für Dialektik ist der Entwicklungsprozess von menschlicher Praxis und die gemeinsame Wurzel (Synthese) von Ursache und Wirkung bzw. Immanenz und Transzendenz. Reformuliert: Dialektik ist für Sartre die Bewegung, in der das absolut freie, handelnde Individuum (das „Projekt“) auf eine widerständige, von früheren Generationen geschaffene Welt trifft. Dieses Handeln schlägt oft in sein Gegenteil um und erzeugt Strukturen, die den Menschen beherrschen (das sogenannte „Praktisch-Träge“. als Abbreviatur: Dialektik ist die Logik der Freiheit, verstanden als selbstbestimmte Gesellschaft. Daher ist das Neue im Vergleich zur ersten Ausrichtung des Existentialismus die Fokussierung auf die historische Rolle des Kollektivs.

Foto Belinda Helmert: Vitrine im Saal der Antike der Nationaklbibliothek Frankreichs

Eine Lanze für den Existentialismus

Zahlreiche Zitate mit Quellenangaben sind eingestellt unter https://www.die-inkognito-philosophin.de/sartre Befragt nach der eigenen Meinung, so fällt die zwiespältig aus, was niemanden daran hindern sollte, seinen Sartre zu entdecken. Es mag theosophische Einwürfe geben, dass ohne Gott kein Sinn zu retten sei in dieser Welt (bestens formuliert von Voltaire: Man müsste Gott erfinden, wenn es ihn schon nicht gibt.§ oder jene der Nietzscheaner, dass im Kollektiv oder im Marxismus die Zukunft liege. Da ich persönlich glaube, dass sich die Gesellschaft nicht ändern lässt, so lange der Einzelne nicht bei sich beginnt, bin ich erst mal gegen Sartre. Auch glaube ich nicht, dass die Welt so wenig Einfluss auf mich hat, dass ich nashezu vollkommen frei handeln, entscheiden, fühlen kann. Zuidem stört mich Sartres politische Einsterllung, weit mehr noch seine Ablehnung der angeblich nicht engagierten Literaten l’art pour l’art. Auch das ist streng genommen eine Wahl, ein Engagement, eine Revolution gegen das Establishment, das Kunst instrumentalisiert.

Trotz aller persönlicher Bedenken (einer komplett anderren Ausrichtung oder Haltung) achte ich Sartre, weil er die Wahl und die Verantwortung groß schriebt und dem Absurden, auf das Camus (den ich bevorzuge) keine wirkliche Antwort hat außer sich mit seinem Schicksal zu versöhnen, energisch die Stirn bietet. Ich mag seine Aufklärung über den mauvaise foie, die Lüge, die detailliert bei mir beginnt, bevor ich eine Weltverschwörung oder Ressentiment entwickle. Ich mag ihn, weil er Gott als schwaches Argument für eine verlogene und verdorbene, nur nach Profit strebende hält. Ich schätzte ihn dafür, dass er sich positioniert, statt nur zu lavieren, zu relativieren. Ich bewundere ihn dafür, dass er so viele schöne und kluge FRauen für sich einzunehmen wusste und vor allem dafür, dass er als Philosoph voranging wie sonst als Literat bestensnfalls der Journalist Zola.

Seine philosophischen Werke sind schwer für mich zu verstehen, obschon ich Philosoph bin und die Erfahrung lehrte mich, dass selbst Sarte- Spzialisten oft dilettieren und auf gewisse Nachfragen keine Antworten besaßen. Dennoch ist es großes Kino, wenn ein Philosoph literarisch wird oder/und invers. OIch mag seine Dramen, die es meinerzeit in den Achtzigern und Anfang der Neunziger noch gab (auch in Deutschland) wie „Geschlossene GEsellschaft“ , die heute immer seltener gespielt werden oder wenn in trivialisierter Form. Ja, auch ich glaube, zur Freiheit verdammt zu sein und noch mehr. dass der Mensch sich sein Wesen ertrotzen, also wider allen Umständen (situations) erschaffen muss. Sartre kann ich nur bedauern, dass er die politische Lage so grundlegend verkannte. Allerdings sehe ich das sei Corona als Massenphänomen unter Philosophen. Diese vielleicht aus pragmatischen Gründen, Sartre aus, wenn man gnädig sein will, Idealismus. Doch auch der hat seine Grenzen und schlägt bisweilen in Dogmatismus um.

Wiederholt komme ich auf das Drama (Einakter, Kammerspiel) „Geschlossene Gesellschaft“ https://www.dtver.de/downloads/leseprobe/13486.pdf zu sprechen, ein Spiegelbild der Welt durch drei vergebliche Lebensentwürfe, die in Mord (Estelle) , Verrrat (Garcin) oder Suizid (Ines)enden und natürlich sowohl dem Geist der Résistance als auch der allgemeinen Tragödie des Menschen geschuldet sind: „Jeder ist durch die Blicke der anderen gefesselt.“

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