Wahrhaftigkeit und Politik wohnen selten unter einem Dach

Foto Belinda Helmert: Paris, Passy, Maison Balzac, Rue Raynouard 47, Treppenaufgang zum zweiten Stock. Honoré de Balzac lebte von Oktober 1840 bis April 1847 in der Rue Raynouard. Er bewohnte eine Wohnung im zweiten Stock dieses Hauses in Paris, in dem sich heute das Balzac-Museum befindet.

Ein Pariser aus Aix en Provence

Wo genau Emile Zola am 2. April 1940 in Paris geboren wurde, ist nicht dokumentiert. Dass der Sohn eines italienischen Einwanderers in Aix en Provence aufwuchs (legendäre Freundschaft mit Paul Cézanne seit der gemeinsamen Schulzeit am Collège Bourbon) ist allgemein bekannt, ebenso seine Rückkehr nach Paris 1858. Zu diesem Zeitpunkt war Honoré de Balzac bereits sieben Jahre tot. Dessen Spuren in Paris, die in Passy endeten (Museum in seinem ehemaligen Wohnhaus) sind dargelegt unter https://www.sortiraparis.com/de/was-in-paris-zu-besuchen/geschichte-erbe/articles/335038-spaziergang-spuren-honore-de-balzac-paris Die Idee eines Romanzyklus (Balzuacs „Comédie Humaine umfasst über 90 Werke) inspirierte Zola zu einer eigenen Reihe, die 20 Bände umfassende Chronologie des Seconde Empire, bezeichnet als Rougon Macquart. Nur fünf Bände davon spielen ausschließlich oder hauptsächlich in Paris: „Der Bauch von Paris“ (Markthallen Les Halles), Das Paradies der Damen,“ (Kaufhaus „Au Bon Marché“) , “ Der Totschläger“ (im damaligen Arbeiterviertel goutte’do’or auf dem östlichen Montmarte-Hügel), „Das Werk “ (ebenda) und „Nana“ (2. Arrondissement de la Bourse)

Um sich auf die Spuren von Emile Zola zu begehen, empfiehlt sich https://www.sortiraparis.com/de/was-in-paris-zu-besuchen/geschichte-erbe/articles/335041-spaziergang-spuren-emile-zola-paris Aufgewachsen ist der Schriftsteller im Qaurtier Latin im 5. Arrondissement rund um die Sorbonne https://de.wikipedia.org/wiki/Quartier_Latin. Unter ungeklärten Umständen, sehr wahrscheinlich bedingt durtch eine Holzvergiftung aufgrund eines defekten Kaminabzugs ist Zola in der Rue de Boruxelles 21, dieim 9. Arrondissement liegt (de l‘ Opéra) Nähe Pigalle. https://www.maisonzola-museedreyfus.com/

Zola war auch als Journalist und Kritiker des Dreyfus-Skandals (Justizirrtum) bekannt – er verfasste ein Manifest „J’accuse“ (Ich klage an) https://de.wikipedia.org/wiki/J%E2%80%99accuse.

Mein letztes Buch aus der Reihe „Grenzgängerr (Band 15, 2016) ) mit dem Titel „Die Stunde des Fleisches“ (eine anspielung an die Vorlage zu „Nana“, das Gemälde Edouard Manets „Olympia“ https://www.the-artinspector.de/post/manet-olympia. Aus urheberlichen Gründen ziert das Cover allerdings ein Porträt von Charles Chaplin (1825-91) mit Vorliebe zu Lolita-Frauen. Der Titel verweist auf das Gemälde von Emile Bernard (1868-1949) „L´heure de la viande“ https://www.pubhist.com/w16543. Nicht nur aufgrund seines Freundeskreises oder der Thematik moderner Malerei als Reaktion auf die Industrialisierung und die Fotografie erscheint dies von symbolischer Kraft: Das Visuelle überwiegt in der Milieu-Theorie von Zola, der wie kein anderer Farben gezielt für Stimmung und Charakter einzusetzen weiß. (Im Buch Kapitel Symbolik von Farbe, Ort und Name, S. 280-284)

Foto Belinda Helmert: Paris, Passy, Eingangstor zum Museum Maison de Balzac. https://de.wikipedia.org/wiki/Maison_de_Balzac

Jeder Dichter ist Autor seiner selbst

Besonders Balzacs Erzählung“Das unbekannte Meisterwerk“ – Le chef d’oeuvre inconnue, stand im Fokus meines Vortrags für die Stefan Zweig Gesellschaft 2025 im Maiso de Balzac. Die Geschichte wurde erstmals 1831 veröffentlicht (wie immer vorab in einer Zeitung im Feuilleton, konkret L’Atrtiste als Fortsetzungsroman), in der Endfassung – Balzac schrieb fast jedes Werki mehrfach um – 1837 in der Rubrik Das Überschrift ist ein Zitat aus seinem Vorwort die „Comédie Humaine“, die wiederum eine Vernieung vor Dantes „Divina Comedia“ darstellt. Gerade Balzac verstand es Dichtung (Fantasie) und Faktizität/Relaität zu vereinen. Auch die vier handelnden Personen dieser Erzählung sind an reale Vorbilder orientiert, darunter Nicolas Poussin.

Das Thema des Vortrags lautete „Das schöpferische Geheimnis bei Stefan Zweig“. Dazu muss man wissen, dass dessen Hauptwerk ebenso wie das Balzacs trotz so vieler Bände unabgeschlossenes Fragment blieb. Zweitens, dass Balzac der wichtigste Autor in den Augen Stefan Zweigs war (über Zola hat er nur einen Aufsatz veröffentlicht) und drittens, dass Zweigs Anliegen darin bestand, das Geheimnis künstlerischer Schaffens- und einbildungskraft aufzuspüren.

Der Zusammenhang ist evident: Zola bedient sich bei Balzac, der in der Abteilunhg „Etudes philosophiques“ mehrere Theorien zur Kunst, u. a. der Malerei anbietet, verpackt in eine Handlung mit Gesprächen/Dialogen/Kommentaren über die Kunst. Zweig versucht dieses Phänomen, das darin kulminiert, dass Balzac nach einem Arzt (docteur Benassis) ruft, den er selbst als romaneske Figur erschaffen hat, psychologisch zu erklären.

Zolas Roman „L’oeuvre“ handelt von einem Visionär, der im Wahnsinn endet, dem Maler Claude Lantier, und dem, was der Künstler (bei Blazac taucht seine Figur mehrfach in den Romanen auf, z.B. in „Der Bauch von Paris“) in seiner Leidenschaft für die Kunst auf sich nimmt, aber auch anderen, wie seiner Geliebten Christine (gleichzeitig Modell) abverlangt. Auch bei Balzac missbrucht der angebliche Meister Frenius sein Modell/seine Geliebte und am Ende kommt nichts als aufgetürmte Farbe heraus. Sowohl Claude als auch Frenius scheitern in und an ihrem Perfektionismus, das vollendete Meisterwerk zu erschaffen. Zudem ist der ehrgeizige Maler Poussihn bereit, seine Geliebte gegen das Geheimnis der Malerei eihzutauschen.

Eine Zusammenfassung samt Analyse von Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“ (Band 73 der „Menschlichen Komödie“) liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-unbekannte-meisterwerk/17211, eine über Zolas „DAs Meisterwerk“ (Band 14 seiner Reihe)

Zweig besaß sicherlich mehr Neigung zur Musik als zur Malerei, dennoch trieb ihn lebenslang die Frage umher, wie man mit poetischen Mitteln gesellschaftliche Zustände erklären und sogar verbessern kann. In seiner „Balzac“ Biografie, die trotz ihrer 500 Seiten unvollendet blieb, kokettiert er häufig mit dem Napoleon-Mythos und nennt den Napoleon-Bewunderer Balzac auch den Feldherren unter allen Literatn, der mit der Feder vollendete, woran das Schwert scheitern musste. In meinem Buch „Der verzweigte Balzac“ handeln die Seiten 43 bis 63 explizit um die Erzählung Balzacs und Zweigs Antworten auf das Geheimnis der Schaffenskraft, die wiederum auf die Theorie der Einbildunhgskraft basiert.

Foto Belinda Helmert: Buchcover Balzac, Karikaturen von Gérard Gegnemère im Maison Balzac, Passy

Realismus, Naturalismus, Freudianismus

‚Wenn Paris noch eines Symbols bedarf, so ist es wohl der Eiffelturm, den Balzac nie und Zola gegen Lebensende zu Gesicht bekam. Dieser heutige Publikumsmagnet galt anlässlich seiner Erbauung den Franzosen als Schandfleck und Störfaktor. Dass er zur Weltausstellung gebaut und danach abgerissen werden sollte, ist keinesfalls mariginal. Nicht die Ästhetik rettete seinen Fortbestand, sondern einzig und allein seine Nützlichkeit für die Funk- und Militärtechnik erwies. Nach Ablauf der ursprünglich geplanten20-jährigen Konzession retteten drahtlose Telegrafie und später der Einsatz als Sendemast den Turm vor dem Abriss. Er steht auch für das Abnorme und Außergewöhnliche, das besonders Stefan Zweig immer interessiert hat.

Während Balzac den Umbruch der sich verbürgerlichenden Gesellschaft beduaerte und den Adel wieder restauriert sehen wollte, Napoleon als Inbegriff des parvenu, des sich durch Willenskraft emporarbeitenden Menschen mit visionärer Kraft verherrlicht, sieht Zola den Kaiser Napoleon III als ursächlich für den Niedergang des Seconde Empire, beschreibt folglich die Zeit nach Balzac. Napoleon III kam 1848 noch zu Lebzeiten Balzacs an die Macht, machte sich per Staatsstreich 1852 zum Kaiser – quasi fast zeitgleich mit dem Tod des berühmten Schriftstellers, der Chronist seiner Zeit sein wollte.

Balzac darf sich gewiss als Historiker der ersten Jahrhunderthälfte des 19. Jahrhunderts feiern lassen, so wie Zola als Chronist der zweiten. Stefan Zweig schrieb zahlreiche Miniaturen, z.B. in „Sternstunden ver Menschheit“, aber auch hiistorische Romane, u. a. über Marie Antoinette, und alle drei Schriftsteller folgten einem theoretischen Ideal. Bei Balzac (Realismus)ist dies der Zoolooge Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (er hörte einige Vorlesungen von ihm an der Sorbonne während seines abgebrochenen Studiums der Rechte). Zola (Naturalismus) bezieht sich in seiner Milieutheorie v.a. auf https://de.wikipedia.org/wiki/Hippolyte_Taine, über den Stefan Zweig promoviert. Für den Wiener und Wahl-Salzburger ist wiederum S. Freud der wichtigste Einflussfaktor, wenn es um seinen psachologischen Realismus geht.

Sehr verkürzt glaubt Balzac an die Stärke des individuellen Willens, die Macht des Geldes (den ökonomischen Gesetzen als auch den Trieben) und der individuellen Neigung, z.B. zur Kunst,. Zola hingegen ist überzeugt von der dreifachen Zusammenwirkung aus Rasse (Herkunft), Milieu (soziales Umfeld) und Situation (Schlüsselreiz, Momentum) und sieht das Individuum nicht mehr in der Lage, selbstbestimmt zu leben. Bei Zweig kommt das Unbewusste hinzu, zudem die Spannung zwischen mechanisch/historisch verlaufenden Entwicklungen und dem verbleibenden Handlungsspielraum, kurz das Geheimnis menschlichen Lebens, das erwartbare Muster durchbricht.

Foto Belinda Helmert: Paris, Passy, Blick vom Maison de Balzac auf den Eiffelturm und den Museums-Garten mit Café. Der 1889 fertig gestellt Eiffelturm nahe dem linken Seineufer im 7. Arrondissement von Paris war mit 330 m das höchste Gebäude der Welt.

Zwei Charakter in einer Person

Balzac schildert nur ansatzweise die ohnehin nur rudimentär ausgebildete Arbeiterklasse; auch von der Eisenbahn erfährt man bei ihm nichts, obschon er sie erlebt hat und selbst nach Russland zu seiner Madame Hanska reiste, dier nach 18 Jahren hartnäckigem Werben nach Paris als seine Gattin zu locken verstand. (1846 die Strecke Paris Le Havre). Seine Welt ist die des Adels im Kampf mit dem aufstrebenden Bürgertum, das er in Groß- Mittel- und Klein-Bourgeoisie durchaus hetrerogen schildert. Zola dagegen erlebt den Aufschwung und die dramatische Veränderung der Großsstadt durch die Industrie- und Fabrikwelt hautnah mit. Daher widmet er din „Bestie Mensch“ dem Eisenbahnmiklie sogar einen eigenen Roman (1890, Band 17). Sein enger Freund Edouard Manet war der erste, der die Eisenbahn malerisch festhielt.

Zola urteilt: „Zwei Personen stecken in einem Maler – der Poet und der Handwerker.“ Er hängt definitiv weniger dem Mythos Genie an als Balzac oder Zweiig, der in jedem seiner historischen Werke einen intuitiv handelnden Protagonisten und einen rational handelnden Antagonisten gegenüberstellt. Was spricht nun für Balzac und was für Zola und weshalb interessiert sich Zweig nur für Ersteren? Vereinfacht gesagt: Balzac hat nicht nur quantitativ, sondern auch in Bezug auf das Visionäre, der Einbilungskraft und der Charakterkunde mehr Pionierarbeit geleistet als Zola. Vielleicht sind seine Heroen sogar weniger stereotyp., da Balzac von der Individualität ausging trotz aller gesellschaftlicher Mechanismen, die er auf- und begreift. So gesehen ist sein Kaleidoskop tiefer und beiter angelegt als das von Zola. Wengleich das angesprochene „Unsichtbare Werk“ nicht zu seinen Paradestücken zählt, so ist es doch der Grundstein, auf den Zola erst (auf))baut und Inbegriff eines Künstlers, derRealitätsbewusstsein verliert.

Sowohl der Gedanke, wie ein Künstler beschaffen sein muss, um Außergewöhnliches zu leisten als auch der Bezug auf Erotik und Kommerzialöisierung in der Kunst, sind erstmals von Balzac in einem Roman, den er erst zur Königsklasse aller literarischen Gattungen machte, thematisiert. So gesehen ist er der erste wirkliche Realist, auf den alle anderen Literaten aufbauen. Seine Kurtisanen erscheinen zudem menschlicher als die Prostituierten Zolas, der sie als Großsstadtpflanzen und Unkraut dehumanisiert.

Zolas Stil ist (subjektive Meinung) flüssiger und poetischer. Er integriert zudem die Moderne, wie sie sich bis heute entwickelt, zu.B. in Kaufhäusern, die an die Stelle der Kirchen treten und die kleinen Fachgeschäfte untergraben. Er zeigt zudem einen Determinismus des Milieus, den man heute nicht mehr leugnen kann, da die Kraft bzw. der Einfluss der Individuums nachhaltig und objektiv eingeschränkter ist als in der Epoche Balzacs. Vor allem aber greift er weniger auf psychologische Argumente zurück, die bei allem Respekt doch immer das Problem der gessellschaftlischen Veränderung unbeachtet lassen.

Möglicherweise war Zweig am Puls seiner Zeit: er musste erklären, weshalb die große Kultur (Wien, k.u.k.) zu Ende ging und einer Bestialität (Faschismus) zum Opfer fiel. Dies konnte er nicht mit Zola, sondern mit Balzac. Zudem wollte er die Einbidlungskraft und die Wissenschaft verbinden, was Balzac sicherlich besser gelang als Zola, der letztlich, obschon Naturalist, von einem Defätismus ausging, sogar ausgehen musste, der heute durch die moderne Genforschujnhg widerlegt ist. Wohin das Genie führt – Zola ist hier durchaus widersprüchlich – illustriert gerade der Roman „Das Meisterwerk“.

Foto Belinda Helmert: Blick vom Garten auf das Maison de Balzac, 2. Stock rechts, ehemaliges Arbeitszimmer des Schriftstellers. https://de.wikipedia.org/wiki/Maison_de_Balzac Der Schriftsteller lebte hier im Stadtteil Passy von 1840 bis 47 für seine Verhältnisse sehr lange

Gift in kleinen Dosen

Das Paradoxe bei Zola stammt aus dem offensichtlichen Phänomen, dass der Mensch einerseits atavistisch von seinen Trieben/Instinkten geprägt ist und andererseits in einer modernen Zivilisation nicht nur andere Mittel erhält, diese auszuleben, sondern auch sich mehr und mehr seiner Natur entfremdet. Dies ist auch das zentrale Motiv der Malerei, namentlich des Impressionismus, den Zola (Balzac war eher Sammler als Kunstkenner) aus nächster Nähe beiwohnt. Cézanne und Manet sind ja nur zwei Malertypen, die er aus nächster Nähe kennt.

Bildende Kunst bleibt bei Zweig eher eine Mariginalie. ebenso wie nähere Bekanntschaft zu Malern. Ausnahme bildet u. a. „Die unsichtbare Sammlung“ (Erstveröffentlichung in der Wiener Zeitung Neue Freie Presse 1925) – Volltext unter https://www.documenta14.de/de/south/36_die_unsichtbare_sammlung_eine_episode_aus_der_deutschen_inflation/ – worin ein Kunsthistoriker einem leidenschaftlichen Kunstsammler dabei beobachtet, wie er die von seiner Tochter aus Not verkauften Zeichnungen aus dem Gedächtnis memoriert. Da er blind ist, vermag er nicht zu erkennen, dass er nur über leeres Papier streicht. Dies ist ein Symbol sowohl für die Macht des Geldes als auch der Leidenschaft für die Kunst, die bei Balzac immer ein Gegengewicht bildet. Zola bleibt hier indessen kühler Beobachter mit Vorliebe zum objektiv gehaltenen Journalismus.

Während Balzac noch sagt, Der Staat ist heute jedermann, und jedermann kümmert sich um niemanden.“ lotet Zola den Machtkampf zwischen Staat und Kirche um den Einfluss auf den Bürger aus und fordert die, für Balzac noch undenkbare, Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) .https://www.deutschlandfunk.de/emile-zola-kein-tag-ohne-eine-zeile-100.html Anderserits hält er an der Vereinbarkeit von Kunst und Wissenschaft fest.

Zweig resümiert: „Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig in kleinen Dosen durchgesetzt. Man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen die nächste Dosis vertrug.“ (Zweig, „Die Welt von Gestern“, Kapitel Incipit Hitler, S. 184. Der Gedanke, die Wirtschaft fresse Moral, Authentizität und Autonomie auf, stammt von Balzac. https://www.literaturdownload.at/pdf/Stefan%20Zweig%20-%20Die%20Welt%20von%20gestern.pdf

Um es mit Stefan Zweig aus seinem historischen Roman „Castellio gegen Calvin“ zu formuliren. Wahrhaftigkeit und Politik wohnen selten unter einem Dach.

Foto Belinda Helmert: Die Comédie Humaine von Balzac wurde deutsch erstmals 1908-11 in Zseigs Stammverlag „Insel“ publiziert. Daher besaß Balzac nur unjter Literaten, nicht in der breiten Masse einen hohen Bekanntheitswert. Balzac erlebte eine Teilausgabe seines 1851 erstmals veröffentlichten Werkes.

Zwischen Pest und Cholera

Die Frage, wie ein überzeugter Demokrat wie Zweig nicht auf den energischten Vertreter der Republik (Zola), sondern auf einen ausgewiesenen Anhänger des Aristokratismus verfällt, gleichwohl dieser dessen Schwächen ebenso offenlegt wie die Gründe des Triumphes des Bürgertums, ist berechtigt. Möglicherweise ist es sein Utopismus und, gemessen an der Zeit, fortschrittlicher Anti-Opportunuismus. Ob Balzac jemals mit der Regentschaft Napoleon III einverstanden gewsen wäre, bleibt spekulativ, aber unwahrscheinlich.

Balzac selbst, Vorläufer des französischen Realismus, sah sich’ stets, ‚Sekretär der Gegenwartsgeschichte’ in der Funktion des Schriftstellers in der Renaissance als ‚Buchhalter Gottes’ . Die Vorliebe für den geistigen Kraft- und Willensmenschen teilt er gewiss mit Zweig. Um das Gesamtbild der Gesellschaft zu entwickeln, was Zweig nur ansatzweise unternimmt, ist ein privilegierter Protagonist, sei es Arzt, Dichter oder Bankdirektor, sicherlich empfehlenswsert. Balzac beschäftigt sich mit dem Proletzariat nur einmal in „Die Angestellten“ Grundsätzlich interessiert ihn der Aufstieg, der Erfolg, die Macht. Journalisten kommen wie in „Verlorene Illusionen“ schlecht weg; alles erscheint als Propagandamaschine und von Korruption durchseucht.https://literaturkritik.de/balzac-von-edelfedern-phrasendreschern-und-schmierfinken-balzacs-journalistenschelte,23192.html

AAls Beispiel auf die unterschiedliche Sichtweise des Kommerzes sei auf „Das Paradies der Damen“ (Zolas Band 11, 1884) verwiesen, in der sowohl Kleinbürgertum (dem Proletariat nahestehend) als Angestellte als auch zahlungskräftige Bourgeoisie (Kunden) und Großbürgerers und Unternehmers präsentiert. Das Visionäre besteht sowohl im Aufstieg der anfangs ausgegtrenzten provinziellen Denise zur am Ende sogar Ehefrau des mächtigen Kaufhausgründers Octave Mouret, angelehnt an das historische Vorbild Aristide Boucicaut.

Der in der Aufklärungstradition sich verortende französische Romans sieht im 1. Weltkrieg eine Zivilisationskrise, die er mit literarischen Mitteln zu überwinden versucht. Zweig weist dabe neoromantische Züge auf, nicht nur was seine Vorliebe für die Literatur und Musik bezeugt, sondern auch hinsichtlich seines Sprachstils. Dass er in Balzac das Ich-Ideal und den Übervater erkennt, ist evident. Zunächst schreibt er ihn in „Drei Meister“ mit Dostojewski und Dickens ein literarisches Denkmal, um zeitlebens sich an einer Biografie zu versuchen, die mit Ansage scheitern muss. Dies nicht nur wegen der erschwerten Umstände (ielzahl an Produktionen, lesungen und Flucht nach England und von dort nach Brasilien, auf der Manuskriptteile verloren gehen), sondern vor allem auch aus psychischer Sicht.

Zola ist negativ bzw. determinstisch gestimmt, Balzac hinggen und Zweig sind von visionärer Kraft, Optimismus und Vitalität geprägt. Zudem verkörpert Balzac den Unternehmer und Selfmademan in persona, er agiert an der Börse, verwikrlicht sich in Immobilienspekulationen ebenso wie als Kunstsammler, vor allem aber lebt er mit einer unvergleichbaren Passion und Arbeitswut seinen Traum eines freien Schriftstellers mit eigener Druckerpresse, der ohne Kompromisse veröffentlicht, was er publiziert sehen möchte. Zola hingegen ist bereis Teil einer Produktionsmachinerie, die man heute PR nennt. Auch wenn er gegen den Staat und die vorherrschende Meinung (etwa den Salons, die Impressionisten verhöhnen) anschreibt, so tut er dies innerhalb des Systems. Er kauft keine Zeitungen oder Verlage, er wählt lediglich unter ihnen aus. Das Scheitern des Künstlers Claude Lantier, in dem sich Cézanne wiedererkennen wollte (Manet war bei der Veröffentlichung 1886 schon tot) beweist, dass Zola nicht an die Veränderbarkeit der Welt durch indivuellen Fortschritt glaubte, obschon die Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse sein erklärtes Ziel blieb.

Nicht zufällig endet Zolas Zyklus mit „Doktor Pascal“, dem einzigen Roman, der nach dem Sturz Napoleons und dmait in der Dritten Rpublik einsetzt. Zentrale Themen sind Zolas genetische Vererbungstheorie sowie das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Wissenschaft. Diese kommt auch bei Balzac vor, doch nicht mit dem vernichtenden Urteil der Unvereinbarkeit zwischen beiden Polen: Balzac wähnt die Gesellschaft nur von starken Indivuen her beeinflussbar, Zola behauptet das Gegenteil, dass nur ein günstiges Milieu starke Charaktere zeitige bzw. überleben lasse.

Foto Belinda Helmert: Im Lesesaal des Musée de Balzac mit vielen originalen Bänden von und über den Meister. Veranstaltung der Stefan Zweig Gesellschaft

Foto Belinda Helmert: Bernd Oei referiert über Das Geheimnis der Schaffenskraft von Stefan Zweig am Beispiel von Balzacs „Le chef d“oeuvre inconnu“.

Ein Kunstwerk ist ein Stück Natur

Durch das Buch, nicht durch das Schwert, wird die Menschheit die Lüge und die Ungerechtigkeit besiegen, den endgültigen Bruderfrieden unter den Völkern erobern. Dieser Satz stammt nicht von Balzac, der wörtlich sich als Napoleon der Feder verstand, der das begonnene Werk des Kaisers zu Ende bringen würde. sondern aus der Zolas, der, wie mehrfach erwähnt, dem Menschen keine Chance einräumte, der von ihm selbst verursachte Hydra den Kopf abzuschlagen oder aus der Büchse der Pandora nur das Gute zu wähllen. Definitiv wähnt er den Menschen, v.a. das Indivviduum verloren in diesem Kampf zwischen Pest und cholera (französisch meist chosiri entre l’enfer et la mer!) . Doktor Pascal ist einer der wenigen Figuren, denen es gelingt, den Kreislauf familiären Erbes bzw gesellschaftlicher Umstände zu durchbrechen. Viele andere scheitern daran, sei es am Fluch von ererbten Krankheiten oder dem repressiven System. Der Wille spielt bei Zola eine untergeordnete Rolle. Das Geld erscheint ihm gleichfalls nur eine Folge der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung, nicht einer Energie, die einzig der Mensch auf- und vollbringt.

Um abschließend auf die Kunst zurückzukommen: Das antike Vorbild für den Wettstreit von Künstlern und der wahren Kunstfertigkeit (techné schließt im Griechischen das Handwerk ein) liefert Zheuxis und Parrahsius. Der erste täuscht die Vögel mit seiner Malerei, so dass sie sich auf seinen Früchten niederlassen, dem anderen gelingt es sogar, den Menschen zu täuschen, da Zheuxis den von ihm gemalten Vorhang vor dem Bild zur Seite schieben möchte. Auch der Mythos von Pygmalion, der sein Kunstobjeklt so sehr liebt, dass die Staue am Ende zu Fleisch und blut wird, spielt bei Balzac eine Rolle. Zwei höchst unterschiedliche Künstlertypen, der eine auf exakte Zeichenführung, der andere auf Explosion der Farben bedacht, wetteifern um die Gunst des vermeintlichen Genies Frenius. Balzac hat die Konkurrenz von Vasari und Rembrandt vor Augen, den in seinen Augen größten Maler ihrer Epoche.

Auch das Bild zu Sais und E.T.A Hoffmann, in beiden Fällen führt die Enthüllung der Wahrheit zu Wahnsinn, wie überhaupt die Romantik, spielen in Balzacs Erzählung (und im Allgemeinen) eine bedeutende Rolle. Schauer und Aberglaube, Halluzination und Mystik, Mesmerismus, um nur einige Motive zu nennen, sind in Balzacs Werk allgegenwärtig. Daher überrascht auch das Tauschgeschäft nicht: Frenius will sein Bild nur zeigen, wenn Poussin ihm seine Geliebte überlässt.

Die größte Analogie Zolas, sofern man Claude Lantier und Frenius vergleicht, liefert zunächst deren Wahnsinn und die Tatsache, dass ihr angebliches Meisterwerk nur aus aufeinander getürmter Farbe besteht. Die zweite, dass Maler – hier Claude und Poussin – bereit sind, für das Geheimnis der Malerei die Liebe zu verraten. Das dritte augescheinliche Merkmal besteht in den montierten Gesprächen, Dialogen über die Kunst, welche die Romantik einführt als so genanntes Konversationsdisput., der die ästhetischen Theorien der Epoche reflektiert. Während Balzac jedoch den Konsumrausch bereits andeutet – der Erweb von Besitz motiviert zu weiterem – geht es Zola mehr um die Folgen der Hybris, die aus der Selbstvervollkommnung entstehen. der ursprüngliche Titel Balzacs lautete „pensées philosophiques“, hernach „le secret de la peinture“ – beides verweist auf den íntrinsischen Zusammenhang zwischen Philosophie als Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft. Dieses Erbe tritt Zola an, kommt jedoch in Folge der das Elend der Masse steigernde Industrialisierung zu anderen Ergebnissen. „Die Welt wird eines Tages das sein, wozu die Arbeit sie gemacht haben wird“. In einem solchen Satz bleibt wenig Raum für Einbildungskraft.

Auch die Überschrift stammt aus der Feder von Zola, der wissenschaftlicher zu sein glaubte als Balzac.

Foto Bernd Oei: (Doktor) César Birotteau (aus der Hand von Pierre Ripert) erfolgreicher Pariser Parfümeur und Protagonist des zu Lebzeiten meistverkauften Romans aus der Comédie Humaine.

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