
Foto Belinda Helmert: Versailles, Aphrodite Tempel vor dem Petit Trianon, den Marie Antoinette erbauen lies. Architekt war Richard Mique 1777/78
Ein Pariser Sokrates
Es ist still geworden um Gabriel Marcel (1889-1973). Geboren und aufgewachsen zwischen jüdischer Mystik und Katholizismus im 8. Arrondissement ( Élysée) Zentrum rechts der Seine, dem mit 777 km Länge , zweitlängsten Fluss Frankreichs., wovon 13 km auf die Durchquerung der Metropole entfallen. https://parisjetaime.com/ger/artikel/10-ungewohnliche-fakten-uber-die-seine-a874. Seine genaue Adresse ist nicht dokumentiert, da sein Vater als Diplomat einen Sonderstatus besaß. Dagegen ist der Sterbeort in seiner langjährigen Wohnung (nach dem Zweiten Weltkrieg) bekannt: Rue de Tournon 21 im 6. Arrondissement Luxembourg – es hat seinen Namen durch den nahegelegenen Jardin und dem Palais am linken Seineufer. https://www.paris360.de/6-arrondissement Das rechte Ufer gilt als Quartier des Geldes, das linke für das des Geistes – obschon sich inzwischen vieles in Paris verändert hat.
Nach seinem Studium an der Sorbonne machte sich einen Namen als Theater- und Literaturkritiker, Philosophielehrer an Pariser Gymnasien. und Herausgeber einer Monatszeitschrift von 1920-25 namens L’Esprit (Der Geist) Seine eigene Philosophie rechnet man zu den Existentialisten, allerdings der katholischen Varianten, denn im Gegensatz zu Merleau-Pomty, Camus und Sartre war und blieb er religiös, was aus seinen beiden Hauptwerken „Étre et avoir, („Sein und Haben“, 1934 sowie La Mystère de l’Etre“ ( „Geheimnis des Seinbs) 1952Seine wichtigsten Einflüsse waren dabei Bergson und Jaspers. Mit Sartre verband ihn eine lebenslange. von gegenseitigem Respekt geprägte, Rivalität. Beide traten als wohlwollende Rezensenten des jeweilig anderen Autoren auf.
Marcel förderte Merlau-Ponty, der, eben nach Paris gekommen, in seiner einflussreichen Zeitschrift L`Esprit Fuß fasste. Von Marcel übernahm der Phänomenologe den Begriff des Leibes (corps propre) als Vermittler zwischen subjektiver und objektiver Welt bzw. Welt für und Welt an sich. Auch hier schieden sich die Geister an der Frage, ob man die Welt mystisch als oder säkular ohne Metaphysik auffassen muss., sowie die Hinwendung zum Kommunismus. Marcel hingegen vertrat den christlichen Existentiazlismus mit Schwerpunkt Ethik und Humanismus.
Auch mit Camus ergaben sich Schnittmengen ungeachtet dessen areligiöser Ausrichtung wie die Entfremdung des Individuums oder die Ablehnung des dogmatischen Marxismus. Während Marcel jedoch Hoffnung und Transzendenz als Prinzipien anführt, dem Dilemma zu entkommen, die Welt nicht wesentlich durch eigenes Handeln beeinflussen zu können, spricht sich dieser für die reine Immanenz und das Unauslöschbare des Absurden aus.
Marcel galt/gilt als Socarate de Paris, weil er im Sinne dessen Maieutik Denken als kontinuierlichen Dialog mit Fragekultur des Zweifels verstand und überzeugt davon war, dass einzig die Selbstwiderlegung von Ideologie und falschem Wissen befreit. Auch er selbst verwendet den Begriff neo-socartisme. https://www.spektrum.de/lexikon/philosophen/marcel-gabriel/217

Foto Belinda Helmert: Versailles, Aphrodite-Tempel., erbaut von Richard Mique 1778. Hier soll sich die Königin Marie-Antoinette mit Baron von Fersen zum Rendez-Vous getroffen haben. https://science.orf.at/stories/3209017/
Hoffnung als schöne Erinnerung an Zukunft
Gemeinhin gilt Aphrodite als Inbegriff der Liebe, Treue, Schönheit und der Begierde – in sich im Grunde meist widersprüchliche, nur in Ausnahmefällen konvergierende Motive. Grundsätzlich spricht Marcel von Liebe als Form der freiwilligen Hingabe (bindet es an devotio / anathēma, beides mit Weihe und Opfer verbunden. Die Antike wertschätzt Marcel als Gegengewicht zur Moderne. die er durch technokratischen Materialismus charakterisiert sieht. Daher betont seine Ontologie des Seins Liebe, Treue, Schönheit des Inneren (Überzeugung, Ethik) entgegen dem Kern der Rationalität und dem Monolog. Zudem bringt Marcel sie mit der Morgenröte (der indischen Göttin Ushas aus den Veden) in Verbindung, die für das Prinzip Hoffnung steht. „Hoffnung ist eine schöne Erinnerung an die Zukunft„. (L‘ esperamce est un beau souvemir de l’avenir“) – das Zitat stammt aus „Homo Viator“ (Der wandernde Mensch), 1945 – deutsche Fassung „Philosophie der Hoffnung. Sein Artikel „Homo viator“ erschien unmittelbar nach Kriegsende. und im Buch auf S. 87 (Kapitel Skizee eine Phänomenologie und einer Metaphysik der Hoffnung). Keine Frage, Ernst Blochs berühmteres „Das Prinzip Hoffnung“ ist davon beeinflusst.
Zwar erwähnt Bloch Marcel auch einige Male in seinem Hauptwerk. doch stehen sich der überzeugte Kommunist/Stalinist und der Christ Marcel nahezu polar gegenüber. Während ersterer Hoffnung vom Geist der konkreten Utopie und der revolutionären Kraft für die reale Verbesserung der Lebensverhältnisse im Atheismus begründet und damit Marcel als naive Warten auf Besserung pejorativ färbt, spricht Marcel von einer ethischen Beziehung zur Welt aus, die auf die verbesserte konfliktfreie Beziehung zum Du abzielt. Im Gegensatz zu Sartres und Blochs Militarismus vertraut er dabei nicht den politischen Institutionen, sondern das absolute Du (Beten, Verzeihen, Vergeben, Lieben)
Gabriel Marcel meint damit, dass Hoffnung nicht bloß ein Wunsch nach etwas Ungewissem ist, sondern eine Haltung, in der die Zukunft schon jetzt positiv mitgedacht und innerlich vorweggenommen wird. In der von Marcel vertretenen Deutung ist Hoffnung eine Kraft, die den Menschen auf sein Noch-nicht hin öffnet und ihn mit dem „Mysterium des Seins“ versöhnt.
Homo viator steht primär für Hinwendung und Aufwärtsdrang zu Gott. . „Leben im vollen Sinne des Wortes heißt … sich geben» . … Von dem Augenblick an, wo es der Mensch unternimmt, sich selbst als ein Absolutes zu setzen, das heißt gerade sich von jeder Beziehung, von jeder Bezugnahme auf einen anderen als er selbst freizumachen, muß er sich letzten Endes zerstören“. www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27verw.homo.viator%27%20and%20%40outline_id%3D%27hwph_verw.homo.viator%27%5D
Das Bild der „schönen Erinnerung an die Zukunft“ ist deshalb paradox formuliert: Eine Erinnerung bezieht sich normalerweise auf Vergangenes, Marcel kehrt das um, um auszudrücken, dass echte Hoffnung die Zukunft so lebendig und gegenwärtig macht, als wäre sie bereits innerlich erfahren. Sie ist damit mehr als ein optimistisches „Ich hoffe, dass …“; sie ist eine tragende, existenzielle Haltung, die mit Liebe, Glaube, Toleranz konnotiert bleibt und daher am ehesten Karl Jaspers christlich geprägtem Existentialismus entspricht.

Foto Belinda Helmert, Aphrodite-Tempel, Säulen, auch als Liebestempel bezeichnet. https://nl.wikipedia.org/wiki/Temple_de_l%27Amour. Der neoklassizistische Bau liegt auf einer künstlichen Insel zwischem dem Petit Trianon und dem Hameau de la Reine im Auftrag der Königin Marie Antoinette. Die letzte französische Köingin https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/die_franzoesische_revolution/franzoesische-revolution-marie-antoinette-100.html
Mehr Sein, weniger Haben
Marcel lehnt die Vorstellung ab, dass geschichtliche Entwicklungen wie ein seelenloser Mechanismus ablaufen; stattdessen ist sie an die konkrete menschliche Existenz des Leibes gebunden: das persönliche Sein, das Mit-Sein und die Verantwortung des Menschen im Mittelpunkt, nicht abstrakte historische Gesetzlichkeit, stehen im Fokus seines Denkens. Geschichte hat einen geistigen und religiösen Horizont: Marcel denkt vom christlichen Glauben her; die Verbundenheit mit Gott bzw. dem „absoluten Du“ ist für ihn zentral. Marcel kritisiert eine Moderne, in der das „Haben“ wichtiger wird als das „Sein“; das prägt auch sein Verständnis geschichtlicher Wirklichkeit. Die christliche Gesinnung kommt in folgenden einfachen Worten zum Ausdruck: „Es gibt immer ein Stückchen Welt, das man verbessern kann – sich selbst.“ (den Tagebüchern entnommen) Die Beziehung Lévibnas (seit 1930 in Paris) wird entscheidend.
Anstelle der Technik soll der Mensch seine Ethik weiterentwickeln. „Das Leben ist kein Problem, das gelöst, sondern ein Geheimnis, das gelebt werden muss.“ (Sein und Haben, 2. Kapitel) Durch die Fixierung auf das Haben (materiellen Besitz, Geltung) vereinsamt und entfremdet sich der Mensch vom Du.
Der Existenzbegriff ist bei Marcel unterteilt in die leiblich physische (beschränkt auf sich selbst9, die geistig-seelische Beziehung zu anderen und die engagierte Existenz für andere, die unbekannt bleiben oder sogar noch ungeboren sind. Analog zu der auch für Sartre prägenden Lévinas -„Philosophie des Anderen“ fixiert sich Marcel auf die Transgression des Ich, das aus seinem engen Kreis (Horizontverengung) heraustreten muss, um ein Du zu finden und wahrhaft lieben zu können. Auch den so genannten Geschlechterkampf glaubte er lösbar durch den Ersatz von Kampf durch Dialog und gegenseitige Anerkennung verstehen, die in einem tieferen Bewusstsein von menschlicher Existenz wurzelt. Um es mit eigenen Worten wiederzugeben, bedeutet weniger Haben und mehr Sein folgendes:

Foto Bernd Oei: Foto Bernd Oei: Libanesische Zeder, die 1772 im Garten von Versailles unweit des Petit Trianon gepflanzt wurde, zwei Jahre nach der Hochzeit der damals 14 jährigen Marie Antoinette mit dem französischen Thronfolger der Bourbonen und designierten Ludwig XVI.https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/zeitzeichen-marie-antoinette-100.html
Ohne Du kein Ich
Einen Film mit Gespräch des deutsch sprechenden Marcel liefert https://www.ardmediathek.de/video/hr-retro-oder-hessenschau/gabriel-marcel-im-interview/hr/NjM3NTc1ODMtOGY3MC00YWFkLTk3YmQtNDhlZGIxZjRiMGJk. Er spricht über seine Theateraufführungen, nennt Rilke und Jakob Wassermann als größte deutsche Sprachrkünstler, v. a. aber über den Einfluss der deutschen Musik, die er als Kern seines Werks bezeichnet. Philosophie ist für ihn nur eine Sache des Gehirns, Musik und Theater jedoch beziehen auch Emotionen und den ganzen Leib ein. Außerdem spricht er über Mauriac, dem Hauptvertreter des katholischen Romans („roman catholique). Er kommt auch auf die Technik ohne Ethik zurück. Demzufolge kann Freiheit nie – wie von Sartre postuliert – autonom erfolgen, sondern nur in gemeinsamer Übereinkunft mit dem konkreten Du, dessen allgemeiner Stellvertreter Gott ist. Seine Konvertierung zum Katholizismus erfolgte 1929, weil er nur darin Antworten auf die existenziellen Fragen Leid, Tod, Verzweiflung und dem Sinn fand. Zudem spricht auch sein philosophisches Vorbild Bergson von schöpferischer Entwicklung.
Bergson befreit Marcel von dessen Abstratkionsdenken (Hewgel, Heidegger9 und betont die unmittelbar gelebte Erfahrung mit seiner Abkehr von der mechanischen Welt. Daher hält seine Philosophie an den subjektiven Wahrnehmungen und Eindrücken fest, die in einer normierten Welt der Technik zusehends verschwinden. Nur in der Mystik, der transzendenten Erfahrung, wie sie in der Musik und teilweise im Theater vorkommt, ist das gepanzerte Subjekt involviert und schöpferisch. In der Außenwelt (Manwelt) finet nur Regulierung statt und mechanische Funktion.
Sein bedeutet für Marcel primär Teilhabe, Dialog, Transzendenz und dies im Gegensatz zu Haben. Die größte Abhängigkeit besteht dabei in dem Selbstbild „L’homme dépend …de l’i’idée au’il se fait de lui-même.'“ (Etre et Avoir, chapitre IV) Daher schätzt er auch die Zu- und Einordnung in den Existentialismus wenig. und spricht selbst bevorzugt vom Neo-Sokratismus. Dies kommt in seinem Satz /Definition) zum Ausdruck, der im Original lautet „l‘existence est quelque chose de radicalement impensable, quelque chose qui n’a même aucun sens, ce que nous appelons ainsi est une certaine transformation intra-existentielle.“ (entnommen aus „Etre et Avoir“ (drittes Kapitel), Existenz lässt sich nicht denken, sondern entsteht durch die Verwandlung von innerer Existenz des Leibes. Soll heißen, ohne sinnliche Wahrnehmung und emotionale Begleitung wäre keine menschliche Existenz denkbar.
Folglich kann man Existenz nicht wie eine Sache oder Problem rational erörtern, sondern es bleibt ein Mysterium, das von Gott (allgemein der Möglichkeit zur Idee und zur Transzendenz) abhängig und geprägt ist. Radikal formuliert: Ohne Du kein Ich.

Foto Belinda Helmert: Versailles, Petit Trianon, nordwestlich des Schlosses von Versailles im Park von Versailles gelegenn mit Blick ins Grüne.
Das Leben als Mysterium
In „Homo viator“ argumentiert Marcel, dass Metaphern so tief in die Erinnerung eingebettet sind, dass man sie genauso wie konkrete Dinge, Existentialisen, behandeln müsse. Bäume stehen, für Verwurzelung, Erdverbundenheit, Treue, Kontinuität, die sich der Mobilität und Motilität entzieht. Der Mensch ist eben nicht wie der Baum standhaft, sondern ein Reisender, ein Pilger oder Wanderer, der immer über das hinauswill, wo er gerade ist.
Auch das Bild der Höhle bzw Grotte taucht mehrfach in „Homo viator“ auf, insbesonderen um die Begrenztheit der menschlichen Existenz zu visualisieren. In Anlehnung an Platons Gleichnis beschreibt er die Gefangenschaft durch normatives Denken und Gefangenschaft im System. Für ihn ist der Höhlenmensch Inbegriff des Schutz suchenden, die Freiheit fürchtenden Geistes und der Welt oberflächlicher Probleme ohne innere Anteilnahme.
Ernst Behler, Romanist und Philosoph, sagt in seinem Essay über Marcel, er ähnle oder folge Kierkegaard und damit dem ursprünglichen Existentialismus. Der zentrale Begriff ist Seinsverbundenheit.: „Der analysierende Blick, der sich auf die inneren Erlebnisvorgänge der Intimsphäre richtet, erfährt in einem geblendeten Wissen, für welches Marcel den Ausdruck flexiven Intuitiongeprägt hat, daß die menschliche Exitenzz unlösbar im Sein engagiert ist.“ https://philosophisches-jahrbuch.de/wp-content/uploads/2018/12/PJ62_S322-326_Behler_Gabriel-Marcel.pdf
Wir haben es daher mit einem grundlegend anderen Existentialismus als bei Camus, Sartre oder Merleau-Ponty zu tun und sollten die Terminologie genauso hinterfragen wie Idealismus (Kant geht nicht mit Fichte, dieser nicht mehr mit Schelling zusammen, während Hegel sich auf Kant besinnt, dennoch über hin hinausgeht). Die Etikettierung, eine vornehmlich postmortale Zuschreibung, hat ihre Tücken und kann nur grob abgtenzen von anderen Strömungen, die meist ebenso heterogen gestimmt sind. Camus z.B. wirft Marcel in „Der Mensch in der REvolte'“ (1951) zuviel Abwarten und Zögern vor im Vertrauen, dass sich das Gute früher oder später durchsetzen werde. Auch Sartre vermisste die Radikalität in der Verantwortung und Freiheit durch ständigen Bezug auf christliche Ethik in Marcels Werk. Erinnert sei an das Zitat „La vie n’est pas un problème à résoudre, mais un mystère `vivre“, Das Leben als Mysterium war den anderen Existenzialisten schlicht zu wenig und blutleer.

Versailles, Kaskade vor und über der künstlich angelegten Liebesgrotte nahe dem Aphrodite-Tempel, der zum Komplex des Petit Trianon gehört.
Freiheit hat Grenzen
Christlicher Existenzialismus ist in Deutschland v.a. durch Karl Jaspers bekannt.Beide kannten sich nicht nur persönlich, sondern nahmen sogar öfters in ihren Werken aufeinander Bezug als zu den meisten Existentialisten ihres Landes, weil diese sich selten mit christlichen Werten identifizierten. Dazu liefert Paul Ricoeur (der stsehr von beidengeprägt ist ) eine Studie Gabriel Marcel et Karl Jaspers . Auch er beherrschte die deutsche Sprache wie Marcel fließend und gilt als Brücke zwischen beiden Nationen, die unterschiedliche Formen des Existentialismus prägten. http://wernerloch.de/doc/Ricoeur.pdf
Zum „Sein und das Nichts „von Sartre äußert sich Marcel ebenfalls in „Homo Viator“ (S. 221-247), wo er ihm vorwirft, den Mensch auf seine Materie zu reduzieren und den Leib auf den Körper zu reduzieren. Das Sein beinhaltet die Trennung von der Ttranszendenz, weil das pour soi, das Für sich-Sein dem An-Sich- Sein, dem en soi, hilflos gegenüberstehe. Die Intersubjektivität kommt in diesem Kontrast von Subjekt und Objekt zu wenig zum Tragen. Das Nichts als Freiheit zur absoluten Negation kann er nicht gouteren. Marcel muss diese freie Wahl zum Nein die Moral entgegenstellen, die über ihm steht. Sartres Freiheitsbegriff erscheint Marcel zu radikal, und leicht in Egoismus zu überführen. Ohne moralische Grundlage münde diese Freiheit der Wahl in Anarchie.
Auch an dieser Stelle setzt Marcel den Leib als Totalität aller Empfindungen der Reduzierung auf ein Werkzeug des Geistes (Descartes, Sartre) entgegen.Folglich lehnte er dessen nahezu schrankenlose, den politischen Mord billigende, Freiheit ab und betonte die intersubjektive Freiheit, die auf Zustimmung des Anderen beruht. Dadurch bedingt lehnt sein Denken auch Gewalt und Krieg in weit stärkerem Maße ab als dies bei Sartre der Fall ist, was ihn wiederum zu einem Geistesverwandten von Camus macht. Die eigenen Theaterstücke verstanden beide als Anti-Kriegspropaganda. „Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn“ (Comme les morts gardent le silence, tout recommencee entièrement) – ein Zitat aus „Le Mystère de l’Etre). Macels begründet dies mit der Existenz alspersönliche Beziehung zum anderen Menschen und zu Gott als dem „absoluten Du“, das wirkliche Existenz erzeugt.

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon mit Zweigen des japanischen Schnurbaums, der zu Lebzeiten Marie Antoinettes 15 m groß war.
Theater über die zerbrochene Welt
Wie Sartre und Camus übertrug Marcel seine Philosophie auf die Bühne und hielt diese sogar für wesentlich effektiver als die Philosophie selbst. Es diente ihm als konkrete Veranschaulichung konkreter Lebenssituationen und ihrer Krisen. So verstand er Theater als GEgengeift zur Ideologie, insbesondere Kriegsporpaganda und Konsumdenken oder allgemeinen Dogmatismus. Er plädfierte dabei sets für ein unrheoirsche Theater, das zum Nachenken anregt und keinesfalls fertige Antworten präsentiert.
Wie er in einem seiner Theaterstücke darlegte (Le monde cassé, 1933; Die zerbrochene Welt), lebt der Mensch des 20. Jahrhundertsin einer Welt, in welcher der Sinn des Sakralen abhanden gekommen und die Einheit des Menschen zerrissen ist. Zwar gibt die Technik die Illusion der Macht, letztlich aber ist sie nur der Verlust alles Menschlichen. Insgesamt schrieb Marcel 28 Theaterstücke, die sich häufig mit der Brüchigkeit menschlicher Existenzen befassen, darunter Le monde cassé (Die zerbrochene Welt, 1933), welches einer der wenigen ist, die heute noch aufgeführt werden. Die zentrale Botschaft des Stücks lautet: sder Mensch ist ein Wesen an, das sich selbst entfalten und entwerfen muss: Der Mensch entwirft sich auf ein Ziel hin. Dieses kann sich aber nicht auf irdische Belange erstrecken, sondern muss transzendieren.
Sein Stück in vier Akten behandelt un renversement des valeurs qui permet de s’interroger sur l’origine des valeurs, die Verkehrung der Werte, die es erlaubt, sich über den Ursprung der Werte klar zu werden oder sie zumindest zu hinterfragen. Der Mensch aber erlebt Gott als geheimnisvolle Präsenz, er vermag sich der existentiellen Anwesenheit Gottes anzunähern. Der Ruf Gottes wird im Herzen des ontologischen Geheimnisses hörbar . Wörtlich heißt es im Stück „(»“Beten ist die einzige Art, an Gott zu denken, bei ihm zu sein.“ Ein anderere lautet „Einen Menschen zu lieben heißt, du wirst nicht sterben“.
Grunderfahrung in der „zerbrochenen Welt“ ist von der Entfremdung des Menschen in der Großstadt, von Technik und kalter Rationalität gezeich-
net. Die Kehrseite dieser Grunderfahrung ist die Sehnsucht nach der Wiederherstellung einer Teilhabe am Sein und eines Ich-
Du-Verhältnisses. Die Entzauberung der modernen Welt, von der Max Weber so überzeugend schrieb, war uns Klage und
Herausforderung zugleich. Marcel lässt seine Protagonistin Christiane im zweiten Akt fragen: „Glaubst du nicht, dass wir in einer zerbrochenen Welt leben wie in einer kaputten Taschenuhr?“ Da die Anwendung nicht mehr funktioniert, doch scheinbar hat sich geändert. Nur wenn man die Uhr ans Ohr hält, bemerkt man, dass sie nicht mehr tickt. Mit dieser Metapher beschreibt Marcel, dass ohne Leiblichkeit und subjektive Wahrnehmung alles möglich ist und geglaubt werden kann, weil es irgendwie funktioniert, obschon es eigentlich kaputt, nicht richtig ist. Mit anderen Worten : die Welt ist herzlos geworden

Foto Belinda Helmert: Der japanische Schnurbaum, Baumstamm, https://de.wikipedia.org/wiki/Japanischer_Schnurbaum Er wurde zu Marie Antoinettes Zeiten gepflanzt und muss damals noch sehr klein gewesen sein.






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