Wirklichkeit ist Auslegung

Foto Malte Godglück: Neapel, Spaccanapoli, eine schnurgerade Straßentrasse, welche die Altstadt spaltet. https://www.portanapoli.de/neapel/spaccanapoli

Ein streitbarer Geist

Aus der Nähe Neapels stammt wohl bekannt der Nolaner Giordano Bruno, der seinen Freigeist und den damit verbundenen Widerstand gegen den Papst mit seinem Leben bezahlte. Denkt man an den Geist Italiens, dann fallen einem gewöhnlich die Renaissance (u.a. Galilei) und ihre Künstler (Maler, Musiker, Architekten) ein, ohne die unsere Welt der Kunst um einiges wäre. Als zweites denkt man vielleicht an die starke Verbreitung des Kommunismus, die ihresgleichen sucht oder eben an Musolini und den italienischen Faschismus. Zum erbitterten Gegnern des Duce zählt der deutschkundige Neohegelianer Benedetto Croce, ein Kind des Risorgimento, der Werdung des italienischen Nationalstaates, der durchaus Parallelen zum deutschen aufweist, auch wegen des damit einhergehenden radikalen Nationalismus, der zur deutsch-italienischen Achse führte.

Der aus den Abrzzen an der Ostküste Italiens stammende Croce gehört zu den mutigen Denkern und obschon er Minister und Professor für Vorlesungen zur Geschichtsphilosophie wurde, so hat er nicht einmal sein Studium abgeschlossen. Auch das ist also möglich, wenn die Umstände, der Zeitgeist, die historische Situation es so wollen. So war er in den Zwanziger Jahren bereits Senator und Bildungsminister.

Bereits mit 20 Jahren zog er sich dauerhaft in seine Wahlheimat zurück; gebürtig stammt der Humanist, Historiker, liberale Geist und Philosoph und zog auf die gegenüberliegenden Küstenseite, dem Golf von Neapel, doch die Familie übersiedelte bald nach Napoli. Er zog nie um, sondern bewohnt immer den Palazzo Filomarino in Neapel, einem historischen Palast in der heutigen Via Benedetto Croce, 12, im Herzen der Altstadt, wo sich heute das Institut für italienische Geschichte und die Croce-Bibliothek befinden. https://de.wikipedia.org/wiki/Palazzo_Filomarino

Der mehrfache Familienvater Croce gehört zu den Männern des Widerstands, die sich nicht vom Faschismus einschüchtern ließen und bedeutenden Geschichtsphilosophen des 20. Jahrhunderts; er ist eine nationale Legende.

Foto Malte Godglück, Neapel, Teatro San Carlo bei Nacht.

Stufen des Geistes

Wenn man sich mit Croce (1866-1952) beschäftigt, so bilden Ästhetik, Ethik, Geschichte und Ökonomie seine Schwerpunkte und ein offenes System. Theorie und Praxis sollten eine Einheit bilden, zumal die Wirklichkeit ausschließlich im Geist, nie in den Phänomenen selbst liegt. Daher bleibt sein Denken eng mit dem konkreten Leben verbunden; es ist zwar nicht wie Gramcsi oder Labriola auf politische Philosophie festzulegen, findet aber auch dort seinen Schwerpunkt, da es immer darum geht, das Greifbare in das Intelligible einzuordnen. und die Synthese vom Besonderen mit den Notwendigen zu finden.

So überrascht es nicht, dass Corce zum Begründer der Zeitschrift „La Critica wurde, in denen er 41Jahre publizierte. So entstanden in chronologischer Abfolge die Stufen des Geistes, die er dialektisch in Angriff nahm: zunächst das Schöne (Ästhetik als Wissenschaft des Ausdrucks und allgemeine Linguistik, 1902); das Wahre (Logik als Wissenschaft des reinen Begriffs, 1905); das Nützliche – die Ökonomie (1907) – und zuletzt die Ethik, das Gute (Philosophie der Praxis, 1909). Schlüsselbegriff für den Aufbau dieses Systems der Philosophie als Wissenschaft des Geistes ist die »Verknüpfung des Unterschiedenen«, wie sie C. in Abgrenzung zu Hegels »Dialektik der Gegensätze« konzipiert.

Sein Bekenntnis zum liberalen Humanismus (er war lebenslang Mitglied in der Partido liberale Italiano) ist unzweideutig und durch sein Zitat verbürgt: „Ein Philosoph darf heute nicht einfach nur ein Philosoph sein, sondern er muss einen Beruf ausüben, an allererster Stelle den Beruf des Menschen.“ https://www.deutschlandfunk.de/philosoph-benedetto-croce-eine-leitfigur-der-italienischen-100.html Dabei orientierte er sich v.a. an Hegel und dem Transzendentalismus; Croce lernte eigens und akribisch deutsch, um seine schweren Werke wirklich zu verstehen. Wie er akzeptierte er keine Wirklichkeit außerhalb des Geistes (der Begriffe, dem reinen Denken) , hjelt aber Ökonomie im Unterschied zu Hegel nicht von der Ethik für trennbar.

Foto Malte Godglück: Galleria Umberto gegenüber dem Teatro San Carlo

Ästhetik beginnt mit Intuition

Benedetto Croces Ästhetik basiert nicht auf vier klar definierten Stufen, sondern auf einem dreifachen Gegensatzpaar innerhalb der Kunst (Intuition/Ausdruck, Erkenntnis/Nicht-Erkenntnis) und der Trennung von Kunst (Intuition) und Natur/Technik/Logik, wobei er die Kunst als die erste Form der Erkenntnis (Intuition) sah, die in einem rein ästhetischen Akt (Ausdruck) vollkommen ist und sich von der bloßen Natur (nicht-ästhetisch) und der logischen/technischen Ausführung unterscheidet, oft vereinfacht als Intuition (Sehen), Ausdruck (Darstellung), Kunst (Reinheit des Ausdrucks) und Nicht-Kunst (Unreinheit/Technik) gefasst, wobei der Kern die Identität von Intuition und Ausdruck ist.

Intuition ist die erste Stufe: das reine, unmittelbare Erfassen eines Gefühls oder einer Vorstellung, bevor es in Sprache oder Materie übersetzt wird.Sie ist ein intuitives Wissen, eine „Seele“ des Kunstwerks. Ausdruck ist ihr zweites Momentum. Sobald die Intuition geformt ist, wird sie ausgedrückt, sei es in Wort, Bild oder Ton.Für Croce ist der wahre Ausdruck untrennbar mit der Intuition verbunden – die Intuition ist nur als Ausdruck vollkommen, und der Ausdruck ist nur das verwirklichte Innere. Dies ist der Moment der Kunst (Arte). Croce lehnt die Mimesis ab, d. h. die , dass Kunst Natur nachahmt oder abbildet. Natur ist nur das Rohmaterial. Die Norm, dieser Philosophie ist nicht das Abstraktum einer zeitlosen, starren Wahrheit, sondern die konkrete Wahrheit,

Die dritte Stufe innerhalb der Ästhetik betrifft die Technik. Technik ist der rein mechanische Aspekt der Ausführung, das „Wie“ (z. B. das Schreiben von Wörtern), nicht das „Was“ (die Intuition). Sie ist vom ästhetischen Akt getrennt, aber notwendig für die Manifestation. Hier bahnt sich erstmals das Allgemeine an, während die ersten beiden Aspekte individuell erschlossen werden. Die vierte Stufe fällt in die die logische Analyse – fällt in diese Kategorie und ist nicht Kunst, sondern Interpretation, Rahmen, Konstitution, Zeitgeist etc.

Ein Zitat, in dem der Kern seiner Ästhetik erkennbare wird, lautet : „Kunst ist Intuition, aber künstlerische Intuition ist eine besondere Art der Intuition, die sich durch ein Mehr von der Intuition im allgemeinen unterscheidet“. Sehr verkürzt: Kunst beginnt in der Intuition und endet stets als Institution.

Foto Malte Godglück. Zeitungskiosk („Edicola“), an dem so mancher Plausch gehalten wird. Il Mattino, (Der Morgen) ist eine traditionsreiche lokale Tageszeitung, die als führende Publikation in der Region gilt und tief in der Geschichte Neapels verwurzelt ist,

Renaissance als Inkubation von Wirklichkeitsbewusstsein

Durch intensive geistige Arbeit, oft in Isolation und im Widerstand gegen äußere Umstände (wie den Faschismus), reifte seine umfassende Theorie der vier Stufen des Geistes (Intuition, Begriff, Wirtschaft, Ethik) heran, wobei die Intuition (Ästhetik) die Basis bildet – ein ständiges „Brüten“ über den Formen des menschlichen Denkens und Handelns, verankert in der Kontemplation und dem Studium der Geschichte .

Croce sah die Renaissance daher nicht primär als Epoche der Antike-Wiederbelebung, sondern als eine Phase des Übergangs und der „Inkubation“ der Klassik, die sich von einer langen Vorzeit bis zum Verfall entwickelte, wobei das Mittelalter eine untergeordnete Rolle spielte; für ihn war Kunst eine individuelle, intuitive Erkenntnis, die auf Gefühl basiert, und er lehnte eine simple Definition der Renaissance als bloße Wiedergeburt ab, fokussierte sich stattdessen auf die individualisierte, expressive Natur des Kunstwerks und die Entwicklung von Freiheit in der Geschichte, wobei er die Renaissance als Teil einer größeren, freiheitlichen Entwicklung der europäischen Kultur betrachtete.  Nachzulesen in „Ästhetik als Wissenschaft des Ausdrucks“ unter https://books.google.com.fj/books?id=axYOAAAAIAAJ&printsec=frontcover&source=gbs_atb#v=onepage&q&f=false

Unter Inkubation verstand Croce den schöpferischen Prozess zu beschreiben, bei dem eine ästhetische Idee oder ein Gefühl sich im Unbewussten entwickelt. Er führte. Die Renaissance-Kunst bot ihm Beispiele für diese „Gefühlsspannung, eingeschlossen in den Kreis einer Darstellung“.Er lehnte die Vorstellung ab, die Renaissance sei einfach eine Wiederbelebung der Antike. Seine Analyse konzentrierte sich auf die innere Entwicklung der Kunst und des Geistes.“Kunst ist Aktivität, und Aktivität ist eben dadurch eine befreiende Macht, dass sie die Passivität vertreibt.“

Croce sah die Geschichte als Entwicklung der Freiheit. Die Renaissance war für ihn ein Schritt in diesem Prozess, der das intellektuelle und moralische Milieu für spätere Freiheitsbewegungen vorbereitete.In seiner Literaturkritik betonte Croce die Einzigartigkeit jedes Kunstwerks. Die Renaissance-Kunstwerke sind für ihn unverwechselbare Individuen, die nicht in allgemeine Kategorien gepresst werden können. In seinem Spätwerk „La Poesia“ unterschied er zwischen ästhetischen (kunstvollen) und nicht-ästhetischen (bloßen) Ausdrücken, was seine Analyse der Renaissance-Kunst verfeinerte, indem er ihre tiefe, intuitive Qualität herausstellte.  Mit der Renaissance begann das Wirklichkeitsbewusstsein der Naturwissenschaften, welches auf Ideenbewusstsein traf.

Zusammenfassend interpretierte Croce die Renaissance weniger durch ihren historischen Inhalt (Antike-Bezug) als durch ihre philosophische und ästhetische Qualität als Ausdruck eines neuen Menschenbildes, dem Humanismus, der wiederum der Klasssik/Aufklärung Vorschub leistete und damit auch Hegel.

Foto Malt Godglück: Neapel, Adventskugel vor dem Café Gambrinus, Piazza del Plebiscito, ganz in der Nähe des Palazzo Reale, der Kirche S. Francesco da Paola und des Theaters S. Carlo. Es gilt seit über 150 Jahren als Gesellschaftssaal von Neapel. .https://menu.grancaffegambrinus.com/de/

Geschichte immer Geschichte der Freiheit

Geschichte und Philosophie sind so sehr und eng miteinander verbunden wie bei Hegel Ästhetik und Geschichte. Der Satz „Geschichte ist die Geschichte der Freiheit pointiert es.: Croce stellt die Historie ins Zentrum seiner Philosophie (wie Hegel die Ästhetik) und erkennt in ihr nicht nur eine Abfolge von Ereignissen oder Faktizitäten, die den Anspruch auf Objektivität erheben könnten. Wirklich ist allein, was das Bewusstsein aus der Geschichte durch den freien Geist erzeugt, was er Wirklichkeitsbewusstsein heißt. Alles strebt nach Freiheit mit Notwendigkeit.

Croce sah Geschichte als einen Prozess des Denkens über die Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen, und betonte, dass wahre Geschichtsschreibung eine kreative, intellektuelle Leistung ist, die über bloße Fakten hinausgeht und die Freiheit des menschlichen Geistes in den Mittelpunkt stellt. : Die Geschichte ist der Fortschritt der Menschheit auf dem Weg zur Freiheit. Nachzuulesen in “ Geschichte Eruropas im 19. Jahrhundert“unter https://archive.org/details/geschichteeuropa0000croc/page/8/mode/2up

Geschichte ist Erkenntnis: Durch die Historie erlangen wir Erkenntnis über uns selbst und die Welt. Geschichte ist nicht bloße Faktensammlung: Es geht darum, die Bedeutung und die Absichten hinter den Ereignissen zu verstehen, nicht nur sie aufzuzählen und daher ist stets der Kontext elementar. Gerade das historische Bewusstsein erfordert ein Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft. Sie ist das Amalgam eines Volkes, einer Nation auf dem Weg in die Freiheit. Geschichte ist nicht Faktensammlung. Im Grunde erzeugen erst unsere Interpretationen unser Geschichtsbild; das eigene und besondere Wirklichkeitsbewusstsein (Vergegenwärtigung, Verleihung einer Bedeutung) wird mit dem universellen (kosmischen) verknüpft.

Synthese Herz und Verstand

Croce war radikaler Atheist, insofern mag es überraschen, dass er sich dem Hegelianismus verschieb. Andererseits betonte er stets den gesellschaftlichen Kontext und der war seinerzeit durch Säkularisierung, Laizismus, Nihilismus, Atheismus geprägt. Seine grundsätzliche Haltung ist dennoch mit Hegel identisch: Philosophie und Geschichte streben nach Freiheit, weil es geistige Prozesse und Erzeugnisse sind.

Croces Position ist,verbindet Ethik und Politik untrennbar mit der historischen Entwicklung und die Freiheit die Grundlage für moralische und intellektuelle Fortschritte bildet; er sah in der Geschichte nicht nur eine Abfolge von Ereignissen, sondern den fortlaufenden Ausdruck des menschlichen Geistes und seiner Suche nach Freiheit, was seine Werke zu „Geschichte der Freiheit) prägte, besonders als Gegenpol zum Faschismus. Das Inbdividuum darf daher nicht im Allgemeinen untergehen, sondern muss sich in der Gesellschaft und dem Notwendigen wiederfinden.

Wie in der Ästhetik Intuition und Analyse in einander führen, formuliert Croce auch bezüglich der Historie eine Synthese. Den Verstand zu bilden, ohne das Herz zu bilden, ist keine Bildung für Croce. Die Freiheit ohne soziale und wirtschaftliche Ordnung lässt sich nicht denken ohne Wirklichkeitsbezug. Daher sollte das Volk sollte jenen wählen, der offen zugibt, Fehler gemacht zu haben, und nicht denjenigen, der alle List darauf verwendet, begangene Fehler zu vertuschen.

Foto Malte Godglück: Krippenspiel in Neapel. Sie sind hier bedeutend und ganze Straßen bieten in der Weihnachtszeit Krippenspiele an.https://www.google.com/search?client=ms-android-samsung-ss&sca_esv=9cf56067a199ff72&hl=de-DE&cs=0&kgmid=%2Fg%2F11fj3cxt69&q=Strasse%20der%20Krippenbauer&shem=ptotplc&shndl=30&source=sh%2Fx%2Floc%2Fact%2Fm4%2F3

Empfohlene Beiträge

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert