
Foto Bernd Oei Goslar, Rosentor eines von vier verbliebenen Stadttoren .
Der vergesellschaftete homo therapeuticus
Max Horkheimer (1895 nahe Stuttgart geboren -1973 in Nürnberg) stand / steht immer im Schatten von Adorno, obschon er nicht nur Gründer und wichtiges Mitglied der so genannten „Frankfurter Schule“ Die Menschen machen ihre Geschichte, doch sie machen sie nicht. Sie lassen sich verwalten , so dass das Individuum vergesellschaftet wird und einem Anpassungszwang erlebt. Die angebliche Freiheit existiert nicht und von den Arbeitern ist leider nichts zu erwarten. Eine relativ kleine Schicht profitiert daher von der Demokratie, die Mehrheit nicht – der sozialen Marktwirtschaft zum Trotz. Alles bleibt beim Status Quo und wird nur verwaltet, die Medien, die Regierung, von großen Konzernen. Bereits 1950 unmittelbar nach dem beginnenden Wiederaufbau geht diese Einsicht aus Horkheimers Worten (Mitschnitt eines Interviews des Hessischen Rundfunk am 4.9.1950 hervor. Auf die Frage „Haben wir Freiheit errungen durch wirtschaftliche und zivilisatorische Entwicklung, die doch zumindest die Sklaverei aufgehoben hat“, antwortet Horkheimer mit der Schein-Freiheit:
Individuelle Freiheit bleibt folglich einer Elite vorbehalten, zumindest einer privilegierten Bürgerschicht, insbesondere den Unternehmern. Hegels Herr-Knecht Verhältnis ist daher durchaus noch nicht gelöst. Horkheimer prägte den Begriff der „verwalteten Welt“ in den 1950er Jahren, um die totale bürokratische Organisation, Technisierung und Rationalisierung des gesellschaftlichen Lebens zu beschreiben. Dies führt zur Konformität, zum Verlust der individuellen Autonomie und zur Verwandlung von Menschen in funktionale Rädchen.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=geIbwctzlmo

Foto Bernd Oei: Goslar, Kaiserpfalz, Domvorhalle der ehemaligen Stiftskirche.
Soziologie ist Ökonomie
Max Horkheimer von Adorno losgelöst zu beurteilen erscheint schwierig, obschon oder weil beide seit 1922 eng miteinander bekannt, befreundet, sind. Sie kennen sich aus Frankfurt, wo sie das Institut für Sozialforschung gründen https://www.ifs.uni-frankfurt.de/start.html.
Beide waren vielleicht kongenial, aber gewiss keine siamesischen Zwillinge. Horkheimer blieb stärker dem Idealismus und soziologischen Fragen verbunden und damit vielleicht bodenständiger in seinen Themen wie dem Wert der Familie und später dem der Religion, während Adorno radikaler philosophisch und ästhetisch häufig mit Anleihen aus der Avantgarde Kunst (die sich nicht so ohne weiteres als Konsumgut eignet) argumentierte, wobei er durch eine pessimistischere, negativ-dialektische Haltung sowie eine elitäre Kulturkritik förderte. Zudem war Adorno der geschliffene, vielleicht genialere (originäre) Denker. Zum Disput zwischen beiden kam es jedoch nie.
Horkheimer förderte Adorno und die Arbeiterbewegung (mehr als der auf die bürgerliche Revolution zählende Adorno) und wirkte als Pendant zu Benjamin (Tod 1940) , Marcuse, Fromm, Löwenthal, Pollock), wobei die Soziologie auf der (Grundlage von Max Weber interdisziplinär angelegt ist und u.a. Religion, Psychologie, (Freud) Ökonomie, Philosophie, Kunstgeschichte (Bedeutung der Avantgarde) für die Konsum- Gesellschaft zu verbinden sucht. Ein Schlagwort bildet die „instrumentelle Vernunft„, die Rationalität kritisch hinterfragen in Hinsicht auf die bereits von Kant aufgeworfene Differenz von Klugheit und Weisheit.
Der Neomarxismus bot viele Alternativen bzw. Ansatzpunkte zur Revision. Horkheimer erscheint in seiner Analyse bodenständiger, weniger utopisch als Adorno und Co. Mein Lieblingszitat von ihm lautet: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“
Es ist offensichtlich:Die Menschen von Heute bezahlen (für die Fehler von Gestern) – sie bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie Macht ausüben.

Foto Bernd Oei: Goslar, Bahnhof https://touren.harzinfo.de/de/poi/bahnhof/bahnhof-goslar/13289332/
Rationalität als Mittel zum Zweck
Technikkritik fehlt bei Horkheimer wie in der gesamten Frankfurter Schule; der Fortschritt wird einzig von Benjamin als krisen- bzw. katastrophenauslösend verworfen. Dennoch existiert eine aus der Aufklärung (die eine Barbarei nicht zu verhindern wusste) Skepsis, die bei Horkheimer zuletzt in Pessimismus (Anleihe Schopenhauer) umschlägt. . Mit „instrumentelle Vernunft“ bezeichnet Horkheimer das Umschlagen von Mittel und Zweck: die Vernunft dient nun der Herrschaft anstelle sie zu domestizieren oder zu reflektieren. Eine instrumentelle Vernunft beinhaltet technisch-rationale Dominanz, welche Kants praktische Vernunft oder Hegels Sittengesetz ignoriert. Aus ihr folgt ein Handeln, das nur noch die Mittel, aber nicht mehr die Ziele (ihre ethische Rechtfertigung) legitimiert. Der Effizienzgedanke (Mittel) hat über die Qualität (vernünftige Zwecke) obsiegt.
Während Max Weber- der wichtigsten Inspirationsquelle – die Zweckrationalität der neuzeitlichen Vernunft noch als das entscheidende Moment ihres Erfolgs ansieht, ist für Horkheimer und Adorno das Scheitern der Aufklärung bereits in der instrumentellen Vernunft angelegt. Insofern richtet sich in „Dialektik der Aufklärung“ vieles gegen die „List der Vernunft“ (eine Metapher Hegels), die nur zur Objekt- und Naturbeherrschung Anwendung findet. Die Folge ist eine neue Barbarei, wie sie sich politisch im Faschismus niederschlug.
In „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“ heißt es:, der Faschismus beruhe auf „„eine satanische Synthese von Vernunft und Natur – das genaue Gegenteil jener Versöhnung der beiden Pole, von der Philosophie stets geträumt hat“.
Horkheimer – hier ganz im Gegensatz zu Bloch oder der Studenten ( Apo )Bewegung – steht dem realen Sozialismus stets kritisch-distanziert gegenüber, da er ihn als eine Form bürokratischer Herrschaft und nicht als Emanzipation auffasst. Er kritisiert die Verdinglichung und den Verlust der individuellen Freiheit im Staatssozialismus. Sein Ansatz blieb trotz marxistischer Wurzeln der Theorie der Vernunft und dem Ziel einer freien Gesellschaft verpflichtet.

Foto Bernd Oei: Goslar, Innenstadt, Touristenbus vor Stadttorbefestigung im Westen.
Freudianische Lehren ins Kollektiv führen
Horkheimer beklagt fehlende kritische Reflexion dem Fortschrtitt(smythos) gegenüber. Bereits im 18. Jahrhundert, von der Gegenwart zu schweigen, war der Gang der Wissenschaft wie des Glaubens nicht so sehr durch den Willen zum Guten, als durch das Interesse der Macht bedingt. Je mehr Freiheit es gibt, desto mehr wird die Gerechtigkeit dadurch gefährdet, dass die Stärkeren, Gescheiteren, Geschickteren die Anderen schädigen.
Seine wichtigsten Werke, die er nicht als Co-Autor mit Adorno publizierte oder sich auf Essays beschränken, schrieb Horkheimer vor oder im amerikanischen (kalifornischen) Exil. Dies sind „Eclipse of Reason“ (1947 in den USA; dt.: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, 1967), „Between Philosophy and Social Science“ (1930-1938), seiner Aufsatzsammlung aus der Gründerzeit zwischen Philosophie und Soziologie. Seine Lehrtätigkeit in Frankfurt unmittelbar nach Kriegsende führte zu dem Begriff „Frankfurter Schule“.
Horkheimer, sich der Religion seiner Väter nähernd, meint, dass das Judentum die Dialektik bewahrt ohne sie aufzuheben, weil es die Idee des „ganz Anderen“, des Absoluten, der Grenze fundiert. Und damit verweigert sich das Judentum seinem Verständnis nach der Affirmation des Bestehenden und erhält das Moment der Kritik, der Differenz, des ‚Nichtidentischen‘. Er erkennt auch im Transzendentalismus säkularisierte Theologie, die auch dem Judentum zu verdanken sei.
Im Gegensatz zu Marcuse und einvernehmlich mit Adorno stand Horkheimer der 68er-Studentenbewegung (APO) distanziert und kritisch gegenüber, obwohl seine Kritische Theorie (Frankfurter Schule) dieser linken Bewegung als theoretisches Fundament diente. Er lehnte v.a. den Radikalismus, die Gewaltbereitschaft und die Indienstnahme des Instituts für Sozialforschung für den politischen Extremismus ab, da er eine Rückkehr zu totalitären Strukturen fürchtete. Aber erst Habermas sprach von linkem Faschismus, der sich gegen die RAF richtete. Zusammen mit Adorno distanzierte Horkheimer zunehmend sich von den antiautoritären Protesten, zumal die Proletarier gar nicht eingebunden wurden und er Protest ausschließlich eine bürgerliche Kulturrevolution war. Vor Habermas distanziert sich Marcuse jedoch.
Verallgemeinernd lässt sich konstatierten, dass Horkheimer die Psychoanalyse als Instrument zur Analyse der Autorität und Norm („Es“) nutzt, um die ökonomische Basis (Marx) durch die psychische Dimension (Freud) zu ergänzen, konkret, seine individuelle Psychologe fruchtbar für eine kollektive Übertragung auf Unter- und Überbau zu machen. Dabei findet die Interdependenz eine übergeordnete Bedeutung. .Kulturelle Phänomene werden nicht einfach nur aus der ökonomischen Basis abgeleitet, sondern als Epiphänomen der Geschichte behandelt. In ihrer pervertierten Form der Massenkultur erzeugen unreife (Freuds Stadien nicht durchlaufende) Individuen eine infantile oder martialische Strukturen, Hörigkeit bzw. Zügellosigkeit,

Foto Bernd Oei: Goslar, Tür und Fachwerkaus aus dem 17, Jahrhundert in der Rosentorstraße 27 A, heute Sitz von Gebäudemanagement und Denkmalpflege
Furcht vor dem autoritären Staat
Horkheimer zeichnet eine angestrebte Synthese von Marx und Freud aus; er verknüpft marxistische Gesellschaftskritik mit Freuds Psychoanalyse, um zu verstehen, warum die Revolution in Westeuropa ausblieb und der Faschismus aus einer relativ toleranten liberalen Politik heraus entstehen konnte.
Auch bezüglich Autorität und Familie nutzt Horkheimer freudianische Ansätze in den „Studien über Autorität und Familie“ (1936), um die psychologische Basis für Autoritätsgehorsam zu analysieren, u. a. macht er die vaterlose Gesellschaft als einen Grund für ein gestörtes Verhältnis zur gesunden Ordnung (Hegel: Familie als Keimzelle des Staates) aus. Eine gewisse Ambivalenz bleibt bei ihm bestehen. Trotz der Nutzung psychoanalytischer Theorien kritisiert Horkheimer Freuds Annahme einer „ewigen Natur des Menschen“ und dessen Tendenz zum biologischen Psychologismus.
So weit nur ein extrem strenger Vater oder gar kein Vater vorliegen, erzeugt dies eine Befürwortung der Autorität, entweder weil sie vor- und nachgelebt wird (Vater als Vorbild) oder weil Grenzen und Ordnung fehlen, die eine Sehnsucht (Vater als Projektion) nach Führung evoziert.
Das allgemeine Forschungsprogramm, das auch Nietzsche, Weber und Freud integrierte, verschrieb sich mit Studien wie „Autorität und Familie“ (1936) immer mehr der Frage, warum das Bewusstsein der unterdrückten Massen so eklatant den objektiven Möglichkeiten der Befreiung
hinterherhinkt. Die Menschen verwalten sich selbst und passen sich an, wo Widerstand gefragt wäre (den sie aber in der Familie nie erleben bzw. durchleben). Über dieses Verhältnis schreibt Marcuse https://cominsitu.wordpress.com/wp-content/uploads/2018/10/staat-horkheimer.pdf
„Wo die oppositionellen Gruppen nach der Sezession größere Bedeutung erlangten, wandelten sie sich selbst in bürokratische Einrichtungen um. Anpassung ist der Preis, den Individuen und Vereine zahlen müssen,um im Kapitalismus aufzublühen.“ (Horkheimer, „Autoritärer Staat“, 1940) Anpassung erfordert Psychoanalyse, weil der Mensch sich selbst verdinglicht und zum Objekt macht – er geht in der Funktionalisierung auf. Er sucht Anleitung, wie er sich verhalten soll. Dies aber verhindert Klassenbewusstsein und ihren revolutionären Kern gegen die Autorität.

Foto Bernd Oei: Goslar: Rosentorstraße 27 A
homo oeconomicus: du bist, was du verdienst
Im Abschnitt „Zwei Welten“ aus „Dialektik der Aufklärung“ heißt es: „Hierzulande gibt es keinen Unterschied zwischen dem wirtschaftlichen Schicksal und den Menschen selbst. Keiner ist etwas anderes als sein Vermögen, sein Einkommen, seine Stellung, seine Chancen. Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im Bewußtsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fältchen. Jeder ist so viel wert wie er
verdient, jeder verdient so viel er wert ist„
„Haben und Sein“ lautete die verspätete (1976) Reaktion Erich Fromms auf dieses Gemeinschaftswerk (1944). Fromm war schon nach Kriegsbeginn aus dem Projekt Frankfurter Schule (dem IFS) aus; dies hing mit dem wachsenden Einfluss von Adorno und einer damit verbundenen Schwerpunktverlagerung zusammen. : Fromm vertrat eine stärkere, weniger orthodoxe psychoanalytische Perspektive als die eher marxistisch geprägte Theorie der Kritischen Theorie, insbesondere in der Sozialpsychologie, und es gab Spannungen mit Adorno / Horkheimer. Ausführlicher: https://www.idz-jena.de/wsddet/wsd8-10
Alle bisherigen Staaten-Modelle, auch der Kapitalismus mit seiner Schein-Demokratie tendieren zum Totalitarismus. Zitat Horkheimer aus „Der autoritäre Staat“: „Die Richtung auf den autoritären Staat war den radikalen Parteien in der bürgerlichen Ära seit jeher vorgezeichnet.… Wenn die Menschen einmal nicht mehr marschieren, dann werden sie auch ihre Träume verwirklichen“.

Foto Bernd Oei. Goslar, Zinnfiguren Museum im Mühlenviertel https://www.zinnfigurenmuseum-goslar.de/Homepage
die jüdische Frage
In seinem Essay „Die Juden und Europa“ (1939) stellt Max Horkheimer fest, dass es zur Erklärung des modernen Antisemitismus des „Rückgangs auf die Tendenzen des Kapitals“ bedürfe. „Der bürgerliche Antisemitismus“, so Horkheimer, „hat einen spezifischen ökonomischen Grund: die Verkleidung der Herrschaft in Produktion“ (Horkheimer/Adorno 1947, S. 202).
Die spezifische Brutalität und Dynamik, o die Form des modernen eliminatorischen Antisemitismus bis hin zum Genozid liegt für Horkheimer in der kapitalistischen Gesellschaft begründet, die wegen der abstrakten Form der Vergesellschaftung zur Personalisierung treibt, dazu, Verantwortliche für die ganze undurchschaubare Misere zu finden.
Horkheimer wendet sich angesichts von Faschismus und Stalinismus nicht von der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie in Gänze abgewandt, wohl aber vom Marxschen Geschichtsoptimismus, seiner positiven Geschichtsphilosophie und von deren teleologischen Gehalt: Für Marx war auf die Arbeiterklasse noch Verlass, die Antwort auf die Zumutungen des Kapitalismus konnte nur die Bildung des revolutionären Subjekts sein, welches dann die Revolution macht. Dass dem nicht so ist, hat der Nationalsozialismus deutlich gezeigt.
Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wendet Adorno den Marxschen Geschichtsoptimismus negativ und formulierte in der Negativen Dialektik (1966) einen neuen kategorischer Imperativ: Alles Denken und Handeln so auszurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederholen könne.

Foto Bernd Oei Goslar, westliches Stadttor, das Bahnhofsviertel und Innenstadt trennt.
homo oedipus
Horkheimer/ Adorno geht es primär darum, gesellschaftliche Herrschaftsmechanismen und psychische Unterdrückung zu analysieren. Trotz inhaltlicher Kritik an Freuds Triebtheorie nutzten sie dessen Konzepte, um den Autoritarismus und den Konformismus in der bürgerlichen Gesellschaft zu verstehen. . Trotz inhaltlicher Kritik an Freuds Triebtheorie nutzten sie dessen Konzepte, um den Autoritarismus und den Konformismus in der bürgerlichen Gesellschaft zu verstehen.
Dabei erweist sich das Autoren-Duo in ihrer Haltung zu Freud als ambivalent. Einerseits nimmt Horkheimer Freud vor der Vulgär-Couchpsychologie in Schutz, andererseits verändert er die Triebtheorie, damit aus der Individual- eine Kollektiv-Therapie entstehen kann. Während Freud als Wegbereiter (z.B. „Unbehagen an der Kultur“ (1930) geschätzt wird, kritisiert er seine „weltanschaulichen Psychologismus“ und bestimmte Annahmen zum Wesen des Menschen. Die „Kritische Theorie“ nutzt Freud, um die „Verinnerlichung von Herrschaft“ aufzudecken, erkennt jedoch auch die Notwendigkeit, Freudsche Theorien ideologiekritisch zu überarbeiten
Die Psychoanalyse half Horkheimer, die Unterwerfung unter Autoritäten (insbesondere im Nationalsozialismus) durch die Analyse des Über-Ichs und der Triebstruktur zu erklären. Nach 1945 förderten Horkheimer und Adorno die Rückkehr der Psychoanalyse, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Alexander Mitscherlich , Autor von „Die vaterlose Gesellschaft“ (1963). www.deutschlandfunkkultur.de/die-vaterlose-gesellschaft-100.html
Die Kritik Horkheimers richtet sich vornehmlich gegen Freuds biologistische Grundannahmen. Er bemängelte, dass Freud gesellschaftliche Konflikte zu stark als naturgegebene, triebliche Prozesse (wie Triebunterdrückung) statt als Resultat historischer, materieller Herrschaftsverhältnisse darstelle. Horkheimer fordert, die Triebstruktur gesellschaftlich zu kontextualisieren. Die Naturvölker besitzen andere Voraussetzungen als die Kulturvölker in ihrem Triebleben. Ein zweiter Kritikpunkt betrifft das konservative patriachalische Frauenbild Freuds, welches sich nicht in den gesellschaftlichen Kontext der Moderne einfügt.

Foto Bernd Oei: Goslar. Im Vordergrund die Leihgaben-Skulptur Mann mit Stock und Frau mit Regenschirm vom kolumbianischen Künstler Fernando Botero. Im Hintergrund Rosentor.
homo aestheticus
Wie kommen gesellschaftliche Imperative ins Ich? Marx und Freud zusammenzubringen ist die Intention der Sozialforschung, wie sie Horkheimer versteht. Sind es bürgerliche Vorstellungen, die Normen vorgeben, die den Individualismus zum Massenmensch degradieren. Daher verbirgt sich hinter der vermeintlichen Individualität Konformismus und Anpassungszwang. Horkheimer thematisiert in der Kritischen Theorie die dunkle Kehrseite der Aufklärung und zeigt auf, wie sich rationale Emanzipation in neue Formen der Unfreiheit verkehren kann. Horkheimer will aber nicht den Weg der Revisionisten gehen, weil dem revolutionären Impulsen damit der Zahn gezogen wird. In „Das Unbehagen der Kultur“ mutet Gesellschaft Triebverzicht zu, was zum Aggressionsstau und Ablehnung der Moral führt.
Die Kultur stellt damit beides zur Verfügung: Triebleben (Bedürfnisangebot, bisweilen sogar Förderung) und Triebverzicht. Dies führt zur Infantilisierung, soweit der Verzicht durch staatliche Repression gelenkt und nicht mehr rational begründbar mit dem Selbsterhaltungstrieb. Der Unterschied zwischen rationalen und irrationalen Komponenten im Über-Ich (der gute Vater gegen den Diktator) ist der fruchtbare Kern von Horkheimers Freudianismus.
Bei Freud spielt die Libido den entscheidenden Antriebsfaktor, quasi die Lokomotive in der Industrie. Anfänglich glaubt Horkheimer mit dem Marxismus einen Schutz, vielleicht sogar Rettung vor dem Faschismus zu besitzen. Nach dem Kriegsende teilt er die Position Hannah Arendts, dass auch der reale Sozialismus im Totalitarismus mündet. Die „Kulturindustrie“ (Schlüsselbegriff aus Dialektik der Aufklärung) untersucht, wie Kultur nach industriellen Prinzipien standardisiert wird. Sie dient als Mittel zur Massenmanipulation und Aufrechterhaltung des Kapitalismus, indem sie Bedürfnisse standardisiert, das kritische Denken ausschaltet und Kunst zur Ware degradiert. Verantwortung wird auf Führer übertragen.

Foto Bernd Oei: Goslar, Brauhaus, Marktkonform 2 gegenüber der Marktkirche und in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Ratsapotheke, heute Wohn- und Geschäftshaus. Spezialität des Hauses ist das Gosebier, benannt nach dem Stadtfluss, ein obergäriges Weizen. Es ist heute die einzige selbstproduzierende Gasthausbrauerei der Stadt mit ihren 47 500 Einwohnern.







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