Wege zum inneren Glück

Foto Bernd Oei: Bielefeld, Teutoburger Wald Eiserner Anton entlang des Arminius (oder Hermanns) Wanderweg quer durch Bielefeld und das Eggegebirge. Der etwa 10 m hohe Aussichtsturm aus der Wilhelminischen Kaiserzeit wurde 2003 letztmalig begehungsfähig restauriert.

Hoch geflogen und tief gestürzt.

„Diejenigen allein leben in Muße, die ihre Zeit der Weisheit widmen, sie allein leben wahrhaft, denn sie nutzen nicht nur ihre eigene Lebenszeit gut,
sondern sie machen sogar jedes andere Zeitalter zu dem ihrigen.“
(Quelle Seneca, „De vitate brevae“, Von der Kürze des Lebens)

Lucius Annius Seneca (Der Jüngere) entstammte dem heutigen Spanien, denn sein Geburtsort war Cordoba, Andalusien, seinerzeit die römische Provinz (Hispania) Baetica – benannt nach dem prägenden Fluss Südspaniens, dem Guadalquivir. In seiner Lebensspanne (4-65) erlebte er Kaiser: Augustus, Tiberius, Clemens, Caligula, Claudius und schließlich Nero, der ihn in den Suizid trieb (ein Gnadenbeweis, um einer Liquidation zuvorzukommen). Nero, dem sein ehemaliger Lehrer Seneca unbequem geworden war, beschuldigte ihn zum Vorwand einer Verschwörung, die Historiker überwiegend anzweifeln.

Er war Stoiker (Stoa), Senator und einer der reichsten, sogar einflussreichsten Männer seiner Zeit, was ihn den Verdacht des Opportunismus aussetzt. Seine Karriere als Rehetoriker und Politike, die ihn Feinde als unvereinbar mit seiner Ethik zur Last legten https://schneegans.de/hanna/seneca-facharbeit.html, begann unter Caligula, seitdem wurde Rom auch sein fester Wohnsitz. Daher gilt er als Paradebeispiel für einen Überflieger, der Neider hervorruft.

Zu seinen Hauptwerken gehören die zehn Dialoge, von denen einer „De brevitate vitae“ ist, daneben acht erhaltene Tragödien, mehrere Satiren und die häufig im Lateinunterricht herangezogenen Epistulae morales ad Lucilium (Briefe an Lucillius). Hier soll jedoch ausschließlich „Vom glücklichen Leben“ die Rede sein. Volltext: https://ia903405.us.archive.org/17/items/von-der-kuerze-des-lebens-seneca/Von_der_Kuerze_des_Lebens_Seneca.pdf

Grundsätzlich entlehnt Seneca den Stoizismus den hellenischen Stoikern, deren bekannteste Vertreter Zenon war, der als erster die Gemütsruhe (Ataraxie) lehrte. Von den römischen Nachfolgern, die häufig den Staat und die Staatsraison in den Vordergrund stellten, sind Cicero, Seneca, Epiktet und Marcus Aurelius die populärsten. Das moderne Wort für Senecas Glückseligkeit ist REsilienz.

Die Hauptlehre von Seneca sind, dass Tugend (Vernunft und Tugend) die höchsten Güter sind und zum Glück führen; eine Grundidee, der sich auch Aristoteles nicht verschließt. Aufgrund der Lebenskürze gelte es , keine Zeit zu verschwenden, weshalb Seneca zum Abschied carpe diem“ (Nutze den Tag, die Zeit) riet. Die Moral ist nicht nur eine Frage des Gewissens, sondern auch der steten Selbsterziehung und Selbstüberwindung sowie der Selbstmäßigung.

Foto Bernd Oei: Kennzeichnung des Arminius- oder Hermannsweges , Etappe von der Sparrenburg Bielefeld bis Oerlinghausen. über 16 km. https://hermannshoehen.teutoburgerwald.de/tourenplanung/touren/hermannshoehen-etappe-07-von-bielefeld-nach-oerlinghausen

Exil Korsika als Chance

Die Schrift „Vom Glücklichen Leben“ wird zumeist auf 49 datiert, in jedem Fall unter der Regierung von Claudius (im heutigen Lyon geboren), der als äußert labile Führungspersönlichkeit gilt. Seneca bekleidete das Amt des Quästors, dem höchsten Finanzbeamten, wurde allerdings auch von ihm für 8 Jahre nach Korika verbannt; das Buch entstand auf der Insel unmittelbar vor seiner Begnadigung. Die Trostschriften und Ermunterungen entstanden in diesem ersten Exil, in dem der Lebemann auf manches verzichten musste, obschon er weiterhin ein privilegiertes Leben führen durfte. Möglicherweise wäre er als aktiver Politiker nicht in der Lage gewesen, so kreativ und vor allem produktiv zu schreiben, denn nicht wenige seiner Schriften, denen Seneca seinen Ruhm post mortem verdankt, entstanden in der römischen Provinz. Er nutzte den Karriereknick als Chance, sich als freier Schriftsteller zu etablieren.

Eine Grundeinsicht besteht in der Beherrschung der Affekte; Scham und Zorn gehören dazu, wie überhaupt gekränkte Eitelkeit häufig ein Rache-Motiv ist. Stattdessen soll man das halb volle Glas betrachten und die Musestunden nutzen, auch wenn sie nicht freiwillig erfolgten. Die Beherrschung der Emotionen ist nicht für die Kunst der Politik unerlässlich, sondern auch für das Privatleben und speziell für die Ethik. Die Beherrschung der Triebe unterscheidet den Menschen vom Tier und macht jeden erhaben, der diese Kunst pflegt.

Obwohl der Stoizismus keiner Zeit sich zur dominanten Philosophie des Römischen Kaiserreichs entwickelte , beeinflusste er in besonderem Maß die Eliten, v.a. die Beamten. Die von ihr vertretenen Werte wie Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin, Rationalität und Logos (einem Leben im Einklang mit der Natur und der Gesellschaft) gut mit „virtus“, der offiziellen Tugendlehre und Staatsräson konvergierten.

Foto Bernd Oei: Bielefeld, Teutoburger Wald, Hermannsweg, Raststätte Habichtshöhe, das zum Eggegebirge gehört. https://www.wanderbares-deutschland.de/wege/alle-wege/hermannsweg-etappe-7-von-bielefeld-bis-oerlinghausen-b0d629018a

Die innere Freiheit

Seneca beeinflusste zahlreiche Denker, aber auch grundverschiedene Strömungen wie die Aufklärer Kant und Fichte, den Pessimisten Schopenhauer und dem Lebensphilosophen Nietzsche. Das liegt an dem Grundprinzip der Willenskraft, die heute Resilienz genannt wird und der Gelassenheit, die Seneca im Umgang mit unveränderbaren äußeren Umständen empfiehlt. Die daraus gezogenen Konsequenzen waren durchaus unterschiedlich, ja konträr: Kant betonte das Pflichtbewusstsein, Fichte leitete die Tatkraft (das konstruierende Ich) aus Seneca ab, Schopenhauer akzentuierte die Askese (Rückzug als Vorzug), Nietzsche die Kraft, das eigene Schicksal selbst unter widrigsten Umständen anzunehmen und dem Schmerz noch Lust abzutrotzen (Selbstüberwindung). Auch in der Renaissance (dort kamen seine Stücke zur Aufführung). v.a. dem Stoiker Montaigne, der ihn neben Plutarch am häufigsten in seinen „Essais zitiert, genoss Seneca hohes Ansehen, insbesondere aufgrund der propagierten inneren Freiheit.

In „De vitate brevae“ äußert sich Seneca so zur selbst gewonnenen (durch Tätigkeit bzw. Kontemplation): „Wer mutig ist, ist frei“ ….„Daher muss man sich durchringen zur Freiheit; diese aber erreicht man durch nichts anderes als durch Gleichgültigkeit gegen das Schicksal“. Der von Nietzsche hymnisch gefeierte Begriff Amor fati„, aber die Grundidee der bedingungslosen Annahme und Liebe des Schicksals findet sich durchaus zwischen den Zeilen wieder.

Eine Zitatesammlung Senecas liefert

Foto Bernd Oei: Hermannsweg, Kurs Waldschlösschen und Eiserner Anton. Die Hermannsschlacht der von Armin dem Cherukser in einen Hinterhalt gelockten Legionen des Varius 9 n.C. beendete den Vormarsch der Römer und gilt als eine der verlustreichsten Niederlagen ihrer Militärgeschichte.

Glück und Unglück selbstverschuldet

Zum Besitz, den man Seneca zur Last legte, da er unvereinbar mit einer möglichst einfachen und bescheidenen Lebensführung ist (der Stoizismus propagiert Minimalismus) sagt dieser: „Es gibt nur einen Weg, dies zu erreichen: du musst dich innerlich durchdringen mit der Gewissheit, dass du auch ohne ihn glücklich leben würdest; du musst ihn immer als etwas ansehen, das dir auch verloren gehen kann.“ Wie so häufig geht es darum, von nichts und niemand abhängig zu sein, womit er den Freigeist und Libertin antizipiert.

Seneca zieht da kleine Glück dem größeren vor, nicht nur weil es häufiger vorkommt, sondern weil es die Wahrnehmung und das Urteilsvermögen zugleich schult. So vermag er Leid und Schmerz, die es im Grunde zu vermeiden gilt, durchaus Positives abgewinnen, da sie Sensibilität, Wertschätzung und Charakter stärken. Entscheidend ist immer, was der Mensch (jeder ist seines Glückes Schmied) selbst aus einer misslichen Lage zu machen versteht: „Jeder ist in dem Grade elend, als er es zu sein glaubt.“

Das Unglück sitzt im Kopf, ist quasi programmierte Anleitung sich zu fürchten, zu sorgen und Schlechtes zu erwarten. Invers kann jeder dieses „mind set“ umpolen in Vorfreude und Optimismus, weil Gedanken Macht und erster Schritt zur Tat sind.

Ein klares Urteil über das Leben gleicht Stolpersteinen und Sackgassen – Irrwege (Irren ist menschlich) können aber vermieden und vor allem rechtzeitig korrigiert werden, wenn man sich nicht nach der Menge richtet. Ein Weg besteht aus Vorsorge, genaue Reflexion über vernünftige Entscheidung. Wanderungen liefern ein illustres Beispiel für Achtsamkeit, Antizipation und rechte Wahl sowie Urteilsvermögen und Orientierungssinn in jedweder, v.a. auch politischer, Hinsicht. Nachzuhören ist dies unter https://www.youtube.com/watch?v=lben3c9-akc

Foto Bernd Oei: Hermannsweg, Bielefeld im Tal, Teutoburger Wald Kurz vor dem Eisernen Anton.

Den Standpunkt der Masse misstrauen

Um glücklich zu sein, muss man denken und sich selber befehlen können; dies ist nicht in der Menge möglich und schon gar nicht im Folgen der Majorität möglich. Man muss die Wahrheit für sich selbst finden und den Mut haben, diese nicht in der Masse zu suchen oder die Anerkennung von ihr zu wünschen. Bewunderer und Neider schaden dem eigenen Standpunkt, der im Inneren gefestigt wird und keinesfalls außerhalb der eigenen Reflexion gefestigt werden kann. Das Glück liegt auch nie in der Ferne, sondern ruht stets in sich selbst. Daher führt der glückliche Weg ins Innere, nie ins Äußere. „Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind ein günstiger.“ Darin spiegelt sich Kants saepe audere, den Mut, zu denken. Wörtlich Wage es, weise zu sein.

Die Sentenz Gott (die Vernunft,Logos) gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich zu ändern vermag und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden, ist die kürzeste Zusammenfassung von Senecas Stoizismus, der durchaus nicht zur Lethargie oder Passivität rät. Es ist keine vorauseilende Resignation, sondern ein maßvoller Individualismus.

Foto Bernd Oei: Gaststätte Beim Eisernen Anton (zweigeteilt in Hotel links und Biergarten rechts) http://www.hotel-restaurant-eiserner-anton.de/

Sei ein Fels in der Brandung

Gemütsruhe ist das allerwichtigste, um voranzukommen und natürlich auch bei sich zu bleiben. Dabei redet Seneca durchaus häufig den Wissenschaften und damit den gelehrten Einsichten, nicht der Intuition, das Wort. „Nein, ich verweise dich auf die edlen Wissenschaften; zu ihnen muss jedermann sich
flüchten; sie werden die Wunden heilen und alle Traurigkeit gänzlich verscheuchen.“
und : „Wer sich zu den Wissenschaften zurückzieht, der entgeht allem Lebensüberdruss und wird nicht aus Ekel am Tageslicht die Nacht herbeiwünschen. Man ist weder sich zur Last, noch anderen entbehrlich.“

Er steht damit, was das Verhältnis von Theorte und Praxis anbelangt, eindeutig auf der Seite der Praktiker, die sich v.a. in Frankreich (Materialismus) und England (Empirismus, Utilitarismus) größter Beliebtheit erfreut. Senecas prägnanten Formulierungen greifen den Aphorismen der französischen Moralisten voraus. Gemütsruhe (tranquillitas animi) ermöglicht autarkeia. Darin ist die Souveränität der Vernunft und des Willens inkludiert.

Im Fall von Nero, den er mehrere Jahre in eine gewisse Richtung zu lenken versuchte, hat Seneca genauso versagt wie Aristoteles bei Alexander (wobei dieser kein moralisches Scheusal war) und einige andere illustre Philosophen. Allerdings zeigt dies mehr, dass diese Haltung viel verlangt und an ihre Grenzen stößt, vergleichbar Schlüssel und Schloss. Leben ist eine Kunstform und diese bedarf auch einen gewissen Geschmack oder eine Grundstimmung, um sich darauf einzulassen. In meinen Augen ist nicht jeder zum Felsen geeignet und schon gar nicht ein Bergsteiger.

Seneca rät folglich, innere wie äußere Grenzen anzuerkennen und sich nach anderen Lösungen umzusehen. Metaphorisch: wer einen Berg nicht bezwingen kann, muss nach anderen (Um)Wegen suchen. Das Glück erlangt man stets in der Ruhe, der Gelassenheit und der Selbstbestimmung.

Foto Bernd Oei: Granitstein aus dem Eggegebirge entlang des Hermann-Wanderweg, Bielefeld.

Memento mori

Vieles kreist bei Seneca um die Vorbereitung auf den Tod, weil der Mensch sich davor fürchtet und ihn flieht und Seneca es für ratsam hält sich nicht vor etwas zu fürchten, was man nicht kennt und sich nicht von etwas abzuwenden, was das Bewusstsein und die Sinne schärft. Diesen Gedanken formuliert Montaigne weiter aus. Grundsätzlich ist der Tod nicht dein Feind – auch Schopenhauer spricht von einer Reise und nicht von einem Endpunkt, betont darin aber die Unterbrechung irdischer Leiden, während Seneca sein Augenmerk mehr auf den selbstbestimmten Zeitpunkt richtet, eine konsequente Weiterfürhung des selbstbestimmten Schicksals

Zu einem würdevollen Tod gehören für ihn Gesundheit sowohl in geistiger als auch in körperlicher Hinsicht und ein gelungenes Leben, was wiederum auf ein glückliches schließen lässt. Zwar liegt der Verlauf der äußeren Welt nicht in unserer Macht, wohl aber die innere Haltung, die wir dazu einnehmen. Vollkommenes Glück aber ist im irdischen Leben unerreichbar.

Seneca folgt wie die meisten Römer den griechischen Vorstellungen vom Jenseits, u.a. mit Styx, dem Fluss des Vergessens, den Richtern, welche über den Eingang ins Elysium oder in den Hades entscheiden bis zur anschließenden Wiedergeburt. Der Tod hat folglich nichts Endgültiges, sondern ist Belohnung oder Bestrafung für die Lebensführung; folglich kommt es darauf an, richtig zu leben, damit das Stadium des Todes bis zum Neubeginn angenehm verläuft.

Foto Bernd Oei: Foto Bernd Oei: Hermannsweg, Aufstieg nach Überquerung der Straße. Ein vVdeo über 30 km mit der von mir bewältigten Strecke ist abrufbar auf https://www.youtube.com/watch?v=H4tOVDU02HU

Zwei Arten von Glück

Senecas gebraucht aus das Sprachbild der Stufen, denn er spricht von die Stufen der Tugend und des Glücks („gradus felicitatis“) auf dem Weg zur Weisheit, wobei der Fortschreitende (proficiens) zwischen verschiedenen Stufen der Tugendhaftigkeit steht, bis hin zum Weisen (sapiens); aber auch seine politische Ämterlaufbahn (Quaestor, Aedil, Prätor, Konsul) und die Struktur seiner Briefe (Epistulae Morales) mit zunehmender Tiefe. entsprechen Stufen. Ein Zitat aus „Vom glücklichen Leben“ lautet: „Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe“.

Das Lateinische fortuna vermeintäußeres, vom Schicksall zugefallenes und damit zufälliges Glück, das kommt und vergeht und nichts mit dem eigenen Geschickt zu tun hat. Dagegen ist das von Seneca propagierte felicitas lehrbar, ein erarbeitetes und damit auch dauerhaftes Glück. Dazu gehört auch die Genussfähigkeit, insbesondere dem Augenblick gegenüber, denn wer jeden Moment etwas abzugewinnen versteht, ist dauerhaft glücklich. Dementsprechend nennt er Stufen des Glücks „fortunae gradus“, wenn es sich um äußere handelt wie Reichtum: und Verum gaudium“ das innere, selbst erzeugte Glück, das in höchster Potenz gar keines Anlasses oder Reizes mehr bedarf.

Sind diese beiden Glücksmomente noch seelisch und damit gefühlsbedingt erzeugt, so bildet die höchste Stufe eudaimonia, die Seneca mit felicitas gleichsetzt, vernunft- und damit nur vom Geist gesteuert. Es sind geistige Genüsse, die selbst erzeugt werden und insofern unabhängig von allen Äußerlichkeiten bleiben. Diese letzte Stufe gilt es zu erklimmen.

Foto Bernd Oei: Hermanns- oder Arminiusweg. Blick vom Eisernen Anton auf den östlichen Teutoburger Wald, der quer durch Bielefeld führt.

Glaubwürdigkeit

Wie glaubwürdig und authentisch sind Senecas Ratschläge, die er in tiefster Form in „Briefen an Luculius“ verewig, der keine fiktive Person ist, auch wenn die Briefe eine Kompositionsform darstellen. Nun hat Seneca sich mehrfach überwinden müssen und selbst diszipliniert: zunächst war er häufig schwer krank, erzog sich aber durch Abhärtung (Marcus Aurelius tat es ihm nach). Hernach machte er das Beste aus seinem Exil, das ihm zahlreiche äußere Freuden entriss und schließlich fügte er sich unter Nero in eine Rolle, die ihm sicherlich peinigte. Dagegen spricht sein ausgeprägter Hand zum Luxus und die Art und Weise, wie er sein Vermögen mehrte.

Grundsätzlich muss ein Philosoph nicht so leben, wie er es sich oder anderen rät. Großartige und teilweise mehrfach geehrte Künstler, seien es Literaten, Maler, Musiker oder eben Philosophen, insbesondere Ethiker, haben dieses hehre Ziel verfehlt, aber möglicherweise anderen ermöglicht, einen Ausweg aus ihrer Lebenskrise zu finden oder Inspiration erlangt. Eine Tankstelle verliert auch nicht an Wert, nur weil sie nicht benutzt wird. Wahrheit ist folglich kein Gut, das befolgt werden muss, um war oder glaubwürdig zu sein.

Seneca glaubt nicht an Objektivität, aber an Faktizität. Wenn jemand objektiv bleiben möchte, darf er die Fakten weder interpretieren noch bewerten, was ohnehin zusammenhängt. Ein Satz dürfte nicht verändert werden, um ein objektives Bild wiederzugeben. Doch wie der Satz ankommt, was er macht oder eben nicht macht, entscheidet allein der Empfänger bzw. Interpret. So kann der Satz glauben heißt nicht wissen ausgelegt werden als ist weniger wert als Wissen, kann zu Wissen werden oder ist dem Wissen überlegen, weil dieses begrenzt, jenes aber unbegrenzt ist.

Schopenhauer beispielsweise zitiert Seneca in seinen „Aphrismden zur Lebensweisheit“ sehr häufig, legt aber den Impetus auf die Enthaltsamkeit, Askese und damit das Nichtwollen zum Vermeiden von Schmerz oder Reduktion äußerer Einflüsse. Dies ist aber durchaus nicht identisch mit Senecas Verzicht, da dieser erstens sinnliche Freuden durchaus nicht geißelt und zweitens gerade im Schmerz eine potentielle Bewusstseinserweiterung erkennt.

Foto Bernd Oei: Eiserner Anton, Blick auf den gegenüberliegenden westlichen Waldstreifen Stadtteil Stieghorst. https://de.wikipedia.org/wiki/Bismarckturm_(Bielefeld)

Tun als ob

Es gibt größere Ursache zu dem Glück, das aus uns selbst stammt, als aus dem, das aus den Dingen kommt.“ Senecas Grundsatz, Glück kommt von innen und ist damit Selbstproduktion, bedeutet, dass man sich selbst erziehen, überwinden und genießen können muss.Dies geschieht nicht von alleine. Mitunter ist der Weg steil, mitunter führen verschiedene Wege zu Rom, dem eigenen Wesenskern. Wir müssen also in uns selbst heimisch werden und diese Heimat Ich besser kennenlernen. Äußerlichkeiten lenken da nur ab.

Tugend, das war schon bei den Griechen und insbesondere Aristoteles ein Leitmotiv, führen zu diesem Glück und sie verlangen keineswegs Freudlosigkeit oder Leblosigkeit (Apathie, Lethargie, Melancholie). U.a. schreibt Seneca „ich bin fröhlich und lebhaft, als sei alles zum Besten.“ Autosuggestion heißt das heute oder ein positives mind-set erzeugen. Gedanken erzeugen Gefühle und diese Schmerzen oder Freude. Aus Schein kann folglich Wahres hervorgehen, aus Möglichem Wirkliches. Manche sagen, das ist Boulevard- oder Binsen-Weisheit. Zum einen sind Volksweisheiten aber nur vereinfachte Grundsätze (viele lieben es kompliziert und erzeugen dadurch komplexe Situationen), zum anderen muss Einfaches an sich nicht falscher oder unwahrer sein als akademische Fußnoten. Und so sagt Seneca bereits in seinem ersten Satz, worauf es ankommt: „Glückselig zu leben, mein Bruder Gallio, wünschen Alle, aber um zu durchschauen, was es sei, wodurch ein glückseliges Leben bewirkt werde, dazu sind sie zu blödsichtig.“ http://www.zeno.org/Philosophie/M/Seneca,+Lucius+Annaeus/Vom+gl%C3%BCckseligen+Leben

Im Original: „Quid est beata vita?“ Omnes beate volunt. Quam diu quidem passim vagamur non ducem secuti sed fremitum et clamorem dissonum in diversa vocantium. Bereits die Übersetzung verbiegt Seneca, obgleich der keine eigene Terminologie verwendet. Beispielsweise enthält der deutsche TExt überhaupt nicht für eine lange Zeit (diu), fremitum (Tosen, Lärm, Trubel) und andere Unschärfen. Seneca betont, dass wir wenig bis nichts für unser Glück tun, sondern erwarten, dass es uns zufällt und Probleme gerne anderen zuschieben, nur nicht uns selbst.

Foto Bernd Oei: Hermannsweg. Letzte Teilstrecke bis nach Oelinghausen – noch einmal bergauf. Der Hermannsweg ist ein rund 156 km langer Höhenwanderweg im Teutoburger Wald, der von Rheine nach Horn-Bad Meinberg führt und als einer der schönsten Höhenwege Deutschlands gilt. Er ist durchgängig markiert und wird oft in 8 Etappen aufgeteilt.

Glückselig also ist ein Leben, welches mit seiner Natur in Einklang steht

Dieser Satz findet sich im dritten Abschnitt des ersten Kapitels. Er ist so elementar, weil es eben nicht um Patentrezepte oder Kalendersprüche (Boulevard) geht und der Vorwurf der Banalität an sich banal ist. Bei allem, was wir kritisieren, schwingt auch eigene Projektion mit, so dass man sich gerade bei großer Ablehnung fragen muss, weshalb wir uns gerade hier so empören oder abgestoßen fühlen. Zwar ist nicht alles Geschmacksfrage und damit willkürlich, aber pauschal sich hinter der Meinung von Gelehrten oder vermeintlichen Vorbildern zu verstecken bzw. die eigene Ansicht dahin auszurichten, erscheint blödsichtig, im Latein Senecas lusciosus.

Apathia bedeutet eben nicht wie heute durch Apathie pejorativ bestimmt Gleichgültigkeit oder Desinteresse, sondern Gemütsruhe, kritische Distanz, Abstand vor errgentem Affekt bzw. Absenz von Leidenschaft (die ja gemeinhin heute positiv belget ist). Und wenn es heißt „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, so ist die praktische Erfahrung, eine Mischung aus allgemeinem Gesetz und persönlicher Wertfindung, keineswegs eine Floskel, denn auch diese Sentenz betont die Langwierigkeit eines Weges. Das Leben gleicht einem Marathon und keinem Sprint.

Ein anderer Vorwurf betrifft den vermeintlichen Eklektizismus. Seneca habe nichts eigenes zu sagen, sondern diverses Wissen zusammengetragen ähnlich Bienen, die Honig sammeln. Der Stoiker verwendet diesen Vergleich selbst: „Man soll Ideen verschiedener Autoren sammeln und zu eigenem Honig verarbeiten.“ Der Römer ermutigt damit zur Auseinandersetzung mit der gesamten antiken Tradition ohne sie unhinterfragt zu übernehmen. Die Auswahl stellt bereits eine Eigenleistung dar. Sonst wären Montaignes Zitate (Essais) nur redundant und auch Nietzsche kaut vieles wieder, was andere vor ihm dachten wie im Grunde jeder Denker. Etwas bahnbrechend Neues entsteht bei sorgfältiger Betrachtung immer erst aus der Anwendung, Prüfung und Verbesserung von traditionellem Wissen. Seneca sagt „Auch ich habe das Recht auf eine eigene Meinung„. Er hält sich an die Natur.

Foto Bernd Oei: Hermannsweg, Teutoburger Wald. https://www.komoot.com/de-de/collection/204/auf-den-spuren-der-cherusker-wandern-auf-dem-hermannsweg

lebensnahe Ethik

Glücklich ist Natureinklang. Daher bezeiht Seneca wie alle Stoiker die Natur als Ebenbild der Seele ein. Natürlich ist das Gesetz und dies kennt Freiheit, keine Sklaverei.

Gerade weil Seneca lebensnah und damit lebensecht argumentiert mit anschaulichen Beispielen und Gleichnissen erfreut er sich grpo0er Beliebtheit und ist ein angenehmer, zeitloser Ratgeber. Er argumentiert auch nicht dogmatisch oder systemisch, weil keine Ideologie ihn dazu treibt. In meinen Augen gleicht er dem Tal, eingebettet zwischen zwei Hügeln, wohnt in einem Haus für sich nicht in unmittelbarer Nähe zu Nachbarn und bevorzugt Wald, Wiese und See, nicht die Extreme. Montesquieu, der die Mäßigung von Klima, geografischer Lage und politischer Regierungsform zusammen dachte, kommt ihm hier am nächsten.

Montesquieu bezieht sich in „L’Esprit de Lois“ (Der Geist der Gesetze) auf Seneca als „Orakel“ (orakulum), besonders im Kontext der Staatskunst und Moral, indem er ihn als eine beständige Quelle der Weisheit und als Vorbild für eine tugendhafte, vernunftbasierte Lebensführung sieht, die sich auf die stoische Philosophie stützt, um Seelenruhe zu erlangen und sich vom Mitleid abzugrenzen. Er schätzt Senecas Betonung der Großzügigkeit und des Handelns aus Pflicht, auch wenn es unbequem ist, und erkennt die praktische Anwendung seiner philosophischen Rats. Er lernt von der Natur und überträgt ihre Sprache, das Milieu, auf den Geist.

Den gesamten Hörtext liefert https://www.youtube.com/watch?v=a1mgg3_rmGE

Foto Bernd Oei: Hermannsshöhen, Etappe 7. Blick auf Etappenziel Oerlinghausen (214 m) , die erste Gemeinde nach Bielefeld an seinem südlichen Rand (Stadtbezirk Senne). Die zu Lippe gehörige Kreisstadt hat etwa 17 000 Einwohner und damit nicht einmal so viele wie Senne. Die Sparrenburg liegt auf 180 m.

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