Wer die Wahrheit sagt lügt und wer lügt kommt der Wahrheit nahe

Foto Belinda Helmert: Meudon, Auguste Rodin Museum, Atelier, Balzac-Skulptur aus Gips. https://www.museen-boettcherstrasse.de/kunst-erleben/digitales/blog/fenster-nach-paris-zu-besuch-bei-rodin/

Nur wahre Kunst verkörpert Wahrheit

Als der künftige Nobelpreisträger (1947) André Gide in der Rue de Médicis Nr. 19im 6. Arrondissement das Licht der Welt erblickt, liegt das Seconde Empire in den letzten Zügen, die Margarine wird erfunden und das Kabarett Folies Bergère (Die verrückten Schäferinnen) wird gegründet Die Stockholmer Jury begründet den Preis mit unerschrockener Wahrheitsliebe und scharfem psychologischen Blick des .Laureaten

Das 6. Arrondissement du Luxembourg ist geprägt durch seine Park, der unter Cathérine de Medici angelegt wurde, was erklärt, warum sein Geburtshaus (heutige Straßenführung Place Edmond-Rostand Nr. 2) in einer nach ihr benannten Straße liegt. Da Gide gläubiger Christ blieb, sich aber immer gegen die katholische Kirche stellte, ist auch die Église Saint-Sulpice unmittelbar vor seiner Haustür von symbolischer Bedeutung. https://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89glise_Saint-Sulpice_de_Paris Weitere markante Wahrzeichen des Viertels bilden die Pont Neuf, und das Odéon Theater.

Auguste Rodin (1840-1917) hätte der Vater von Gide sein können; er wurde im benachbarten 5. Arrondissement geboren (Rue de l’Arbalète). Beide Bezirke liegen auf der südlichen, linken Flussseite der Seine (Rive Gauche) im Zentrum von Paris. In Rodins Quartier befinden sich heute, der Arc de Triomphe (1806-36) – inzwischen ein Symbol des Friedens und der gefallenen Soldaten – und das Musée d’Orsay. (wie der Tour d’Eiffel für die Weltausstellung 1900 erbaut).

Beide zu Lebzeiten anerkannte Künstler der Moderne schätzten sich; sie verkehrten in denselben gesellschaftlichen Kreisen und besaßen in Rilke einen gemeinsamen Freund. Eine direkte künstlerische Kooperation oder Inspiration ist dagegen nicht bekannt. Gemeinsame Motive waren das Streben nach Individualität, Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen und Bedeutung der Natur für die an der Wirklichkeit orientierten und damit wahrhaftigen Kunst.

Gide verstarb 1951 unweit seiner Wiege im 7. Arrondissement (rue Vannea, Nr. 1) rund um den Eiffelturm (1887-89). Aus seinem letzten, posthum veröffentlichten Werk, der Autobiografie „Ainsi soit-il ou Les jeux sont faits“ stammt der legendäre Satz: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“ ( „So sei es oder Die Würfel sind gefallen“). Im Original „Croyez ceux qui cherchent la vérité, doutez de ceux qui la trouvent.“ (Seite 174). Zwischen seinem Tod und der Geburt Rodins liegt mehr als ein Jahrhundert, in denen viele fest verankerte Wahrheiten ihr Fundament verloren.

Rodins Ansatz, in der Kunst die Wahrheit zu suchen und zu finden, bestand in der Gestaltung der Form (äußere Wahrheit) und des Charakters (innere Wahrheit) Für seine Arbeit prägte er den Satz „„Die Schönheit ist nicht ein Ausgangspunkt, sondern ein Resultat; nur dort ist Schönheit, wo Wahrheit ist“ (entnommen Rodin über Kunst“ (Gespräche aufgezeichnet von Paul Gsell, frz. Original: L’Art, 1911)

Foto Belinda Helmert: Meudon, Eingang zur Werkstatt von Auguste Rodin. Der Vorort liegt etwa 13 km südwestlich von Paris und 18 km östlich von Versailles. Der berühmte Bildhauer von ca, 7000 Figuren benutzte seinerzeit jedoch das Schiff, um auf der Seine von Paris nach Meudon zu fahren.

Einbildungskraft anstelle eines Bildes

1890 veröffentlicht Gide sein erstes Werk Les cahiersd’André Walter, eine fiktive Tagebucherzählung. Er publizierte diese frühe Fassung anonym, erst mit reichlich mehr Selbstbewusstsein ausgestattet und in einer stark veränderten Version 1930 erscheinen sie unter seinem Namen. Stofflich handelt es sich um eine Verarbeitung Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ mit einer unglücklichen Liebe und Suizid des romantisch veranlagten Schriftstellers. sowie den krankheitsbedingten Tod der Geliebten, die Musikerin ist. Vergleichbar mit Rilkes einziger (Tagebuch)Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ orientiert sich an Gide und er las ihn im Hause Rodins. Viele literarische Größen, Valéry, Materlinck und Mallarmé äußerten sich entzückt von Gides Premiere und ordneten es dem Symbolismus zu. Schon Goethe bezeichnete Romantik als Symptom der Krankheit Dekadenz und Melancholie.

Gide und Rodin bewunderten Balzac als einen der wenigen wahren Romanciers, der die französische Gesellschaft in seiner Comédie humaine in all ihren Facetten erfassen und darstellen konnte, insbesondere dessen psychologische Schärfe und Detailfülle, die nie schablonenhafte Charaktere oder Typen schuf. Allerdings distanzierte sich Gide von der Länge und dem auktorialen Stil, die ihm nicht mehr mit der schnellebigen Moderne seiner Zeit vereinbar erschienen. Seine eigene Prosa trägt mehr den Charakter des Kurzromans bzw. der Novelle.

So lesen sich Gides eigene Werke u.a. „Die Falschmünzer “ ( Les Faux-Monnayeurs, 1925), als Antwort auf Balzacs Realismus (réalisme nouveau). Der Autor ersetzt dabei das konkret-realistische Milieu wie die Pension Vauquer durch abstraktere Kulisse oder ersetzt den tonangebenden Adel durch das an die Macht gekommene Großbürgertum. Schauplatz ist Paris mit diversen Orten, die ebenso skizzenhaft erscheinen wie die Handlung fragmentarisch.

Balzac beschreibt das Geld als Schmiermittel der Gesellschaft und wichtigste soziologische Determinante. Demzufolge setzt sich Gide nicht m Titel mit diesem Motiv auseinander. Im Zentrum steht eine Gruppe junger Pariser Gymnasiasten, die nach Sinn, Kunst und Erotik suchen, dabei aber in ein Netz aus Täuschungen, Heuchelei und einer echten Falschgeld-Affäre geraten. https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/die-falschmuenzer/6175

Ganz im Gegensatz zu Balzac, der ein sehr authentisches Bild der Gesellschaft und ihrer Repräsentanten hinwirft, stellt Gide die Identität seiner Protagonisten in Frage: So will Edouard selbst einen Roman „Die Falschmünzer“ schreiben und ändert dies bzw. montiert wirkliche Erlebnisse mit erfundenen und integriert ein Tagebuch mit ästhetischen Kommentaren über seine Erzählweise. So rückt die Art des Berichtes und seine Glaubwürdigkeit in den Fokus und lässt die Handlung nebensächlich erscheinen. In den 33 Kapitel geht hauptsächlich um einen Roman über einen Roman bzw. der Herangehensweise, Glaubwürdigkeit mittels fiktiver Kniffe zu erzeugen..Daher bezieht sich der Titel auch auf trompe d’oeil, die Täuschung der Ästhetik, um Effekte der Natur/Wirklichkeit zu imitieren. Insofern kann man Gide als Anti-Balzac und die neue Moderne als eine Anti-Moderne bezeichnen.

Balzac war für seine geniale Einbildungskraft berühmt, so dass er zuletzt seine Figuren für echt hielt und nach einem Arzt rief, den er selbst erfunden hatte. Ganz im Gegensatz dazu lässt Gide in „Die Falaschmünzer“ Edouard im 3. Kapitel resümieren: „Der Romancier vertraut gewöhnlich viel zu wenig auf die Einbildungskraft des Lesers.“ (Le romancier compte d’ordinaire beaucoup trop peu sur l’imagination du lecteur.) Volltext: https://projekt-gutenberg.org/authors/andre-gide/books/die-falschmuenzer/chapter/3/

Foto Belinda Helmert: Balzacs Fuß des Bildhauers Rodins. Eine von 50 Groß-Entwürfen (Gipsmodellen) seiner finalen Skulptur in Bronze. Dieser Guss wurde aber erst 1939 posthum angefertigt; zu Lebzeiten blieb es bei (abgelehnten) Gipsentwürfen.. Das Detail zeigt das Originalmodell von 1898.

Wenn Wahrheit sterben muss

Rodins Blick auf Honoré de Balzac, der zehn Jahre nach seiner Geburt verstarb, war revolutionär. Statt einer historisch getreuen Abbildung schuf er ein Denkmal der schöpferischen Urgewalt und des Geistes Seine radikale Interpretation in Form eines massigen, in eine weite Kutte gehüllten Körpers mit dem in die Ferne gerichteten Kopf stieß damals jedoch auf schwere Ablehnung seiner Auftraggeber, die Société des Gens de Lettres unter der Ägide Zolas.

Für sein berühmtes Balzac-Denkmal (1898) betrieb Auguste Rodin sieben Jahre lang intensive, teils obsessive Recherchen. Er las Balzacs Werke, Korrespondenzen und reiste mehrfach in die Touraine, der Heimat des Dichters, um Zeitzeugen zu befragen und sogar den Schneider des Schriftstellers aufzusuchen. Da eine monumentale Statue aus Bronze extrem aufwendig ist, blieb es zu Lebzeiten Rodins bei Gipsmodellen. Kleinere Bronzefiguren existieren jedoch. https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/studie-zu-balzac

Über sein Modell, das Rodin akribisch studierte – er unternahm mehrere ausgedehnte Forschungsstudien in die Heimat Balzacs, die Touraine rund um Tours – schrieb er: „„Wenn die Wahrheit sterben muss, dann wird mein Balzac von zukünftigen Generationen in Stücke geschlagen. Wenn die Wahrheit aber unvergänglich ist, dann sage ich voraus, dass meine Statue ihren Weg machen wird. […] das ist das Kernstück meines Lebens, der Dreh- und Angelpunkt meiner Ästhetik.“

In Rodins Atelier standen – anders als heute – nur etwa 6 Modelle des Schriftstellers. Alle anderen wurden/werden in Archiven aufbewahrt und konserviert. Rodin lebte während der Arbeit in der Rue des Grands Augustins in Paris – genau der Straße, in der Balzac seine berühmte Erzählung „Le chef d’oeuvre inconnu“ (Das unbekannte Meisterwerk ansiedelte. Im so genannten Meisterwerk des Malers Frenius ist auch nur der Fuß seines Modells klar zu erkennen; alles andere durch Farbe übertüncht bzw. abstrakte Malerei. Rodin vertrat die Überzeugung, dass wahre Kunst nichts verhüllt, sondern noch mehr zeigt als die Natur es vermag. https://sulamay.de/kunstgalerie/rodin-i/

Um den massigen Körperbau des Autors einzufangen, nutzte Rodin Balzacs charakteristische Mönchskutte, die er in Gips tränkte und über ein Gestell drapierte. Er führt folglich symbolisches Detail und für das Material nützlicher Pragmatismus zusammen. Das fertige Modell sorgte 1898 für einen der größten Skandale in der Kunstgeschichte und wurde zunächst abgelehnt, gilt heute aber als Meisterwerk.

Foto Belinda Helmert: Galerie der Balzac-Skulpturen in Rodins großem Atelier, Teil des Museums in Meudon

Die Macht der Bärte

Vier Jahre L’École des femmes (‚Die Schule der Frauen‘) schrieb Gide einen weiteren, auf die Gegenwart bezogenen Kurzroman, der im Gegensatz zu Balzacs zeitversetzter Vergangenheitsschau des Napoleonischen Zeitalters steht. In der dreiteiligen Prosa, die einsetzt am 1. August 1928 mit dem Satz „Nach vielfachen Bedenken entschließe ich mich ….“ berichtet der Erzähler aus drei Perspektiven, die durch Briefe und Tagesbuchaufzeichnungen als authentisch fingiert werden. Im ersten Teil schildert Ehefrau Evéline ihre schwindende Liebe zu dem autoritären Gatten Robert. Der zweite Teil widmet sich dessen Sichtweise, der dritte jene der gemeinsamen Tochter Geneviève. Die Erzählungen enden jeweils mit dem Tod Evélines durch eine Infektionskrankheit.

Gide lehnt sich durch seinen Titel ganz offensichtlich explizit an Molières Komödie an, gleichwohl auch die Comédie Huimaine von Balzac als Stichwortgeber taugt. In Molières 1623 uraurgeführtem Fünfakter geht es um Machtstrukturen, Manipulation und gesellschaftliche Rollenbilder. Dabei steht am Anfang die Hypothese, nur dumme Frauen könnten treu sein und dementsprechend müsse der Mann, um sich der Loyalität seines Weibes zu versichern, diese von jeder Bildung fernhalten. Der Erziehungsplan muss scheitern und die angedachte Verlobte verliebt sich nicht nur in einen jüngeren, attraktiveren Mann, sondern findet auch Mittel und Wege trotz ihrer Bildungsarmut, ihren snobistischen Oheim zu hintergehen und ihr Glück zu schmieden.

Die kolportierte Handlung spielt allerdings zeitversetzt vom 7. Oktober bis zum 23. November 1894. Die Trilogie gilt als ein Plädoyer gegen die Unterdrückung der Frau in der bürgerlichen Ehe und regt dazu an, den Schein der gesellschaftlichen Fassade zu durchschauen sowie für persönliche Freiheit einzutreten. Zudem erweist sich die Doppelmoral beider Ehepartner als Liebestöter. Ein Beispiel für die Scheinheiligkeit liefert Gides Nachwort: zum Romans „Die am meisten reden sind nicht immer die, die handeln.“ Er wendet sich damit auch konkret gegen die Institution der katholischen Kirche, in der Wort und Tat meist divergieren. Dies gilt erst recht in persona Roberts, der unterschlägt, sich an der Front als feige erweist und eine Kriegslegende erfindet und der seine Frau unterdrückt. Dies alles führt dazu, dass Evéline freiwillig im Soldatenlazarett arbeitet, wobei sie sich mit einem tödlichen Virus infiziert.

Robert erweist sich als Pendant zu Molières Chauvinisten Arnolphe. „Die Schule der Frauen“ erweist sich folglich wie „Die Hefte des André Walter“ als intertextueller Dialog, als Referenz auf eine andere Epoche mit Blick auf Veränderung und Stereotypen. So sagt der Patriarch in der Komödie selbstgefällig : „Abhängigkeit ist das Los der Frauen; Macht ist, wo die Bärte sind.“ Molièrs Stück ist als Hörspiel eingestellt auf https://www.youtube.com/watch?v=g7JABnLNB6U.

Geneviève erinnert an Agnès, wengleich sie durchaus mit Bildung aufwächst. Ihre Ablehnung aller bürgerlichen Konventionen geht so weit, dass sie sich ein Kind wünscht, ohne jedoch heiraten zu wollen, ein Sakrileg in jenen Zeiten. In beiden Fällen spielt die Emanzipation sowohl eine konkrete als auch eine auf die Aufklärung übertragbare Schlüsselrolle. https://literaturzeitschrift.de/book-review/die-schule-der-frauen/ Eine weitere Zusammenfassung mit anderer Gewichtung liefert https://tausendléxi.de/die-schule-der-frauen-von-andre-gide

Foto Belinda Helmert: Balzac-Skulptur, Rodin, Detail

Rodin, sicherlich der Prototyp eines maskulinen Willensmenschen, wird häufig nachgesagt, er habe Frauen manipuliert und dominiert. Exemplarisch ist hier seine elfjährige Beziehung mit Camille Claudel, die 1893 endete. Sie war nicht nur seine Muse und Aktmodell, sondern um ihre Eigenständigkeit erfolgreich kämpfende Bildhauerin, der es nicht genügte, nur als Assistentin oder Schülerin Rodins zu gelten. Nach zwischenzeitlichem Erfolg verlor sie sich jedoch an und in den Wahnsinn (30 Jahre Nervenklinik). Ihr Leben wurde mehrfach verfilmt, als Theaterstück oder als Roman verarbeitet. Fakt ist, dass sie es schwer hatte im Schatten eines so großen Künstlers und ferner in einer Zeit, die noch nicht bereit war für weibliche Künstlerinnen. Eine Doku dazu ist eingestellt auf Arte: https://www.youtube.com/watch?v=gcZHtYGKcjY Vor allem schenkte Camille Rodin eine bisher unbekannte Sinnlichkeit.

Die Grenzen zwischen künstlerischem Egoismus, stark ausgeprägter Dominanz und Patriarchat sind gewiss fließend. Rodin aber mit einem Tyrannen gleichzustellen ist unstatthaft. Eheliche und außereheliche Untreue des Mannes fanden meist allgemeine Anerkennung, die der Frau nicht. Auch Balzac hatte, nachdem er durch die Schule reifer Frauen gegangen war, einen Napoleonkomplex und hielt es für seine Pflicht, die Frau zu dominieren. Aus ständigem Geldmangel war ihm dies schlicht nicht möglich. Zuletzt kämpfte auch Gide mit seiner Rolle, da er als Homosexueller zunächst in eine Scheinehe mit seiner Cousine flüchtete, die ihm einen Deckmantel für seine eigentlichen Neigungen gab. Erst in der Prosalyrik Les nourritures terrestres (Uns nährt die Erde“) gelang ein erster Schritt zur Befreiung, da er in diesem Werk jegliche Unterwerfung unter gesellschaftliche Normen zurückweist und das Streben nach Sinnenlust, Genuss und Lebensglück verherrlicht.Dabei nahm er Bezug auf Gide die antike Päderastie (paiderastía,) an, die er als reinste Form der Ästhetik betrachtet.

Diese frühe hedonistische Phase führte er konsequent fort in seinem ersten Welterfolg L’Immoraliste 1902. Autobiografische Züge sind darin unverkennbar, begonnen mit der Vernunftehe der Cousins Michel und Marceline, der platonischen Liebe zwischen ihnen, die kurzzeitig sogar in Leidenschaft umgschlägt, bis er dem Abenteuerleben in Nordafrika unterliegt und ohne Gewissensbisse seiner inneren Stimme (Neigung) folgt. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Immoralist Freiheit oder Selbstfindung und Moral bzw. Rücksicht auf bestehende Verhältnisse finden keine Balance.

Symbolisch auch hier ist das Klima: Afrika steht nicht nur für hohe Temperaturen, sondern auch ungezügelte Leidenschaft und Lebenslust. So erkrankt Michel lebensgefährlich in Paris nach seiner Rückkehr von seinem ersten Besuch in Algerien und Marceline stirbt in diesem Land, als sie ihren Mann dahin folgt. Der kranke Intellektuelle blüht in Algerien auf und wandelt sich zum Instinkt- als auch Triebmenschen. Der Preis seiner Freiheit ist die Unfreiheit seiner Frau.

Ein Schlüsselsatz des kurzen Romans lautet „„Sich zu befreien ist nichts; das Schwerste ist, zu wissen, was man mit seiner Freiheit anfängt.“(Erster Teil) Im Original:„Savoir se libérer n’est rien ; l’ardu, c’est savoir être libre.“ Das gesamte Werke ist abrufbar auf https://projekt-gutenberg.org/authors/andre-gide/books/der-immoralist/ Das Buch schockierte 1897 das konservative französische Publikum durch seine moralischen Grenzüberschreitungen.

Um auf Rodin zurückzukommen: auch seine Kunst, die Abkehr von idealisierten, glatten Formen hin zu einem radikalen Realismus und unkonventionellen Konzepten löste heftige Skandale aus., nicht allerdings sein Privatleben. https://www.deutschlandfunk.de/rodin-vor-100-jahren-gestorben-bildhauer-star-einer-epoche-100.html Zudem leistete er sich seine Kontroversen zu einem Zeitpunkt., als er etabliert war, wohingegen Gide bereits noch als relativ unbekannter Autor sich konträr zu den Erwartungen verhielt.

Foto Belinda Helmert: Meudon, Rodin-Museum mit Ausblick auf die tiefer gelegene Stadt Rechts die Werkstatt, links die Skulptur „Der Denker“ (1902), symbolisches Grab Rodins, dessen Leiche allerdings im Pantheon aufgebahrt ist. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Denker

Ein schlechtes Gewissen erwürgt oder verkauft man

Gides Werk kennt zwar keine Brüche, aber Phasen. So beginnt er mit Symbolismus, wandelt sich spätestens mit der „Immoralist“ zum Moral- und Gesellschaftskritiker (unter starkem Einfluss Nietzsches) , um anschließend den modernen Roman zu gestalten, der häufig mit Ironie und Fragmenten/Montagen/ Reminiszenz an klassische Literatur aufwartet. Als Wendepunkt gilt auch 1911, der Roman n „Corydon“, das mehr noch als „Der Immoralist“ als klares Bekenntnis und Apologie seiner Homosexualität gilt. Er richtet darin die Anklage auf den Staat; es erfolgte jedoch keine Zensur. Es entstand erstens anonym und nur Insider wussten, dass es von Gide stammte und zweitens in einem Privatdruck von 12 Exemplaren. Noch 13 Jahre später wurde es lediglich mit 5.500 Exemplar, diesmal jedoch unter Angabe des Autoren, publiziert. Bis heute ist es ein relativ wenig beachtetes Werk Gides geblieben. Drittens zieht sich der Autor wiederholt auf die klassische Antike (sokratische Gespräche) zurück. Das Strafrecht gegen Päderastie wurde erst 1982 aufgehoben.

Die Ehe wurde nie geschieden, auch wenn die Partner längst getrennt voneinander lebten. Die vierte Phase setzte weit nach dem Ersten Weltkrieg und mit seinem Weltruhm ein. Beispielsweise hielt Gide seine Homosexualität durchaus lange geheim und lebte sie in Algerien aus; erst nach der räumlichen Trennung auch in Paris. Erst Mitte der Zwanziger Jahre kann man von einer Spätphase sprechen, die von psychologischem Realismus geprägt ist. Exemplarisch dafür sind die bereits erwähnten „Schule der Frauen“ und „Die Falschmünster“

Summa summarum durchlief Gide vier Stzrömungen in seinem literarischen Wirken. Ein Werk aus der Frühphase erscheint als Selbstbildnis: “ Le Prométhée mal enchaîné“ (1899). Zu hören in der Audiothek des SWR https://archive.org/details/swr_hsp_klassiker/derschlechtgefesselteprometheus.mp3 und in Übersetzung von Franz Blei zu lesen auf https://projekt-gutenberg.org/authors/andre-gide/books/der-schlechtgefesselte-prometheus/

Prometheus – nicht zufällig eine Anspielung auf den griechischen Mythos – verkehrt in Paris von heute und befreit sich auf der Suche nach seiner Persönlichkeit von seinem Schicksal. Daher kann man die Parabel mit philosophischen Anleihen als eine Rebellion gegen Kirche und Staat (Autorität im Allgemeinen) interpretieren, in jedem Fall aber einem Kampf um innere Freiheit und „autochthone Tat„. Skurile, groteske und sogar absurde Elemente finden sich darin ebenso wie eine gewisse Rationalität, die in der Analyse und dem plot selbst besteht. Die Ironie besteht darin, dass Prometheus gar nicht offen gegen Normen aufbegehrt Sein Adler steht für Sorgen, denn er muss ihn pflegen und füttern. „Das soll ein Adler sein? Der zerzauste Vogel ist doch höchstens ein schlechtes Gewissen“– Man gibt den Adler an der Garderobe auf, verkauft ihn oder man erwürgt ihn, wie die Pariser Prometheus anraten.

Auch Damokles (in Gides Parabel fühlt er sich seines Reichtums schuldig) und Kokles (bei Gide der pragmatische Kapitalist) verhalten sich entgegen ihrer mythischen Namen https://de.wikipedia.org/wiki/Der_schlechtgefesselte_Prometheus

Um nur ein Beispiel zu nennen aus der Verkettung von Bösem, das sich zu Gutem wendet (der Segen der schlechten Tat): Prometheus überredet den bis dahin blinden Kokles dazu, ihm eine Ohrfeige zu geben, wodurch dieser plötzlich auf einem Auge sehen kann. Der tragische Held wird am Ende Streichholzfabrikant ohne Lizenz. Der heruntergekommene Adler , dem Prometheus freiwillig von seiner Leber ernährt, erhält prachtvoll herausgeputzt Auftritte im Revuetheater. Aus Mitleid entführt ihn der Adler ihn schließlich aus Paris. Es ist daher primär eine Parodie mit der Pointe: „Man muss seinen Adler lieben; lieben, damit er schön wird; denn weil er schön sein wird, darum sollen Sie Ihren Adler lieben“, In der Geschichte geht es sinnbildlich darum, dass man sich mit den Dingen, die einem das Leben auferlegt, versöhnen und anfreunden sollte, um sie zu meistern.

Auch Rodin durchlief Phasen, die gemeinhin Realismus, Symbolismus, Monumentalismus, Impressionismus und Fragmentarismus (Vorliebe für Torsi) genannt werden.

Foto Belinda Helmert: Park, Hecke und Baumbestand im Rodin Museum, Meudon

Die Beschreibung des eigenen Lebens bleibt Fiktion

Rodin vollendete Balzac für die Literarische Gesellschaft ,1898, doch durch deren Ablehnung steht die monumentale Skulptur vseit 1899 unter unter freiem Himmel in Meudon, wo sie den Naturkräften samt Verrwitterung ausgesetzt bleibt.

Rodin vollendete Balzac für die Literarische Gesellschaft 1898; da sie Zurückweisung erfuhr steht die monumentale Skulptur von Honoré de Balzac,seit 1899 unter freiem Himmel in Meudon und sieht sich dort den Naturkräften samt Verrwitterung ausgesetzt. Wie es dem Schriftsteller nicht vergönnt war, sein epochales Lebenswerk abzuschließen, so blieb auch Rodins selbst erklärtes Hauptwerk, das Höllentor, unvollendet. DAs als erotisches Panoptikum bezcihete Werk ist in einem Video zu sehen.https://www.srf.ch/play/tv/kulturplatz/video/erotisches-panoptikum–das-hoellentor-ist-rodins-unvollendetes-hauptwerk?urn=urn:srf:video:2f22c6a1-4c6c-4604-b1f4-5d7101d705ed

La porte de l’enfer war ein staatlicher Auftrag für die Gestaltung eines Portals in der Kunstgewerbeschule. Die Aussage für Rodin ist mit der des Prometheus identisch: Wir müssen das Leben lieben, weil es keine Alternative dazu gibt. https://www.deutschlandfunk.de/der-bildhauer-auguste-rodin-und-sein-hoellentor-wir-muessen-100.html. Eines der wenigen Originale (Guss) befindet sich im Skulpturengarten des Musée Rodin in Paris. Ein weiterer berühmter Abguss steht seit 1949 im Eingangsbereich des Kunsthauses Zürich.

Auch Gides ironische, teilweise auch sardonische Novelle „Les Caves du Vatican“ – Die Verliese des Vatikans, 1914 galt zumindest dem Autor als unvollendet. Er führt damit den „Acte gratuit“ vor, Er beschreibt den Zufallsmord oder generell jede an sich interesselose (zumindes motivlose) Handlung ohne Nutzen und ohne Leidenschaft, quasi ein Anti-Sade. Der Drang, eine Tat rein um der Tat Willen zu begehen, entspringt dem Bedürfnis, absolute individuelle Freiheit auszudrücken. Gide sah darin einen Weg, sich von gesellschaftlichen Normen, Moralvorstellungen und logischen Denkmustern zu befreie

Die Orte wechseln beständig Paris, Pau, Mailand, Rom und Neapel. Zwischen diesen Orten bewegen sich die handelnden Personen mit der Eisenbahn, in der sich auch der zentrale Mord ereignet. Hier stößt einer der Protagonisten namens Lafcadio einen Unbekannten aus dem Zug; er will damit nur seine persönliche Freiheit beweisen, ein Sujet, das auch Dürrenmatt mehrfach in seinen nihilistischen Schurken aufgreift.

Neben der grundlosen Tat , die im Mord ohne Motiv kulminiert, dekonstruiert Gieds Fabel bzw. Groteske, in komödiantischer Form ie Heuchelei der Gesellschaft und die Absurdität blinden Glaubens. Die Intrige besteht darin, dass eine Bande Krimineller die Leichtgläubigkeit reicher Katholiken ausnutzt, indem sie das Gerücht verbreitet, Papst Leo XIII. sei von Freimaurern in den Kerkern des Vatikans gefangen gehalten worden, wodurch sie Spendengelder für seine Befreiung erpressen Eine Inhaltsangabe liefert https://love-books-review.com/de/die-verliese-des-vatikans/

Der Roman ist in fünf Teile untergliedert, die jeweils einen anderen Protagonisten ( in den Mittelpunkt stellen, womit eine Form des Perspektivismus entsteht. Buch 1 kreist um den rationalistischen Atheisten Anthimos , Buch 2 um den ambitionierten Literaten Julius, Buch 3 um den naiven Katholiken Amédée, Buch 4 um den Führer der Betrügerbande Protos und Buch 5 um Ein signifikantes Zitat lautet „Niemand kann sagen, wie viel Schlechtes in den Besten von uns steckt und wie viel Gutes in den Schlechtesten.“ (drittes Kapitel, (Amédée).)Es drückt die menschliche Komplexität aus und besagt, dass Gut und Böse oft nah beieinanderliegen und in jedem Menschen Anteile von beidem stecken.

Das Ende ist offen. Der Schwindel um den gefangenen Papst fliegt auf, doch ob die Täter gefasst werden, weiß man nicht. Der Verbrecher ohne Motiv bereut und gesteht der Polizei seine Tat, die ihm nicht glaubt, woraufhin der Mörder wieder einen Sinn im Leben findet.

Was Rodin, Balzac und Gide letztlich verbindet ist die fiktive Wahrheit bzw. die Suche nach einer4 Wahrheit hinter der Fiktion. Um es mit Gide zu sagen: „So sehr man sich auch um die Wahrheit bemühe, die Beschreibung des eigenen Lebens bleibt immer Fiktion.“ (Quelle, DER SPIEGEL (Ausgabe 18/2011),

Foto Malte Godglück: Meudon, Park, Der große und der kleine Künstler, Honoré de Balzac, im Freien verwittert und der Casquette-Träger Bernd Oei

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