Nur im Irrenhaus sind wir noch frei

Foto Belinda Helmert: Paris, Alte Französische Nationalbibliothek (Gründung im 14. Jahrhundert), ovaler Lesesaal (öffentlich jederzeit zugänglich) mit den weltweit meisten Handschriften und mittelaltertlicher bzw. antiker Literatur. Architekt Jean-Louis Pascal. https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Lichtung-4000344.html

Katastrophen sind menschlich

Der im Berner Umland 1921 geborene Friedrich Dürrenmatt unternahm zahlreiche Reisen nach Paris und seine Werke wurden dort gefeiert. Besonders bedeutend ist die französische Erstaufführung von „Der Besuch der alten Dame im Jahr 1957, die den internationalen Durchbruch des Schweizer Autors begründete. Auch seine frühe Komödie „Es steht geschrieben“ (als Les Fous de Dieu) lief in Paris. Die Aufführungen erfolgten dabei im Théâtre de l’Athénée (Théâtre Louis-Jouvet) sowie im Théâtre des Célestins https://www.music-opera.com/de/buhnen/paris-athenee-theatre-louis-jouvet.html und https://fr.wikipedia.org/wiki/Th%C3%A9%C3%A2tre_des_C%C3%A9lestins. Ein Jahr vor seinem Umzug nach Neuchâtel (1952-1990) besuchte er erstmals die Metropole an der Seine . Beim zweiten Aufenthalt anlässlich seiner Premiere „La visiste de la vieille Dame“ lernte er Eugène Ionesco kennen – der Beginn einer intensiven Dramatiker-Freundschaft und künstlerischen Kooperation. https://www.journal21.ch/artikel/treffen-wort-und-bild. Dürrenmatt lebte ausschließlich in diversen Pariser Hotels.

Dürrenmatt studierte Philosophie in Bern und schloss dies nach Kriegsende ab. Als wichtigsten philosophische Einflüsse auf sein apokalyptisch anmutendes und zur Groteske neigendes Werk nannte er selbst Kierkegaard (begonnenen Promotion) von Camus und Sartre, somit drei höchst unterschiedliche, wenn nicht unvereinbare Vertreter des Existentialismus. Letztgenannte waren entscheidend für seine Wahl, sich gegen die akademische Laufbahn und für den Beruf des freien Schriftstellers (Künstlers). Kurzabriss: https://www.planet-schule.de/schwerpunkt/autoren-erzaehlen/friedrich-duerrenmatt-hintergrund-100.html.

Insgesamt verfasste Dürrenmatt 23 Dramen, in denen menschliche Schwächen zu Katastrophen, Chaos und Hinterfragung von Sinn führen. Pointiert: „Der Mensch lernt in der Katastrophe menschlich zu leben, was er im Frieden nicht kann“. Damit ist der Pessimismus des Schweizer Literaten umrissen. Der Aphorismus ist einem späten Interview entlehnt. https://www.belletristik-couch.de/magazin/hintergruende-essays/friedrich-duerrenmatt/

Foto Belinda Helmert: Dachkonstruktion des öffentlich jederzeit zugänglichen zweiten Lesesaals der alten Französischen Nationalbibliothek. Architekt Jean Louis Pascal 1916-36. https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Louis_Pascal

Es gibt keinen zufälligen Zufall

Ein Eckpunkt in Dürrenmatts Werk ist die Rolle des Zufalls bzw. des Unvorhersehbaren. Für Kierkegard ist der Zufall keine bloße Laune der Natur. Er versteht ihn als die „Begegnung von Freiheit und Notwendigkeit“ – als jenen Moment, in dem die scheinbar starre äußere Welt (Notwendigkeit) aufbricht und der Mensch vor die radikale Entscheidung (Freiheit) gestellt wird. Nachzulesen ist dies in „Der Begriff Angst“ (1844) sowie in „Die Krankheit zum Tode“ (1849). Im Kapitel über die Angst bei den Heiden beschreibt er das Schicksal als eine fatale Einheit der beiden Gegensätze:: „Das Schicksal ist die Einheit von Zufall und Notwendigkeit: Es ist blind (das ist das Zufällige), schreitet aber dennoch planmäßig voran (das ist das Notwendige). Kierkegaard sieht die Angst als den Schwindel der Freiheit, die sich in die Möglichkeit von allem Möglichen stürzen will, sich aber im Nichts verliert. Der Mensch ist zur Freiheit bestimmt, doch in der Unwissenheit und im Heidentum wird diese Spannung als drückendes Schicksal (Notwendigkeit gepaart mit unberechenbarem Zufall) erlebt. Der Däne sieht die Angst als den Schwindel der Freiheit, die sich in die Möglichkeit von allem Möglichen stürzen will, sich aber im Nichts verliert.

In „Die Krankheit zum Tode“ thematisiert der Däne, was passiert, wenn die Notwendigkeit und wenn die Freiheit zur Gänze fehlen. Ein Mensch, der die Notwendigkeit verliert, verliert seinen Boden. Er träumt sich in unendliche Möglichkeiten, in denen der Zufall regiert. Er verzweifelt daran, dass nichts mehr feststeht und er seine Möglichkeiten nicht in die Realität umsetzen kann. Ein Mensch, der im Gegenzug die Möglichkeit verliert, verliert damit auch seine Freiheit. Sein Leben wird starr, er unterwirft sich rein dem Schicksal, der Notwendigkeit, der Banalität oder den äußeren Umständen. Er sieht keinen Ausweg mehr.Der wahre, gläubige Mensch ist für Kierkegaard derjenige, der sowohl Notwendigkeit als auch Möglichkeit in sich ausbalanciert. Für ihn hebt sich jeder Zufall auf, da alles letztlich in der göttlichen Vorsehung (Notwendigkeit) aufgehoben ist, und im Glauben wird jede deterministische Enge (Mangel an Möglichkeit) durchbrochen.

Obgleich oder gerade weil Dürrenmatt (wie Sartre) sich als Atheist begriff und Kierkegaard bei aller Religions- uind Kirchenkritik der überzeugte Christ blieb, orientierte sich der Schweizer Dramatiker an der Existenzphilosophie des Kopenhagners. https://www.journal21.ch/artikel/der-sokrates-von-kopenhagen Jeder musste seiner Auffassung nach glauben dürfen, wenn er es kann und christliche Motive spielen in Dürrenmatts Werke eine bedeutende Rolle. Man möchte meinen, der Zufall habe ihn keinen Christ werden lassen, sondern den übernommenen Zweifel Kierkegaards habe bei ihm zu einer anderen Lösung geführt. Dazu gehört das Prinzip Verantwortung: Der Mensch muss sich selbst erlösen und Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Da das Leben nicht planbar ist, spielt der Zufall eine Schlüsselrolle, ein Leitmotiv in seinem Werk, sowohl Prosa als auch Drama.

In „Das Versprechen“ ( ca.160 Seiten): Der Zufall bestimmt hier den kompletten Ausgang. Eigentlich sollte ein Autounfall in der Nähe eines kleinen Dorfes den Täter zufällig entlarven. Ein unvorhergesehener Reifenplatzer und eine Planänderung des Mörders lassen den genialen Plan jedoch scheitern und treiben den Ermittler in den Wahnsinn (nicht im Film, aber im Roman). https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-versprechen/4860. Zu hören ist es auf https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/das-versprechen/4860 Zugleich thematisiert Dürrenmatt darin die Grenzen des Erlaubten innerhalb polizeilicher Ermittlungen, so dass die Grenzen von rationalem Kalkül und unverantwortlich Handlungen verschwimmen.

Foto Belinda Helmert: Lesesaal der alten französischen Nationalbibliothek. https://www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Lichtung-4000344.html

Büßen für das Nichtbegangene

In „Der Richter und sein Henker“ (ca, 130 Seiten) führt Kommissär Bärlach mit seinem Gegenspieler, der kriminelle Nihilist Gastmann, einen Disput über die Macht des Zufalls. Bärlach nutzt den Zufall als Kalkül und Werkzeug, um den eigentlich unantastbaren Verbrecher Gastmann durch dessen eigene Handlanger und eine Verkettung unglücklicher Umstände überführen zu lassen. Da Bärlach Gastmann den Mord an dem Polizisten Schmied nicht nachweisen kann, manipuliert er seinen eigenen Kollegen Tschanz. Dieser wird so zum „Henker“, der Gastmann aufsucht und erschießt. Hier thematisiert Dürrenmatt zugleich die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Selbstjustiz bzw. die Grenzen zwischen Legalität und Legitimität. Dies kulminiert in Bärlachs Drohung an Gastmann: „„Es ist mir nicht gelungen, dich der Verbrechen zu überführen, die du begangen hast, nun werde ich dich eben dessen überführen, die du nicht begangen hast.“

Der unberechenbare Faktor: Kommissar Bärlach glaubt an Kausalität und Gerechtigkeit. Doch da er todkrank ist, kann er den Fall nicht auf normalem Wege lösen. Er muss den Zufall manipulieren und nutzt das Schicksal als gezieltes Werkzeug, um Gastmann mit dessen eigener Waffe zu schlagen. Dabei nimmt er in Kauf, dass der Mörder für eine anderen Mord büßen muss und der Täter an Gastmann Tschanz letztlich Suizid begeht. Eine Zusammenfassung liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/der-richter-und-sein-henker/4859, eine Interpretation https://www.youtube.com/watch?v=zRJJ2utU1zA und eine Playmobil-Version https://sommers-weltliteratur.de/videos/der-richter-und-sein-henker-von-friedrich-duerrenmatt/

Foto Belinda Helmert: Paris, Nationalbibliothek, zweiter ovaler Lesesaal, in der u.a. die stets anwachsende Gesamtausgaben der Pléiade zu sehen sind.

Die Welt als Irrenhaus

Neben den beiden Prosastücken spielt der Zufall als das Unvorhersehbare auch eine Rolle in den Dramen Dürrenmatts. Erstes Beispiel liefern „Die Physiker“I; hier treibt der Zufall ein böses Spiel. Die geniale, aber brandgefährliche Weltformel der Hauptfigur Möbius wird durch den Zufall zerstört Ausgerechnet eine größenwahnsinnige Irrenärztin hat die Aufzeichnungen von Möbius heimlich kopiert, um so die Weltherrschaft an sich zu reißen, so dass die Bemühungen der drei Physiker, das gefährliche Wissen geheim zu halten, sinnlos Opfer bleiben. Der Versuch, die Menschheit durch vorgetäuschten Wahnsinn in der Nervenheilanstalt zu schützen, muss in einer Welt, in der Irrsinn regiert, notwendigerweise scheitern, da die Machthaber der Gesellschaft selbst irre sind.

Möbius stößt durch puren Zufall auf die Weltformel, wie viele andere Forscher und Naturwissenschaftler auch. Dürrenmatt hatte auch Naturwissenschaft studiert und wusste, wovon er schrieb. Seiner Damentheorie zufolge muss eine Geschichte immer die schlimmstmögliche Wendung nehmen, so dass der Zufall für den absoluten Kontrollverlust der von Vernunft gesteuerten Physiker (Gefangene) verantwortlich ist und sämtliche Rationalität scheitert. Zweck der Parabel ist zu zeigen, dass der wissenschaftliche Fortschritt und dessen Folgen von der Gesellschaft nicht mehr kontrolliert werden können. Poinitert: „„Je planmässiger Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.“ (Dürrenmatt, „21 Punkte zu den Physikern“, Punkt 8) https://buehnenbern.ch/site/assets/files/17614/materialmappe_die_physiker_docx.pdf

„Entweder wie bleiben im Irrenhaus oder die Welt wird eines.“ (‚Die Physiker, 2. Akt,) Es geht folglich um die ethische Verantwortung der Wissenschaft und die Frage, ob Forschung im Angesicht zerstörerischer Macht geheim gehalten werden muss. t: Es geht um die ethische Verantwortung der Wissenschaft und die Frage, ob Forschung im Angesicht zerstörerischer Macht geheim gehalten werden muss (18. Punkt der 21 Punkte u den Physikern). Der Zufall trifft Rationalisten dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: das, was sie befürchteten, was sie zu vermeiden suchten.

Eine kurze Zusammenfassung des Stücks liefert https://www.youtube.com/watch?v=m2x1NJJqNaI. Der gesamte Text als Hörspiel ist abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=bbpqcMqG49I

Foto Belinda Helmert: Das allein ist die 93 Werke umfassende Ausgabe der Comédie Humaine von Honoré (de) Balzac.

Niemand ist unschuldig

Neben dem Themenkomplex Zufall und Grenzen menschlicher Verantwortung/Planbarkeit bildet die Schuldfrage, gleichfalls verbunden mit Verantwortung ein zentrales Leitmotiv im Werk Dürrenmatts. Der Einzelne kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen, selbst wenn er sich als ohnmächtig empfindet Exemplarisch macht dies zunächst das Hörspiel “ Die Panne“ (zudem eine Erzählung, und ein groteskes Theaterstück). In der Satire wird nach einer zufälligen Panne, die den Textilreisenden Alfredo Trap in eine Vier-Männer-WG führt, aus Spiel Ernst. In einem Rollenspiel mit Henker, Richter, Verteidiger und Staatsanwalt, überführt sich der Gast Trap selbst als egoistischer Emporkömmling, der für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht. Die Rollenspieler verurteilen den unmoralisch handelnden, aber am Tod seines Chefs unschuldigen Traps zum Tode. Wirklichkeit und das Spiel verschwimmen dabei so stark, dass Traps seine angebliche Schuld vollends akzeptiert und sich am Ende als Mörder betrachtet und sich selbst richtet.

Das Ende hält zwei Versionen bereit: Selbstmord im Theaterstück und Aufwachen mit einem Kater im Hörspiel. Zu hören auf https://www.youtube.com/watch?v=afEt2yqwMRM, eine Zusammenfassung samt Analyse unter https://lektuerehilfe.de/die-panne/zusammenfassung. Über die verschiedenen Fassungen (tragisch oder komisch) gibt der Autor Auskunft in seiner Dramentheorie zur Vielfalt der Enden – Trap ist Verbrecher und Opfer in Personalunion. Pointiert sagt der Staatsanwalt: „Verbrechen begeht jeder. Der eine begeht es, der andere bezahlt dafür, und wieder ein anderer, der zufällig dabei ist, profitiert davon.““ In unserer modernen, vom Zufall gelenkten Welt ist niemand wirklich unschuldig. Der Staatsanwalt rechtfertigt dieses Spiel mit dem obigen Zitat, um zu betonen, dass sich bei jedem Menschen eine Tat oder moralische Verfehlung finden lässt, wenn man nur lange genug danach sucht..

Ein zweites Zitat beleuchtet das Verhältnis von Zufall und Schuld. „In einer Welt, die von Zufällen regiert wird, ist die Schuld nicht immer offensichtlich, aber jeder hat sich in irgendeinem Netz verfangen.“ Ironischerweise bekennt sich der vermeintliche Mörder Traps zu einer Tat, die er nicht beging aus übertriebenem Geltungsdrang heraus oder aber, weil er sich unbewusst für seine kleineren Vergehen so schuldig fühlt, dass er dafür zur Rechenschaft gezogen werden möchte. https://www.dieterwunderlich.de/Durrenmatt_panne.htm

Foto Belinda Helmert: Die Füße der Weisheit. Detail der Statue sapientia im ovalen Lesesaal der alten Französischen Nationalbibliothek in Paris, rue Richelieu 58. Im Lesesaal nnden sich mehrere Statuen, die verschiedenen Epochen und Künstlern entstammen und allegorische oder literarische Themen darstellen.

Die ganze Welt ist käuflich

Es gibt meist keinen Hauptschuldigen, doch auch der Verweis auf bloße Kollektivschuld ist unangebracht in Dürrenmatts Werk. Dies verdeutlicht v. a. das Drama „Der Besuch der alten Dame“. Minimalistisch zusammengefasst kommt eine zu Geld gekommene Frau zurück in ihr Dorf, wo ihr schweres Unrecht widerfuhr und übt Rache am vermeintlich Hauptverantwortlichen. Die Gemeinschaft geht auf ihr unmoralisches Angebot ein und verübt Lynchjustiz an ihrem Verlobten Alfred Ill IDieser trägt die Ur- oder Hauptchuld, weil e in seiner Jugend nicht nur die Vaterschaft für Claires Kind leugnet und zwei falsche Zeugen dafür einkauft, sondern weil er billigend in Kauf nimmt, dass die Geliebte ins Elend stürzt , was auch mit einem Suizid hätte enden können. Diese macht sich schuldig an einem überzogenen Ressentiment, das Auge um Auge Zahn um Zahn allzu wörtlich nimmt.Sämtliche Bürger ihres Heimatdorfes machen sich schuldig durch Mobbing, das Alfred ausweglos in den Tod treibt – sie alle lassen sich kaufen, so dass Claire sagen kann: „Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell“ (2. Akt)

Das Drama kritisiert den Kapitalismus. Sowohl die korrupte Justiz der Vergangenheit (die Claires Zeugen bestochen hat) als auch die Institutionen in der Gegenwart (Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer) versagen, da sie alle dem Geld weichen.https://vbe-rp.de/magazine_article/die-welt-machte-mich-zu-einer-hure-nun-mache-ich-sie-zu-einem-bordell/

Dürrenmatts Drama in drei Akten lässt sich auch als reine Bilanzierung mit Anklagepunkten und Entlastung der Handelnden zum Thema Schuld verstehen. Beispielsweise steht die Vergeltung Claires nicht im Verhältnis zum moralischen Versagen Alfreds, der weder ihren Tod will noch aus reiner Bosheit, sondern Feigheit falsche Entscheidungen trifft. Claire weiß dies, kennt aber keine Gnade. Inves wurde Claire vom Opfer zum Täter. Die Dorfbewohner kämpfen um ihre Existenz, auch sie sind nicht nur einfach böse und hadern mit ihrem Schicksal bzw. leisten lange Widerstand mit Solidarität, können aber letztendlich nicht der Verlockung eines angenehmen Lebens widerstehen und benötigen einen Sündenbock für ihre eigene Mitschuld am Justizirrtum. Zu hören ist das vorgelesene Stück auf https://www.youtube.com/watch?v=zQTl4gJtuSY, eine Analyse zur Schuldfrage liefert https://www.pangloss.de/cms/uploads/Dokumente/Schule/Deutsch/Abi/120310_Duerrenmatt_Schuld_BdaD.pdf. Die Zusammenfassung samt Charakterstudie bietet https://www.inhaltsangabe.de/duerrenmatt/besuch-der-alten-dame/ bzw. per Video auditiv hhttps://studyflix.de/deutsch/der-besuch-der-alten-dame-zusammenfassung-3950

Foto Belinda Helmert: Fronteingang Alte Französische Nationalbibliothek, Paris, rue Richelieu 58.

Schuld des Mitmachens

Letztlich greift Dürrenmatt primär den Konformismus bzw. Opportunismus an, der weder interessen- noch epochenbedingt ist.Dürrenmatt nahm sich dabei selbst nicht aus, und beteuerte, er sei nicht sicher, ob er anders als die Dorfbewohner gehandelt hätte, um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Sein Werk hinterfragt die großen philosophischen Ideale Wahrheit und Gerechtigkeit scharf und mit schwarzem Humor. https://www.deutschlandfunkkultur.de/friedrich-duerrenmatt-grandioser-erzaehler-bitterer-100.html Das Recht spricht keine Gerechtigkeit bei Dürrenmatt, soviel ist gewiss. Der Einzelne ist oft machtlos gegenüber gesellschaftlichen oder politischen Systemen, wie das Drama „Die Physiker“ vor Augen führt.

Kein Zufall ist, dass die erfolgreichsten Stücke, Die Physiker und Besuch der alten Dame, eng beieinander liegen und zur Zeit des Wirtschaftswunders spielen, zudem in der Adenauer-Epoche, der man leider vorwerfen muss, dass die Moral oder die Entnazifizierung an zweiter Stelle rangierten. Dürrenmatt erhebt nicht drohend Anklage, sondern liefert Satiren, Grotesken an der Grenze des Sarkasmus und Zynismus. So betonen die Dorfbewohner, die für Claires Unglück verantwortlich zeichnen und letztendlich sich auch von ihr kaufen lassen und einen Mord verüben stets, dass sie ehrenwerte Bürger sind und fest auf dem Boden der Moral stehen. Ebenso wähnen sich die Spione, die sich als Physiker tarnen, um die Weltformel an sich zu bringen, unschuldig, da sie es im Namen des Guten tun und ein einzelner Mord nicht den Mord an Massen aufwiegen könne. Dieses Argument, mit einem kleinen Unrecht größeres zu vermeiden, motiviert auch Kommissar Bärlach in seinenm Vorgehen und noch mehr Kommissar Matthäi, der ein Kind zum Köder für den Mörder macht. Gut und Böse existieren nicht im Dualismus oder in polarisierender Antipodenstellung.

So heißt es in „Das Versprechen“ treffend: „Der Wirklichkeit ist mit der Logik nur zum Teil beizukommen.““ Das Wirkliche ist nur ein Sonderfall des Möglichen, denn dieses ist beinahe unendlich. Selbst der Kindsmörder Albertr Schrott ist Opfer einer sadistischen Ehefrau und vermindert schuldfähig, da überaus infantil bis zum Schwachsinn. Bei Dürrenmatt ist Schuld niemals absolut, sondern stets komplex, paradox und oft durch den Zufall bedingt. Seine Figuren sind selten rein schuldig oder unschuldig. Stattdessen verstricken sie sich in einer unüberschaubaren Welt, in der individuelle moralische Entscheidungen fast immer scheitern. https://lektuerehilfe.de/friedrich-duerrenmatt/das-versprechen/interpretation/schuld-unschuld-und-verantwortungslosigkeit

Foto Belinda Helmert: schraubenförmige Treppe in der alten französischen Nationalbibiliothek, das zweite zu Hause von u.a. Roth und Benjamin während ihres Pariser Exils. https://www.detail.de/de_de/atelier-bruno-gaudin-saniert-franzosische-nationalbibliothek?srsltid=AfmBOop-NSGQ1wsDA_VQi3vjXDn0F7pv1MAoC5hi5sHOn5lrn5S2zOZp

das Mögliche braucht noch lange nicht das Wahrscheinliche zu sein

Im Roman „Der Verdacht“ /(ca. 130 Seiten) agiert wiederum Bärlach in einer Klinik, wo ihn der Zufall (er lässt dort seinen Magenkrebs operieren) auf die Spur des KZ-SS Arztes Emmenberger bringt, bei dem es sich auch noch um einen ehemaligen Studiumfreund handelt. Auch diese Parabel hinterfragt, ob und wie weit man die Schuldigen mit illegalen zur Rechenschaft ziehen kann. Bärlach bezahlt seine Finte beinahe mit dem Leben, bis ihn ein ehemaliges Opfer „zufällig“ rettet und seinen ehemaligen Peiniger tötet. Zu hören ist das von Dürrenmatt selbst bearbeitete Hörspiel auf https://archive.org/details/der_verdacht_hsp/der_verdacht_01_8.mp3. Schon im ersten Kapitel fällt der signifikante Satz „Es waren Tiere“ – gemeint sind aber nicht nur die Nazis, sondern alle Menschen, die sich zu Richtern über die Welt machen. Eine Playmobil-Version liefert https://sommers-weltliteratur.de/videos/der-verdacht-von-friedrich-duerrenmatt/

Variiert wird das Thema der Schuld durch die Kollision von Freiheit und Gerechtigkeit. Analog zu Bärlachs Geenspieler in „Der Richter und sein Henker“ ist der ehemalige Schulfreund radikaler Nihilist und betont Dostojewskis Gedankenspiel alles ist erlaubt:er rechtfertigt seinen extremen Sadismus als Ausdruck höchster, persönlicher Freiheit – ein Gedanke, den auch de Sade äußert. Daran anknüpfend handelt Bärlach nbach dem Motto, die Moral muss ohne Gott auskommen, seine Gebote sogar ignorieren, will sie Gerechtigkeit schaffen.Es wird die philosophische Grundsatzfrage gestellt, was Menschen eigentlich davon abhält, Böses zu tun, wenn sie nicht an eine höhere, metaphysische Instanz (Gott) glauben und keine Angst vor Strafe habe. Drittens thematisiert Dürrenmatt erneut, ob es legitim sein kann, außerhalb der geltenden Gesetze (also illegal) zu handeln, um Gerechtigkeit herzustellen, da staatliche Gesetze oft versagen. Oder, wie Bärlach sagt: „Das Mögliche braucht noch lange nicht das Wahrscheinliche zu sein … In dieser Welt ist der Gedanke mit der Wahrheit nicht identisch.“

Letzteres führt zu der Logik des Physikers Möbius und seiner Aussage „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei“: (Die Physiker 2. Akt) weil draußen der Irrsinn regiert können die nicht konform gehenden Denker hier ihre Freiheit bewahren.

Foto Belinda Helmert: Stuckverzierte Wand, Detail, Eingangsbereich der alten französischen Nationalbibiliothek

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