Wenn Schriftsteller wütend werden …

Ein Kommentar zu Moritz Rinke: Schöne Grüße aus der Quarantäne

Justitia oder Die Gerechtigkeit wacht (Carl Spitzweg)

Leitartikel Weser Kurier, 28.11. 2021

Bild: Carl Spitzweg, Justitia, 1857

Wer findet die Mängel? Genaues Hinsehen lohnt sich – so wie jede sorgfältige Recherche

Ein Mann mit Bildung schreibt: „Plötzlich meine Wut auf diese Impfquote in Deutschland, auf die Impfgegner und diese Dummheit von Menschen, die für ihr Recht auf ihre eigene Meinung alles andere ignorieren“.

Weil Schweigen oder Ignorieren hier fahrlässige Zustimmung impliziert, gilt es mit gesundem Menschenverstand, folgendes zu erwidern:
Erstens: Woher weiß Moritz Rinke, dass sich seine Frau bei einem Ungeimpften angesteckt hat?

Zweitens: Woher weiß Moritz Rinke, dass Menschen sich ausDummheit oder Egoismus und nur aus eigener Meinung das Recht auf Nicht-Impfung
herausnehmen?
Einiges ist schief in dieser Aussage und dass sie im Weser Kurier Abdruck findet auch. Ausgewogenheit bei der Informationsbeschaffung kann nicht schaden.
Niemand weiß ganz genau was die Wahrheit, was klug und was dumm ist; Moralisierung trägt zur Lagerbildung und Diffamierung Andersdenkende bei.
Unilaterales Denken und Mutmaßen sollte, besonders bei der aktuellen Instabilität möglichst unterbleiben. Von Schriftstellern habe ich früher auch geglaubt, sie sind die klügeren, weil gebildeteren und die besseren, weil über Toleranz schreibenden Menschen. Moritz Rinke dokumentiert gerade eindrücklich, weshalb ich desillusioniert bin.


Zur Richtigstellung: Es ist erwiesen, dass je nach Immunsystem die Impfung bei manchen Menschen länger und bei anderen weniger lang vorhält und daher die Effizienz variabel ist. Es ist ebenfalls selbst von strikten Impfbefürwortern Konsens, dass Mutationen und Vorerkrankungen, selbst Stress, Auswirkung auf die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen den Virus haben. Es ist drittens durchaus nicht so, dass alle Virologen oder sonstigen Fachleute, zu denen gerne Ärzte gezählt werden (die nichts über die genaue Wirkung der Impfstoffe wissen können, weil schlicht die Erfahrung fehlt), alle unisono das Impfen für die effizienteste Methode betrachten, die Pandemie einzudämmen.


Die mir bekannten Impfgegner beschäftigen sich mit politischen Folgen der aktuellen Politik, darunter auch versteckter und offener Impfzwang. Sie studieren mit Sorge Quellen aus diversen Medien, um wirklich informiert zu sein, enthalten sich Vorverurteilungen und massentauglicher Sündenbock-Zuweisung. Sie prüfen Argumente und Fälle auf Konsistenz und machen den Job, den früher die Medien machten: investigativen Journalismus. Sie partizipieren nicht an
Verschwörungstheorien und Blasenbildung, ziehen keine Rück- und Kurzschlüsse auf statistisches Zahlenmaterial bei den Inzidenzen. Kurz, sie benutzen gesunden Menschenverstand, der in der allgemeinen Hysterie unseres Krisenmanagements zu kurz kommt.

Die Mehrheit der Bevölkerung hat schon häufig geirrt mit fatalen Folgen Ist daher der Umkehrschluss: alle, die zur Majorität gehören, zu diffamieren, zulässig? Herr Rinke ist ein Fall von vielen, leider. Betroffen und verärgert, was zu verstehen ist und mein Mitgefühl hat er, wenngleich seine Bemerkung kränkend ist. Diese Kränkung istsubtiler als die Insultation selbst: sie zeigt, dass ein Mann, der reflektieren sollte, von diesem Klima bereits „infiziert“ ist und gleichfalls in Schubladen denkt.


Epilog: Meine Frau ist empört und verletzt. Ich habe ihr gesagt, dass man solchen Meinungsäußerungen nicht so viel Gewicht einräumen darf, auch wenn sie den heutigen Leitartikel bildet. Sie hat persönlich eine gegenteilige Erfahrung als Herr Rinke gemacht (die Erfahrung, dass Geimpfte andere anstecken, weil sie sich verhalten, als seien sie lebenslang immunisiert) allerdings darauf verzichtet, die Geimpften als dumm, egoistisch und ignorant zu bezeichnen.

Es ist kontraproduktiv, Beleidigung mit Gegenbeleidigung zu kontern, denn wer hört schon jemanden zu, der einen verbale Prügel verabreicht? Wir alle sind von der Ignoranz betroffen und manchmal auch getroffen. Man kann nicht die Welt retten, aber dazu beitragen, dass sie nicht noch schneller und noch apokalyptischer untergeht.

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