Schiffbruch mit Zuschauer

Géricault, Das Floß der Medusa, 1819

Um das Fazit vorwegzunehmen und weil viele keine Zeit zum Lesen haben: „Die Definition von Wahnsinn: Das Gleiche immer und immer wieder tun und ein anderes Ergebnis erwarten.“

Einstein soll das gesagt haben, also steigt die relative Wahrscheinlichkeit, dass er recht haben könnte. Zwangshandlungen sind unsinnige Wiederholungen und gehören zum Krankheitsbild von Zwangsstörungen Freud erkannte im Wiederholungszwang einen bedeutenden psychischen Mechanismus: die Lust am Untergang anderer ist so eine Neurose.

Wie viele andere auch war ich vom Untergang der Titanic fasziniert. Sie war Mythos, Symbol und Metaphysik in einem. Mythos, weil die vorgeschriebene Anzahl von Rettungsbooten tatsächlich erst nach der Katastrophe zum Gesetz wurden. Symbol, weil die Verantwortung zwischen Ingenieuren, Seeleuten, individuellem und kollektiven Versagen bis vor Gericht gezerrt wurde und bis heute die Wahrheit tiefer reicht als zum Meeresboden. Metaphysik, weil der Mensch nicht glauben konnte, was vor seinen Augen geschah und nichts tat oder nichts Vernünftiges unternahm, was zu seiner Rettung hätte beitragen können.

Zeit war knapp, aber genug. Fünf vor Zwölf ist es immer, irgendwie und irgendwann ist es auch eine Minute zu spät wie in der Klimafrage. Ein verpasster Augenblick, eine vertane Chance, die nie zurückkehrt. Krisen ziehen eine Dauerschleife in der Ewigen Wiederkehr des Gleichen. Wenngleich Krisen-Management von der antiken Tragödie mit der berühmten Katharsis zum aalglatten medialen PR-Management umfunktioniert wurde, Drama geht noch heute und Tragödie ist irgendwie immer faszinierend. Only bad news are good news, denn schlecht verkauft sich besser als schlicht und Tote sind die besten, weil bequemsten Zeugen.

In „Schiffbruch mit Zuschauer“ vergleicht Blumenberg die Schiffbruch-Metaphorik von der Antike bis heute. Drei Gründe finden sich schnell, weshalb aus der Ohnmacht Lust entsteht und das Zuschauen in Voyeurismus, die Not in Starre, der Schock in Behaglichkeit umschlägt. Schlimmer geht immer.

Psychologisch hilft es dem Menschen wohl, wenn er weiß, dass es anderen schlechter geht als ihm selbst. Er kann dann entweder sagen: Glück gehabt, ich bin gerettet oder aber: Das hätte mich erwischen können. Trotz Evolution hat sich das menschliche Glücksempfinden nicht verändert. Er empfindet Erleichterung und manchmal sogar Seligkeit, wenn er sich gerettet weiß, diese Gnade bedarf keiner Rechtfertigung. Die Götter der Vorsehung wissen, wem der dünne Faden Leben in ihren Händen gehört, wie lang er sein darf, bis sie ihn abschneiden.

Zweitens ertappen wir den Überlebenden gerne bei seiner Bewertung und Verurteilung jener, die es nicht geschafft haben, schon aus Rechtfertigungszwang der unverschuldeten Schuld heraus. Dann haben die anderen zu langsam reagiert, waren zu feige oder zu dreist, zu ungeschickt oder haben nichts Besseres verdient. Aus Vermeidung von Sünde macht der Bock schnell den Gärtner.

Drittens ist er fasziniert vom Bösen; wir sehen gerne Krimis, in denen andere für uns morden und noch heute ist Hitler bekannter als die Weiße Rose. Sex sells und böse Menschen kommen überall hin, nicht nur in den Himmel. Schon Dante kannte beim Übersetzen durch die feuchte Unterwelt Hades neun Höllen und nur drei Paradiese. Ein asymmetrisches Verhältnis besteht auch zwischen Retter, Täter und Opfer. Die Täter erhalten Aufmerksamkeit, die Opfer Respekt, die Retter ein Danke, meist aus Bronze.

Zurück zum Schiff: Im Floß der Medusa, ein Bild, das viele aus den Händen von Géricault (1819) kennen, erinnert ein Segel an Haut daran, dass aus zivilisierten Menschen Kannibalen werden, wenn es um Leib und Leben geht.

Odysseus besaß nach seiner Überlistung der Sirenen bei der Meerenge von Messina die Wahl zwischen zwei Meeresungeheuern; was bei uns im Sprichwort zwischen Pest und Cholera wählen seinen Niederschlag gefunden hat und auch heute zwischen Impfung und Isolation seine Renaissance erlebt, nennt man in Frankreich nach Vergil le choix entreCharybde und Skylla. Auf englisch heißt die Wahl der Wahl to be betweena rock and a hard place. Das erinnert an den Loreley-Felsen, der germanischen Antwort auf Odysseus und die Sirenen. Was hat das mit unserem Hier und Heute zu tun?

Wie zu Zeiten der Titanic führt der fatale Glaube an die Allmacht der Technik und Wissenschaft, die prometheische Hybris des Menschen, an den Abgrund und darüber hinweg. Aktuell vertrauen wir in kollektiver Hypnose nicht den Ingenieuren, die einst über das größte Schiff der Welt sagten, selbst Gottes Zorn könnte es nicht versehen, sondern wir vertrauen den Medien, deren Bilder uns zu Zeugen der so genannten Wahrheit machen und wir vertrauen den Virologen die scheinbar genau wissen, was wie wirkt und wofür wer wann bereit sein muss. Wir vertrauen auch dem hippokratischen Eid, obschon Ethik überall mit Füßen getreten, mit Geld gekauft und scheinheilig patentiert werden kann.

Das Absurde zu glauben ist schwer, das wusste schon Kafka, als er „In der Strafkolonie“ (in der es dem Zeugen gelingt, von der Insel mit einem Boot zu fliehen) den Ingenieur und Erfinder einer Tötungsmaschine sagen lässt: „Die Schuld ist immer zweifellos“.

Die Titanic lieferte den schwerlastigen Beweis, dass der Mensch nur vorübergehend lernfähig ist, am Ende Panik, Egoismus und Kurzsichtigkeit triumphieren und buchstäblich die vermeintlichen Rettungsboote zur Todesfalle mutieren. Die im Boot Verbliebenen schlugen jene, die sich ihnen näherten, um ein Kentern zu verhindern.

Die Geschichte um das Floß der Medusa setzt ein, wo die der Titanic endet: nach dem Schiffsuntergang. Einige haben sich in eine scheinbare Sicherheit gerettet, doch bald beginnt der archaische Kampf ums Überleben und es zeigt sich, nicht die Solidarität gewinnt, sondern nur fünfzehn von 149 Menschen auf dem Floß überlebten: diese ernährten sich knapp nach Waterloo vom Fleisch der Toten. Der Grat zwischen behaglichem Plausch und mörderischer Axt ist dünner als das Eis, welches in der verhängnisvollen Nacht im Atlantik trieb und dafür sorgte, dass die Überlebenschancen der Schiffsuntergänger auf den Gefrierpunkt sank.

Odysseus überlebte als listigster seiner Seeleute alle Katastrophen, er zahlte den Preis der Einsamkeit für den Erfolg. Wie viele Haie im Haifischbecken sich eine Moral nach dem Fressen leisten können oder wollen, steht noch aus.

Verantwortung und Solidarität beginnt beim Anderen, die rettende Planke muss nach dem Untergang mit ihm oder ihr geteilt werden. Die Titanen, immerhin Repräsentanten des goldenen Zeitalters, gingen am Ende unter, um Platz zu machen für die neuen Götter.

Alle imperialen Mächte erlitten dieses Schicksal, die ägyptischen Pharaonen, die Babylonier, Römer, Frankreichs Absolutismus, zuletzt wackelte der Thron der trumpgefälligen Amerikaner.

Schweden, eine Macht im 30 Jährigen Krieg, bauten ein Schiff namens Wasa, so prunkvoll und schwer, dass es seine tragende Funktion nicht mehr erfüllen konnte und gleich nach seinem Auslaufen versank. Vielleicht gehören auch wir zu den Verlieren des 21. Jahrhundert, weshalb nicht, andere Zeugen des Schiffbruchs warten an und hinter den Zäunen.

„Einmal den Boden verlieren! Schweben! Irren! Toll sein! – das gehörte zum Paradies und zur Schwelgerei früherer Zeiten: während unsere Glückseligkeit der des Schiffbrüchigen gleicht, der ans Land gestiegen ist und mit beiden Füßen sich auf die alte feste Erde stellt – staunend, daß sie nicht schwankt.“1

1Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Band I, Unser Erstaunen, 46

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