
Foto: Belinda Helmert: Paris, Au chien qui fume, namengebendes Ölgemälde von Juliette Lestienne für das Restaurant am Boulevard du Montparnasse 19 , Quartier Les Halles .
Inferno zur Jahrhundertwende
August Strindberg (1849–1912) verbrachte mehrere prägende Perioden in Paris, wo er sich intensiv mit okkulten Studien, Alchemie und Malerei beschäftigte. Während seiner „Inferno-Zeit“ (ab ca. 1894/96) erlebte er dort psychische Krisen, die er in Werken wie Inferno verarbeitete. Heute erinnert der Place August Strindberg nahe Saint-Sulpice (Quartier de l’Odéon (im 6. Arrondissement). mit einer Büste an ihn.

Erstmals kam der gebürtige Stockholmer mit wahrscheinlich vererbter paranoider Schizophrenie https://flexikon.doccheck.com/de/Paranoide_Schizophrenie 1894 nach Paris. Das Vorbild Nietzsches hörte Stimmen, litt an schwerer Derpression, Verfolgungswahn und anderen Wahnvorstellungen; er verarbeitete diese Zeit voller psychischer Krisen, okkulter Studien und alchemistischer Versuche in seinem Roman „Inferno“ 1897 verarbeitete. Ein Satz daraus: „Die Hölle ist die Erde, das mit einer überlegenen Klugheit erbaute Gefängnis, wo ich nicht einen Schritt tun kann, ohne das Glück der anderen zu verletzen, und wo die anderen nicht glücklich werden können, ohne mir Böses zuzufügen.“
In seinem Schlüsseltext zum Verständnis für die künstlerische Wende zum Expressionismus beschreibt der berühmteste Literat Schwedens seine Pariser Zeit nach der Trennung von seiner zweiten Frau, Frida Uhl. Er leidet unter Angstzuständen, Verfolgungswahn, Depressionen und Selbstmordgedanken. Der äußerst religiöse und zur okkulter Mystik neigende Künstler fühlt sich von unsichtbaren Mächten verfolgt und sieht sich selbst als Gefangener in einer „Hölle“ auf Erden. Es ist bereits seine zweite gescheiterte Ehe. Anfang 1893 lernt Strindberg die zwanzigjährige Journalistin Maria Friederike Uhl (Frida) aus Österreich kennen. Wenige Monate später nimmt er sie auf Helgoland zur Frau. 1894 wird Tochter Kerstin geboren.

Zahlreiche Auseinandersetzungen und Streitereien begleiten die Beziehung, so dass es noch im selben Jahr zum endgültigen Bruch zwischen Strindberg und Uhl kommt. Erst 1897 wird die Ehe mit der Journalistin, Übersetzerin und Schriftstellerin (Tod in Salzburg 1943) rechtskräftig geschieden. Die Gründe waren divers, aber Stindbergs Egomanie traf auf eine ausgeprägtes Ringen um berufliche Selbstständigkeit einer künstlerisch veranlagten Ehefrau.
Neben dem Titel „Inferno“ von Strindberg gibt es natürlich noch jene der „göttlichen Komödie“ von Dante, auf dessen Reise durch die neun Kreise in der Hölle sich dieser auch in seinem beim Berliner Bondi-Verlag publizierten Roman auch bezieht. https://projekt-gutenberg.org/authors/johan-august-strindberg/books/inferno/ Schon der Beginn hat es in sich: „Bete an, was du verbrannt hast, verbrenne, was du angebetet hast!“
Auch als Gelegenheits-Maler (u. a. Bühnenbilder für seine Dramen) ließ Strindberg tief in seine Seele eintauchen:

Stindbergs Gemälde „Inferno“ https://www.kultura-extra.de/kunst/spezial/werkbetrachtung_AugustStrindberg_Inferno.php. Es blieb nicht seine einzige Seelenmalerei. Im Schlusskapitel von „Inferno“ wendet sich der Schriftsteller erneut an Dante: „Das Bild der Danteschen Hölle, die rotglühenden Särge der Ketzer, steigt vor mir auf – und die sechs Ofentüren!! „
Vom unnützen Kampf gegen die Unsichtbaren
Elmar Schenkel, Übersetzer und Literat, beginnt seine Hommage über Strindberg mit einem Goethe Vergleich und dem bemerkenswerten Satz „Wer Strindberg verstehen will, steht sich selbst im Weg.“
Inferno ist in 15 Kapitel unterteilt, darunter eines mit den Namen der Geliebten Dantes Beatrice Portinari (1265–1290) und das vorherige über die Hölle, das mit einer Hommage an den am südlich linken Seineufer gelegenen Jardin des Plantes nahe dem Gare d’Austerlitz einsetzt. https://www.paris360.de/urlaub-reisen/sehenswuerdigkeiten/jardin-des-plantes-botanischer-garten. Offensichtlich betrachtete ihn Strindberg als Garten Eden. Bei Anbetracht der Blütenpracht und der Menschen fällt sein Satz „hinter dem Menschen finde ich den Schöpfer.“ Eine Seite darauf heißt es: „Dann gehe ich, um der Schöpfung Lebewohl zu sagen, in den Jardin des Plantes.“
Das Kapitel handelt von unbekannten Furien, Stimmen, Geistern, die den Künstler heimsuchen und seinem „unnützen Kampf gegen die Unsichtbaren“, den er auch mit dem deutschen Wort „Alp“ belegt. Das Kapitel mit Selbstgesprächen und eingebildeten Gesprächspartnern veranschaulicht, wie bewusst Strindberg seine Schizophrenie war. Zudem wechseln sich okkulte mit luziden Gedanken ab. So heißt es: „15. August. Ein Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Los; sie liebt mich noch immer und wartet bei unserem Kind einen Umschwung der traurigen Lage ab..“
Auch der Schlusssatz im Kapitel Swedenborg https://de.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Swedenborg hat es in sich: „Welche Buße: geliebt zu werden! Wahrlich, die Mächte sind nicht so grausam wie wir!“ Nach einem psychischen Zusammenbruch in Paris entdeckte Strindberg durch Balzacs Novelle „Séraphita “ Swedenborgs Schriften, die er als lebensrettende Offenbarung empfand. https://www.balticsealibrary.info/essays/item/931-strindberg-linne-und-die-nemesis-divina.html. Der Autor bringt hier die Reihenfolge durcheinander und behauptet, erst trat der Theosoph und dann der Schriftsteller in Strindbergs Leben:

Foto Belinda Helmert: Paris, Au chien qui fume – Beim rauchenden Hund. Der Name lehnt sich an die vielen Bilder an, die rauchende Hunde zeigen.https://www.artmajeur.com/juliette-lestienne/fr/oeuvres-d-art/13168373/chien-qui-fume. Strindberg verachtete Hunde und noch mehr ihre Halter.
Der Dramatiker (späte Werke)
An die 60 Dramen, darunter auch Einakter, hat Strindberg verfasst. die bekanntesten sind Meister Olof (1872) Fräulein Julie (1888) , Nach Damaskus (1898–1901 )Der Todestanz (1901), Ein Traumspiel (1902). Letzteres gehört zu den wichtigsten, die nach der Infernokrise entstanden und ist dem Symbolismus, der Traumanalyse (Voraussetzung für den Surrealismus) und dem Stationsdrama zuzurechnen, während Stücke vor dem „Inferno“ eher impressionistisch, naturalistisch bzw. expressionistisch gehalten sind. „Ein Traumspiel“ handelt von einem polyphonen Kaleidoskop eigener vernommener Stimmen im Gewand einer hinduistischen Gottheit, die das menschliche Elend, vielmehr die Tragödie inmitten einer paradiesischen Schöpfung beleuchtet
Eine detaillierte Inhaltsangabe samt Analyse liefert https:////www.getabstract.com/de/zusammenfassung/ein-traumspiel/7225. Der Volltext ist einsehbar unter https://archive.org/details/mrchenspieleeint00stri/page/144/mode/2up?q=Traumspiel(beginnend S. 144). Zwei Zitate darin lauten: „Alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich.“ und „Es ist schade um den Menschen“. Sich treffen, verlieben, trennen, wieder treffen, nichts aus alledem lernen ist der Inhalt.
Strindbergs eigenes Theater, das Intima teatern (Intimes Theater) in Stockholm, das er Ende 1907 im Alter von fast 60 Jahren zusammen mit dem Schauspieler August Falck eröffnete. Die kleine Institution mit 161 Plätzen im Norra Bantorget unweit des Bahnhofs bedeutete die Realisierung seines langjährigen Wunsches nach einer eigenen Bühne, nachdem seine Werke an bürgerlichen Theatern zumeist auf Ablehnung stießen (der Prophet gilt wenig im eigenen Lande). Dort erlebte auch „Die Gespenstersonate“ 1908 ihre Uraufführung. Seitdem hat das „Kammerspiel“ Hochkonjunktur.
Aus der Inferno-Krise ging Strindberg kreativer und gestärkter hervor. „Die Gespenstersonate“ ist von der Theatergründung ebenso wenig wie von <Inferno und den Geisterstimmen zu trennen. Die lebendigen Gespenster sind in ihrem Leben, ihren Schicksal, gefangen, ihren oft verlogenen Idealen. thematisiert den Verfall bürgerlicher Fassaden durch eine Atmosphäre aus Lügen, Verdrängung und psychologischer Enthüllung.
Manch einer hält Strindberg wie Schopenhauer für einen Lebensverächter, der er sicherlich nicht war. Der Dreiatker ist von der Musik (Sonaten) Beethovens inspiriert und einem Spuk-Haus, in dem sich mehrere Familientragödien ereigneten, was heute als lost places mit negativen Karma gelten. Vielleicht nistet sich das Böse, weil es nach Heimat sucht, in gewissen Orten mit Vorliebe ein. Inzwischen wird „De Gespenstersonate“ auch als Oper (Berlin)aufgeführt. Nachzulesen ist der Volltext unter https://projekt-gutenberg.org/authors/johan-august-strindberg/books/die-gespenstersonate/. Die beste Zusammenfassung des surrealen, mit einem Suizid finalisierten Stücks liefert ein Zitat: „„Mich überkommt zuweilen ein rasendes Verlangen, alles zu sagen, was ich denke, aber ich weiß, dass die Welt einstürzen würde, wenn man wirklich aufrichtig wäre.“ Oder, wie es ein gewisser Bernd Oei formuliert:

Foto Belinda Helmert: Au chien qui fume. Das Restaurant liegt gegenüber dem Panthéon.

Paris, Panthéon.https://paris.sehenswuerdigkeiten-online.de/sights/pantheon_paris.html. Erbaut unter Ludwig XV und seinem Nachfolger (dem letzten Bourbonen auf dem Thron), also im Ancien Régime in den Jahren 1764 bis 1790 von dem Architekten Jacques-Germain Soufflot, der beim Bau verstarb.
Der Dramatiker vor Inferno
Dieses Motiv des Vorbeilebens oder der Lebenslüge ist nicht neu, sondern u. a. auch Gegenstand von „Totentanz“, jenem zweiteiligen Ehe-Drama https://www.wissen.de/bildwb/strindbergs-totentanz-ein-unloesbares-band-aus-hass-und-liebe. Der Volltext des in Köln uraufgeführten letzten expressionistischen Stückes (und direkter Konsequenz der zweiten Ehetragödie Strindbergs) ist einzusehen unter https://archive.org/details/rauschtotentanz00stri
Es existiert eine Vorlage für den deutschsprachigen Strindberg, vielmehr eine Inspirationsquelle: Der Totentanz“ von Johann Wolfgang von Goethe (1813) ist eine siebenstrophige Ballade, in der ein Türmer um Mitternacht beobachtet, wie Tote aus ihren Gräbern steigen, um zu tanzen. Die Skelette legen ihre störenden Totenhemden ab, woraufhin der Türmer eines der Hemden stiehlt. Als der Tag anbricht, kehren die Toten zurück.
Die Beziehungs- oder Ehetragödie ist jedoch ein Motiv, das bereits vor dem Inferno umtreibt. Nicht nur aufgrund der ersten Ehe mit der Schauspielerin Siri von Essen (drei Kinder) von 1877 bis 1892) beschäftigte sich Strindberg mit diesem Phänomen der Zerrüttung und Entfremdung und zudem mit dem Problem der Emanzipation, dem wiederholten Thema der beruflichen Selbständigkeit – in dieser Hinsicht blieb der künstlerisch innovative Künstler konservativ – und ironischerweise spielte sie die Rolle der Julie im gleichnamigen Stück „Fräulein Julie“. Strindbergs Modernität stieß auf private Grenzen.
1877 heiratete Strindberg die Finnlandschwedin als Star des Finnisch-Königlichen Theaters.Während der folgenden Jahre schrieb er ein historisches Werk „Das schwedische Volk) und den Roman „Det nya riket „Das neue Reich)“ im realistischen Stil geschrieben, der sämtliche gesellschaftlichen Institutionen kritisierte. Der innovative Künstler Strindberg wurde so viel kritisiert, dass er sich 1883 genötigt sah, Schweden zu verlassen, um sich in Frankreich und später in der Schweiz niederzulassen. Zusammen mit der zur Mutter und Hausfrau degradierten Siri und den drei Kindern schloss sich Strindberg der skandinavischen Künstlerkolonie in Genf an, worauf die „Flucht“ auf Schloss Skovlyst erfolgte.
1889 schrieb er hier sein Skandalstück „Fräulein Julie“ (immerhin 25 jährig), das in Dänemark vor den Toren Kopenhagens vollendet wurde. Mit Sicherheirit lebte er darin seinen Kampf mit und gegen die moderne selbstbewusste Frau aus und ließ sie eines symbolisch repräsentativen Todes sterben. Der Volltext ist unter https://www.gutenberg.org/files/22235/22235-h/22235-h.htm einsehbar. Der Dreiakter Aristokratin, die bewusst mit ihrem Dienstpersonal schläft (Strindberg ist ein Kind zwischen Herr und Magd) und die an ihrer selbst gewählten Rolle der femme fatale scheitert.
Das Frühwerk, zudem auch noch „Fräulein Julie“ (1888, Uraufführung Kopenhagen 1889) zählt, zeigt sowohl Klassenbewusstsein und Reformbedürfnis, Realismus und auch am Mlieu orinetierten Naturalismus als auch die eigene Zerrissenheit zwischen der Ohnmacht und Allmachtsfantasie gegenüber der Frau. https://www.dsg-hd.de/files/August_Strindberg_Teufelskerl.pdf

Foto Belinda Helmert: Beim rauchenden Hund, Eingang Rue du Pont Neuf 33 ,Quartier Les Halles. Auf der anderen Seite liegt die Kirche Saint-Eustache

Foto Belinda Helmert: Beim rauchenden Hund, innen. Zum Vergleich zu 1957, fotografiert von Frank Horvat : https://www.lesdoucheslagalerie.com/artists/3729-frank-horvat/works/7648-frank-horvat-tan-arnold-au-chien-qui-fume-paris-pour-1957/
Religiosität im Werk von Strindberg
Zur prekären und selbstironischen Lage gehört auch der Umstand, dass Strindberg äußerst religiös war, aber aufgrund von Blasphemie nicht akzeptiert wurde. Die Religiosität im Werk von August Strindberg ist vielschichtig, wandelbar und oft von intensiven persönlichen Krisen geprägt. Im Laufe seines Lebens entwickelte er sich von einem kirchenkritischen Realisten hin zu einem mystisch-religiösen Sucher, der stark von okkulten und theosophischen Strömungen beeinflusst blieb.
Das Verhältnis des Künstlers zum Glauben war ambivalent. Während er anfangs dem Christentum eher kritisch gegenüberstand, wandte er sich im Alter (besonders nach der „Inferno-Krise“ um 1896) intensiv dem religiösen Mystizismus. Prägend war der schwedische Mystiker Emanuel Swedenborg, dessen Vorstellung von der Welt als einer Entsprechung (Korrespondenz) zwischen irdischen Dingen und geistigen Wirklichkeit Strindberg übernahm. Er beschäftigte sich intensiv mit Alchemie, Okkultismus und den theosophischen Lehren von Helena Blavatsky. In Werken wie „Inferno“ verarbeitete er seine Versuche, die Grenzen zwischen Materie und Geist aufzuheben.
Aus dem Protestanten wurde so ein Synkretist, der verschiedene religiöse Traditionen vermischte und sich mit einer Art „Weltseele“ identifizierte; der sich durch das Unterbewusstsein mit einer höheren Wirklichkeit verbunden fühlte. In seinen späten Dramen und Schriften wie Ein Traumspiel (1902) oder Die Gespenstersonate (1907) durchdringen mystische, traumhafte und schuldbezogene Elemente das Geschehen. Die Suche nach Gott und Erlösung, oft verbunden, geriet dabei in den Fokus. In „Das blaue Buch“ (1906-12), der Sammlung philosophischer und kritischer Gedanken, hielt Strindberg seine späte Gedankenwelt fest, die eine Mischung aus christlichem Glauben und persönlichem Mystizismus, fest. In diesem Wer behandelt Strindberg ein breites Spektrum, darunter Gott, Naturwissenschaften, Botanik, Okkultismus, Sprache und Religion.
Zitiert aus „Ein Blauchbuch“: Der Streit um Glauben oder Wissen ist der dümmste Wortstreit, der je geführt worden ist, und eine Schande für die Menschheit. (Kapitel Religiöse Intuition und Wissenschaft) und Glücklicherweise ist die Gottlosigkeit eine Zwangsvorstellung, die allen hochmütigen Dummköpfen als Strafe auferlegt wird. (Kapitel Das Gesetz und der Gedanke)
Summa summarumg entwickelte sich Strindberg von Naturalisten zum religiösen gottesfürchtigen Schriftsteller, der um die Begrenzthgeit des Wissens und seiner Gefahren wusste. Aus Protest an der Moderne wandte sich dem Okkultismus und der Mystik zu , insbesondere nach der „Inferno-Krise“ den Lehren Emanuel Swedenborgs zu, um Religion als notwendiges Gegengewicht zu verstehen und faktische Paradoxien wie Fortschritt und fortschreitende Armut zu verstehen.
Dabei begriff er Leben wie Schopenhauer als Form des Leidens, auf welche die institutionalisierter Religion der Kirche keine Antwort wusste. Die Erfahrung einer Lebenskrise führte ihn zu einer wenn auch unorthodoxen, persönlichen und intuitiven Gottsuche. Bezeichnend hierfür sein Satz „Seit meiner Kindheit habe ich Gott gesucht, und ich habe den Teufel gefunden.““ (Zitat entleht aus „Inferno“, Kapitel Die Hölle)

Foto Bernd Oei: Eglise Saint-Eustache, erster Stadtbezirk Les Halles. Die 1532-1633 in einem Jahrhundert erbaute Kirche ist die drittgrößte nach Nôtre Dame und Saint-Sulpice – die aus Zolas Roman „Der Bauch von Paris“ literarisch gewürdigten Makthallen Les Halles kamen später hinzu. https://de.wikipedia.org/wiki/Saint-Eustache_(Paris)#Ausstattung
Die Romane (Die gotischen Zimmer)
Zu den wichtigsten Romanen zählen „Das rote Zimmer“ (1879), Die Leute auf Hemsö Die Inselbauern, 1887 Am offenen Meer ( 1890:) Die gotischen Zimmer (1900): Schwarze Fahnen (1904). Nur zwei epische Werke sind folglich der Epoche nach Inferno zuzuschreiben.
Neu war die Vermischung von Realismus, Satire und Symbolismus. Prägten vor der Krise Klassenkampf, psychologischer Stellungskrieg die Texte, so seitdem vermehrt Ehen, Geschlechterrollen und der Pessimismus (beeinflusst durch Nietzsche/Schopenhauer) die Prosa. Zudem wandelte er seinen Stil von einem breiten Sozialepos hin zur intensiven und radikalen Subjektivität. Insgesamt rahmten Dramen seine Prosa ein. https://wiki.bildungsserver.de/weltliteratur/index.php/ „Die gotischen Zimmer“ ist nicht nur vom Namen nach eine Weiterführung und Fortsetzung von „Das rote Zimmer“ im Stile Balzacs, oder Zolas, die gleichfalls Personen über die Zeit beobachten und dabei auch eine Diagnose über die so genannte Moderne anstellen.
Stendhal berichtet über die veränderten gesellschaftlichen, ökonomischen und künstlerischen Verhältnisse im Stockholm des späten 19. Jahrhunderts, die er wie Zola als „Familienschicksale vom Jahrhundertende“ bezeichnet. Obwohl Strindberg zeitweise stark vom Naturalismus Zolas beeinflusst war und sich in Paris aufhielt, verliefen ihre Wege nicht direkt. Strindberg war zwar ein Bewunderer der naturalistischen Methode Zolas, distanzierte sich aber später in seiner „Inferno-Zeit“ und seiner Hinwendung zu mystischen Themen von Zolas rein materielles Weltbild – er war definitiv religiöser und auch künstlerischer. Selbst ein gemeinsames Treffen mit dem Führer der Naturalisten während der Pariser Zeit ist nicht verbrieft..
Während das erste Buch die Ideale der Jugend gegen die Gesellschaft setzte, reflektieren „Die gotischen Zimmer“ eine desillusioniertere, reifere Perspektive auf dieselbe Gesellschaft, in der die Problematik der Industrialisierung stärker im Vordergrund steht. Der Roman spielt im Stockholm der Jahrhundertwende und entfaltet sich in einer düsteren, atmosphärisch dichten Kulisse, die psychologische Spannungen und existenzielle Fragen widerspiegelt.
Die Handlung beginnt mit einer Abendgesellschaft in den namensgebenden „gotischen Zimmern“, wo sich Künstler, Intellektuelle und verschiedene Persönlichkeiten treffen. Charaktere wie der Architekt und Redakteur Kurt Borg und der Maler Sellén diskutieren über Kunst, Gesellschaft und Politik, wobei eine nostalgische, aber auch kritische Haltung gegenüber den gesellschaftlichen Strukturen Schwedens verdeutlicht. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Brüder, die grundverschiedener nicht sein könnten. »Gustav arbeitete an der Erneuerung des Alten, aber Henrik wirkte für die Zukunft« – Gustav Borg ist der ältere, konservative Bruder, Henrik (Vorname angelehnt an Ibsen) der Arzt, der eine Norwegerin heiratet. Analog verkörpert Kurt Borg den sich der modernen Entwicklung verschließenden Maler und Sellén den dafür offenen.
Strindberg thematisiert Isolation, Wahnsinn, die Suche nach Identität sowie zwischenmenschliche Konflikte und Dissonanzen. Es verwebt naturalistische Einflüsse mit symbolistischen Elementen. Dominant sind dunkle Farben wie Schwarz, Anthrazit oder tiefes Dunkelblau. Kontraste werden durch Gold, Silber, Weiß oder kräftige Rottöne (z.B. Weinrot) gesetzt. Das gotische Zimmer eine Mischung aus historischer Romantik und moderner, düsterer Ästhetik.
Der Roman ist ist in Szenenfolge aufgebaut, in der verschiedene Figuren aus dem Umfeld des „roten Zimmers“ – Künstler, Intellektuelle und Beamte – auftreten. Zu Beginn feiern sie den norwegischen Maler Lage Lang in den titelgebenden „gotischen Zimmer“ und er dokumentiert nicht nur seinen Niedergang um die Jahrhundertwende durch die aufkommende Fotografie.m Fokus steht das Leben von Künstlern und Intellektuellen, darunter Charaktere wie der Architekt Kurt Borg und der Maler Sellén in einer Atmosphäre der morbiden Dekadenz und verklärender Nostalgie.

Foto Bernd Oei: Paris, Les Halles. Der Roman „Le Ventre de Paris“ , der dritte aus dem Zyklus der Rougon Macquart erschien 1873. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bauch_von_Paris Der Markt ist oberirdisch einem Kultur-und Sportpark und unterirdisch der größten Metro-Station der Stadt gewichen.
Anarchismus (Schwarze Fahnen)
Da Schwarz bzw. schwarze Fahnen das Symbol der Anarchisten war, liegt der Verdacht nahe, dass Strindberg eine anarchistische Phase durchlief, was zwischen 1898 und 1907 verbürgt ist. In diese Epoche fällt mit dem symbolträchtigen Titel sein Roman 1904 nach seiner Rückkehr aus Österreich. Er hatte inzwischen die norwegische Schauspielerin Harriet Bosse geheiratet, der er erfolgreich die Hauptrolle in „Nach Damaskus“ antrug. Nach der Geburt der gemeinsamen Tochter wiederholte sich Strindbergs Muster der besitzergreifenden patriarchalen Eifersucht, mit der er die Eigenständigkeit seiner Gattin sabotierte. Das Ehefiasko mündete in die Scheidung 1904. Die Anarchismus-Epoche begann mit Lou Salomé (über die er das Werk Nietzsches kennenlernte) und Edvard Munch, die eine intensive ambivalente Freundschaft pflegten auf der Suche nach subjektiver Wahrheit (Eindruck ist alles) und sich in der Kneipe „Schwarzer Falke“ regelmäßig trafen..Vom norwegischen Maler stammt folgendes Porträt:

„Schwarze Fahnen“ trägt den provokativen Untertitel Sittenschilderungen vom Jahrhundertwechsel. Offensichtlich verband der schwedische Schriftsteller Anarchismus mit Nonkonformismus gegen die etablierte Bourgeoisie Allerdings nahm darin die antifeministische Haltung zu. Exempel für diesen Chauvinismus liefert.
Der Roman beginnt mit dem eigenverliebten Vorwort ( Das Vorwort stammt jedoch von seinem Übersetzer Emil Schering). „Wenn Zola in Paris einen Roman schreibt, so kennt in ganz Paris niemand seine Modelle, wenn ich aber einen Romamn schreibe, so kennen im kleinen Stockholm alle meine Modelle.“ Der Autor bezeichnet ihn zudem als Fortsetzung von „Die gotischen Zimmer“ und damit als Trilogie. Auch der Name Berlin fällt mehrfach. https://ia801600.us.archive.org/0/items/schwarzefahnensi00striuoft/schwarzefahnensi00striuoft.pdf
Summa summarum müsste man Strindberg als Modernist wider willen bezeichnen, da er v.a. die Theaterwelt, aber auch den schwedischen Roman revolutionierte, jedoch kein Freund der Zeit war, in der er lebte Wiederholt beschreibt Strindberg auf satirische Art das ökonomische, soziale und künstlerische Leben im Stockholm des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts. Zitat zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges: »Diese Galeerensklaven des Ehrgeizes, die um angebliche Kronen und Zepter spielten, spielten die Partie, wie man eine Partie Whist spielt: zwei und zwei jetzt, aber beim nächsten Mal tauscht man die Plätze und muß jetzt der Freund des Gegenspielers sein. Eben Freunde, jetzt Feinde, und dann wieder Freunde! Und die Kriegführung war auch nicht die nobelste; alle Mittel waren erlaubt, vorsätzliche Lügen, gebrochene Versprechen, gefälschte Briefe, treulose Freundschaftsversicherungen.«

Foto Bernd Oei: Paris, zweites Arondissement (quartier Vivenne) gegenüber der alten französischen Nationalbibliothek Richelieu Fontaine Louvois (so heißt der Platz, weil er an die rue Louvois unweit der Oper angrenzt) benannt nach einem Marquis. Architekt des zur Zeit Napoleons III (Zweites Kaiserreich) 1859 errichteten Brunnens, der die vier größten Flüsse Frankreichs Seine, Loire, Saône, Dorgdogne, ist der Pariser Gabriel Davioud. Während der Hausmannisierung von Paris ersetzen viele prächtige Brunnen die angestammten kleinere Fontänen aus der Epoche der Republik.
Sozialismus (Frühe Romane)
Ganz so überraschend kommt diese Entwicklung bzw. Fortführung nicht; man kann nicht von einem Bruch im künstlerischen Werk Strindbergs sprechen. Freiheit war ihm wichtig, wenngleich er diese seinen Frauen nicht zugestand. „Das rote Zimmer“ (1878 geschrieben, 79 veröffentlicht) belegt dies: Strindberg war zunächst glühender Anhänger des Sozialismus, las Marx und später Bakunin. Gleichzeitig bezog sich der Titel durchaus nicht symbolisch auf das reale Berns Salonger, ein Restaurant und Nachtclub im Zentrum Stockholms und Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde. Aufgrund des historischen Rahmens rückte es Strindberg sstirischer Roman in ein wenig schmeichelhaftes Licht.

Fast möchte man Strindberg die schwedische Antwort auf Balzac und den Vorgriff auf Zola heißen, denn er stand zwischen Realismus und Naturalismus und da in Schweden alle Bewegungen wie der Sozialismus verzögert eintraten (n der Bismarck-Ära) und er immerhin drei Romane der jeweiligen Epoche widmete, im Grunde damit die Jahrhundertwende beschrieb,. Seine Prosa ist daher zumindest für Schwedens Literatur avantgardistisch und experimentell, auch wenn es nicht an die bahnbrechende Revolution im Theater heranreicht. Künstlerische Freiheit stand dabei immer im Vordergrund und das Bürgertum bzw. der Staat bildeten demgemäß den zu bekämpfenden. Feind.
Sozialismus spielte fraglos eine Rolle im Schaffen des jungen Strindberg, der sich zunehmen davon abwandte, und insbesondere „in Das rote Zimmer“ , seinem Debütroman . Dies allerdings eher in Form einer sozialkritischen Haltung und der Thematisierung von Ungerechtigkeit als durch ein explizites Parteiprogramm. Der Roman gilt als wegweisendes Werk des Naturalismus, das die schwedische Gesellschaft dieser Zeit scharf kritisiert. Einen Beitrag dazu liefert https://www.youtube.com/watch?v=pn8F7rPKZBw. Das Hörbuch ist abrufbar auf https://www.youtube.com/watch?v=X9vEy9dB9ho. Am Ende geht die Hauptperson und Alter Ego Stindbergs Arvid Falk ein Zweckbündnis ein, verlobt er sich mit einer Lehrerin, wird ein anerkannter Schriftsteller und verfasst ein Lehrbuch über Münzwissenschaften. Obwohl er sich wieder in die etablierte Gesellschaft eingliedert.

Paris, Bastille, Place de la Bastille, der drei Stadtbezirke miteinander verbindet. Hier begann die Französische Revolution mit der Erstürmung der Bastille, die dann zwischen dem 14. Juli 1789 und dem 14. Juli 1790 zerstört wurde. Errichtet am 27. Juni 1792, als das Gefängnis abgerissen wurde, in dem u. a. de Sade einsaß und seine Werke verfasste. Als Gefängnis vornehmlich für politische Häftlinge diente die Bastille bereits seit Ludwig XI, also für 5 royale Generationen
Ein die soziale Haltung Stindbergs wiedergebendes Zitat aus dem Roman, der zur Gänze einsehbar ist unter https://archive.org/details/bub_gb_xMAQAAAAYAAJ/page/n7/mode/2up lautet, dass Schweden: “ am Ende des Jahrhunderts größte Entdeckung gemacht worden war, dass es nämlich billiger und angenehmer ist, vom Geld der anderen zu leben als von der eigenen Arbeit.„
Kurzgeschichten (Der Steinmann)
In einem älteren Blog verwies ich bereits einmal auf „Der Steinmann“, vorgelesen von Klaus Kinski. https://www.youtube.com/watch?v=9QJXRfPAvg0. Es handelt sich um seine letzte von zehn Novellen, in der es nicht untypisch um Traum, Gefangenschaft (Konvention) und Freiheit geht. Dazu kommt die starke Verbindung Strindbergs zur Natur und Skepsis gegenüber der Industrie bzw. dem Fortschritt seiner Zeit, aber auch das religiöse Leitmotiv der VErsöhnung und Erlösung kling darin an.
Nietzsche schrieb an Strindberg am 7.12.1888 anlässlich „Die Leute von Helmsö“ , dass er dessen Drama so gut selbst ins Französische „Le Pére“ übersetzt fand, dass er sich ihn als Übersetzer seines „Ecce Homo“ wünschte. Das Dramain drei Akten wurde 1887 in Kopenhagen uraufgeführt (deutsche Fassung erst 1890 in Berlin) und war in französischen Gazetten vorabgedruckt. In dem Stück geht es um das symbolische Ende des Patriarchats durch den Tod eines allmächtig erscheinenden, zuletzt aber kranken Patronshttp://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Briefe/1888/265.+An+August+Strindberg,+7.12.1888. Gerade die Mann-Frau Beziehung, verknüpft mit der Willensfrage und Vitalität verband die beiden korrespondierenden Künstler.

Foto Bernd Oei: Paris, Galerie Vivienne, zu Balzacs und Hugos Zeiten 1823 in der Rue des Petits Champs 4 im Neoklassizismus erbaut und gilt als echtes Schmuckkästchen. https://parisjetaime.com/ger/kultur/galerie-vivienne-p1588. Die Fußböden sind mosaikverziert, siehe unteres Bild








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