Heimweh in Stücken

Der rauchende Hund

Foto Belinda Helmert, Paris Restaurant Au chien qui fume nahe der Pont Alexandre in der rue Pont Alexandre 33. Rilke besaß eine große Affinität zu Tieren, speziell zu Hunden. Gemälde von ihnen bilden das Markenzeichen der historischen Bar.

Kunst ist Vergeistigung der Natur

So soll es der Bildhauer gesagt haben 1895 erwarb der Bildhauer gebürtige Augst Rodin 45 jährig das Haus im Stil von Louis-treize. Das 1916 eröffnete Musée Rodin in Paris entstand aus einer Schenkung des Bildhauers Auguste Rodin (Tod 1917) an den französischen Staat., der sich verpflichtete das historische Hôtel Biron in ein Museum für seine Werke umzuwandeln. https://www.cometoparis.com/ger/blog/geschichte-des-rodin-museums-s958 Meudon liegt etwa 13 km südwestlich von Paris. Der Dichter Rainer Maria Rilke verbrachte die meiste Zeit in Meudon, als er ab Mitte September 1905 als Privatsekretär des Bildhauers Auguste Rodin arbeitete. Er lebte und arbeitete für etwa acht Monate in Rodins Anwesen, bevor er im Frühjahr 1906 (nach einer kurzen Unterbrechung wegen des Todes seines Vaters) nach Paris zog. Im Laufe ihrer Zusammenarbeit zerstritt sich die von Wesen her konträren Künstler. https://www.sister-mag.com/magazin/sistermag-no-46-maerz-2019/die-kuenstlerische-gigantenbeziehung-rodin-rilke/

Alles begann mit Bewunderung. Nach einer tiefen Phase der Bewunderung und engen Freundschaft kam es im Mai 1906 zum abrupten Bruch, da Rilke den Arbeitsalltag als Rodins Sekretär als zu beengend empfand und seine eigene künstlerische Arbeit vernachlässigt sah. Der Kontakt kam durch Rilkes Frau Clara Westhoff, der einzigen deutschen Schülerin des Bildhauers, zustande. 1900 ging sie nach Paris und war dort die einzige deutsche Schülerin in seinem Atelier. Rodins Einflüsse prägten ihren künstlerischen Stil maßgeblich. Im selben Jahr lernte sie den Dichter in der Künstlerkolonie Worpswede kennen. Erinnerung im Originalton von Martha Vogeler https://www.youtube.com/watch?v=dCppAOoZJYQ&t=3s. Die Trennung erfolgte nach mehreren Krisen mit folgenden Versuchen der Annäherung 1911, obschon es nie zur offiziellen Scheidung kam.

Der Bruch mit Rodin datiert auf 1906): Die physische und mentale Arbeitsbelastung sowie Rodins herrischer Umgang mit ihm führten zu erheblichen Spannungen. Der finale Auslöser war ein Missverständnis: Rilke beantwortete eigenmächtig einen Brief, den Rodin lieber selbst gesehen hätte. Dies führte zur plötzlichen Entlassung und Trennung. Trotz des schmerzhaften Zerwürfnisses näherte sich der bewundernde Rilke später wieder an. Einige Wochen nach dem Bruch meldete sich Rodin mit einem versöhnlichen Brief, und die beiden fanden wieder zueinander. Zweifellos war Rodin eine Vaterfigur für Rilke, der kaum Berührungspunkte mit seinem leiblichen Erzeuger, einem im Militär gescheiterten Eisenbahnbeamten in Prag, besaß.

Fast gleichzeitig mit dem Umzug Rodins nach Paris erfolgte Rilkes Abreise aus Prag. Die erste Begegnung zwischen beiden fand am 1. September 1902 in Rodins Pariser Atelier in der Rue de l’Université 182 statt. Diese liegt im 7. arrondissement Palais-Bourbon im Herzen von Paris südlich der Seine zwischen dem jüngst erbauten Eiffelturm (Fertigstellung 1889) und Invalidendom (Dôme des Invalides, Grabstätte Napoleons). https://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/zwanzigstes/rilke/1902paris.htm

Foto Berne Oei: Meudon, Bahnhof, Frontseite. Die Station lag an der Strecke Paris-Versailles. Die jetzige Ansicht trägt den Art-Déco Stil der 30 er Jahre.

Dinggedichte

Während seiner intensiven Pariser Schaffensphase (ca. 1902 bis 1910) prägte Rilke die moderne Lyrik vor allem durch die Entstehung seiner berühmten Dinggedichte. Die wichtigste Lyrik dieser Zeit erschien in zwei zentralen Bänden: „Neue Gedichte „(1907): Entstanden zwischen 1902 und 1907, markieren sie Rilkes Wende hin zu einer objektiveren, von den Skulpturen Auguste Rodins inspirierten Sprache. Sie enthalten berühmte Werke wie Der Panther, Das Karusell oder Archaïscher Torso Apollos. Daran nicht nur titularisch angeschlossen folgten „Der neuen Gedichte anderer Teil „(1908) und war Auguste Rodin gewidmet. Darin enthalten sind „Das Rosen-Innere“ oder „Die Liebende“.

Unter Dinggedichten versteht man eine lyrische Form, bei der ein konkreter Gegenstand, ein Tier oder ein Kunstwerk im Mittelpunkt steht. Anstatt persönliche Gefühle auszudrücken, tritt das lyrische „Ich“ in den Hintergrund, um das Objekt in seiner puren, objektiven Erscheinung und Beschaffenheit wirken zu lassen. Ein Merkmal davon ist die gesuchte Objektivität durch den Blick von außen mit konkreten Beschreibungen der Außenwelt und Wegfall des lyrischen Ich mit seinen Emotionen. Dadurch entsteht anstelle dem Pathos eine kühle Distanz zugunsten der Anschaulichkeit und Plastizität. Zweitens entwickeln Dinggedichte einen Blick von Innen heraus. Rilke leiht den Dingen oft seine Stimme, sodass sie gleichsam aus sich selbst heraus sprechen. Das Wesen eines Gegenstandes soll sich durch seine bloße Form und Existenz offenbaren. Drittens besaßen die Gedichte eine strenge Form, die Kunst selbst zum Gegenstand hatten wie Archaischer Torso oder Lebenssinn vermittelten sollten wie Römische Fontäne.

Ein gemeinsamer Besuch mit Rodin der Kathedrale von Chartres inspirierte Rilke zu seinem Poem Das berühmteste Gedicht von Rainer Maria Rilke über die Kathedrale von Chartres heißt „L’Ange du Méridien“ (Der Engel des Meridians). Erschienen in „Neue Gedichte“. Dieses Dinggedicht beschreibt die steinerne Engelsfigur an der Südseite der Kathedrale von Chartres, die eine Sonnenuhr hält. In vier Strophen thematisiert Rilke den Kontrast zwischen der unbewegten, lächelnden Ewigkeit der Skulptur und der hektischen Vergänglichkeit der menschlichen Zeit, welche unbemerkt von der Sonnenuhr abgleitet. Nachzulesen ist das Sonett (drei Quartette, zwei Terzette), Rilkes bevorzugte Versform, unterhttps://www.rilke.de/gedichte/lange_du_meridien.htm Die erste Zeile des abschließenden Terzetts spricht Rodin indirekt mit einer Frage an: „Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?

Foto Bernd Oei: Meudon, Bahnhof, Seitenansicht. Der Bahnhof wurde 1840 eröffnet, das heutige Gebäude entstand 1936. Rilke kannte es daher nicht.

Kopflos

Acéphale (französisch kopflos) ist nicht nur der Titel einer surrealistischen Zeitung, in der W. Benjamin an der Seite von Georges Bataille Artikel veröffentlichte. aképhalos „ohne Haupt“ ist auch Protestbewegung gegen den Nationalsozialismus. Rodin besaß eine Vorliebe für Torsi, etwa die des fallenden Mannes oder jene des schreitenden Mannes.

Bei Rilke symbolisiert es den Wegfall der Vernunft und damit den reinen Instinkt im Menschen. Dies kommt in seiner Sentenz „Du musst das Leben nicht verstehen“ pointiert und im Dinggedicht „Archaischer Torso Apolls“ in poetischer Weise zum Ausdruck. Die Statue des griechischen Gottes Apollon ist dort ohne Kopf erhalten, jedoch geht von dem fragmentarischen Körper ein derart intensives inneres Leuchten und eine solche Präsenz aus.

Obwohl das Haupt fehlt, schauen die Reste der Augen den Betrachter an. Rilke bringt damit zum Ausdruck, dass Kunstwerke jenseits ihres materiellen Zustands eine eigene, tiefe Wirklichkeit besitzen:

„Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften./ Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt….“ Volltext https://www.rilke.de/gedichte/archaischer_torso_apollos.htm Vorgelesen: https://www.youtube.com/watch?v=VvPcwG9YyVc

Foto Bernd Oei Meudon, Rodin-Skulptur, L’homme qui marche (der laufende Mensch), 1907. Rilke würdigt die Arbeit in seinem zweiten Essay über Rodin 1907. Der erste Essay erschien vier Jahre vorher, als er noch in Diensten des Bildhauers stand.

Die Kunst des Gehens und des aufrechten Ganges

Er geht. Er geht, als wären alle Weiten der Welt in ihm und als teilte er sie aus mit seinem Gehen.“ (Rodin, 1907) https://projekt-gutenberg.org/authors/rainer-maria-rilke/books/august-rodin-zweiter-teil/ Rilke sah in Rodins L’Homme qui marche (Der schreitende Mann) den Inbegriff reiner Bewegung und die Überwindung der klassischen Bildhauerei. Er war fasziniert davon, dass die Skulptur ohne Kopf und Arme auskam und sich ganz auf die vitale Kraft des Schreitens konzentrierte. Die Figur stammte aus dem Jahr 1878, drei Jahre nach der Geburt des Dichters. Dieser beschreibt Rilke die Skulptur als reines Vorwärtsdrängen. Das Werk verkörpert für ihn die Idee, dass der Raum nicht bloß durchschritten, sondern von der Figur aktiv beherrscht wirdhttps://www.art-in.de/ausstellung.php?id=6789

Für Rilke demonstriert diese Arbeit, dass Rodin die Anatomie nicht mehr sklavisch abbilden musste, um Lebendigkeit zu erzeugen. Die fragmentarische Natur der Figur – zusammengesetzt aus verschiedenen plastischen Studien – wurde in Rilkes Augen zu einem eigenständigen, kraftvollen Symbol für das unaufhaltsame Voranschreiten der Menschheit. Er begriff, dass Rodin mit den Doktrinen der Klassik brach und er es mit der traditionellen Lyrik tun musste, wollte er wirklich den Ausdruck und den Eindruck zusammenbringen. Er suchte eine neue Ästhetik, welche der Moderne mit ihren tiefgreifenden Veränderungen, darunter die Bewegung und Dynamik, entsprach. Dies kommt im Kommentar „Ich lerne neue sehen“ pointiert zum Ausdruck.

Das Zitat findet sich in seinem einzigen Roman: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Es ist der legendäre erste Satz des vierten Eintrag. Der Roman entstand zwischen 1904 und 1910 in Paris; die lange Schaffenszeit zeugt sowohl davon, dass Rilke ein Perfektionist war als auch davon, dass der Epos nicht seiner Natur entsprach und er sich damit quälte. Hauptsächlich reflektiert er darin zs eigene prägende und oft bedrückende Paris-Eindrücke aus den Jahren 1902/03, beginnend mit dem anonymen Sterben: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.https://projekt-gutenberg.org/authors/rainer-maria-rilke/books/die-aufzeichnungen-des-malte-laurids-brigge/

Modern an diesem Werk ist, dass es ohne Handlung und Chronologie auskommt und sich in inneren Monologen verliert. Markant: der Lärm der Srraßen und die Hektik der Großstadt werden zur Drohkulisse; das Bild des durchaus von Paris faszinierten Rilke widmet sich den Schattenseiten der Metropole, wie sie den Menschen entfremdet https://www.dw.com/de/rainer-maria-rilke-die-aufzeichnungen-des-malte-laurids-brigge/a-43074176

Die Bewegung in den Gedichten Rilkes ist kein bloßes Fortbewegen, sondern ein tiefgreifender, innerer Prozess. Sie reicht von der äußeren Schilderung bis hin zur inneren seelischen Verwandlung. Oft wandelt sich die Bewegung von einem fixierten Zustand in eine höhere Form der Existenz. Dichterisch kommt dies am eindrucksvollsten in „Der Panther“ zur Geltung, das aus drei Quartetten im Paarreim besteht. Nachzulesen unter https://www.goethe.de/resources/files/pdf320/rainer-maria-rilke-der-panther_lsg-v1.pdf. Vorgelesen nachzuhören auf https://www.youtube.com/watch?v=cRuWSRjioos. Bezogen auf Bewegung und Erstarrung widerspiegelt die Antinomien Freiheit und Gefangenschaft ist der Anfang des zweiten Vierzeilers: „

„Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,“

Foto Belinda Helmert: Meudon, Rodin-Museum, ehemals Wohnhaus des Bildhauers, das dieser mit seiner mit seiner langjährigen Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Rose Beuret bewohnte.Zu Hochzeiten beschäftigte Rodin in seinem Anwesen bis zu 50 Mitarbeiter, darunter Gießer, Handwerker, Sekretäre und Assistenten, darunter Rilke, den er nach dem Eigenmächtigen Beantworten eines an ihn gerichteten Briefes entließ.

Wenn die Rose wichtiger ist als das Brot ….

Am 17. November 1917 starb Auguste Rodin in Meudon. Am 24. November wurde er im Park seines Anwesens in Meudon neben seiner Frau Rose Beuret beigesetzt. In diesem Jahr Im Jahr 1917 litt Rilke unter einer schweren Schaffenskrise, die durch den Ersten Weltkrieg ausgelöst worden war. Er verfasste in diesem Jahr nur sehr wenige Gedichte, darunter die reimloseund in unterschiedliche Strophenlänge untergliederte Prosalyrik „Seele im Raum“. https://www.textlog.de/rilke/gedichte/seele-im-raum Thema ist hier offensichtlich das Ringen einer Seele um Befreiung von körperlichen Grenzen.

Einige Phrasierungen erinnern an „Duineser Elegien“, eine Arbeit, die der Dichter immer wieder unterbrach. Beispiel die Frage-Reihe: „Wag ichs denn? Werf ich mich?“ (Schlussvers der ersten und der zweiten Strophe) . Vergleichbar das Ende der ersten Strophe der ersten Elegie „Wiirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu“ und die Fragestellung, welche sich durch die gesamten Strophen als roter Faden hindurchzieht. Die Motive Raum,, Unendlichkeit, Zeitlichkeit (vergessen und Erinnern) überlappen in auffälliger Art und Weise und die offenen Fragen schließen auch die Textur. Illustrierend das letzte Quartett:

„Oder vergaß ich und kanns?
Vergaß den erschöpflichen Aufruhr
jener Schwerliebenden? Staun‘,
stürze aufwärts und kanns?“

Die Bedeutung der Kunst und die Behandlung metaphysischer Fragen bestimmte das Leben von Rilke weit mehr als praktische Fragen wie Lohn, Ehe, Vaterschaft. Man mag dies als weltfremd oder hypersensibel bezeichnen, Rilke fasst es in den Satz „Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot“. Es drückt poetisch aus, dass die Seele und das seelische Wohlbefinden in manchen Momenten ebenso wichtig sind wie die bloße körperliche Existenz und die Stillung grundlegender materieller Bedürfnisse.

Über den intensiven Briefwechsel – insgesamt 128 Briefe, die meisten von Rilke – von Juni 1902 bis Mai 1913 informiert https://literaturkritik.de/id/5762

Foto Belinda Helmert: Paris, Gastronomie Der rauchende Esel. Le chien qui fume in der 33 Rue du Pont Neuf befindet sich nahe der Neuen Brücke, der damals fünften über die Seine Der heutige Anblick ist wie vieles in Paris der umfassenden Hausmannisierung unter Napoleon IIII geschuldet.

Auf den Hund gekommen

Nicht nur die Skulpturen interessierten und bereicherten Rilke , sondern auch und besonders die Malerei. (wie es in der Moderne eine sehr enge Verbindung zwischen Impressionisten und Symbolisten in Frankreich gab). So stand Rilke bereits in Worwpswede zwischen zwei Frauen, der Bildhauerin Clara Westhoff und ihrer FReundin , der Malerin Paula BEcker Modersohn. Er schrieb zahlreiche Essays, nicht nur über die Worpsweder Maler , die nach Vorbild der Impressionisten im Freien arbeiteten und nicht mehr im Atelier, sondern u.a, auch den spanischen Malern. Auf seiner viermonatigen Reiise 1910, vornehmlich durch Anadalusien, bewunderte er v. a. El Greco, Goya und Velasquez. https://www.deutschlandfunk.de/andalusisches-refugium-mit-rilke-in-ronda-100.html

Am 20. November 1907 verstarb Paula Modersohn Becker nach Geburt ihrer Tochter. Auch das ihr gewidmete das Gedicht „Requiem für eine Freundin“ (1908 abgeschlossen) entstand in Paris. Rilke wohnte zu dieser Zeit bis Frühjahr 1908 in der Pension in der 29, rue Cassette im arrodissement Notre Dame des Champs). Anschließend bezog er Quartier in 17, rue Campagne-Première im 14. arrondissement, Montparnasse. https://www.paris360.de/kultur/literatur-philosophie/rainer-maria-rilke-in-paris

Das „Requiem für eine Freundin“ ist nachzulesen unter http://rainer-maria-rilke.de/070079requiem.html“ und zu hören auf https://www.youtube.com/watch?v=y29CBjQEItU. Themen sind neben Abschied und Tod, Pflicht zur Vollendung, Trennung von Leben und Kunst, Loslassen statt Festhalten, Transformation alles Irdischen. Die Malerin besuchte Paris zwischen 1900 und ihrem Tod viermal, überwiegend Februar bis März. Ihren schwangeren Leib nutzte Rilke für die symbolische Geburt der Kunst. Im zehnten Abschnitt seinsr 328 umfassenden inneren Monologs heißt es:

Wie es verwirrt des Leibes kleinen Kreislauf
noch einmal aufnahm; wie es voller Misstraun
und Staunen eintrat in den Mutterkuchen
und von dem weiten Rückweg plötzlich müd war.

Mehrfach schrieb Rilke auch über Hunde, u.a. in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge als Zufluchts- und Sehnsuchtsort in der Großstadt . Bereits im ersten Kapitel: „Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund“. Im zweiten: „Ich befand mich fast während des ganzen Tages im Parke und draußen in den Buchenwäldern oder auch auf der Heide; und es gab zum Glück Hunde auf Urnekloster, die mich begleiteten, es gab da und dort ein Pächterhaus oder einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und Früchte bekommen konnte, und ich glaube, daß ich meine Freiheit ziemlich sorglos genoß, ohne mich, wenigstens in den folgenden Wochen, von dem Gedanken an die abendlichen Zusammenkünfte ängstigen zu lassen. Ich sprach fast mit niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den Hunden hatte ich kurze Gespräche dann und wann: mit ihnen verstand ich mich ausgezeichnet.“ Und im dritten: „Ach, wenn das genügte: ich wünschte manchmal, mir so ein volles Schaufenster zu kaufen und mich mit einem Hund dahinterzusetzen für zwanzig Jahre.

Im Französischen existieren vier Hunde-Redewendungen, die meist Gefühlezustände beschreiben.Avoir du chien – „Hund haben“ – bedeutet charmant, anziehend oder auf eine besondere Art attraktiv sein (das gewisse Etwas haben). Malade comme un chien – krank wie ein Hund vermeint, sich hundeelend fühlen. Etwas komplizierter: Arriver comme un chien dans un jeu de quilles – wie ein Hund ankommen in einem Kegelspiel – besagt, fehl am Platz zu sein bzw. im falschen Moment aufzutauchen. Schließlich versteht man unter entre chien et loup – zwischen Hund und Wolf – das Licht der Dämmerung, wenn Tag und Nacht ineinander übergehen.

Foto Belinda Helmert, Gemälde im Restaurant Au Chien Qui Fume in Paris. Die Bilder stammen von diversen Künstlern, und zeigen alle klassische historische Motive der französischen Kunst, in denen die dargestellten Personen durch Hunde ersetzt sind. Als Bar existiert das Lokal seit 1740 In diesem Jahr brach nicht nur der österreichische Erbfolgekrieg aus, sondern Suzanne Barbot der Vielleneuve schrieb das Märchen „Die Schöne und das Biest“ – La Belle et la Bête (Musik mit der Musik von Alan Menken am Broadway 1994 uraufgeführt)

Der Blick freier Tiere

Rilke liebte Hunde leidenschaftlich, konnte jedoch selbst keinen halten. Er befürchtete, dass ein Hund ihn emotional völlig in Anspruch nehmen und von der benötigten, absoluten Einsamkeit für seine dichterische Arbeit abhalten würden. Im Gedicht „Der Hund“ (analog zu „Der Panther“) in drei Quartette im Kreuzreim gehalten http://rainer-maria-rilke.de/090097derhund.html. Das Enjambement der ersten zur zweiten Strophe lautet

Nur manchmal, heimlich, kommt ein Ding und stellt
sich neben ihn, wenn er durch dieses Bild

sich drängt, …

Es erinnert an die Passage des Panther-Gedichtes zu Beginn der dritten Strophe:

„Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein“,

Bild hat daher mehrfache und auch nicht nur visuelle, sondern zudem visionäre Bedeutung für Rilke. Dies konvergiert mit der Aussage „Ich lerne neu sehen„. Hund wie Panther werden er als tragisches, zerrissenes Wesen zwischen der Welt der Menschen und seiner eigenen Natur dargestellt. Es steht sinnbildlich für die menschliche Existenz: Einerseits sehnt sich der Hund nach tiefer Verbundenheit, andererseits opfert er dafür seine eigene Wirklichkeit.

Dabei spielt die räumliche Position des oben, unten oder zwischen eine entscheidende Rolle. Dies gilt auch für die „Duineser Elegien“ und die „Sonette des Orpheus“, so dass sich die in Paris entstandenen Dinggedichte wie Vorübungen auf das Spätwerk (die orphischen Gesänge) des Dichters ausnehmen.

Im Gedicht „Der Hund“ ist evident: Die Welt der Menschen herrscht „Da oben“): Für den Hund ist die menschliche Welt eine künstliche Konstruktion, die „aus Blicken immerfort erneut“ wird. Es ist eine Welt der Projektionen, gesellschaftlicher Normen und Bedeutungen. Dagegen liegt die Heimat oder Sphäre des Hundes „ganz unten“) Der Hund nimmt seine eigene Wirklichkeit wahr, die sich von den Vorstellungen der Menschen unterscheidet. Er ist weder vollkommen ausgestoßen, noch passt er sich nahtlos ein.

Im Vergleich dazu die Tier-Stellen aus den „Duineser Elegien“:

und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind (erste Elegie)

Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,
solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht. (dritte Elegie)

o wo ist der Ort … nicht recht
paarige Tiere; –
wo die Gewichte noch schwer sind (vierte Elegie)

zeigt ihm die Tiere der Trauer, weidend, (neunte Elegie)

Noch deutlicher ist der Bzug zu Hund in „Sonetten an Orpheus“ https://imwerden.de/pdf/rilke_die_sonette_an_orpheus_1952__ocr.pdf

Erster Teil, 16. Sonett: Dieses Gedicht ist direkt an einen Hund gerichtet „Du, mein Freund, bist einsam...“. Rilke stellt darin eine Verbindung zum mythischen Sänger Orpheus her und bewundert die grenzenlose Hingabe und Treue des Tieres .

Zweiter Teil, 22. Sonett: Hier findet sich die Zeile über eine Stunde, die „flehend nah wie das Gesicht von Hunden“ ist, um den treuen, bittenden Ausdruck des Tieres zu beschreiben.

Der Hund ist ein Zwitterwesen und Angehöriger zweier Welten. Der Mensch hat laut Rilke “ jene Unbekümmertheit, jene aufmerksame Tiefe des Instinkts verloren, die wir im Blick des freien Tieres entdecken“ (Kommentar Rilkes an Maurice Beet 1924 zu seinem Poem „Der Hund“). Das Zitat ist der promotion von Anna Zseller „Naturwahrnehmung und Poetologie“ von Rilke entnommen (S. 28) https://doktori.btk.elte.hu/lit/zselleranna/diss.pdf

Foto Belinda HGelmert: Restaurant der rauchende Hund

Heimweh in Stücken und zerstreute Masken

Auch Auguste Rodin (1840–1917) nutzte Tiere intensiv als Inspirationsquelle, insbesondere um menschliche Anatomie, instinktive Bewegungen und Emotionen zu studieren. Er zeichnete oft frühmorgens im Jardin des Plantes in Paris und übertrug seine Beobachtungen in lebendige Skizzen und plastische Werke, u.a. „Der Minotaurus“ https://www.meisterdrucke.de/kunstdrucke/Auguste-Rodin/1119025/Der-Minotaurus.html In seinem ersten Rodin-Essay Das Höllentor: In seiner berühmten Monografie über Rodin sowie in seinen Texten über das unvollendete Hauptwerk Das Höllentor beschreibt Rilke Rodins Faszination für ineinander verschlungene, animalische Körper. Er bezieht sich dabei auf Zentauren, Sirenen und Figuren aus Dantes Göttlicher Komödie. https://projekt-gutenberg.org/authors/rainer-maria-rilke/books/august-rodin-erster-teil/

Das wohl berühmteste Motiv aus Rilkes Tierwelt ist das Gedicht Der Panther (entstanden 1902/1903). Es entstand unter dem direkten Eindruck eines Gipsabdrucks eines Panthers in Rodins Atelier sowie durch Rilkes Beobachtungen im Pariser Zoo.

Kein Geringerer als der große Napoleonbewunderer Balzac orientierte sich an Dante in seinem fast hundert Werke umschließenden Zyklus „La Comédie Humaine“, in dem der Schriftsteller Tiere und Menschen verbindet und aus der Göttlichen eine Menschliche Komödie macht. Tiere das fundamentale konzeptionelle Raster. Balzac vergleicht die menschliche Gesellschaft direkt mit dem Tierreich, um die Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wie einen biologischen Organismus systematisch zu erfassen, zu klassifizieren und anhand tierischer Instinkte zu deuten.

In der berühmten Vorrede (Avant-propos) zur Erstveröffentlichung der menschlichen Komödie als Gesamtedition von 1842 legt Balzac dar, dass die Grundidee für sein Riesenprojekt auf einem Vergleich zwischen der Menschheit und der Animalität beruht. Er orientiert sich dabei stark an der modernen Zoologie und den Theorien des Naturforschers Étienne Geoffroy Saint-Hilaire. Die gesamte Vorrede und damit Theorie des Romanzyklus ist einzusehen unter https://www.glanzundelend.de/glanzneu/balzackomoedie.htm

Sieben Jahre, zwischen 1891 und 1898, beschäftigte sich Auguste Rodin mit dem Phänomen Balzac, denn er erhielt den Auftrag von der Société des Gens de Lettres, eine Statue von ihm zu erschaffen. Dabei tauchte er tief ins Leben des Schriftstellers ein und dokumentierte, dass manchmal die Vorarbeit zu einem Werk länger andauern kann als der Schaffensprozess selbst. Rilke verweist darauf sehr deutlich in seinem Essay, wenn er über die Balzac -Studie schreibt.

Anders als man glauben möchte, stieß das so sorgfältig recherchierte Werk des berühmten Rodin auf Ablehnung Die Präsentation sorgte für einen Skandal: das monumentale, in eine weite Robe gehüllte Gipsmodell im Pariser Salon wurde vom Auftraggeber, dem Schriftstellerverband, abgelehnt, weshalb es erst nach Rodins Tod im Jahr 1939 in Bronze gegossen und aufgestellt wurde. https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/kunst/artikel/denkmalvergleich-rodins-balzac-und-klingers-beethoven

Rilke fand über Rodin zum Romancier Balzac und zeigte sich beeindruckt von dessen gigantischem Romanwerk und dem unerschütterlichen Glauben an die tatsächliche, fast greifbare Wirklichkeit der von ihm geschaffenen literarischen Welt. https://www.textlog.de/3690.html

Tierskulpturen von Rodin sind dennoch selten – mir ist nur der weinende Löwe von 1881 bekannt. https://www.mutualart.com/Artwork/Le-lion-qui-pleure/782F8FFC036350E6 Der Löwe findet wie erwähnt in der dritten Duineser Elegie Erwähnung (Textentstehung auf Schloss Duino 1912). Außerdem schuf er die Anekdote „Der Löwenkäfig“, der wie „Der Panther“ seinen Besuchen im Jardin des Plantes (5. arrondissement), dem ältesten Zoo von Paris, geschuldet war. Volltesxt unter https://www.rilke.de/gedichte/loewenkaefig.htm

Wie sich die Bilder spiegeln: Die Faszination des schreitenden Torso, den Rodin schuf konvergiert mit dem Gang des Panthers durch den Käfig und der kranken Löwin, das der Dichter mit „Heimweh in Stücken“ vergleicht und „Sie geht und geht, und manchmal erscheint ihre zerstreute Maske, rund und voll, durchgestrichen vom Gitter.

Foto Belinda Helmert: Paris, pont Alexandre III . Die im Neobarock errichtete Brücke wurde zu Ehren des Zaren (dem vorletzten Zaren) zwei Jahre vor Ankunft Rilkes in Paris finalisiert. Mit 160 m Länge und 40 m Breite verbindet sie das 7. (rive gauche, linkes Flussufer) und das 8. arrondissement rive droite (rechtes Flussufer) in Paris. Im Hintergrund der Invalidendom ( seit 1840 Grab Napoleons)

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