Schönheit im Vergänglichen

Coca Cola und Bremen

Coca Cola ist ein Teil Bremer Geschichte – eine schöne dazu, wenn man das Getränk mag oder das Lebensgefühl der Leichtigkeit, die allerdings vergänglich ist. So vergänglich wie das Graffiti, die Farbe und die abgerissenen Fassanden, Wände …. heute türmen sich bunte Steintrümmer auf dem Bremer „Kapuzinerberg“.

Graffiti für den Augenblick

Rote Vögel ertrinken in einem blauen See – Graffiti, gespiegelt in einer sonnengefluteten Regenpfütze. Dort, wo einst ein brauner Riese stand und mit zwei Initialen die Welt eroberte, wo die modernen Pharaonen nicht mehr Pyramiden, sondern Brausekessel beaufsichtigten, liegt Wellblech auf Trümmern von Stahl, Beton, Keramik, Kupfer. Leichnam auf Leichnam, weder einbalsamiert, noch duftend, einzig dem nackten Blick ausgesetzt. Wenn wir nur sehen könnten, nicht wissen, was wir sehen, wenn alle grüne Gläser hätten statt Augen, und nicht urteilen, wenn der Film nicht Untertitel trägt, Anweisungen, moralischer oder kulturell eingefärbter Art, wir könnten das Schreckliche schön finden und das Vergängliche genießen in seinem morbiden Charme, denn wir ahnen nicht, wo Anfang und Ende liegen am Kreuzpunkt der Zeit. Sämtlicher Orientierung außerhalb der Sinnlichkeit beraubt, sind Risse keine Risse, sondern gezackte, bizarre Formen bildende Linien wie Nähte einer Haut. Coca Cola is sexy.

Be-Deutung

Buchstaben sind nur Hieroglyphen, ein Fuchs kein Tier, sondern eine Ansammlung von Farbpigmenten auf einem Hintergrund, von dem er sich noch als Komtur abhebt. Eine Lache Coca Cola wäre tiefschwarzer Brei, eine Substanz auf dem Boden in kristalliner Form, nicht einmal klebrig, die Masse verändert stündlich ihre Form, eingefrorene Bewegung, Gerüche steigen auf, die sich kaum beschreiben lassen und auch sie ändern sich mit der Luft, dem Wetter. Gleich Wolken ziehen sie voran, kaum zu unterscheiden ob sie aus einem Schornstein kommen, giftige Abgase enthalten oder aus einer Ansammlung von Himmelspigmenten. Graffiti meets toxic ideas. Creates phrases like one body one mind. Wer kein englisch kann geht verloren. Halb zumindest. Manche Worte sind international: Revolucion- Revolution. Oder coca cola, aber da steht nur cc.

Wenn wir unsere Kriterien für Kunst oder was wir davon erwarten streichen, so könnte ein vorurteilsfreies Fest für die Sinne beginnen. Es bräuchte ein Freisein von Erinnerungen, wer Spinat nicht mag, der hasst vielleicht ein bestimmtes Grün oder der Geruch löst instinktiv Brechreiz aus. Ohne Erinnerung hätten wir die Möglichkeit, Möglichkeitssinn zu spüren und nicht verstellte, versteinerte, verbaute Wirklichkeiten, die sich auftürmen zu unüberwindlichen Barrieren. Türen, von ihrer Funktion des Öffnens und Verschließens befreit, wären dann einfach Teil der Landschaft, wie selbstverständlich könnten sie ohne Türknauf sein, gelöchert wie Käse oder aufgesplittert wie Scheiben von Rost und Metall.

Eine Mauer, schief, asymmetrisch, auf sich zuwachsend, heliotrop, weshalb nicht, auch Wände haben Ohren. Für Kinder verschieben sich Grenzen, die der Erwachsene setzt, weil er gelernt hat, die Fantasie auszusperren wie ein lästiges Gespenst. Ein Ei, gebraten auf dem Asphalt, das Grinsen einer Currywurst, zum Gesicht verformt, Orange auf Schwarz und zerfließende Hämmer auf gleichem Grund. Schönheit ist, wenn Nähmaschine und Regenschirm sich auf einem Seziertisch begegnen.

Schönheit ist …

Schönheit ist, wenn ein Löwe, umrahmt von saphirblauen Lettern auf Delphine starrt, den er wohl im wahren Leben nie begegnen wird. Wenn Schnee leise auf Zedern fällt, die gar nicht zu sehen sind, denn wie wüsste ein Baum, dass er ein Zeder ist. Fliesen türmen sich auf zum imaginären Kunstwerk, das morgen schon anders die Sinne erfreut, weil nichts an diesem Platz seinen Ort hat und weil der Platz selbst mehr als nur der Rahmen für das Ding ist, das in ihm liegt und nicht auf ihm.

Frauen zwischen herausgerissenen Markisen, springenden Fröschen gleich mit verbundenen Augen und der Faust vor den aufgerissenen Mündern. Litfaßsäulen, die an Toilettenhäuser, Absperrbänder, die an rotweiße Luftschlangen erinnern oder gedehnten Kaugummi, wenn er lange genug gekaut wurde. Auf dem Rost Farbtuben, ein vertikaler Regenbogen, durchlöchert von Augen in purpurnen Schnecken, die an einen Bandwurm erinnern, sofern man diese nicht aus dem Gedächtnis streicht, sonst sind es Kugeln, Blasen, rund und stumm. Oder gar ein Kugelmensch Platons, denn aus einem Ganzen ist entsprungen der Mensch, bevor aus ihm Teile wurden, erst zwei, dann viele und noch mehr. Splitter, wie die Pigmente, die auf dem Boden lieben, wenn sie zu liegen scheinen.

Realität und Möglichkeitssinn

Wirklichkeit erschafft Gedanken. Wenn Denken Fakten neu zusammensetzt und konstruiert, so können Gedanken die Welt verändern. Wenn wir die Welt nicht ändern können, so wenigstens die Wahrnehmung und mit ihr die Deutung. Tor 25 ist dann nicht mehr Ein- oder Ausfahrt für LKWs, sondern liest sich Top und gilt den gelb-violetten Hosen, die aus allen Trägern geschlüpft, sich über grüne Dreiecke ergießen. Tor 25 erscheint plötzlich einem Trakl-Gedicht entsprungen: „Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend, an schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren, aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut; Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt. O, das versunkene Läuten der Abendglocken“. https://gedichte.xbib.de/Trakl_gedicht_An+die+Verstummten.htm

Ein Satz, eine Maxime, eine Welt: Schönheit ist, wenn eine Nähmaschine und ein Regenschirm auf dem Seziertisch sich begegnen. Schönheit ist, so viel hat uns Lautréamont damit gesagt, auch ein Werk des Zufalls, der Fantasie, ein Zusammenspiel aus realen Dingen und Imagination. Sie ist kreativ und vermag zu vereienenm was eigentlich per naturgesetze unvereinbar erscheint. Manchen Menschen kommen bei Bildern Musik, anderen Textfragmente, vielleicht sogar ganze Zeilen, Verse, in den Sinn.

Eine Medusa – grüner Kopf – spiegelt sich im Wasser, einer blauen Pfütze. In Zolas Roman „Der Toschläger“ (einer Kneipe) sieht die Betrunkene darin den Himmel und während sie in der Lache ertrinkt, hat sie eine Euchrastie, eine Vision Gottes. In Flauberts Erzählung „Ein schlichtes Herz“ wähnt eine fast Blinde und beinahe Taube ihren ausgestopften Papagei Lulu für den Heiland. Es fällt leicht, in so einem Farbenmeer zu ertrinken und trotzdem traurig zu sein, weil es nur wenige Stunden, vielleicht Tage, wenn man Glück hat eine Woche dauert und das Bild ist verschwunden. Die Fantasie dazu ist wie im Rausch sogar nur für Bruchteile zwischen den Ganglien und Synapsen. https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-suedost_artikel,-kunst-vor-dem-abriss-_arid,1965639.html

Ein Hauch Afrika um Trakl

Ein überdimensioniertes Plakat mit einem negroiden weiblichen Gesicht, man sagt heute couloured peope, obschon es viele der Betroffenen merkwürdig finden, so bezeichnet zu werden, liegt auf dem Boden. Dieses riesengroßes Foto, bearbeitet mit Spraytechnik, hing noch gestern an einer Wand oder war Teil von ihr. Seiner Festigkeit beraubt, Fetzen vom Wind verweht, wirkt es wie ein Volk, zumindest ein Stamm oder eine Familie, die sich nicht mehr zu einem Ganzen finden mag. Krähen picken Reste für ihre Nester davon auf, tragen sie fort in ihren Schnäbeln.

Da ist dieses Gedicht Verfall von Trakl, das beginnt;

O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend
An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren

Da ist so viel mehr als nur Farbe oder Einsamkeit oder Vögel. Da ist eine Menge gelebtes Leben, das sich ausbreitet vor dem Betrachter. https://www.kunstbiszumende.de/

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