Gedanken zum Ersten Mai: Feier für den Arbeitertag der international sozialistischen Arbeiterbewegung

Wir tanzen in den Mai doch wofür? „Der Tag, da jene bunte Rotte / klim plum – voll Freuden Mordio schrie, / scheint heute fern. / Dem Rachegotte / bleibt treu die alte Kompagnie.“ (https://de.wikisource.org/wiki/Der_erste_Mai_(Tucholsky) So lauten die Worte eines Theobald Tiger am ersten Mai 1919. Man will es vergessen, das Kriegsgeschrei und den Tod. Man will wieder leben und das auch ohne Not. Der erste Mai wird als ein Feiertag seit 1919 begangen. Doch wo liegen seine Wurzeln?

Wir blicken zurück auf das Jahr 1890: es herrscht der Kampftag der Arbeiterschaft, nicht der Stahl- und der Gastronomiegewerkschaft, der Kellner oder der Grubenarbeiter und auch nicht der Posener, Graubündener oder Hessen. Sondern der Tag der Solidarität aller Arbeiter aller Länder, weil es diese Klasse gab und weil man wusste, dass man nur gemeinsam stark sein kann. Weil noch so gedacht und vor allem danach gehandelt wurde, dass „wir, das Volk“ Arbeit schaffen und nicht nur Nehmer, Bittsteller, Lohnempfänger und damit Dienstboten sind. Weil man wusste, dass die Begriffe falsch sein können und damit auch die Werte: der Fabrikchef, der sich Arbeitgeber nennt, lebt von unseren Händen. Doch Hände bleiben stumm.

Erster Mai 1890, die Schlote qualmten an diesem Tag nicht. Es ist die Stunde gemeinsamen Wollens, das wie Millionen Tropfen doch ein Meer formt, stark und größer als die Schiffe, die darauf fahren. Es regiert die Masse Mensch (Titel eines Dramas von Ernst Toller aus dem Jahr 1919) und nichts anderes. Ob mit Hammer und Sichel oder Zuckerbrot, Hauptsache keine Peitsche, das zählte. Um Freiheit und Demokratie, um Mitsprache ging es, nicht um einen Urlaubstag mehr oder dreiundzwanzig Cent mehr in der Lohntüte. Um das Recht krank zu sein oder eine Rente zu beziehen, wenn der Tag gekommen ist. Selbstbestimmung heißt die Losung. Es ging um Grundsätzliches und nicht um Besonderheiten, die nur ab- und ausgrenzen, am Ende vereinzeln.

You are many, They are few.“ Du bist viele, sie sind wenige. Ein Satz, der nie an Aktualität verlieren wird und der in seiner schlichten Weisheit verblüfft. Er stammt aus der Feder von Percy Shelly (https://en.wikipedia.org/wiki/Percy_Bysshe_Shelley) und artikuliert eine Idee aus der Romantik, die von Einheit getragen wurde und nicht nur von einem starken Ich. Dieser Satz könnte auch von Puschkin stammen, der vom Allmenschentum spricht. Ein Begriff, der erst durch Dostojewskis Puschkinrede 1880 Weltruhm erlangt.

Dieser Satz von Shelly, du bist viele, steht dem Gedicht Georg Herweghs voran, mit den bekannten Zeilen „Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! /Alle Räder stehen still, / Wenn dein starker Arm es will.“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Herwegh,+Georg/Gedichte/Ausgew%C3%A4hlte+Gedichte/Bundeslied+f%C3%BCr+den+Allgemeinen+deutschen+Arbeiterverein)

Dieses vertonte Gedeicht und damit Lied wurde dreißig Jahre nach seinem Entstehen im Vormärz ( https://abi.unicum.de/abitur/abitur-lernen/vormaerz-epoche ) im Bismarckreich gesungen. Georg Herwegh, die eiserne Lerche, wie ihn Heinrich Heine nannte, repräsentiert heute eine Generation von Vormärz-Dichtern, die für ihre Überzeugung auf die Straße, auf die Barrikaden und ins Ausland gingen. Menschen, die noch Ideale besaßen und dafür kämpften. Menschen die dafür sorgten, was unsere Generation für selbstverständlich nimmt. Ein Stück konkrete Freiheit, Würde, Absicherung und Mitsprache in der Gegenwart und für die Zukunft. Ein Stück Gemeinsamkeit und keine leeren Versprechen von der Kanzel oder dem Kanzler. Kein Gnadenbrot, sondern Stolz. Aber es scheint uns alles zu leicht und aus der Hand genommen. In der Komoftzone vergisst der Angestellte von heute die Anfänge, den wahren Kern, den Kampf. Er lässt sich delegieren und amüsiert sich, wo er kann.

Damals, als Arbeiter noch für jedes ihrer Rechte kämpfen mussten, stürzte Bismarck über den deutschen Arbeiterverein und sein missratenes Sozialistengesetz (https://otto-von-bismarck.net/sozialistengesetz/) Der erste Parteitag der Sozialdemokraten fällt ins Jahr 1890. Er fand in Halle statt, daraus ging die SPD hervor, die heute gar nicht mehr weiß, wie Arbeit schmeckt und zusieht, wie der Reallohn sinkt, dies aber als Erfolg verkauft, weil sie die Inflation ignoriert. Heute geht man zum Sozialamt, bezieht sein Schweige- und Trostgeld und Politiker haben keine Ahnung mehr vom Straßenleben und Alltags-Existenz.

Bis zur Gründung der ersten Gewerkschaft unter Carl Legien (https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Legien) dauerte es noch bis 1919, der Erste Weltkrieg hatte tatsächlich auch sein Gutes: es gab mehr Arbeit zum Wiederaufbau, er machte arbeitende Frauen selbstbewusster und schuf eine Klasse des Proletariats, die sich endlich organisieren lernte. Gewerkschaften waren damals eine Macht und nur ihre gemeinsame Richtung konnte einen Kanzler kippen. Eine Reaktion des Staates bestand in der Ausweitung der Beamten, denn die durften nicht streiken und nicht selten raubte man damit dem Widerstand potenzielle Intelligenz.

In Bremen wurde am 10. Januar 1919 die erste Räterepublik (https://de.wikipedia.org/wiki/Bremer_R%C3%A4terepublik) ausgerufen, der die bedeutendere in München folgen sollte. Wenn auch nur wenige Tage, ermöglicht durch den Kollaps des Deutschen Kaiserreiches, schwang sich der Sowjet, der direkt gewählte Arbeiterrat, zum neuen Vertreter des Volkes auf. Die Tradition der SPD ist in diesem, inzwischen kleinsten, Bundesland besonders stark, auch das Engagement für den Pazifismus. Bereits im Krieg demonstrierten Tausende von Arbeitern gegen ihr Schicksal Kanonenfutter der Rüstungsindustrie zu sein. Arbeit erzeugt Politik und ohne Arbeiter keine Politiker, keine Oligarchen. „Alles ist dein Werk! o sprich, Alles, aber nichts für dich!“ (Herwegh, Bundeslied)

Die Angst vor einer russischen Revolution, die Angst vor links war naturgemäß in Deutschland stärker als die Sorge vor rechts. Der Marsch auf Rom, den die von Wien und von München folgten, führte in den Faschismus. Dieser vereinnahmte die Arbeiterschaft und der kleine Mann, ohne Arbeit und Perspektive wählte falsch, lies sich verführen. Doch dies ist eine andere Geschichte. Was damals zählte, war die Idee aktiver Mitgestaltung und gelebte Demokratie. Nie wieder sollten Arbeiter Schlachtvieh der Reichen und Mächtigen sein. „Man wagt es, daran zu denken, / Uns in die alte Knechtschaft zu führen!“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Marseillaise). Es kam anders.

Im Osten gedachte man leidenschaftlich dem Tag der Arbeit, der hierzulande zu einem weiteren Urlaubstag verkommen ist. Im Osten, 1989 besannen sich die Menschen, gingen unter Lebensgefahr auf die Straßen und sangen Wir sind das Volk – ein Gedicht aus der Märzrevolution 1848 und aus der Feder eines Weggenossen von Herwegh, der den heute Namen von Schulen, auch in Bremen ziert: „Wir sind das Volk, die Menschheit wir, / Sind ewig drum, trotz alledem.“ Die Rede ist von Ferdinand Freiligraths Arbeiter-Hymne „Trotz Alledem“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Freiligrath,+Ferdinand/Gedichte/Neuere+politische+und+soziale+Gedichte/Erstes+Heft/Trotz+alledem!)

Was ist heute? Der Tanz fällt aus. Die Predigt von der Kanzel kommt vielleicht per Internet ins Haus. Gottesdienst und Weltarbeitertag, verträgt sich das? Die Arbeiter wollten nicht länger warten auf das versprochene Entgeld für Leid und Entbehrung, sie forderten nicht das Paradies und metaphysische Gerechtigkeit, aber irdische Rechte für sich ein. Heute gehen ein paar Vereinzelte demonstrieren, jeder für sich und eigentlich mehr aus Langeweile oder aus moralischen Snobismus, die Welt zu retten. Akademiker erklären, wie das Leben funktioniert – in der Theorie.

Die Revolution 1848 brachte nicht den erhofften Umschwung, weil sich das Bürgertum gegen das Proletariat richtete, weil ihm Geld und Besitz wichtiger waren als die Freiheit und weil sie von Brüderlichkeit mit den schmutzigen Gesellen nichts hielten, ihre Töchter schützen wollten vor ihrer derben Sprache. „Vorwärts und nicht vergessen,/ worin unsere Stärke besteht! / Beim Hungern und beim Essen, /vorwärts und nie vergessen: /die Solidarität!“ (Berthold Brecht, Text: https://ingeb.org/Lieder/aufihrvo.html) Lied: https://www.youtube.com/watch?v=ZuN_vQR3Ohw

Von der Romantik aus über den Vormärz – stellvertretend Werth, Marx/Engels, Stirner, Feuerbach, Börne, Gutzkow und die erwähnten Freiligrath und Herwegh –  sie alle mussten ins Exil oder ins Gefängnis, gab es dann tatsächlich die Internationale. Es gab eine Sozialdemokratische Opposition, die bald stärkste Partei Deutschlands wurde. Es gab ein Erwachen selbst beim schläfrigen deutschen Michel und es gab Generalstreiks, die den Namen verdienten und etwas bewegten. Der erste fand in der heutigen Hochburg des Kapitalismus statt, in Amerika, wo das Ziel der Achtstundentag war. „Morgens ziehen die Kolonnen in das Moor zur Arbeit hin / Graben bei dem Brand der Sonne, doch zur Heimat steht der Sinn.“ Die Zeilen stammen von Ernst Busch (Text: https://www.songtexte.com/songtext/ernst-busch/die-moorsoldaten-7bcf8e84.html). Vertontes Lied: https://www.youtube.com/watch?v=nTKBJgkVe8o

Acht Stunden Arbeit schien damals in Amerika utopisch, zwölf waren normal, auch die Kinderarbeit. Der Waliser Robert Owen (https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Owen) gilt als Gründer der Gewerkschaftsidee, des Generalstreiks und der Einführung des Achtstundentages. Er war ein Kind des Manchesterliberalismus (https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20061/manchesterliberalismus), eines der vielen pervertierten und daher irreführenden Worte, an denen auch die deutsche, besonders die nationalsozialistische so reich ist. Mit liberal hatten die Industriewerkhallen, die Fabriken und ihre Bosse nichts gemein. Der Mensch war ein Ding, reduziert auf seinen Nutzen, oft weniger wert als eine Sache, und immer ging er in Zahlen auf. „Wir kämpfen und siegen / Für Dich: Freiheit!“ Ernst Busch, Spaniens Himmel. (Text und Lied: https://lyricstranslate.com/de/ernst-busch-spaniens-himmel-lyrics.html)

Mag sein, dass das heute immer noch so ist, aber der Arbeiter hat auch eine Lobby und noch wichtiger ein Bewusstsein für seine Lage. Er steht, zumindest in unseren Breitengraden, nicht mehr mit einem Fuß im Grab, weil er weder unter Tage arbeitet noch am heißen Schmelzofen. Diese Arbeit verrichten entweder Maschinen oder Arbeiter aus anderen Schichten, Ländern, mit anderen Nöten. Um uns den Schmutz abzunehmen, das Blut des Geldes abzuwaschen arbeiten sie als unsere Muskeln und Sehnen. Natürlich sehen wir weg, wie immer, wenn wir von Werten sprechen wie Gleichberechtigung, Feminismus, Gerechtigkeit oder neuerdings fair trade. Gleicher werden nur wir, nie die anderen.

Es ist ein alter Hut, gerächt und gerecht trennt nur ein Buchstabe. Gerecht sein und Richter sein zu wollen geht nicht zusammen. Wie sagt Zarathustra? „Ach, wie übel ihnen das Wort »Tugend« aus dem Munde läuft! Und wenn sie sagen: »ich bin gerecht«, so klingt es immer gleich wie: »ich bin gerächt!“ (http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/Also+sprach+Zarathustra/Zweiter+Teil.+Also+sprach+Zarathustra/Von+den+Tugendhaften) Friedrich Nietzsche also wusste um die Richter-Tugenden der Deutschen.

Die Erde, um zu werden, wie wir sie kennen, brauchte sie etwa eine Milliarde Jahre. Dem Kapitalismus genügten dreihundert Jahre, um sich auf dem ganzen Erdball durchzusetzen und ihn fast zu zerstören. Die Entdeckung und Anwendung der Dampfkraft, des Dynamits und der Elektrizität führten im Maschinenzeitalter zur Zertrümmerung des Feudalismus und der Aristokratie. Die Entdeckung der Geschichte kennt keinen Stillstand. Auf einen reflektierten Umgang mit unserer Gegenwart und ein entschlossenere Solidarität für eine gemeinsame Zukunft. ( zitiert aus Der Sozialismus, deine Welt, Verlag Neues Leben, Berlin, 1975, Herausgeber Zentraler Ausschuss für Jugendweihe). Viel hätte man aus dem Osten lernen können.

Der Autor ist weder DDR Bürger noch Sozialist oder Marxist, er denkt nur nach. Er hält es mit Tucholsky: „Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“ Möge es doch eines Tages beides, Hände und Hirn vereinen, möglichst mit Herz.

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