Macht die Welt nicht besser, aber glücklicher : Spaß am Fließband und doch alles Handarbeit

Sexmüdigkeit: Nur mit Krimi geht die Mimi (nie) ins Bett

Was ist los mit den Deutschen? Ist Sex noch sexy? Laut einer Umfrage haben vor allem junge Leute immer weniger Bock auf direkten Hautkontakt. Die Lust hat sich digitalisiert. Man klickt sich lieber und chattet, flirtet im Fernverkehr. Man nimmt den Laptop mit ins Bett, sieht sich noch ein youtube Video oder hört sich einen podcast an. Der Songtext müsste umgeschrieben werden (https://www.youtube.com/watch?v=JuzIQUrJrJU).

Spannend geht anders. Nach der zweiten, der digitalen Aufklärung (https://www.zweite-aufklaerung.de/kant-die-aufklaerung-und-ihre-folgen/) sind unsere Schlafzimmer zu Medienräumen und Gähn-Oasen mutiert. Trotz Fashion, man trägt lieber Probleme mit sich herum bis ins Bett. Wo ist nur der Spaß geblieben, die Kreativität? Oder die Leichtigkeit des Liebeslebens? All dem Aufklärungs- und Sextipp-Ratgeberkolumnen zum Trotz. Vergnügungsindustrie nannte es Adorno. (https://www.anbruch-magazin.de/methoden-und-wirkung-der-kulturindustrie/). Dr. Sommer ist ratlos, der sexuelle Frühling lässt auf sich warten. Man hat sie/ihn 2014 in den Winterschlaf, pardon, Ruhestand, geschickt. (https://www.welt.de/newsticker/news1/article126841330/Bravo-Chefaufklaererin-Dr-Sommer-entlassen.html)

Fun factory: Spaß-Alternative vom Band

Bunter und zu allen Jahreszeiten aktiv: Die fun factory (https://www.bremen.de/visitenkarte/fun-factory-gmbh-344068) umgeben von Wasser an der Kleinen Weser wurde 1996 gegründet, ein aufregendes Abenteuer begann. Am Fließband, in der Fabrik abgefeiert, rollen Dildos für die Libido- weltweit. Die Einrichtung, außen wie innen, ist pragmatisch-spartanisch, die Geschäftsräume funktional. Funktion schlägt Ästhetik. Immer. Der Ingenieur Dirk Bauer mit Familien(be)trieb haben die Last mit der Lust zu ihrem Geschäftsprinzip gemacht und geben fingerfertige Nachhilfe für Sexmuffel oder solche, die es werden könnten. Das Geschäft mit der versteckten Lust vibriert.

Im Inneren wartet eine Zwergarmee darauf, Gulliver auf seinen Fantasie-Reisen einmal erotisierend zu umzingeln. Paddy Pinguin, Limba Flex oder Amorino – Toys, Puppen und Orgasmus Hilfen, deren Namen an exotische Gewürzinseln erinnern und bereits in der Nase kitzeln, bevor es einige Stockwerke tiefer geht. Es darf auch mal ein angeschnallter Lümmel sein. (www.funfactory.com) Heute will niemand mehr unterbrochen werden in seinem Liebesrausch und Samen tragen Sie heißen Liebesperlen, die Vulva hört auf Perlendöschen, der Penis liebkost sich Jadezepter. Die Deutschen nehmen sich zu wenig Zeit für das Vorspiel, das die Klitoris erregt.

Onan und G-Punkt

Wer hätte geglaubt, dass hier biblische Aufgaben übernommen werden? Wer denkt bei der Onanie an die Figur Onan? Der Mann Onan, dessen Name hebräisch ausgerechnet Zeugungskraft bedeutet, weigerte sich, mit der Witwe seines Bruders Kinder zu zeugen, wie es die Tradition von ihm verlangte. Er vollzog daraufhin einen Coitus interruptus, bei dem Samen auf die Erde fiel. Dies wurde als Selbstbefriedigung fehlgedeutet. (https://de.wikipedia.org/wiki/Onan). Jesu blickt auf eine Verstellung zurück, der alttestamentarischen List einer Frau um Samenraub. Vielleicht verdammt die Kirche Sex deshalb als Sünde.

Heute geht alles schnell, wir leben in schnelllebigen und konsumfreudigen Zeiten. Man will schnell zur Sache kommen, es hinter sich bringen, Leistung zeigen. So wird das nichts mit hedone, der Lust nach dem persönlichen Maß, also individuellen Geschmack. Ein geflügeltes Ross fliegt dem Himmel entgegen und nicht wat mutt det mutt. Die Poesie ist abhandengekommen, der Lack ab.

Kopfsache

Da war doch mal etwas, das Erotik hieß. Wie ging das? Mit Muse. Nein, nicht einfach nur Musik. Und auch nicht mit viel Muss dabei. Man kannte keinen G-Punkt, doch man fand ihn. Wie es geht mit der Natürlichkeit, kann man lernen in lebensnahen geerdeten Kulturen, wo man ursprünglich schlicht und einfach liebt. Der Mensch ist auf Einfachheit geprägt, auf klare, verständliche Abläufe, Rituale, Gefühle. Die Evolution will das so. Nix kompliziert. Simplify your life. Entrümpeln wir unseren Kopf, denn das ist das größte Geschlechtsorgan.

Kunst kommt vom Gelingen. Und es gelingt meist, was einem gefällt. Im Osten, das ist kein Märchen, gab es nicht so viele Alternativen zur Freizeitgestaltung. Man besann sich auf das Wesentliche, das Natürliche. Vielleicht, weil es ein Grundrecht war und kein Tabu, die Kirche blieb im Dorf und landete nicht im Bett. Das ist keine Frage der Ideologie oder des Intellekts und schon gar nicht des politischen Systems. Körperliche Freizeitaktivität zu zweit (klassisch) funktioniert auch im Zeitalter von gender, von Meso- Hyper-, Trans- und Hypnosexualität. Spielzeug kommt auch bei Erwachsenen gut an, es darf nur anders verpackt sein und mehr Knöpfe haben.

Lustindustrie

Etagen- oder Wasserbett? Fessel- oder Rollenspiele? Die sexuelle Revolution, in Deutschland mit dem Namen Beate Uhse verknüpft, kennt keinen Anfang und kein Ende. Selbstbewusste Frauen oder solche, die es werden wollten, wurden seit der Steinzeit unterdrückt. Die Liste der Damen in der Literatur, die man als femme fatale, als Venusfalle, Lulu oder Lolita diffamiert, ist lang. Der kleine sanfte Hügel, wie er Griechisch genannt wird, ist das Epizentrum sämtlicher Liebesfreuden. Die Venus- oder Lustgrotte wölbt sich nach innen und sorgt dort für vulkanische Explosion. Entdecken wir die vollkommene Unvollkommenheit.

Alles ist hierzulande getaktet, vorgeschrieben. Das wie und wann und wo. Doch jeder braucht und will es anders. Manche streiten sich in Rage, weil Versöhnung ist so schön. Schicken wir die Sittlichkeit in Pension, spießen wir die Spießigkeit auf den Dildo, vibrieren wir uns durch das Leben.

Was kümmert sich das Federvieh

um Sittlichkeit und Bigamie.

Kein Feinripp zum Fest der Liebe

Es geht nicht nur um Penetration. Lieben und geliebt werden ist das höchste Vergnügen. Neun Musen für Mund in Mund, Leib an Leib. Damit alle Chöre jubeln und schäumen feuchten Jubel-Tau in Aphrodite-Muscheln. Empfindsamkeit steigern, verführerische Worte finden – Euphemia lässt grüßen, ein kleines Kompliment erwärmt jedes Herz.

Musen, neun an der Zahl, das Symbol für die Herrlichkeit und das Glück. Cloud nine ist unsere Wolke sieben. Unterhaltung heißt die erste Muse: weshalb nicht ein anregendes Gespräch vor dem Zubettgehen? Von Steuern, Bügeln, Einkaufen und Fliesenlegen ist noch niemand erregt worden. Also nicht den Tag ausklingen lassen mit dem, wie es morgen weitergehen soll. Und nicht vergleichen, wie es gestern war.

Muse zwei sorgt für den Glanz. Ein wenig Glamour anstelle von Pyjama und Feinripp und mehr Duft als Geruch darf es sein. Vielleicht unser Lieblingsgetränk, Ambrosia den Gaumen kitzeln lassen. Ein schönes Glas und nicht aus der Flasche.

Muse drei: die Stimme. Der Ton macht die Musik. Und wem nicht nach Reden ist, der legt Klänge für sich auf oder lässt Blumen sprechen. Aus denen formt sich Poesie: Rosen zum Kosen, Narzissen zum Küssen, Vicken für … Fantasie.

Muse vier: Die Sehnsucht wecken. Den Alltag hinter sich lassen und ankommen im Hier und Jetzt. Kennen wir unsere Wünsche, so machen wir sie wahr. Nirgendwo ist die Möglichkeit größer, sich zu verwirklichen als in der eigenen Lust. Mut zum persönlichen Stil ist angesagt.

Muse fünf will Ordnung. Einen frischer warmer, atmender Raum, Feng shue mit allen Wonnen. Einen Schmetterling oder eine Taube mit Düften besprühen, nach Geschmack Rosen auf dem Boden oder eine Reinigungszeremonie im Bad. Weg vom Jugendwahn, auch Falten können gestalten. Raus aus miefigen Klamotten, rein in den Rausch belebender Sinne.

Aura ist alles

Muse sechs: Einmaligkeit. Begehen wir unser Fest der Liebe, als wäre sie eine einmalige Gelegenheit. So lange darauf gewartet, nur dieser Moment, der zählt. Feiern wir uns als etwas Besonderes und vergessen wir alles, was war oder kommen könnte: genießen wir das Momentum als wäre es das letzte Mal.

Muse sieben: Rüstigkeit. Rüsten wir die Körper, pflegen wir sie wie einen Tempel, balsamieren, massieren, kultivieren bis zum ersprießlichen Erguss.

Muse acht: wie Achtsamkeit, der Griff in die Sterne, das ultimative Funkeln, wellengleich, wonnenhaft. Entdecken wir uns wie Seefahrer einen fremden Kontinent.

Muse neun: Tanz in den Morgen, küssende Lippen. Nach dem Beischlaf ist vor dem Schlaf, ein sanftes Hinübergleiten, Streicheln, Ausklang.

Leidenschaft kommt von wer Leiden schafft. Die Welt fühlt sich mit erfüllter Sexualität glücklicher an, wie es meistens die kleinen Dinge des Lebens sind, die wirklich gelingen und vorankommen, wenn man sie erst einmal in die Hand genommen hat.

Medial reflektiert: Fenseh-Fernweh

Amusing Ourselves to Death. Neun Jahre von Gründung der fun factory veröffentlichte Neil Postman mit Wir amüsieren uns zu Tode einen Titel, der so bekannt, weil einprägsam war. (https://www.daniel-ritter.de/arbeiten/postman_tv.pdf). Manch einer liest nur die Überschrift und denkt sich den Rest dazu. Irrtümlich wurde Postman als Philosoph gehandelt, doch er war Medienwissenschaftler, der die schöne Metapher vom Meer der Belanglosigkeiten erfand, als Antwort auf zunehmende Digitalisierung vor Twitter & Co. Er spricht anstelle der metaphysischen Obdach- von der kulturellen Orientierungslosigkeit und vom kulturellen Aids – das alles weit vor Corona.

Postman schreibt über die Wirkung von Fernsehbildern. Wir verbringen zu viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer. Das verändert alles, soziales Verhalten, Lese- und Lustgewohnheiten. Der Mensch vergleicht ständig und meistens mit sich selbst. Da schneidet er schlecht ab bei den geschnittenen Clips, gecasteten Models und getunten bodies. Er oder sie bekommt Komplexe und Fernweh. Er oder sie hat übersteigerte Erwartung an sich und oder den Partner. Er oder sie weiß nun viel, doch wenig damit anzufangen. Das alles senkt die Intimität, macht immun, aus Angst, nicht zu genügen.

Madame Rindvieh oder Blauer Engel?

Madame Bovary ist ihr Ehemann schlicht zu langweilig und sie tut, was sonst Männern vorbehalten bleibt: sie sucht sich einen Liebhaber. Rudolfo gewinnt ihr Herz bei einer Schafbockauktion. Gewiss, sie ist zu bedauern, zu kaufen ist sie nicht. Am Ende aber tot: Rattengift. Zum Sturz des Patriarchats hat das nicht geführt, auch nicht Tolstois Anna Karenina, Zolas Nana oder Heinrich Manns Rosa Fröhlich in Professor Unrat (Cineasten als Marlene Dietrich in Der blaue Engel vertraut).

Anspruch und Wirklichkeit: reality shows

Frauen haben heute aufgeholt, in so ziemlich allem, was früher Männerfantasien hieß. Laster ist längst kein männliches Privileg mehr. Doch weshalb Laster oder Heimlichkeit? Die 1996 fun factory vor Dirk Bauer muss die Dildos inzwischen nicht mehr an fingierte Adressen (Strohmänner) oder heimlich versenden. Gleitgel gehört zum festen Sortiment wie Seife oder Dusch das. Nichts mehr ist anrüchig, schon gar nicht vaginal. Anything goes. Tu was dir gefällt. Indes, es wird immer weniger getan.

Die Gründe sind verschieden. Schuld hat die Vergnügungssucht. Show must go on. Die Sucht nach Pracht, immer der erste, der beste, makellos zu sein, hat die Ansprüche wie im Treibhaus wuchern lassen. Denen hinken wir hinterher. Man freut sich schadig, wenn es anderen nicht besser ergeht.

Und ohne Alkohol, der eigentlich ein Liebestöter ist, kann weder die Scham weg- noch der Partner schöngetrunken werden. Rauschmittel substituieren echte Gefühle und senken die Hemmschwelle.

Mit dem Wissen stiegen auch die Sorgen. Man ist sensibilisiert für Hygiene und Bazillen. Leben muss ja weitergehen. Emotionen werden zunehmend totgestellt: gleich Insekten praktizieren wir Mimikry, alles, was nicht konform ist, nicht makellos, wird gelasert oder weggelächelt, Gefühle betäubt, dem oberflächlichen Schein geopfert. Fassadenkultur. Wir fühlen uns schnell gealtert oder leer. Dann entdeckt man fünfzig graue Schatten und rennt in den Baumarkt. Auf einmal soll alles wieder funktionieren. Vintage geht aber nur mit Möbel.

Wir sehen uns zu Tode. Augen-overkill. Voyeurismus, wohin wir auch blicken. Zu viel nacktes Fleisch geht zu Lasten der Erotik. Früher war Surrealismus so etwas wie Max Ernst, Salvador Dali oder André Breton. Heute ist das einfach Fernsehen oder das Schauen der Lottozahlen, denn Kabarett wurde längst überholt von der Realität, der wirklichen Wirklichkeit. Alles ist erlaubt, derzeit wieder mal nicht, vielleicht, weil alles zu langweilig geworden ist. Vulvinchen (eine Dildo-Variation Dirk Bauers) lässt grüßen. Stimulation schlägt Stereotyp.

Digitalisierung vereinsamt

Gewiss, durch Internet und cybersex ist Daten einfacher geworden, aber auch anonymer. Die Möglichkeiten schier grenzenlos, der Markt der Singles aber wächst und nicht nur Kühlschränke werden kleiner. Miniaturisierung ist in. Trotz touch screen: Der Kick fehlt. Klicken, was das Zeug hält. Elektronik frisst die Kinder auf und spuckt sie in der cloud wieder aus.

Zu viel Technik oder einfach zu technisch für homo faber? In dieser klinischen Welt darf von unsren Kleinsten kein Sand mehr verschluckt werden. In der Helikopter-Zeit rastloser Kontroll-Eltern haben wir verlernt, was Improvisieren heißt oder Instinkt oder Intimität. Die Aha Formel regiert. Der Oho-Effekt ist out.

Müdigkeit ist auch ansteckend, quasi pandemisch. Fun factory zeigt: Ideen kreieren, eigene, nicht die markterprobten, die designten und die verordneten, kann zum Erfolg führen. Wir brauchen wieder Antrieb, offensichtlich mit Motor und Batterie, aber recylebar oder zum wieder aufladen. Herunterholen, downloaden, mal anders.

Etwa 1300 Geschäfte beliefert fun factory aus Bremen. 98 Mitarbeiter erzeugen mit nachhaltigen, also wiederverwendbaren Stoffen, 10 Millionen Umsatz. Und führt wieder zusammen, was zusammen gehört.

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