
Foto Malte Godglück: Neapel, entzündete Nebelfarben (Tricolore) rot grün weiß am Lugomare, Neapels Uferpromenade. https://neapeltipps.de/lungomare.html und https://de.wikipedia.org/wiki/Flagge_Italiens
Geschichtsphilosophie
Giambattista Vico (1668 -1744) war ein Kind des Barock, der sich wie die Renaissance von Italien aus über ganz Westeuropa erstreckte. Er wurde in Neapel als Sohn eines Buchhändlers geboren geboren und wuchs in der Nähe Piazza del Gesù Nuovo auf, verließ die Stadt nie und verstarb in ihr. Dabei wirkte der in einer Jesuitenschule https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/ordensleute/pwiediejesuiten100.html erzogene Philosoph an einer der ältesten Universitäten der Welt, die unter dem in Ancona gebürtigen Stauferkaisser Freidrich II im Jahr 1224 ihre Gründung erfuhr.
Vico war u.a. Professor für Rhetorik, doch auch Geschichts- und Rechtsphilosoph, ein Gegner Descartes, insbesondere seines mechanischen Weltbildes, das er auf Geschichte übertrug. Als Begründer der Volks- und Stammespsychologie (eine Vorstufe zur Ethnologie) gereichte er Herder, Jacobi, Goethe und Humboldt zum Vorbild. Während der Cartesianismus keine notwendigen Gesetzmäßigkeiten im Ablauf der Weltgeschichte erkannte, vertrat Vico die gegenläufige Meinung, die exakten Naturwissenschaften und die mit ihnen verbundenen Kulturleistungen (darunter Architektur, Geschichte) könnten besser als alles andere beurteilt werden: „Wir wissen, was es heißt, ein Mensch zu sein.“ und „„Man versteht wahrhaftig nur, was man erschaffen kann“ .
Beide Zitate stammen aus seinem Hauptwerk „Scienza Nuova“, die neue Wissenschaft (1725-34). Die vielleicht wichtigste Entdeckung: Menschen folgen in verschiedenen Epochen verschiedenen Idealen und Denkmustern. Walter Benjamin, der deutsche Kulturkritiker und Philosoph, war von Giambattista Vico, und seiner Geschichtsphilosophie, stark beeinflusst, insbesondere durch dessen Konzept der „Historia Nova“, die den zyklischen Aufstieg und Fall von Zivilisationen beschreibt und die menschliche Schöpfung von Geschichte („Verum ipsum factum“ – das Wahre ist das Gemachte) betont, was sich in Benjamins kritischer Auseinandersetzung mit Geschichte, Mythos und der Konzeption von Wahrheit in seinen Werken, wie den „Passagen-Werk“, widerspiegelt, wo er die Idee des „Wahrheits-Fabrik“ (Wahrheit wird gemacht) aufgreift, die bei Vico in der Konstruktion der Geschichte liegt. Der Italiener sieht in ihr einen Kreislauf, aus logos und Chaos in dem nach dem Aufblühen der Kultur eine Zeit der Barbarei folgt, in der sich die Gesellschaft zurück entwickelt, bevor eine neue Ordnung entsteht.
In zwei wichtigen Punkten weist Vico der neueren Philologie die Ziele voraus : zuerst hat er die Frage nach Homer und die nach der römischen Königszeit aufgerollt; Homeros und die römischen Könige erscheinen ihm bereits als mythische Persönlichkeiten, als Symbole. Die Geschichte der Sprache gliedert er in drei Epochen in die göttliche, die heroische und die menschliche, wobei mit letzterer die stammesübergreifenden Sprachen einsetzen.

Foto Malte Godglück: Neapel, Gran Hotel Vesuvio. Dezember 2025. Hier starb der Neapolitaner Enrico Caruso, der berühmteste Tenor seiner Zeit, am 2. August 1921 in seinem 48. Lebensjahr. Er war gegen den ärztlichen Rat in seine Heimatstadt zurückgekehrt und erlag dort einer Brustfellentzündung. Jedes Zimmer hat einen Weihnachtsbaum auf dem Balkon.
Musik- und Sprachphilosophie
Auch die Philosophie ist an Geschichte, an ihren Kontext und Zeitgeist gebunden, daher wird es eine unabhängige und zeitlose Philosophie nicht geben. Als Sprache ist sie einer gewissen Willkür hinsichtlich der Kultur als signum unterworfen. Sprache selbst sei nicht logisch, sondern entwickelt sich genuin. Vico musste es wissen. Neapolitanisch weicht stark vom Standard-Italienisch ab; es ist ein eigener Dialekt (von der UNESCO als Sprache anerkannt), der sich im Klang, der Grammatik und im Vokabular deutlich unterscheidet und für Nicht-Muttersprachler oft kaum verständlich ist, obwohl er mit Italienisch verwandt ist, da beide vom Lateinischen abstammen. Erst im dritten Zeitalter, so Vico, sprechen die Menschen in „von den Völkern vereinbarten Laut-Wörtern” http://www.medien-gesellschaft.de/html/vicos_sprachphilosophie.html
Im ersten Stadium ist laut Vico Sprache nur Laut und damit der Musik wesensverwandt; Buchstaben und Noten bilden diese Artikulationsform nur in abstrakter Weise ab. Ziel ist in der Sprache wie in der Musik die Verständigung, die Kommunikation, die Mitteilung von Emotionen. Er rückt damit die Ursprünglichkeit der imaginativen, poetischen (und damit auch musikalischen) Schöpfungskraft des Menschen, die vor der abstrakten Vernunft stand und die Basis aller Kultur bildet – Musik als Ausdruck des „ingegno“.
Vico analysierte auch die Musik und ihre geografischen, ja geopolitischen Eigenheiten. Bekannt ist sein Vergleich mit dem Bauen noch vor Arthur Schopenhauer, der Musik die Architektur der Zeit und Architektur die Musik des Raumes hieß (nachzulesen in „Welt als Wille und Vorstellung „I, 3. Buch, ), insbesondere in § 52 , Die Metaphysik der Musik“ und Welt als Wille und Vorstellung „II, Ergänzungen zum Dritten Buch § 39, („Zur Metaphysik der Musik“. Schopenhauer sprach fließend italienisch und las auch Vico.
Das ihm zugrundeliegende Zitat lautet: „Musik ist flüssige Architektur; Architektur ist gefrorene Musik“. Es ist eine prägnante Metapher, die auf strukturelle und ästhetische Verbindung zwischen diesen beiden Kunstformen abzielt, indem sie Klang als bewegte Form und Form als erstarrten Klang beschreibt, auch wenn die direkte Quelle in seinen Hauptwerken nachzuweisen schwierig sein kann und die genaue Formulierung kontextabhängig bzw. epochenspezifisch ist. Vico schreibt: „Für die Lateiner sind Verum (das Wahre) und Factum (das Geschaffene) austauschbar, oder, um die übliche Sprache der Schulen zu verwenden, sie sind umwandelbar.“
Vico betrachtet das Ingenium (Genialität/Vorstellungskraft) des Menschen, Dinge zu verbinden, die anscheinend getrennt sind, als Schlüssel zum Verständnis. Dieses Zitat fasst seine Idee zusammen, dass Musik und Architektur durch gemeinsame Prinzipien der Ordnung und des Rhythmus verbunden sind, obwohl sie in unterschiedlichen Dimensionen existieren.

Neapel, Via Carbonara 110, Stadtteil San Carlo all’Arena, Minimuseum des umgebauten Geburtshaus des Tenors Caruso l Quelle https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/neapel-erinnert-an-star-tenor-enrico-caruso-18703281.html
Von der Wiederkehr der Barbarei
Das titelgebende Zitat „Jetzt kommen die langen barbarischen Jahrhunderte“ stammt von Giambattista Vico und bezieht sich auf den zyklischen Verlauf der Geschichte, insbesondere auf die Phase der Verrohung und des Rückfalls nach einer hochentwickelten Zivilisation, die in seinem Hauptwerk „Scienza Nuova“ (Die neue Wissenschaft) thematisiert wird, wobei Isaiah Berlin dieses Zitat in seinen Schriften über Vico populär macht.
Isaiah Berlin, Oxford-Professor für Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts rechnete den italienischen Barockphilosophen zu den Füchsen. Seiner Zweiteilung nach gilt: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding.“ Es gibt unter Philosophen Igel, die einen großen Gedanken (Einheit, Systemdenker) haben, der sie berühmt macht. Zu Igeln rechnet er Platon, Hegel, Marx und überraschenderweise auch Nietzsche, darüber hinaus Pascal, und Spinoza.. Zu den Füchsen zählen außerdem Aristoteles, Leibniz, Dante, Shakespeare und Goethe.
Darüber hinaus gibt es Füchse, die ein Igel sein wollen (Tolstoi) und Igel, die sich für einen Fuchs halten Die Tier-Metaphern bzw. das Gleichnis sind dem griechischen Dichter Archilochos (7. Jahrhundert a.C. ) entlehnt. Berlin sieht in Giambattista Vico einen revolutionären Denker, der die menschliche Geschichte als eine vom Menschen geschaffene Welt verstand, die durch „imaginative sympathy“ (imaginatives Mitgefühl) zugänglich ist, im Gegensatz zur Natur, die durch abstrakte Vernunft erkannt wird,.
Allgemein findet Vicòs zentrale Rolle bei der Entwicklung von Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften sowie dem Verständnis der Vielfalt menschlicher Kulturen breite Anerkennung, trotz Vicós eigener erlebter „langer barbarischer Jahrhunderte“ (Nachwirkung auf die päpstliche Inquisition und der Hinrichtung u.a. seines Landsmannes, dem unweit Neapel aufgewachsenen Giordano Bruno, dem ein eigener Beitrag gewidmet ist.
Eine der sich bewahrheitenden Prophezeiungen Vicos ist die Wiederkehr der Inhumanität bzw. der Rückfall in die Barbarei, die er aus der Universalgeschichte ableitet. Vico, Hegel, Marx, Nietzsche, Toynbee, Spengler sind laut Berlin die sechs bedeutendsten Ideen- und Impulsgeber der Geschichtsphilosophie.

Malte Godglück, Tenor, u.a. mit Auftritten in Neapel und Rom
Barbarei ist menschlich
Jetzt kommen die barbarischen Jahrhunderte – dieser Satz fällt, wenn Vico die „menschliche“ Phase beschreibt, in der die Vernunft verfällt und die Menschen von ihren Leidenschaften getrieben werden, was zu Egoismus, Misstrauen und Bürgerkriegen führt – ähnlich dem Zustand in der Spätantike oder nach dem Fall Roms (Saco di Roma). Auch Savanarolas Schreckensherrschaft in Florenz mit der Kunstverbrennung zählt er dazu.
Die neue Wissenschaft (Scienza nuova) gliedert sich in mehrere Bücher gliedert, die innerhalb von 20 Jahren entstanden. Die drei Sphären sind „Über die Natur der Nationen (im Original : De Natura Gentium), „Über die Gesetze (De Legibus) und „Über die Geschichte und die Zeitalter“ (De Rebus Historicis). In letzterem teilt er die Historie in göttlich, mythisch und menschlich ein und den Verlauf (corso) letzttgenannter in drei Zivilisationsstufen, die in ihren Mustern wiederkehren (Spengler und Nietzsche übernehmen die Analogie zu organischem Wachstum, Blüte und Absterben). Vico teilt auch die Renaissance in drei Phasen ein. In den jeweiligen Zivilisationsphasen bilden sich Sprache, Kunst und Recht als Schlüssel zur „verum ipsum factum“ (Wahrheit durch Tun) asus.
Vicos Menetekel begründet er mit dem natürlich gewachsenen Zustand der zivilisatorischen Dekadenz und des Rückfalls bzw. Niedergangs (ricorso), der zyklisch immer wiederkehrt, wenn eine Gesellschaft ihre geistigen und moralischen Fundamente verliert Selbst im zivilisierten Menschen steckt noch immer ein Raubtier, ein animalisches Wesen.Obwohl Vico im 18. Jahrhundert schrieb, sah er in der dekadenten, egoistischen Gesellschaft seiner Zeit Anzeichen für einen ähnlichen Verfall, weshalb er diese „langen barbarischen Jahrhunderte“ als eine unvermeidliche Phase des historischen Zyklus beschreibt, der durch die Zerstörung von Kultur und Anarchie gekennzeichnet ist. Damit steht Vico u. a. dem progressiv linearem Geschichtsdenken entgegen.
Eine Eigenheit besteht in dem Auseinandertreten von Einbildungskraft und Vernunft, die im deutschen Transzendentalismus/Idealismus unzweifelbar zusammengehört. So schreibt Vico: „Die Vorstellungskraft ist umso kräftiger, je schwächer die Vernunft ist„.

Foto Malte Godglück: Spaccanapoli, die wirklich schnurgerade Straße, die Nepoli in Ost- und Weststadt teilt. Mit einer knappen Million ist Neapel heute die drittgrößte Metropole Italiens nach Rom und Mailand. Die Bevölkerungsdichte ist dafür die höchste, schließlich entspricht die Fläche Napolis etwa der Kassels.
Anti-Cartesianismus und Prädestination
1827 erschien die erste französische Übersetzung von Michelet, die u.a. Nietzsche rezipierte und die Vicos Leserkreis erheblich erweiterte. Er gilt seitdem als einer der Vordenker der Aufklärung (Illuminismo, Lumières, Enlightenment, als Gradmesser für die Ausdifferenzierung einer modernen Gesellschaft mit starker subjektbezogener Ethik, die den Bürger als Souverän begreift. Zudem ahnt er sie als göttliche Vorherbestimmung(Gott fördert die menschliche Erkenntnis) Prädestination (von lateinisch praedestinatio)) voraus.
In Italien gab es zwei Zentren der Aufklärung: das neapolitanische und das lombardische Zentrum um Mailand, Bergamo und Mantua als führende Großstädte, zudem Venedig, wo Casanovas Storia della mia vita spielt. Neapel war zur Zeit Vicos eine wahre Metropole und mit 500.000 Einwohnern, nach London und Paris, die drittgrößte Stadt Europas. Die Zeit des späten 17. Jahrhunderts war durch soziale, politische und kulturelle Spannungen geprägt, die sich zum einen in der Aristokratie – die einheimischen baroni mussten sich gegenüber dem spanischen und französischen Adel behaupten – und zum anderen in der Machtstellung der Kirche zeigten. Ende des 17. Jahrhunderts dominierten noch immer die mittelalterlichen, scholastischen Dogmen, die u. a. ein Giordano Bruno ins „Fegefeuer“ stürzten.
Neapel war somit eine frühaufklärerische europäische Gelehrtenrepublik mit juristischem und philosophischem Schwerpunkt: Im Mittelpunkt der neapolitanischen Diskussionen und Interessen standen „Descartes und der Cartesianismus, speziell auch Malebranche, der Libertinismus/Epikurismus mit Gassendi, naturwissenschaftlich ein überlieferter Materialismus und Die damals verbreiteten Studien behagten Vico nicht, weil sie zu abgehoben, zu phantasielos, zu unkörperlich, zu unpoetisch gewesen wären, weshalb er vor allem Descartes als Führer einer Sekte bezeichnete.https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/227130 (Diplomabeit von T. Riegler über den Beitrag Vicos für die Frühaufklärung)
Vico stellt seinem Gesamtwerk eine Einleitung und zugleich Zusammenfassung voran: die Idea dell´ opera. Er spricht darin von drei Bereichen:den Himmel als der Welt des Geistes und Gottes, die Weltkugel als Welt der Natur und die für Vico so fundamentale Welt der Völker, die durch die verschiedenen,
über den Boden verstreuten Gegenstände, die die Errungenschaften und Einrichtungen der Völker zeigen, repräsentiert werden. Die göttliche Vorsehung (Divina providentia) ist ein Hauptprinzip der „Scienza Nuova.“

Pulcinella, Figur der Commedia dell’arte, gibt einem kleinen Pulcinella Pasta (Spaghetti) Der Papageientaucher ist eine ikonische Figur der neapolitanischen Commedia dell’arte, bekannt für ihre schwarze Halbmaske mit spitzer Nase und ein weißes, oft bauchiges Kostüm, die einen schlitzohrigen, gierigen und zugleich tollpatschigen Diener darstellt, der sich durch List und Humor durchsetzt. https://portalkunstgeschichte.de/giorgio-agamben-pulcinella-oder-belustigung-fuer-kinder-schirmer-mosel-2018/







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