Gegen den Strich denken

Foto Bernd Oei: Gose , der Goslar seinen Namen verdankt. Nach dem kleinen Harzflüsschen ist auch eine obergärige Biersorte benannt, da aus ihrem klaren Bergwasser die Brauereien ihren Grundbestandteil holten. Der yaus dem Bocksberg stammende und in die mündende Oker Fluss hat eine Gesamtlänge von 7 km.

Rettungslose Verlorenheit

In „Über den Begriff der Geschichte“ , das Walter Benjamin Frühjahr 1940 auf der Flucht und kurz vor seinem Tod am 26. September an der spanisch-französischen Grenze der Pyrenäen verfasste, sagt der Autor, dass unser aktuelles Geschichtsbild verzerrt, weil durch die Ideologie des Fortschrittsglauben verzerrt, ist. Eine seiner immer wieder rezitierten Metaphern ist die „Katastrophe in Permanenz“, die uns der „Engel der Geschichte“ veranschaulicht. Benjamin hält die Zivilisation für rettungslos verloren, sofern sie den wahren Kern der Historie nicht begreift und der von Vico als erster gebrandmarkte „Rückfall in die Barbarei“ unvermeidbar erfolgen muss. GEschichte müsse daher gegen den Strich gebürstet werden, so Benjamin.

Hannah Arendt war das Manuskript übergeben worden, veröffentlicht wurde es zwei Jahre nach seinem Tod als Beitrag der „Frankfurter Schule“ des es Instituts für Sozialforschung um Horkheimer/Adorno im amerikanischen Exil. Einen Beitrag dazu liefert https://www.philomag.de/artikel/walter-benjamin-und-die-geschichte; der Autor Wolfram Eilenberger liefert darin auch den Bezug Benjamins zur Sozialdemokratie und sein Verständnis für den historisch dialektischen Materialismus, dessen Dialektik sein Geschichts-Essay zweifellos geschuldet ist. Ohne messianische Hoffnung kein Nährboden für Marx.

Der in 18 kleine Kapitel gegliederte Originaltext samt Anhang ist einzusehen unter https://www.burg-halle.de/home/129_baetzner/SoSe_2017/benjamin_Ueber_den_Begriff_der_Geschichte.pdf

Am Beginn seiner Erläuterungen (I) setzt Benjamin das Bild eines Schachspielers, der in einem Automaten spielt, womit der geschichtliche Mechanismus gemeint ist. Die Puppe nennt er ausdrücklich „historischen Materialismus“. Sie gewinnt immer, wenn sie die Theologie (buckliger Zwerg) integriert. Benjamin vertrat durchaus Aspekte der Gnosis und der Eschatologie; beides ist geprägt von der fortwährenden Auseinandersetzung mit dem historischen Schicksal in der Diaspora, der Katastrophe in Permanenz. Der Begriff Katastrophe fällt erstmals im neunten Abschnitt.

Den Erlösungsgedanken, der wie das Martyrium wiederum gespeist ist von Benjamins semitischen Wurzeln, die neben seinem Marxismus, der engen Beziehung zu Brecht und der intensiven Beschäftigung mit Nietzsche bezogen auf die Bedeutung der Kunst zu seiner geistigen Grundausstattung gehört (diese ließe sich um den Surrealismus und seine literarische Bildung leicht erweitern), findet Eingang (II), auch das Attribut „messianisch“ taucht auf. Messianismus mit einer gewissen Esoterik (Beispiel Aura) verbindet untrennbar die drei Stränge: Nietzscheanischer Individualismus, marxistischer Klassenkampf mit Kollektivbewusstsein und jüdische Erlösungserwartung. Wer einen der drei Aspekte negiert kann seinem Denken nicht gerecht werden. U.a. nennt er in einem frühen Essay für die Frankfurter Rundschau Zeitung „Kapitalismus als neue Religion“, worin er Aspekte der Gewalt. vergleicht.

Foto Bernd Oei: Goslar Innenstadt, Kriegerdenkmal zu Ehren der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs, das sich auf die ehemaligen Jäger des Regiments „von der Bärenschleuse“ am Thomaswall. https://www.goslarsche.de/Nachrichten/Jaegerdenkmal-wird-90-Jahre-alt-555396.html

Sieger marschieren über die am Boden Liegenden

Der dritte Abschnitt äußert sich kritisch über die notwendige, aber keinesfalls historisch ausreichende Chronologie, um den wahren Kern der Historie zu erfassen. Der folgende Paragraf stellt erstmals ein Zitat voran, charakteristischerweise eines von Hegel, dessen Geschichtsphilosophie – seine „Philosophie der Geschichte“ die , nicht zu verwechseln ist mit „Geschichte der Philosophie“ – hat sowohl Marx und dem historisch dialektischen Materialismus https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/dialektischer-materialismus-29032 Vorschub geleistet als auch der Theorie des progressiven Fortschritts, die durchaus theologische Züge (Vernunftreligion) inkludiert. Hegel glaubte, der Mensch könne sich dem Reich Gottes über rationales Handeln annähern und sah in der mit Napoleon endende Geschichte einen tätigen „Weltgeist“, der die Vernunft schrittweise verwirklichte, sie sich im preußischen Staat und seinem Sittengesetz manifestierte. Diesen Fortschrittsmythos, den auch Marx‘ Klassenkampf geschuldet bleibt, widerspricht Benjamin aufs Schärfste. Das Unheil der Weltkriege gibt ihm Recht.

Da die Lehren der Geschichte zu spät erkannt werden, ist der Augenblick des rechten Handelns meist vertan (V) und zitiert den Schweizer Gottfried Keller, einem eine Generation jüngeren Zeitgenossen Hegels) aus dessen Bildungsroman „Der grüne Heinrich“ (Zweite Abteilung), dass die Wahrheit nicht davonlaufe. Umgekehrt laufen wir vielleicht ihr davon, wenn wir die Augen vor ihr verschließen (wollen). Kellers Zitat pointiert seine Geschichtsauffassung, nichts verloren geht, sondern im Historismus als kollektive Erinnerung verbleibt, auch wenn die Moderne sie zu überwinden und zu vergessen scheint.

Anschließend (VI) betont Benjamin die richtige Artikulation als das Wesen der Geschichte zu erfassen (seinerzeit lernte man historische Fakten stumpf auswendig) und gebraucht die Metapher des Aufblitzens von Erkenntnis – der auratische Moment des Jetzt als das Momentum der Erkenntnisarbeit bildet einen roten Faden seines Denkens. Zentral richtet sich seine Kritik gegen den Konformismus und damit auch dem Opportunismus; verkürzt den ideologischen Missbrauch beispielsweise für die Aufwertung der eigenen Nation oder Abwertung einer anderen Rasse. Verleumdung und Verkennung der Geschichte ist dann die Folge; die Toten und Besiegten haben keine Stimme, um sich gegen dieses Schicksal zu erheben.

Danach (VII) beschwört Benjamin das Menetekel, die Gefahr des sich Instrumentalisieren-Lassens von der herrschenden Klasse. Vorangestellt ist diesem Abschnitt ein Zitat Brechts aus der „Dreigroschenoper“; Benjamin verfasste mehrere Essays über das epische Programmtheater zur politischen Aufklärung und Wahrung der Geschichte seines vielleicht engsten Freundes. Er spricht auch die Trägheit des Herzens an die mit der Gewohnheit und damit dem Vorurteil einhergeht, welche die Erkenntnis vereitelt (Brecht arbeitete dieser mit seinem Verfremdungseffekt entgegen) und Siegermentalität fördert.

Foto Bernd Oei: Goslar, Mühlenviertel. https://www.meingoslar.de/erleben-und-geniessen/museen/lohmuehle

Ausnahme die Regel

So bildet Unterdrückung (Gewalt) nie die Ausnahme , sondern die Regel ihn der Historie (VIII). Zu staunen, was möglich ist, zeigt, wie unphilosophisch, weil unreflektiert, der Geist im 21. Jahrhundert geworden ist: Faschismus und Barbarei haben sich von langer Hand angekündigt und warnende Stimmen gab es genug. Neben falscher Vorstellung von Geschichte und seiner Ikonen bzw. Mythen spricht Benjamin darauf (IX) das Gemälde von Paul Klee Angelus Novus an, das Benjamin 1921 erworben hatte und in dem er das Symbol seiner Geschichtsphilosophie als Fortschritts-Kritik erkennt. https://www.kunstkopie.de/a/paul_klee/angelusnovus1920.html Zudem zitiert er seinen engen Freund Gerhard Scholem, wie dieser das Gemälde als Schweben zwischen Rückkehr und Bleiben beschrieb, was eine Dialektik des Fortschritts beinhaltet. So hätte der Sozialismus ohne vorausgehenden Kapitalismus keinen Sinn. Fortschritt bewirkt Verfall.

Die „Dialektik des Stillstands“ beschreibt, wie sich Geschichte und Kultur in einem Moment des Stillstands, dem „Jetzt-Punkt“, materialisieren, wo sich die Monumente der Vergangenheit als Ruinen zeigen und eine revolutionäre Chance für das „Erwachen“ und die Unterbrechung der linearen Fortschrittslogik besteht, besonders in den „Warenformen“ der Moderne, wie der „Phantasmagorie“des „Passagen-Werks“. Es geht darum, die Geschichte gegen den Strich zu lesen, das Vergangene im Augenblick zu erfassen, anstatt es als fortschreitende Entwicklung zu sehen. 

Benjamin gemahnt an die vita contemplativa mit dem klösterlichen Innehalten , dem das geschäftige Treiben und der Aktionismus der Moderne gegenüberstehen (X). Es folgt die Kritik an der Sozialdemokratie, die sich wie der Marxismus aus dem Fortschrittsmythos nährt und damit zur Zusammenbruch unter den Faschisten beigetragen hat. (XI) Allein der Begriff Nationalsozialmus weist darauf hin. Die Arbeiter sind die Sklaven von heute, weshalb Benjamin Marx zitiert und hernach dessen Zeitgenossen, den deutschen Emigranten und Führer der amerikanischen Arbeiterbewegung Josef Dietzgen. Arbeit (ein zentraler Begriff in Hannah Arndts „vita activa“) verdinglicht den Menschen und reduziert ihn selbst zur Ware. Ihr Preis ist die Naturbeherrschung, die notwendig auch die Herrschaft und Knechtung des menschlichen Geistes/Körpers einschließt. Zwischen res natura und res naturata wird gar nicht mehr unterschieden, Gesellschaft wie Natur gleichen einem Selbstbedienungsladen, dem Diktat des Konsums unterstellt.

Foto Bernd Oei: Goslar, Altstadt Mühlenviertel.https://www.harz-travel.de/Regionales/Harz-Sehenswuerdigkeiten-Highlights/Altstadt-von-Goslar/

Gesprengtes Kontinuum durch Opportunismus der Sozialdemokraten

Ausbeutung und Unterdrückung sind die Regel, Revolution die Ausnahme.Der Fortschritt kommt nicht voran, er schreitet nur vorwärts. Dem zwölften Kapitel stellt Benjamin Nietzsche voran, dessen „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ Kritik am übernommenen Geschichtsbild, aber auch an der Art der Geschichtsschreibung übt. Sentenz: Geschichte muss dem Leben dienen, nicht invers. Folglich wird das handelnde Subjekt zu ihrem Objekt und Historie selbst zu einem Agenten der Manipulation.

Nietzsche spricht vom Sklavenaufstand, Benjamin verweist auf den konkreten Spartacus-Aufstand https://de.wikipedia.org/wiki/Spartacus. Er weist Analogien zum Berliner Spartacusaufstand Januar 1919 unter Liebknecht und Luxemburg auf mit der Intention einer Räterepublik nach russischem Vorbild unmittelbar nach der Zerschlagung des Wilhelminischen Kaiserreiches. Der Spartakusbund spaltete sich als linker Flügel von der SPD ab und gilt als Geburtsstunde der KPD. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/revolution-191819/spartakusbund Benjamin war Freund der beiden Ermordeten und Bündnis-Mitglied. Von ihrer Ideologie vermochte er sich nie zu lösen, obgleich der den Stalinismus als anti-marxistisch enttarnte. Benjamin erwähnt Blanqui, Repräsentant der geordneten Anarchie. https://anarchistischebibliothek.org/library/finimondo-blanqui-oder-die-staatliche-insurrektion

Dem 13. Abschnitt steht ein zweites Zitat des Sozialdemokraten Dietzgen voran, der in seinem Glauben an den Segen des Fortschritts das Dilemma personifiziert, dem Benjamins Kulturpessimismus gegenübersteht. Kriterium liefert seine Diskontinuität versus der postulierten Homogenität seitens der Fortschrittsgläubigen (progressive Linearität)

Der 14. Abschnitt beginnt mit Karl Kraus – Benjamin sah in Kraus (speziell den „Worten in Versen“) einen „Wahlverwandten“ und widmete ihm umfangreiche Analysen, besonders in seinem Werk „Karl Kraus: Unmensch“, was eine tiefe intellektuelle Auseinandersetzung und Bewunderung zeigte, aber auch kritische Distanz v.a. in der Sprachkritik. Konvergenz besteht in der Ambivalenz gegenüber der Sozialdemokratie. Einerseits sehen Benjamin/Kraus in ihr revolutionäre Kraft für kulturelle Erneuerung und ein potenzielles Publikum („die Arbeiter“), andererseits bereits ihren Opportunismus, z.B. ihre nationalistischen Tendenzen (wie den Anschluss-Wunsch Österreichs an Hitler-Deutschland). Benjamin spricht vom „gesprengten Kontinnuum“ der Geschichte.

Foto Bernd Oei: Wasserrad der historischen Goslaer Lohmühle. Urspünglicher Zweck war die Gewinnung von Gerbsäure aus Laub- und Nadelgehöz für die Lederherstellung. Vor allem Robine, Eiche, Nussbaum und Kastanie besitzen viel davon. Zur Hochzeit existieren rund 40 Wassermühlen in Goslar. https://www.meingoslar.de/erleben-und-geniessen/museen/huldigungssaal/sehenswuerdigkeit/100175451–goslarer-lohmuhle

Es war einmal als Hure der Geschichte

Wenn, wie Kraus postuliert, Ursprung das Ziel ist, dann verläuft Historie zyklisch und führt zum Ausgangspunkt (permanente Revolution, Trotzki) zurück. So bald die sozialrevolutionäre Bewegung in einem gegen etwas sein erschlafft und nur noch für etwas ist, hat sie an Kraft verloren und wird Teil des Problems, das sie beheben wollte, sprich dem Nationalsozialismus. (XIV) Als Beispiel erwähnt Benjamin in XV nicht mehr Robespierre wie vordem, sondern die Juli-Revolution 1830, die lediglich eine Machtverschiebung zur Folge hatte. Dabei zitiert er am Ende aus „L‘ Insurrection, 1830“ (Die Aufruhr von 1830) von Barthélemy et Méry, einem Dichter-Duo, deren Satiren ideologisch Freund und Feind oft wechselten. Um den Tag anzuhalten, zerschoss man die Uhren.

Kraus‘ Verdikt von den dämonischen Folgen des Glaubens an den Ursprung einerseits und das Bild der fixierten Uhren, liefert den Übergang zum Stillstand (zur Dialektik) die auch der kritische Historismus, sprich der dialektische Materialismus, eingedenk sein muss. Benjamin komplettiert es mit der Metapher des Bordells und der Hure (XVI) . Mit dem Verweis auf die Prostitution im doppelten (moralisch wie ästhetisch und ökonomisch) Sinn des Zur Schau Stellens. Im Passagen-Werk (Essay Baudelaire oder die Straßen von Paris) bezeichnet er sie »Verkäuferin und Ware in einem« und damit Sinnbild der Dialektik. https://www.textlog.de/benjamin/abhandlungen/passagen/baudelaire-oder-strassen-von-paris

Historismus ist universal oder er ist bloßes Fragment (VII). Darunter versteht Benjamin keine Quantität durch Anhäufung von Fakten, sondern Qualität der Erkenntnis. Er bringt erstmals einen weiteren zentralen Begriff ins Spiel: den Choq, der die Fesseln löst (Ketten sprengt) und damit aus der Gefangenschaft befreit. Blitzartige Erkenntnis führt zu Choq: das Proletariat erkennt, wer er ist und welche Rolle er in der Moderne spielt. Dies führt zum Bruch traditionellen vorurteilsbehafteten Denken. Geschichte beginnt endlich fruchtbar zu werden. Diese Erkenntnis ist jederzeit möglich (nunc stans Argument): die Opfer wären gerechtfertigt, wären nicht umsonst gestorben, wenn die richtige Konsequenz erfolgt.

Foto Bernd Oei: Goslar, Gose, Mühlenviertel. Die Gose überwindet insgesamt in ihrem kurzen Lauf von 12,1 km 330 m Höhengefälle und durchquert 7 km die Innenstadt bevor sie in die Oker mündet. Sie war lange Zeit Hauptversorger der Brauereien. https://www.harzlife.de/info/gose_abzucht.html

Choq als Ausgangspunkt der Abbreviatur ohne Ausgang

Die Erschütterung des scheinbar Gewussten (Aufsprengung des Kontinuums) führt zum kreativ produktiven Stillstand. Nun kann Handeln in eine andere Richtung führen. Gelehrte Geschichte wird in ihrer Funktion der Repression enttarnt, die verzerrte Perspektive des Siegers deutlich, der scheinbare Fortschritt erweist sich als apokalyptisches Versprechen, dem der Untergang, der Gang durch die Katastrophe in Permanenz folgt, welcher durch ein falsches Geschichtsverständnis erst möglich wurde. Das Jetzt ist die Abbreviatur der Geschichte, kein leerer Punkt in einer Linie, einem Kontinuum.

Im Werk ist Lebenswerk, im Lebenswerk die Epoche aufzuspüren. (VII). Drastisch veranschaulicht: für die Evolution beträgt der homo sapiens zwei Sekunden eines Tages; jede Interpretation der Geschichte erfolgt daher anthropozentrisch und verzerrt. Dieser Erkenntnis steht der namentlich nicht erwähnt wird der Biologe Darwin Pate. Benjamin spricht von der Abbreviatur der Geschichte der Jetztzeit, sprich dem 20. und 21. Jahrhundert, die als Moderne gelten. Benjamin zielt auf die zerbrochene Ganzheit, die Zersplitterung ab, welche seine Epoche mit den vielen Brüchen virulent machte. Rettung und Erlösung blitzen zwar im Moment des Chocks, verbunden mit wahrhaftiger authentischer Erkenntnis auf, doch auf sie folgen weitere Katastrophen und neue Krisen.

Eine Analyse des Essays liefert https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/ueber-den-begriff-der-geschichte-von-walter-benjamin

Foto Bernd Oei: Paulaner, Gaststätte im Mühlenviertel. https://www.paulaner-goslar.de/

Adornos Mariginalien zu Theorie und Praxis

1969, gleichfalls am Ende seines Lebens angekommen (Erstveröffentlichung in der Periodika „Die Zeit“) und quasi als Schlusspunkt, schreibt der von der Protestbewegung Apo tief enttäuschte Adorno, Weggefährte Benjamins, über Theorie, die häufig der Praxis des reinen Aktionismus geopfert wird und rät vor gewaltsamen Befreiungsaktionen ab. In seinem kulturpolitischen Essay https://dokumentation-bildungsdiskurs.pbworks.com/f/adorno+-+marginalien+zu+theorie+und+praxis.pdf hält er wie Benjamin am Trug der Aufklärung der mit ihr verbundenen Fortschrittsgläubigkeit fest, kritisiert das Geschichtsverständnis als „Verblendungszusammenhang“ und hält nur Theorie, die nicht in Praxis umschlägt (negative Dialektik für ideolgiefrei. Sein Essay ist in 14 Thesen unterteilt und in der Machart Benjamins 18 Thesen sehr ähnlich. Auch distanziert sich von seinen Neohegelianismus, insbesondere dem reinen Rationalismus einerseits und Marx‘ Klassenkampfideologie andererseits.

Im ersten Abschnitt kritisiert Adorno die praktische Vernunft als reine Nützlichkeitsabwägung und damit eine Form des Utilitarismus. Im zweiten spricht er von der Divergenz von Theorie und Praxis, die doch immer aufeinander bezogen bleiben sollten (später spricht er von Wahlverwandten) und der Aversion gegen die Praxis seit der Industrialisierung. Im dritten Abschnitt prangert er Hegels zu weit gehenden Schritt der Rechtsphilosophie (Staat und Gesetz als Sittenrecht) an, da Hegel das Allgemeine hier dem Besonderen vorzieht und das Subjekt (Kants Moral, GEwissen) als unzureichend deklariert. Adorno selbst hält es in der Schwebe, hält Kant hier für zu sehr auf das Mögliche und Hegel zu stark auf das Wirkliche vertrauend.

Foto Bernd Oei Goslar, Innenstadt, Fachwerkhaus. Aufgrund der vielen alten Gebäude ist auch die Altstadt Weltkulturerbe.

Medien sind die Botschaft und haben keine

Der vierte Paragraf handelt von der Ohnmacht der Theorie gegenüber der Praxis und damit der vita contemplativa (Muse) gegenüber dem Lärm des Fortschritts (Technik, Lärm), die keine Atempause erlauben.Der folgende Abschnitt befasst sich mit Platon und Aristoteles dianoetischen Tugenden (Vernunft, bestehend aus Weisheit, Klugheit, Geschick und Erkenntnisdrang) und betont, dass es sich bereits um den Rückzug ins private handelt, dem er selbst den Vorzug gibt anstelle dem geforderten Diktat eines Philosophenstaats.

Der sechste Abschnitt betont den von Vico erstmals und durch Marx populär gewordenen Ausdruck vom drohenden Rückfall in die Barbarei, der Verblendung geschuldet ist, einem Missverständnis der Geschichte und der Ideologie, der sie geschuldet ist. So hält Adorno das Konservative und das Revolutionäre für keine Gegenspieler, sondern ebenso für Korrelate und Wechselwirkungen wie Unter- und Überrbau oder Idee und Materie bzw. Theorie und Praxis. Auch Denken ist für ihn eine Form des Handels.

Drauf spricht Adorno vom Primat der Taktik, das Mittel Praxis (um eine Theorie zu beweisen) gerät dabei zum Selbstzweck. Alles wird gerechtfertigt, notfalls die Theorie der Praxis angepasst, klare Feindbilder generiert und die Gewaltspirale eskaliert. Adorno macht einen Trend zum Aktionismus aus.

Abschnitt 8 beschäftigt sich mit der Pseduo-Aktivität des Demonstrierens und Streikens, der einseitigen Solidarität und der fehlenden Aufklärung in den Medien. Vielemhr spricht er dem kanadischen Kommunikationstheorietiker Mc Luhan das Wort: Die Medien haben nicht, sondern sie sind bereits die Botschaft. Nachrichten und damit Fakten werden gemacht, die PR Maschien dient der Inflation von Werten innerhalb der Kulturindustrie. Sie wird ihrer Aufgabe als vierte Gewalt nicht gerecht, sondern bedient die Lenkungsabsicht der Herrschenden.

Der neunte Abschnitt betont, dass Sozialwissenschaften nicht durch Psychologie ersetzt werden können und die Moderne einem entfesselten bürgerlichen Subjektivismus ohne Individualität gleich. Warenfetischismus und Konsumterror sind die Folge, ebenso irrationaler Aktivismus und Verdinglichung: Du bist, was du hast.

Foto Bernd Oei: Goslar, Marktkirche St. Cosmas und Damian

Schwindel der Geschichte durch Ideologie

Der zehnte Paragraf verweist auf die Verflachung der Soziologie Max Webers und seiner Urteilsfreiheit, die zugleich eine Wertefreiheit darstellt. Wissenschaft soll beschreiben, nicht vorschreiben oder fordern. Die Folge dieser Fehlentwicklung, di mangelnde Trennung von Sein und Sollen ist Bürokratismus.

Im elften Kapitel spricht Adorno von der Regression des Aktionismus und der Ohnmacht von Produktion und Reproduktion, zu der auch das Geschichtsverständnis zählt. Daher bleibt die wahre Freiheit im Industriezeitalter limitiert auf Kundendienst, der in Anspruch genommen wird.

Der 12. Abschnitt handelt vom einseitigen Diktat der Solidarität, der Anarchie nach erfolgten Umstürzen. Als Beispiel verweist Adorno auf die Pariser Kommune, Räteprepublik und auf Brechts Aussage, es sei ihm wichtiger das Theater zu verändern als die Welt. Die Grfahr einer Scheinpraxis besteht weiter

Der folgende Gedanke betrifft die Wissensoziologie als Ideologiekritik, doch die Wissenschaft ist Teil der Kulturindustrie geworden und kein Korrektiv. Er spricht von der falschen Mystik des Irrationalismus, da moralischer Druck keine Wahrheit erzeugt. Aus Dialektik wird Sophistik, wenn Theorie zum Instrumentarium verkommt., zum Legitimationszwang.

Kapitel 14 betont, dass Theorie weder eins noch konträr sind, sondern das eine das andere bedarf und integer nur eine Theorie ist, die gar nicht beabsichtigt, Praxis zu werden. Theorie darf nicht zur Legitimation der Praxis dienen wie diese nicht einfach aus einer Theorie hervorgehen muss. Wer nur die eine Seite bedenkt, betreibt Verblendung und hat einen blinden Fleck. Das Inkommensurable der Idee kann nicht konsumiert werden. Alles andere ist Schwindel.

Foto Bernd Oei: Goslar, Panoramablick auf die Stadt.

Engel der Geschichte: vorwärts kommt nur, wer rückwärts denkt

Mein Kommentar aus der Monografie „Katastrophe in Permanenz“ zur Bedeutung/Interpretation der Zeichnung von Paul Klee:

Foto Bernd Oei: Kaiserpfalz Goslar.https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserpfalz_Goslar

Dialektik des Stillstands: Schicksal als Chance

Mein Kommentar aus obigen Buch über den Begriff „Dialektik des Stillstands“

Foto Bernd Oei: Barbarossa Reiterdenkmal auf der Kaiserpfalz; das Standbild stammt von Raymond Faure. https://www.raymond-faure.com/Goslar/Goslar_Kaiserpfalz_Reiterstandbilder.html

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