Philosophen sind die Glücklichsten

Foto Bernd Oei: Holzminden, Alte Weserbrücke, 564 m lang und 14,5 m breit., 1950 nach Kriegszerstörung wiederaufgebaut. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/3GHC7IKTBTQVC2TWUAAKF2JDYGMTD6TH

Nikomachische Ethik

Ist das philosophische Leben das glücklichste? Dies ist die Kernfrage , die sich Aristoteles (384-322 v. Chr.) in der Nikomachischen Ethik https://www.projekt-gutenberg.org/aristote/nikomach/nikomach.html stellt und positiv beantwortet..

Die Nikomachische Ethik gliedert sich thematisch in vier Hauptteile, beginnend mit der Bestimmung des Glücks (Eudaimonia) als höchstem Ziel des menschlichen Lebens (Buch 1), gefolgt von der Erläuterung der Tugenden, insbesondere der ethischen Tugenden, die durch Gewöhnung entstehen (Buch 2-3). Weiterhin widmet sie sich zentralen Tugenden wie Tapferkeit, Mäßigung und Gerechtigkeit, diskutiert die Freundschaft (Buch 8-9) und schließt mit einer Reflexion über das philosophische Leben und die Beziehung zwischen individueller Tugend und dem politischen Staat (Buch 10)

Foto Bernd Oei: Holzminden, alte Weserbrücke, vom Duftpark (Buchstaben HOL) auf den ehemaligen Gleisanschluss zum Industriehafen aus fotografiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Holzminden_alte_Weserbr%C3%BCcke.jpg

Eudämonie

A. erklärtes Ziel ist die Eudämonie, die Glückseligkeit: ein gelungenes Leben, ausgewogen und integer, sprich tugendhaft. Ein glückliches Leben zu führen galt in der hellenischen Antike seinerzeit als das größte Ziel allen Strebens. Dabei sah der Schüler Platons das rechte Maß, die goldene Mitte zu halten, als zielführend: nicht zu reich, aber auch nicht arm bedeutet, strebsam zu sein und durchaus sich einen Komfort zu verschaffen ist gut, denn Hunger und Not können nicht erstrebenswert sein, aber Reichtum erzeugt auch affluentia, Wohlstandsverwahrlosung.

Allgemein strebt Aristoteles nach Ausgleich: Extreme sind nie gut. Ein allzu tapferer Mensch ist z.B. tollkühn, ein allzu Reicher verliert ebenso das Augenmaß. Vor allem muss man sich von Abhängigkeiten meiden, wie sie alle körperlichen und seelischen Sinnesfreuden begleiten, wohingegen die geistigen frei sind. Alles, auch die Tugend, ist zunächst ein Mittel zum guten Zweck. Glückseligkeit ist kein Mittel zum Zweck wie Geld bzw. Reichtum, sondern Wert an sich (Selbstzweck). Entscheidend: bleibt, sich nicht abhängig zu machen von äußeren Gegebenheiten. Freiheit entsteht durch Selbstbestimmung. Sei dein Schicksal.

Foto Bernd Oei: Holzminden, Weserufer mit Blick auf Bergland, neue Weserbrücke und Symrise AG die durch die Fusion von Dragoco und Haarmann & Reimer entstand und als einer der weltweit größten Hersteller von Duft- und Geschmackstoffen gilt. https://de.wikipedia.org/wiki/Symrise

Ergon

Mit seinem Ergon-Argument (Nikomachische Ethik, Buch I, Abschnitt 6) Ergon hat vier Bedeutungen: Arbeit, Funktion, Werk und Tat. In diesem Fall dient die Arbeit, gute Taten ins Werk zu setzen. Ein glückseliger Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, das gut handelt.

Was unterscheidet homo sapiens vom Tier – er ist ein animal rationale: „Es bleibt also nur ein tätiges Leben dessen, was Logos hat.“ Logos ist der griechische Begriff für Vernunft/Verstand. Allerdings beinhaltet der Begriff auch Wort, Rede, Sinn (Ordnung) – es sind Attribute des Verstands, über den andere Lebewesen nicht verfügen. Der Mensch passt sich nicht der Umgebung, sondern diese seinen Bedürfnissen an. Dazu bedarf es tätig-sein.

Der Logos ist zweigeteilt in einen reinen und ein angewendeten Teil.Aristoteles trennt den Logos nicht von der Seele. Ein guter Mensch handelt nicht einfach nur praktisch oder mechanisch nach Nützlichkeit. Zum Gutsein bedarf es Seele. Vernünftige Seelentätigkeit erzeugt Glückseligkeit. Diese definiert als „das vollkommene und selbstgenügsame Gut und das Endziel des Handelns.“

Foto Bernd Oei: Holzminden, Duftpark und Lutherkirche https://de.wikipedia.org/wiki/Lutherkirche_(Holzminden)

Drei Wesens-Qualitäten

Körper, Seele, Geist sind drei Formen des Lebens: die niederen Lebewesen besitzen nur Körper (bis zu Pflanzen), die höheren Seele, einzig der Mensch auch Geist. Je größer der Radius aktiven Handelns und Gestaltens, desto mehr Geist besitzt ein Lebewesen.

Körperliche Güter sind u. a. Reichtum. Neben den äußeren existieren auch innere wie Gesundheit und Freundschaft. Während äußere Qualitäten vom Zufall abhängen, sind die inneren autark und werden von eigenem Handeln hervorgebracht.

Seelische Güter wie Ehrlichkeit können nur vom guten Menschen gezeitigt werden. Die Arbeit besteht an der (Selbst)Vervollkommnung, der Entelechia dieser Qualitäten. Die höchste Form der Tugend bezeichnet A. als arete (Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit, Vollkommenheit).

Bernd Oei: Holzminden, Duftpark am Weserkai und Fachwerkhaus, zugleich Teil der Märchenstraße. https://www.deutsche-maerchenstrasse.com/orte/holzminden. Der Duftpark wurde 2003 eröfdfnet, nimmt auf die Tradition der Parfümherstellung Bezug – seit 1874 wird hier das Vanillin produziert. Das Fachwerkhaus ist das ehemalige Schulgebäude von 1824.

Kontemplatives und aktives Leben

Die geistigen sind die kontemplativen Werte, wohingegen die ersten zwei Wesensqualitäten, körperlich und seelische, der vita activa zugehören. Die vita contemplativa, bíos theoretikós, sind Wissenschaften/Musen, z. B. Architektur, Mathematik, Kunst. Sie bedürfen nous, der Vernunft im Sinn der Denk-Tätigkeit.

Da nicht alle Menschen gleichermaßen über nous verfügen, müssen sich die anderen mit bíos praktikós begnügen, der aus nützlicher Tat und kluger Anwendung des bereits vorhandenen Wissens hervorgeht, z.B. Handwerker-Tätigkeiten. Es handelt sich um Gewohnheits-Vernunft. In der Musik entspricht der Unterschied dem Komponieren / kontemplativ und dem Spielen eines Instruments / aktiv.

Was die Ethik betrifft, so gibt es noetische, die aus Gewohnheit entstehen (die römischen mos majorum); auch sie entsprechen dem bíos praktikós. Die andere Ethik entsteht aus Lernen,Verfeinern, entsprechend dem bíos theoretikós..

Dianoetische Fähigkeiten sind nous (reines abstraktes Denken), sophia (philosophische Weisheit) und epistemé (Wissenschaft). Sie erzeugen Werte und neues Wissen. Noetische Kompetenzen sind techné (Handwerk), phronesis (Klugheit, z.B. geschäftiges Handeln) und poiesis (künstlerisches Handeln), die allesamt auf Anwendung von altem Wissen beruhen. Rein ethische, durch Gewöhnung hergestellte Tugenden sind u. a. Tapferkeit und Freundlichkeit.

Foto Bernd Oei: Holzminden, Duftgarten und Lutherkirche, ursprünglich eine Marienkirche, seit 1568 (Holzminden wird reformiert) evangelisch.

Zwei Seelen-Formen

Dies gilt auch für die Seele: der praktische Teil empfindet und ist für das Gefühl zuständig; dieser Anteil der Seele bleibt vernunftlos. Der andere hingegen, im eigentlichen Sinn der moralische Anteil, hat Vernunft. Deshalb kann der Mensch wie jedes Tier z.B. Zorn empfinden,vermag ihn größeren aber über den vernunftbegabten Anteil der Seele zu regulieren, zu kontrollieren und zu besänftigen. Eine gute Seele vermag die Affekte zu steuern und maßvoll zu handeln, eine weniger gute gibt sich dem bloßen Affekt hin. Daher unterscheidet A. rechtes Streben vom Pathos, dem Streben nach Affekt und Leidenschaft.

Ethische Tugenden sind eine Folge aus Lust und Schmerz-Empfinden. Ein tugendhafter Mensch muss nicht auf Lust verzichten, doch er richtet sie auf kontemplative Tätigkeiten und Entwicklung seiner dianoetischen Kompetenzen/Qualitäten. Darum strebt der Geistreiche nach Ruhe und Muse.

Foto Bernd Oei: Neue Weserbrücke, Weserbergland. Die Kleinstadt (18 000 Einwohner) liegt auf maximal 89 m Höhe. Die neue Weserbrücke wurde 1994 begonnen und zwei Jahre späterfertigg estellt. Sie ist 565 m lang und 14, 5 m breit – nahezu identisch mit der alten.

Gerechtigkeit

Nur gutes Handeln erzeugt gerechtes Sein. A. spricht nie von absoluter zeitloser Gerechtigkeit, sondern dem temporären bzw. situativen Tun, das dem Geforderten entspricht und die Affekte, also Egoismen, unterbindet. Dennoch existiert kein allgemeine Gerechtigkeit, sondern es bleibt ein individuelles Tun, eine Charakterfrage. Dabei bilden Selbstgenügsamkeit, Bescheidenheit, Besonnenheit eine gute Grundlage. Die Glückseligen sind die mit sich selbst im reinen sind. Einzig Weisheit (eine philosophische Qualität) bedarf nicht mehr eines Gegenüber, denn um gerecht oder tapfer oder besonnen zu handeln, bedarf es immer einer Mitwelt.

Ein aktives Geistesleben führt zwingend notwendigerweise zur Glückseligkeit; Philosophen sind dadurch glückliche Menschen, nebenbei auch gerecht und besonnen. Praxis bedeutet Handeln im politischen Raum, dem Miteinander. Das abendländische Paradigma hat es auf die Erkundung und Beherrschung der Materie reduziert. Alles wird der Wissenschaft untergeordnet, um die Natur planbar zu machen. Ein faustischer Pakt zwischen ihr und der Technik. Alles geht in mathematischen Gleichungen auf, das Universum ist berechenbar. Von Gerechtigkeit ist keine Rede mehr.

Foto Bernd Oei: historischer Kran am Weserkai in unmittelbarer Nähe zur alten Weserbrücke. Dieser erste Kran stammt aus dem Jahr 1917.

Staatsformen

Die nikomachische Ethik behandelt im 8. Kapitel den Kreislauf der Regierungssysteme, die A. mit Familienmodellen vergleicht. Monarchie : gütiger Vater gegenüber seinen Kindern, Aristokratie: Herrschaft der Besten und Geeignetsten wie der Mann gegenüber der Frau Führung beansprucht, Timokratie (Zensus): Vorherrschaft des vor dem jüngeren Bruder. Diese drei bilden die guten, also tugendhaften Regierungsformen.

Jede dieser Form kann entarten: die Monarchie in die Despotie /Tyrannei, Aristokratie in Oligarchie und Timokratie in Demokratie, weil hier „der Herr im Haus fehlt“, so dass „jeder tut, was ihm gefällt.“

Foto Bernd Oei: Holzminden, Fachwerkhaus des Hafenmeisters im Weser-Renaissance Bautstil (Mitte 17. Jahrhundert) am Hafendamm der Weser. mit Sandsteinplattendach und Kragengiebel. https://www.komoot.com/de-de/highlight/3845649

A propos

 „Es ist leichter, zehn praktische Gedanken zu fassen als einen theoretischen, und wiegt auch dementsprechend weniger.“ (Moritz Heimann)

 „Was uns für Zwecke der konkreten Praxis am meisten Not tut, sind durchweg Abstraktionen.“

 ( G.K. Chesterton)

 „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. „

(Immanuel Kant)

Problem: fehlende konkrete Handlungsanweisungen: Die Ethik gibt keine klaren Antworten auf komplexe moralische Fragen (z.B. in der Bioethik), da sie sich auf die Entwicklung eines tugendhaften Charakters konzentriert, statt auf Regeln für spezifische Situationen. Die Lehre vom „rechten Maß“ (Mittelweg) zwischen Extremen (z.B. Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkühnheit) ist vage und hängt stark von der Klugheit (Phronesis) ab, was die Anwendung erschwert.

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