Pferde können nicht fliegen

Foto Malte Godglück: Villa Adriana, 6 km vor Tivoli, ca. 30 km nordöstlich von Rom, ehemals Sommerresidenz des Kaisers Hadrian (117-138). Unter ihm begann das römische Imperium erstmals zu schrumpfen (maximale Expansion erreichte es unter seinem Vorgänger Trajan) https://villae.cultura.gov.it/de/die-staetten/villa-adriana/ und https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Adriana

geplantes Leben loszulassen, um wirklich zu leben

Edward Morgan Forster ist ein Neujahreskind. 1879 geboren und aufgewachsen im Marylebone, einem Stadtteil Westminster Londons, das schon zu seinen Lebzeiten annähernd 4 Millionen Menschen zählte und damals die größte Stadt der Welt war. Heute ist die Metropole des Königreichs zweimal so groß und mehr als doppelt so viele Bewohner als Berlin. Forster, drei Jahre älter als Virginia Woolf, gehört zur viktorianischen Generation zwischen der vorgehenden um Oscar Wilde und der nachfolgenden um Evelyn Waugh. Es ist das Viktorianische Zeitalter, jene Epoche, in der die Briten innerhalb ihres Imperialismus sich Indien in ihr Königreich einverleibten, die industrielle Revolution (Eisenbahn) kulminierte, Großbritannien die führende Weltmacht wurde, das Bürgertum die Macht an sich riss und trotz des Wohlstands immer mehr Menschen verelendeten.

Forster, der über 90 Jahre wurde, war vor allem Traditionalist. Obwohl zur Blomsbury Group gehörig, in der Avantgarde und Experiment angesagt waren, sind seine literarischen Werke weder innovativ in der Technik noch im Ton. Der britische Romancier verfasst eine eigene Literaturtheorie mit dem spröden Titel „Ansichten über den Roman“. Seine elementaren Werke – sämtlich vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen, der eine Zäsur im literarischen Wirken Forsters bildet, da er hernach ausschließlich Essays und theoretische Beiträge lieferte, sind „Zimmer mit Aussicht“ (1905), „Wiedersehen in Howards End“ (1910) und „Reise nach Indien“ (1914 beendet, 1924 publiziert)

Fotro Malte Godglück: Villa Ariana, die größte Parkanlage (125 ha, die ein Kaiser für eine Sommerresidenz je erbauen lies. Die architektonischen und skulpturalen Dekorationen der Villa sind außergewöhnlich reich.

Die größte Reise führt ins Innere

Anfang des neuen Jahrhunderts bereiste Forster, zu dieser Zeit Journalist und Auslandskorrespondent der Independent Review, Italien und lernte auch Rom kennen, das er noch zweimal später aufsuchen sollte. Allgemein eignete er sich Rollenklisches und Fremdbild der Briten auf andere Kulturen an und befand, dass die Reisenden nicht wirklich offen waren für die Eigenheiten der Fremden, sondern sie oft herablassend wie exotische Tiere betrachteten. Zudem kritisierte er die Blasiertheit (smugness) des englischen Snobs als Folge von Prüderie (prudery) und Konventionen, in denen die Klassenzugehörigkeit wichtiger war als alles andere. In diesem Spannungsfeld von liberalen Humanismus und rigiden Konservatismus, der aus der viktorianischen Epoche rührte, situiert er seinen ersten großen belletristischen Erfolg „A room with a view“ (verfilmt 1985). Komplett einzusehen ist der Text im Original unter https://archive.org/details/roomwithview00forsrich/page/n11/mode/2up Vorgelesen in englischer Sprache:

Der erste Teil (part I) spielt in Italien, eine kleine Sequenz auch in Rom, der zweite 60 km südlich von London, in der Grafschaft Surrey. Die Quintessenz des Romans (ca. 350 Seiten, 20 Kapitel) ist: es gibt keine größere , längere und erstaunlichere Reise als die ins Innere, die Begegnung mit dem eigenen Ich. Festzustellen und anzunehmen wer man wirklich ist und nicht zu wem man gemacht wird.

Zu den Antagonismen zählen Leidenschaft versus Pflichtgefühl und individuelle Entscheidung versus konventioneller Status. Zwei grundverschiedene Menschen lernen sich in Florenz (einer Pension) kennen. George Emerson verkörpert den exzentrischen Freigeist mit nahezu italienischem Temperament, Lucy Honeychurch (Honigkirche) ist „verklemmt“, introvertiert und stets auf Etikette bedacht. Die Begegnung des ungleichen Paares findet in Florenz statt und symbolisch, wie der Titel, will George Lucy sein Zimmer mit Ausblick auf den Arno (damit die Schönheit Italiens und die Freiheit) überlassen. Man kann sich denken, dass sie beide viele Hindernisse, innere wie äußere überwinden müssen, um zueinander zu finden.

Da ist zum einen die stockkonservative und mütterliche Erzieherin Cousine und zum anderen ein standesgemäßer Verlobter, den sie sich für Lucy ausgesucht hat. Da ist zum anderen jener verhängnisvolle Kuss aus Spontaneität und Leidenschaft, mit den George Lucy bei einem Picknick mehr als nur in Verlegenheit bringt. George trifft Lucy auf dem ländlichen Anwesen in Südengland wieder und sagt ihr offen, was er von ihrem Verlobten hält : “ Er ist die Art Mensch, der niemanden wirklich kennen kann, am allerwenigsten eine Frau. Er weiß nicht, was eine Frau ist.Er will dich als Besitz, etwas zum Anschauen. Er will nicht, dass du echt bist, denkst und lebst. Er liebt dich nicht. Aber ich liebe dich. Ich will, dass du deine eigenen Gedanken und Gefühle hast, selbst wenn ich dich im Arm halte.“.

Worum es geht ist folglich nicht das Zimmer mit Aussicht ins Äußere, sondern ins Innere. Lucy muss jene schwere Reise auf sich nehmen oder zu einem Besitz werden, einem unverrückbaren Möbelstück. Will man Lucys Charakter beschreiben, so dient folgender als Aphorismus: „Es geschah, dass Lucy, die das tägliche Leben eher chaotisch fand, in eine solidere Welt eintrat, als sie das Klavier öffnete.“

Virginia Woolf rezensierte 1908, dem Jahr der Publikation (Forster schrieb von 1905 an fast drei Jahre an seinem dritten Roman) überaus positiv in der wichtigsten Literaturzeitschrift Englands jener Zeit, der The Times Literary Supplement. Eine ausführliche Inhaltsangabe liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/zimmer-mit-aussicht/7066

Foto Malte Godglück: Villa Araiana nahe dem Tivoli, dessen ursprüngliche Bezeichnung für einen geografischen Ort zum Sinnbild wurde für prachtvollen Gärten und Villen, zum Synonym für Vergnügungsparks, Lebensfreude, Gartentheater und Orte der Erholung

Der Himmel über unseren Köpfen

Lucy erstrebt Perfektion und sie ist lange Zeit bemüht, äußeren Erwartungen zu genügen, da sie diese unhinterfragt übernimmt als die eigenen. George hingegen vertritt eher die Werte Forsters (liberaler Humanismus), u. a. sagt er: „Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ Die Koordination von Himmel (Ideal) und Erde erscheint die eigentliche Aufgabe der Liebenden. Lucys Position ist anfänglich: „“Es ist nicht möglich zu lieben und sich zu trennen.“ Sie hat aber nur Vorstellung von Liebe, diese aber nie erlebt, folglich trägt sie den Himmel im Herzen und nicht das Fleisch. Georges Vater indes, der seinem Sohn die lange Leine lässt, sagt: „Es gibt nur eine perfekte Aussicht, und das ist der Himmel über unseren Köpfen“.

In Italien, einer anderen Umgebung, einen anderen sinnlicheren Himmel als Lucy ihn kennt, bröckelt ihre Fassade, sie sprengt zumindest kurzweilig die Fesseln ihrer Herkunft, ihrer vermeintlichen Identität. Dass der Kuss im Freien geschieht, ist nicht unbedeutend. Weil George nicht standesgemäß ist und ein Kuss an sich erst Verlobten gestattet ist. strenge, widerspricht er den sozialen Konventionen und moralischen Normen des Viktorianismus.

Skizze der Rekonstruktion der Hadrian-Villa bei Tivoli

Der Engländer kann nicht fühlen

Angeblich aus Angst, loszulassen (von dem was er kennt). In Howards End prägt sich ein Satz ein: „We must be willing to let go of the life we have planned, so as to have the life that is waiting for us.“ Um das Leben zu führen, das auf uns wartet, als wären wir seine Gäste, müssen wir bereit sein loszulassen, was wir geplant haben, folglich, unsere Gästeliste streichen, denn nicht wir sind die Gastgeber (Herrscher). Das kann und muss man sogar als Affront auf den Viktorianismus auffassen. Wir müssen REgeisseure unseren eigenen Films werden und nicht nur Schauspieler in fremden, uns aufgetragenen Rollen.

Worum geht es in „Howards End? “ Es bezeichnet einen Landsitz, der als Symbol für Tradition, Harmonie und die Verbindung von Natur und Geist steht und im Mittelpunkt der Handlung steht, die soziale Klassen in England um 1900 beleuchtet. Es geht um manchmal förmlich steife political correctness, um big und small people (Klassengegensätze), die nicht zueinander finden. Höher gegriffen: Prosa und Poesie, Nützlichkeit und Schönheit im Leben zu verbinden.

Forster las vornehmlich Henry James, dessen Bruder Wiliam den amerikanischen Pragmatismus mit dem europäischen Idealismus zu verbinden suchte, was auch Henrys Romane durchzieht. Die Synthese aus Tradition und Innovation ist dabei entscheidend. Fundamental ist stets das Unbewusste oder Unsichtbare. So sagt Helen Schlegel „jede menschliche Seele liegt näher am Unsichtbaren„; der Geist versucht sie sichtbar zu machen. Am Ende sehnen sich alle nach Liebe: „human love will be seen at its highest“

Zwei Familien, die puritanisch-viktorianischen Henry und Ruth Wilcox (big people) und die lebensfrohen, kunstinteressierten Schlegel-Schwestern (small people) stehen sich gegenüber. Es gibt eine Brücke durch die ungewöhnlichen Frauenfreundschaft zwischen Margaret und Ruth und vor allem ein Anwesen, das sie verbindet: Howards End – es verkörpert Forsters Ideale von Bescheidenheit, Empathie und innerer Harmonie, die im Kontrast zur pragmatischen, materiellen Welt der Wilcox-Familie stehen. Eine Zusammenfassung liefert auch hier https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/wiedersehen-in-howards-end/7065 und viele Zitate, allerdings im englischen Original sind nachzulesen unter https://www.goodreads.com/work/quotes/1902726-howards-end. Mein Fazit:

Foto Malte Godglück: Rom, Altes Kino in der Villa Borghese im Bezirk Parioli, einem angesehenen Viertel nördlich des Zentrums. Das Cinema dei Piccoli, wurde ursprünglich um 1934 erbaut und gilt als das kleinste Kino der Welt und hat eine lange Geschichte,mit temporärer Schließung während des Weltkriegs

die gesamte Wilcox-Familie als reiner Schwindel, nur eine Fassade

Der Volltext ist in englischer Sprache einzusehen unter https://www.gutenberg.org/files/2946/2946-h/2946-h.htm, zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=wPt2jn_U6aU. Um den wichtigsten Antagonismus zu betonen: Henry und Ruth Wilcox stehen für das Großbürgertum, den Kapitalismus in Reinkultur (Immobilien, Versicherungen und Aktien) , Margaret (die impulsivere), Helen (die diplomatischere) und Tibby Schlegel repräsentieren den Mittelstand, das Bildungsbürgertum. Der Roman wurde mehrfach verfilmt, u.a. detailgetreu 1992. Mit der Ehe von Henry Wilcox und Margaret Schlegel stellt Forster eine Versöhnung und Aufbruch in eine moderne Gesellschaft in Aussicht, die Prosa und Poesie verbindet. Immerhin heiratet sie nicht nur in die so genannte bessere Gesellschaft ein, sondern erbt vordem von der Eigentümerin Ruth Wilcox das Anwesen. Ihre Familie erklärt sie für verrückt und verbrennt das Testament. Das uneheliche Kind ihrer Schwester Helen hilft ihr, zu ihrem Recht zu gelangen.

Forster orientierte sich bei seinen Figuren an Personen, die er kannte und auch für Howards End stand die Realität Modell in Gestalt seines Elternhauses im Weiler Rooks Nest in Hertfordshire, seinem Elternhaus von 1883 bis 1893. Seine letzten 12 Jahre verbrachte der Schriftsteller in Conventry, 131 km nordwestlich von London in einer Landvilla.

Was die Schlegels von den Wilcox lernen können ist v.a. positive Sicht auf die Dinge, die sich praktisch verändern lassen. Am Anfang sagt Margaret, die Wilcox sind Schwindel, Fassade, Golfschläger, Automobile, Zeitungswissen. Doch sie merkt bald, dass da mehr ist und durchaus nicht nur Leere. Demnach ergänzen sich Henry und Margaret, doch es bedarf der Zeit, dies zu entdecken und den Blick hinter die Fassade wirklich zuzulassen.

Das Kino von Innen. Kardinal Borghese ließ im 17. Jahrhundert eine 148 ha große Parkanlage anlegenhttps://www.walksinsiderome.com/de/tour-attractions/cinema-dei-piccoli/ und https://ray-magazin.at/orte-des-kinos-cinema-dei-piccoli/

Der Himmel in uns, die Erde gegen uns

Virginia Woolf hat einmal das Bonmot geprägt, man reist nach Indien und heiratet. Es bildet den Hintergrund zu 2Mrs. Dalloway“, die ihren Liebhaber aus Vernunftgründen nicht erhört, worauf dieser nach Indien reist und tatsächlich sein Glück bei einer anderen Frau findet, was sie nie ganz verwindet. Forster, der lange in Indien zubrachte,

E.M. Forsters gleifalls mehrfach (u.a. 1984) verfilmter Roman“Auf der Suche nach Indien (1924 ) beschreibt die komplexen Beziehungen zwischen Briten und Indern während der Kolonialzeit, inspiriert von seinen eigenen Reisen und Erfahrungen, und thematisiert Missverständnisse, Toleranz und die Unmöglichkeit einer tiefen Verbindung, wobei die berühmten Marabar-Grotten eine zentrale Rolle spielen, die die Verzweiflung und das Echo der Enttäuschung symbolisieren. Es ist ein bedeutendes Werk, das man vorlesen kann, um die Atmosphäre des Romans und seine tiefgründige Kritik am Kolonialismus zu erfassen. Forster war Quäker, die Bildung und Humanismus in Anlehnung an der Renaissance in den Vordergrund stellten, zudem rigorosen Pazifismus vertraten. Doch wie die Briten nicht fühlen wie Inder können Pferde nicht fliegen, selbst wenn es manchmal so aussieht.

Wiederholt sei für eine ausführliche Zusammenfassung auf https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/auf-der-suche-nach-indien/7064 verwiesen und in Ermangelung kostenfreier Volltext-Einsicht auf das englische Original unter https://www.gutenberg.org/files/61221/61221-h/61221-h.htm E Das Werk ist in drei Großkapitel (Bücher) unterteilt: Moschee, Grotte, Tempel. Wie in Zimmer mit Ausblick kommt eine junge Frau, hier allerdings bereits verlobt, in ein fremdes Land, ist bald begeistert und zwischen ihren bisherigen Überzeugungen und neuen Erkenntnissen hin- und hergerissen.

Diese Frau, Adela, lässt sich auf einen indischen Arzt, namens Aziz der seinerseits sehr britisch geprägt ist, Land und Leute zeigen. In einem Moment der Verwirrung glaubt sie unstattlich von ihm berührt zu werden, möglicherweise ist ihr uneingestandener Wunsch hier Vater des Gedankens. Es kommt zum Prozess, bei dem der Arzt gewinnt, aber vieles verliert: den Glauben an England und an die Liebe. Beide Parteien sind nicht frei von Vorurteilen und auch der dritte, die vermittelnde Instanz Cyril Fielding, nicht so aufrichtig wie er zu sein glaubt. Er ist Rektor einer Schule und setzt sich unermüdlich für Gleichberechtigung ein, versagt jedoch im Moment der Konfliktbewältigung. Daher ist dieser Roman eher von Pessimismus getragen als alle anderen.

Zitiert sei die Schlusssequenz (Kapitel 37, 3. Buch)

“Why can’t we be friends now?” said the other, holding him affectionately. “It’s what I want. It’s what you want.” But the horses didn’t want it—they swerved apart; the earth didn’t want it, sending up rocks through which riders must pass single file; the temples, the tank, the jail, the palace, the birds, the carrion, the Guest House, that came into view as they issued from the gap and saw Mau beneath: they didn’t want it, they said in their hundred voices, “No, not yet,” and the sky said, “No, not there.”

Hier sprechen nicht Personen, sondern Naturelemente wie Himmel, Erde, das Meer.

Die letzten Sätze in E.M. Forsters Roman Reise nach Indien betonen die Unversöhnlichkeit der kulturellen Kluft, selbst wenn die Hauptfiguren Aziz und Fielding versuchen, ihre Freundschaft wiederzubeleben, wobei die Natur selbst (die Erde und der Himmel) mit einem „Nein, noch nicht“ oder „Nein, nicht dort“ antwortet, was die Hoffnung auf eine echte, ungetrübte Verständigung zwischen den Völkern dämpft. 

Diese Sätze, die auf die Frage nach einer möglichen Freundschaft zwischen Hindus und Muslimen (oder Briten und Indern) reagieren, verdeutlichen, dass die gewünschte Harmonie noch nicht erreicht ist und die tiefen Gegensätze der Geschichte entgegenstehen. Daran zerbricht eine aufkeimende Liebe ebenso wie eine langjährige Freundschaft.

Der gesamte Text ist im englischen Original einzusehen unter https://d-nb.info/997884576/34

Foto Malte Godglück: Olivenbaum im Park Villa Borghese

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