Die Waffen des Schmerzes

Foto Belinda Helmert: Bibliothèque Natonale de France (BNF), rue Richelieu 58. Dachfenster des Lesesaals gestaltet von Henri Labrouste 1868. Ein Zugang in diesen Saal ist nur nach vorangegangener Anmeldung erlaubt.

Die Macht des Wortes

Liebe ist etwas Seelisches, und alles Seelische braucht die Freiheit, um atmen zu können. Ohne Freiheit fehlt der Sauerstoff – und die Flamme erstickt.“ Diese Worte stammen vom Dichter Paul Éluard (Synoym, 14.12.1895 Éluard ist der Name seiner Großmutter). Er vermochte unverbrauchte Bilder zu finden wie diese: „Deine Brüste sind zarter noch als jeder Duft betauten Grases, und tragen deine Schultern doch.“ Dabei vermischte er häufig die Klarheit der äußeren Erscheinung, der körperlichen und sinnlichen Phänomene mit surrealen Metaphern, die konventionellen Sprachgebrauch durchbrechen (Katachrexe, Oxymoron) und den die Logik nicht kennt.

Neben André Breton, Louis Aragon und Philippe Soupault gehörte er nicht nur zu den Gründungsmitgliedern (1924, Surralistisches Manifest) https://deutschunterlagen.com/wp-content/uploads/2014/12/breton-manifest-des-surrealismus.pdf, sondern zu den wichtigsten Lyrikern Frankreichs seiner Epoche. Philippe Soupault gehörte er nicht nur zu den Gründungsmitgliedern (1924, Surrealistisches Manifest), sondern zu den wichtigsten Lyrikern Frankreichs seiner Epoche. Die surrealistische Bewegung kam nicht aus dem Nichts, sondern fußte auf Symbolisten wie Mallarmé und Rimbaud, in noch stärkerem Maße auf Lautréamont, der bereits vom sur-naturalisme schrieb und Apollinaire, der surnaturalisme als jenseits der Realität und über dem Bewusstsein stehend definierte.

Mit Breton wurde der Surrealismus einerseits zu einer programmatischen Haltung gegen gängige Kunstformen (Avantgarde), einem überzeugten Plädoyer für das Unbewusste über automatische Schreiben oder spontane intuitive Kunstakte (happening) und drittens zu einer internationalen Bewegung, die Widerstand gegen die bürgerliche Kultur, die nationale Politik und die traditionelle Vernunft n der Einbildungskraft , d. h. den Rationalismus, protestierte. Erstmals erhielt die Kunst einen völlig autonomen Charakter, der nicht nur frei von Moral, sondern auch von Sinn sein konnte. Zudem spielte die Vernetzung der Künstler, ihre gattungsübergreifende Interaktion und ihr Kollektiv (performance) eine bis Andy Warhol hinein gültige Maxime. Viele Surrealisten kombinierten verschiedene Kunstsparten oder erarbeiteten gemeinsame Werke aus Ton, Bild und Inszenierung.

All diese Kriterien treffen auch auf Éluard zu, einem ebenso anti-konventionellen und damit auch revolutionären Geist, der u. a. Albert Camus beeindruckte und beeinflusst; als Mitglieder der Résistance kannten sie sich gut und ihre Freundschaft begann mit der deutschen Okkupation von Paris (Juni 1940). Ihnen war auch die Skepsis gegenüber der KP gemein, und ihre Abscheu, sich von einer Idee vereinnahmen zu lassen. So trat trat Éluard der Partei erst zwei Jahre späterbei, weil sie die treibende Kraft des Widerstands gegen die Okkupation war. Einen kurzen Abriss über Leben und Dichtung ist zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=b5U1Fi-Hv4o

Foto Belinda Helmert : Lesesaal der alten Pariser Nationalbibliothek in der Rue Richelieu, die das erste (Louvre) und das zweite (Bourse) arrondissement von Paris verbindet. https://de.wikipedia.org/wiki/Biblioth%C3%A8que_nationale_de_France

ungezählte Gezeiten

Zudem verstand sich der Surrealismus als ein internationale Bewegung mit dichtem Netzwerk unter den Künstlern. Dies verkörpert Éluard in vorbildlicher Weise, da er auch mit südamerikanischen Dichtern befreundet ist (viele von ihnen fliehen nach Paris ins Exil oder studieren dort), darunter Bandeira , der vielleicht größte moderne Lyriker Brasiliens

Da die Surrealisten Besitz und Eigentum ablehnten, waren Promiskuität, Frauentausch, offene Beziehung und Homosexualität dort geduldet, teilweise sogar erwünscht. So verlor Éluard seine erste Frau Gala endgültig an Dali. Die frühen Werke kreisen bis in die Dreißiger Jahre um seine Liebe zu ihr.

Der Dichter und die Muse lernten sich als Minderjährige in einem Lungensanatorium in Davos kennen, da beide an Tuberkulose litten. Während die Russin (geboren in Kasan an der Wolga) vor einer gestifteten Ehe flüchtete, versuchte der angehende Poet davor, vom väterlichen väterlichen Betrieb vereinnahmt zu werden. Der Erste Weltkrieg trennte das Paar vorübergehend, Gala wurde seine Frau, Muse und Kritikerin (sie schrieb Vorworte und besaß Korrekturrecht). Sie führten eine Dreiecksbeziehung mit Max Ernst und Éluard, „le poète de l’amour“ hing noch an ihr, nachdem sie 1929 Dali folgte (Scheidung 1932). Auch seine zweite Frau Nusch, eine Schauspielerin, wurde zur Ikone der Surrealisten; sie erlag vierzigjährig einem Schlaganfall, was den Dichter erneut in tiefe Depression stürzte.

„Ich lebe in den ungezählten Bildern der Gezeiten und der Jahre“. Der Vers stammt aus dem Poem „Poésie et vérité“ (Dichtung und Wahrheit), 1942.

Die Chronologie seiner Werke: Frühwerk & Surrealismus (ca. 1913–1930er):

  • 1913: Erste Gedichte, die im Sanatorium entstehen.
  • 1922: Répétitions (Wiederholungen), mit Illustrationen von Max Ernst.
  • 1924: Manifest des Surrealismus (durch André Breton).
  • 1926: Capitale de la Douleur (Hauptstadt der Schmerzen) – einer seiner wichtigsten surrealistischen Sammelbände.
  • 1929: L’amour la poésie (Liebe die Poesie).
  • 1930: L’immaculée conception (Die unbefleckte Empfängnis), mit André Breton. 

Spätwerk & Résistance (1930er–1940er):

  • 1934: La rose publique (Die öffentliche Rose).
  • 1936: Les yeux fertiles (Die fruchtbaren Augen), mit Illustrationen von Picasso.
  • 1942: Poésie et vérité (Dichtung und Wahrheit), ein Plädoyer für engagierte Dichtung.
  • 1942 (veröffentlicht 1943): Liberté (Freiheit) – geschrieben während des Krieges, wurde zum Symbol des Widerstands und als Flugblatt über Frankreich abgeworfen.
  • 1943: L’honneur des poètes (Die Ehre der Dichter).
  • 1944: Au rendez-vous allemand (Zum deutschen Treff), Sammlung seiner Widerstandsgedichte. 
  • 1944 Le livre ouvert (Das offene Buch), Sammlung 38-44

(Nachkrieg):

  • 1947: Le devoir et l’inquiétude (Die Pflicht und die Unruhe).
  • 1947 Le Temps debordé (Die überwältigte Zeit)
  • 1948: Deux colombes (Zwei Tauben).

Foto Belinda Helmert: Lesesaal der alten französischen Nationalbibliothek. https://www.deutschlandfunkkultur.de/alte-pariser-nationalbibliothek-lesesaal-in-neuem-glanz-100.html

Musikalische Poesie – Lyrik als Melodie und Seelenheil

Allgemein spricht man Lyrikern einen hohen Grad an Musikalität und ihren Texten melodiösen Charakter zu; Dichtung eignet sich für Vertonungen. Das Libretto liefert zudem eine kongeniale Zusammenarbeit, u . a. Hofmannsthal / Strauß oder Mallarmé / Debussy. Von Paul Éluard steht im Jardin du Luxembourg eine Statue mit Zither, die auf seine enge Beziehung zur Musik verweist. Ihr Titel „Le Poète ou Hommage à Paul Éluard,“ ihr Schöpfer: der kubistische Bildhauer Ossip Zadkine, ein russischer Freund des Dichters. https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g187147-d14099323-Reviews-Le_Poete_ou_Hommage_a_Paul_Eluard-Paris_Ile_de_France.html

Jakob Leiner verbindet Musik und Medizinwissen und hat Eluards Lyrik, zumindest teilweise, ins Deutsche übertragen, jene, die vertont wurden von dem Pianisten und Komponisten Francis Poulenc. Eine symbiotische Freundschaft unmittelbar nach der Trennung von Gala verband den Musiker mit dem Dichter, der seine zumindest teilweise spontanen Eingebungen über dessen Vertonungen besser verstand, während Poulenc reines musikalisches Schwingen aus seinen Versen entnahm. https://www.kulturkaufhaus.de/de/detail/ISBN-9783871735660/%C3%88luard-Paul/entwurzelte-schatten

Mehr über den Autoren: https://www.literaturport.de/lexikon/jakob-leiner/

und sein Institut https://www.uniklinik-freiburg.de/musikermedizin.html.

Die Auswahl von Leiners übersetzten Gedichten ist folglich eng mit Poulencs Auswahl verknüpft. Inhalt: Cinq Poémes / Sept Chansons / Tel Jour,telle Nuit/ Miroirs Brulants / Figure Humaine / Un Soir de Neige / La Fraicheur et le Feu / Le Travail du Peintre / Autres Chansons.

Foto Belinda Helmert: Bibliothèque Natonale de France, Lesesaal. Der Architekt des berühmten Lesesaals der Bibliothèque nationale de France in Paris ist Henri Labrouste. Er entwarf die 1868 eröffnete historische Bibliothek mit dem berühmten Lesesaal, der 1868 eröffnet wurde. https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Labrouste Nicht zu verwechseln mit dem Schriftsteller und Politiker Henri Babusse, dessen Anti-Kriegsbuch Le feu (1916) Stefan Zweig in Deutschland bekannt machte. Autoren pazifistischer Literatur drohte wegen Landesverrat eine lange Haftstrafe. Babusse gewann stattdessen für „Das Feuer“ den Prix Goncourt, Frankreichs renommiertesten Literaturpreis.

gläserne Stirn und zerbrechlicher Regen

Das Gedicht „Rôdeuse au front de verre“ (Streunerin mit gläsernem Stirn) von Éluard stammt aus dem Jahr 1922, es erschien in seiner berühmten Sammlung „L’Amour la Poésie“ (Die Liebe der Poesie) und wurde von Poulenc 1935 vertont. Es ist in Leiners Übersetzung das vierte aus dem Zyklus „Fünf Gedichte“ und zeigt den jungen Dichter. Vordem wurde es nur von Stephan Hermlin transkribiert. Die Vertonung von Poulenc ist zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=2fhRWrU1xnE und der französische Text einzusehen unter https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=5413

Leiner verwendet grundsätzlich ausschließlich Kleinschreibung für seine Übertragungen, so auch für diese aus nur einer Strophe bestehende Poem.

Das Oktett führt in der ersten und der letzten Zeile Repetitio des titelgebenden Satzes und in den Versen 2,3,4,6,7 die Anapher ihr/ihre, die sich auf „rôdeuse“ (Streunerin, Herumtreiberin – das Substantiv besitzt keine Polyvalenz). Zudem verwendet Éluard an zweiter Stelle grundsätzlich viermal Augen, einmal Herz und als drittes Satzglied ein Verb. Dadurch entsteht eine maximale Statik (der späte Benn verlegte sich auf „Statische Gedichte“) und Parataxe (Hölderlin im Turm schrieb ausschließlich im parataktischen Stil). Da Éluard unter dem Bann der Augen seiner damaligen Frau Gala stand, könnte es sich um eine Hommage an seine Muse handeln.

Das Leitmotiv des jungen Dichters ist die Liebe und der Ausdruck von Klarheit in den Worten: clarté bildet das Schlusswort des siebten Verses Im engen Sinn surreal ist bestenfalls die Katachrese „schwarzer Stern“. Befremdlich wirkt auch die Aussage „ihre Augen zeigen ihren Kopf“. Solche Bildbrüche sind wie Oxymoron „zerbrechlicher Regen“ aus dem dritten der fünf Poeme des kleinen Zyklus, schließlich bildet auch der Titel einen, wenngleich schwächeren Widerspruch in sich, ein stärkerer Kontrast liegt in „Wärme des Winters“ vor.

Leiner behält die Ordnung der Syntax bei und wechselt nicht in den Wortgruppen, so dass Original von seiner Übertragung lediglich die Silben einbüßt, wobei Monosyllaben im Text überwiegen Die Verse behalten so ihre mathematische Einfachheit und signifikante Struktur. Schwierig bzw. abweichend gestaltet sich lediglich die siebte Zeile: „Ses yeux joueurs gagnent leur part de clarté“, da Leiner das Verb gewinnen unberücksichtigt lässt und das Nomen Spieler zu einem Verb abwandelt. So wird aus dem wörtliche: Ihre Augen – Spieler gewinnen ihren Teil Klarheit : „ihre augen erspielen sich ihren teil klarheit“. Analog die sechste Zeile: „Ses yeux s’ajouent rient très forts“, in denen der Dichter zwei Vollverben hintereinander setzt: sich fügen, lachen. Das an Glas erinnernde Adjektiv durchlässig hingegen ist eine Kreation des Übersetzers.

Foto Belinda Helmert: Lesesaal, Alte Französische Nationalbibliothek. Sie beherbergt die weltweit größte Sammlung mittelalterlicher und moderner Handschriften, zudem die drittmeisten der Antike. Porträts von links nach rechts: Homer, Platon, Herodot, Ovid.

entwurzelte Schatten

Alle fünf Gedichte beschreiben einen weiblichen Körper und verwenden ungewöhnlich Bilder, z. B. im fünften Poem „Liebende“ Böen von Schneegeschrei („des rafales des cris des neiges„), was durch das im Deutschen nicht übertragbare de/des eine Redundanz erfährt. In diesem Gedicht findet auch „entwurzelte Schatten“ ihren Niederschlag: „ombres déracinées“.

Die Metapher „entwurzelte Schatten“ beschreibt existenzielle Zustände der Entfremdung, des Verlorenseins oder der Identitätslosigkeit, wo das „Schattenhafte“ – das Unbewusste, Dunkle oder Verdrängte – keine feste Verankerung mehr in einer Realität oder einem „Ich“ findet, also ein Dasein ohne Halt, eine Fragmentierung der Seele, oft in der Lyrik (z.B. bei Eluard) als Bild für Trauma, Exil oder die Auflösung des Selbst verwendet.

Die fünf Poeme sind durch ihre Leiblichkeit sehr strukturiert und weisen eine analoge Repetition auf, die teilweise zu einer gewollten Monotonie führt, z.B. der letzte Vers aus „Liebende“: „meine liebe deine liebe deine liebe deine liebe“. Gerade in seiner ersten Phase beschränkt sich Éluard auf das Sehen, die Wiedergabe sinnlicher, primär visuelle Eindrücke und sieht darin Klarheit in Abgrenzung zur Verwirrung in der Welt.

Zudem besticht der Zyklus „Cinq Poèmes“ durch die wechselseitige Personifizierung der Natur und der Analogie der Physiologie mit natürlichen Elementen, häufig Wetterphänomenen wie „seen der nacktheit“ oder „unwetter deiner kehle“ aus besagtem vierstrophigen Gedicht „Liebende“

Über sein Selbstverständnis als Dichter und seine Scheu, auf Politik reduziert zu werden (der Surrealismus war zweifellos eine politische Bewegung) informiert https://www.planetlyrik.de/paul-eluard-gedichte/2014/04/

Foto Belinda Helmert: Lesesaal Henri Labrouste (1801-75) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/henri-labroustes-bibliothek-gegen-die-giftige-atmosphaere-im-lesesaal-15678313.html

bonjour tristesse

1936 vertonte Poulenc „Sept chansons„. Sie sind Bestandteil des Gedichtbandes . Eluard wurde nach eigener Auskunft zu Francoise Sagans “ Inspirationsquelle, weshalb ihr Roman „Bonjour Tristesse“ (1952) auf den erster Vers wie ein Nachruf wirkt, indem sie seinen Titel invertiert in „Adieu tristesse“. Dieses Gedicht von 1932 handelt wie Sagans existentialistisch ausgerichtetes Werk vom untrennbaren Zusammenspiel aus Schmerz und Liebe. Die aus 14 Zeilen bestehende Strophe ist im Original aufrufbar unter https://www.lankaart.org/article-a-peine-defigure-eluard-37492989.html

Um keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen verwendet Sagan für ihren im Todesjahr Éluards verwendeten Titel die zweite lakonische Zeile aus dessen Poem, das auffallend lakonisch ausfällt, da nur wenige Verse mehr als zwei, maximal vier Worte enthalten. Es bedarf nicht viel Spekulation, dass der Dichter um den Verlust seiner ersten großen Liebe Gala trauert. Die musikalische Umsetzung des Komponisten ist eingestellt unter https://www.youtube.com/watch?v=-BUfkdxkkfM

Bis auf die Wortgebung „tauturiert“ (ein Neologismus) übersetzt Leiner wortgetreu. Die Apostrophe „Tu es inscrite“ wird als Anapher gebraucht (Bonjour tristesse als Repetition und tristesse als dreifach wiederholtes Leitmotiv) formt der Übersetzer um in „du bist tauturiert„. Zudem wandelt er „lévres les plus pauvres“ (den ärmsten) ab in „den dünnsten Lippen“ und „surgit“ (taucht auf) in „quillt“. Am freisten ist jedoch die Übertragung von „tête désapointée“ (Kopf) in „enttäuschte fresse„, was dem Poem seine Brutalität und Direktheit belässt, wenngleich mit einem anderen Substantiv, das geule entspricht.

Die Anrede Du gilt dem Dichter selbst, so dass lyrisches Ich und Autor identisch sind und eine Situation der Selbstbeschreibung bzw. Selbstbeispiegelung eintritt, die mit bitterer Ironie durchsetzt ist.

Nacktheit, zunächst die physische, subtil jedoch im Kontext immer die Demaskierung, spielt eine tragende Rolle in den „Sieben Gesängen„. Zudem erhält die Unmittelbarkeit, mitunter schroff wirkend, einen tragenden Ton. Im Poem „Par une nuit nouvelle“ von Leiner ohne „für“ verkürzt zu „In neuer Nacht“ korrespondiert die dreifache Anapher „femme“ mit der dreifachen Wiederholung von“ rouge“: „roten mantel rote handschuhe, rote maske,“ was zu einer Akkumulation führt. Die Kombination mit „schwarze strapse “ gibt der „frau, mit der der ich gelebt habe“ eine vulgäre, prosituierende Note. Diese wird vom Dichter unterstrichen durch „De te voir toute nue „(„dich völlig nackt zu sehen„). Noch einmal betont Éluard dieses Verb durch das entsprechende Nomen „nudité pure„, die Leiner in ein Adjektiv abwandelt „reiner“, das er an das Substativ „akt“ koppelt.

Der formale Bruch zwischen der Frau, die geliebt wurde und dem Ist-Zustand verdeutlicht die formale Trennung der zweiten Strophe , die nur aus einem Satz besteht. Der Monostichon „brüste o mein herz „betont die Einsamkeit und das Getrennt-Sein, das Éluards „Sept chansons“ generell durchzieht.“

Foto Belinda Helmert: Lesesaal Heni Labrouste. Während der Corona-Epidemie wurde der Saal modernisiert, die Bibliothek teilweise umgestaltet. https://www.detail.de/de_de/atelier-bruno-gaudin-saniert-franzosische-nationalbibliothek?srsltid=AfmBOop-NSGQ1wsDA_VQi3vjXDn0F7pv1MAoC5hi5sHOn5lrn5S2zOZp

wie eine verlorene Fahne

Die Funktion des Schattens verändert sich mit der Okkupation von Paris am 14. Juni 1940 und der am 10. Juli folgenden Regierung Pétain unter Marschall Pétain (Autorisierung durch die Nationalversammlung mit überwältigender Mehrheit) dafür, der Regierung Pétain, die mit Kollaboration (u.a. Deportation der Juden und Reśistance-Mitglieder) einher ging. Bereits das Gedicht „Le Front comme un Drapeau perdu“ (November 36 geschrieben, Februar 37) vertont -zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=_oh9v_TshNU – deutet die Verschiebung des Leitmotivs Liebe und deren Schmerz hin zu Krieg und Verlust von Kameraden an. So heißt es in dem Einzeiler vor der fünften und letzten Strophe „Creuse la terre sous ton ombre“, die Leiner übersetzt „grabe die erde unter deinem schatten“. Das mit dem Titel Poem „Die Stirn wie eine verlorene Fahne) fand Eingang in Tel jour telle nuit“ (An solchem Tag, in solcher Nacht) von 1938 in der Amtszeit von Albert Lebrun als Staatspräsident der Dritten Republik und Édouard Daladier als Premierminister.

Die Frustration, die auch als Empörung über fehlenden Widerstand gegen den Vormarsch des Faschismus (Deutschland, Italien, Spanien, Portugal) verstanden werden kann, findet Ausdruck in der dritten Strophe, einem Terzett mit der charakteristischen Anapher (hier aus vier Worten bestehend): „Tout le reste est parfait. Tout le reste es entcore plus inutile Que la vie„. Von Leiner übertragen: „alles übrige ist perfekt alles übrige ist noch nutzloser als das leben“. Der französische Volltext steht unter https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=5405. Wie das Leben steht isoliert ganz für sich.

Der Titel selbst, Stirn wie eine verlorene Fahne, fasst menschlichen und nationalen bzw. kriegerischen Symbol. Auch das Attribut ist geradezu typisch für Eluards mittlere Schaffensphase. Die Metapher miroir clos (geschlossener Spiegel), die an Sartres Drama „Huit clos“ (Geschlossene Gesellschaft, 1943) erinnert, übersetzt Leiner mit „Spiegelschluss“.

In diesem Gedicht überwiegt eine düstere Atmosphäre wie „Dunkle Zimmer / elend schreiend“ in der ersten Strope, einem Quintett. Der Tod ist mehrfach präsent, u.a. in der letzten Strophe, wiederum ein Terzett: „eine wasserlache unweit der brüste dort zu ersaufen wie ein stein“

An der Lakonie, dem gedrängten Bildern ohne Interpunktion und den Parataxen hat sich nichts geändert. Éluard bleibt seinem Stil treu; neu ist nur das Motiv. Vertont wurde das Gedicht unter „Neuf mélodies“ 1936/37 mit acht weiteren Poemen aus „Wie der Tag, so die Nacht.

Foto Belinda Helmert: Alte Französische Nationalbibliothek, Haupteingang, rue Richelieu 58. Die drei Figuren symbolisieren Geschichte, Philosophie und Theologie stellvertretend für das Streben nach Wissen, Wissenschaft und Gelehrsamkeit.

Der Tod bewohnt das Herz

Unter den zahlreichen Künstlern, sieben Malern, denen Éluard in seinem Zyklus „Le Travail du Peintre“ jeweils ein Gedicht „Pour“ widmet, befinden sich Picasso, Braque, Chagall, Gris,, Klee, Miró , Villon, die posthum 1956 vomn Poulenc vertont wurden – zu hören auf https://www.youtube.com/watch?v=ENXe4Fmcmmw.

Seinen Übergang zum sozialen Realismus (der ebenso wenig rein vorliegt wie der Surrealismus, aber starke Tendenzen davon aufweist) findet in seinem Gedichtband „Le livre ouvert“, die er während des Krieges entstand und die im August 1944 nach der Befreiung von Paris erschien. Ein Exempel für den vollzogenen Wandel, der sich u.a. im Wegfall der Repetitio bzw. der Anapher auch formal widerspiegelt, liefert das darin enthaltene Poem „Tout dispararut“ – ein Verb, das durchaus polyvalent ist verschwunden, vermisst, verloren. Der Volltext findet sich auf https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=5378. Die Vertonung durch Poulenc erfolgte1950 mit sechs anderen Gedichten unter dem Titel „La Fraîcheur et le Feu“ (Die Frische und das Feuer) 1950, die zu hören sind auf https://www.youtube.com/watch?v=5VXKFx61O1I

Alles verschwunden“ besteht aus zwei Quartetten im hypotaktischen Stil, eine zweite auffallende stilistische Änderung. Die Häufung der Nomen bildet die dritte durchgängige Abweichung von früheren Versen. Motivisch tritt die Liebe während des Krieges in den Hintergrund und zugleichmit ihnen die träumerischen Szenen; stattdessen wirken die Texte Éluards nun direkter und weisen klare Spuren von politischem Engagement auf. Von einem Stilbruch kann allerdings nicht die Rede sein, da sich die Entwicklung über Jahre anbahnt und auch nicht kategorisch die persönliche Ebene verlassen wird.

Beispielsweise taucht auch in dieser Phase, konkret in Auch hier taucht der Schatten als Metapher auf.

Leiner übersetzt „Alles verschwunden“ und die zweite Zeile „Même l’ombre tombée des branches“ mit dem wiederkehrenden Motiv so: „selbst schatten der von den ästen fiel“. Der tief in seinem Werk verwurzelte Schatten symbolisiert die Dualität von Existenz, Liebe und Widerstand, repräsentiert das Unbewusste und Verborgene, die Sehnsucht nach Licht (Liebe, Freiheit) und die Bedrohung durch die Dunkelheit (Angst, Besatzung), wobei der Schatten sowohl die Schönheit der Nacht und des Traums als auch die Realität der menschlichen Existenz in ihren verborgenen Aspekten beleuchtet, was besonders in seinen Gedichten während der Résistance-Zeit eine gewichtige Rolle spielt.  Nicht immer hält sich der Übersetzer an die Wort für Wort buchstäbliche Nähe. Ein Beispiel liefert die dritte Zeile des zweiten Quartetts „Et mes yeux refermant leurs ailes pour la nuit“ (Und meine Augen schlossen wieder ihre Flügel für die Nacht), die Leiner so wiedergibt: „und meine augen im flügelschluss für die nacht“.

Grundsätzlich handelt die erste Strophe vom Verlust bzw. Verschwinden – eine Inversion zu Prousts wiedergefundenen Zeit. Dabei wird même (selbst) zu einer dreifach wiederholten Betonung „selbst himmel selbst schatten … selbt worte und blicke“. Das Gedicht ist immer noch partiell kryptisch und in diesem Sinne surreal: von Schlachtfeldern und Toten lesen/hören wir nichts; andererseits ist die dargestellte Kulisse menschenshenleer wie nach einem schrecklichen Ereignis mit einsetzender Todesstille.

Ein wesentlich konkreteres Gedicht lautet „Un feu sans tâche“ (Ein Feuer ohne Aufgabe,, 1942), enthalten im Band „Dichtung und Wahrheit“. Er spricht hier konkret von Siegern und Gefallenen, , von Gräbern und Waisen sowie über Wahnsinn, Dummheit und Gemeinheit des Krieges. Poulenc änderte, was nicht selten vorkam, den Titel für seine Vertonung, die isich n Leiners Übersetzung auch wortgetreu wiederfindet: „Die Drohung Unter Rotem Himmel“ – es ist zugleich die Anfangszeile der sechs Quartette mit abschließenden alleinstehenden Monostichon:die unverwüstlichen menschen“

Um ein Beispiel für die morbide Atmosphäre einerseits und konkreten Alltag vom Leben im Untergrund oder auch in Notsituationen liefert, dient „Freiheit“., das, zumindest in Frankreich berühmteste und mit Abstand dem längsten von seinen Gedichten. Der aus 21 Quartetten bestehende Volltext „Liberté“ (1942) von Paul Hermlin übersetzt ist einsehbar unter https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-eluard-paul-1895-saint-denis-paris-1952-charenton-paris.html. Seine Transkription liefert einen Vergleich zu der Übersetzung von Leiner. Die Unterschiede sind gering, wie die ersten drei Strophen belegen:

Fast jede Zeile beginnt mit der Präposition sur (auf), die Syntax ist extrem monoton monosyllabisch. Die Melancholie wirkt lakonisch. Französisch rezitiert vom Autoren selbst mit einem Vorwort, das betont, dass sein Gedicht über verschiedene Länder, hauptsächlich Frankreich, als Flugblatt abgeworfen wurde:

Andere Gedichte tragen diese elegische Trauer ebenso stark, sind jedoch dem Verlust der Liebe (Gala) geschuldet, etwa das elfzeilige Poem „Mais mourir“ aus dem 1926 publizierten Gedichtband „Capitale de la douleur“ (Stadt der Schmerzen), dessen vierter Vers lautet „dosen öffnen, gläser brechen löcher graben“ und endet mit „in ruhe aber sterben“ (wortgetreue Übersetzung Leiner). Zusammen mit dem – kurz vor seinem Tod – verfassten Poem „Chanson de porcelaine“ (Eine Melodie aus Porzellan) bildet es einen Teil der letzten Kompositionen, Poulencs, die posthum 1958 erstmals ertönten. Volltext: https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=5412

In diesem, gleichfalls einstrophigen Gedicht fällt die surreal anmutende Zeile „morgen der wölfe und ihr biss ist ein tunnel “ und die Metonymie „blutkleid“ (robe du sang) – beides wörtlich wiedergegeben. Beide genannten Beispiele stammen aus verschiednen Lebensphasen und verdeutlichen, dass Éluard nie seinen bilderreichen Kern verlässt und es keinien Sinn macht, sie dem privaten Liebeskrieg oder dem Schlachtfeld zuzuordnen. Zu hören ist die Vertonung von Poulenc unter https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=5412

Die als Abbreviatur des Krieges lesbare Zeile „Le coeur que la mort habite“ ( „der tod bewohnt das herz“) stammt aus „La main le coeur le lion l’oisseau“ (Die Hand, das Herz, der Löwe, der Vogel), das wiederum integraler Bestandteil des der Résistance gewidmeten Gedichtbandes „Poésie et vérité“ (Dichtung und Wahrheit, 1942) bildet. Doch mit keinem Wort wird in den abwechselnden Drei- und Vierzeilern Krieg, Soldat, Gewerhr erwähnt. Dafür wird ber in der vierten Strophe, einem Terzett die Verbannung greifbar:“ein fehlen zwischen mauern dann das exil im dunkel die augen klar reglos der kopf„.

Foto Belinda Helmert: Alte Pariser Nationalbibliothek, Gebäuderückseite rue Vienne 5 mit Garten.https://www.detail.de/de_de/atelier-bruno-gaudin-saniert-franzosische-nationalbibliothek?srsltid=AfmBOop-NSGQ1wsDA_VQi3vjXDn0F7pv1MAoC5hi5sHOn5lrn5S2zOZp

Fazit

Um einen Eindruck vom Stil Paul Éluards und über die verschiedenen Phasen seiner Dichtung von frühen bis sehr späten Gedichten zu erhalten, ist „Entwurzelte Schatten“ ratsam, zumal auch das programmatische „Freiheit“ darin enthalten ist, welches seinen Wert für den geleisteten Widerstand hat. An der Übersetzung ist nichts zu beanstanden; da es weder Reime noch Sprachbilder gibt, die sich dem deutschen Verschema bzw. Assoziationsverständnis entziehen, sind die Originaltexte für mittlere Französischkenntnisse zugänglich. An die Codierung Aragons, Bretons oder Apollinaires reicht der Surrealismus des „Poeten der Liebe“ nicht heran, was nicht gegen die Originalität und Qualität seiner ausdrucksstarken und rhythmischen Traumsequenzen spricht und den Zugang erleichtert. Man bekommt weder Kopfschmerzen noch Herzflimmern, sondern meist wortgetreue Übersetzung, die zudem gut verdaulich ist.

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