Die Werfels sind gefallen

Foto Bernd Oei: Paris, Galerie Vienne im noblen Börsenviertel. Die denkmalgeschützte Galerie beherbergt Luxus pur.

Zwei unterschiedliche Sprachen, ein Fluchtweg

,Ausgelöst durch den Anschluss Österreichs am 12. März 38 ans Dritte Reich https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/aussenpolitik/anschluss-oesterreich-1938 verbrachte Franz Werfel gemeinsam mit seiner Frau Alma Mahler-Werfel in Paris. Der Literat war frankophil und pflegte gute Kontakte zu französischen Freunden und Verlegern. Bereits 1936 hielt er auf der Höhe seiner Popularität in der Stadt an der Seine mehrere Vorträge (siehe Bild) . Nach der Machtübernahme der Nazis flohen Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel über Frankreich ins Exil.

Paris, Gare du Nord, Das Paar Werfel/Mahler kam 1936 erstmals nach Paris, 38-40 pendelte er zwischen Sanary-sur-Mer und Paris. Er floh mit seiner ebenfalls prominenten Gattin Sie flüchteten 1940 vor der deutschen Invasion über Lourdes über die Pyrenäen weiter in Richtung Spanien, von dort aus nach Kalifornien. Dennoch erwog Alma die Scheidung aus persönlichen, künstlerischen und politischen Spannungen https://www.alma-mahler.at/deutsch/almas_life/almas_life4.html

So war Alma Werfel -Mahler (1879, Wien- 1961, New York) eine erklärte Antisemitin, obschon ihr Mann jüdischer Abstammung war. Zudem besaß sie eigene künstlerische (musikalische) Ambitionen. In keinem Fall ließ sie sich au die Rolle der Muse oder Ehefrau reduzieren. Sie betonte, dass sie und ihr Mann zwei unterschiedliche Sprachen sprächen. Mit Franz Werfel (1800, Prag -1945 Beverly Hills), ihrem dritten Ehemann nach dem Komponisten Gustav Mahler (zwei Kinder) und dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius (ein Kind), war sie seit 1917 liiert, besaß sie nach dem frühen Tod kein gemeinsames Kind. Die Ehe der beiden Künstler bestand sei 1929. und beide lebten verheiratet in Wien am Semmering, waren jedoch bereits seit 1920 ein Paar , so dass man von gemeinsamen 20 Jahren in Österreich sprechen muss. Das Paar trennte elf Jahre und lange Zeit war Alma die berühmte Frau und Franz der Dichter an ihrer Seite. Dies änderte sich, als der Dichter/Dramatiker/Essayist erfolgreicher wurde, spätestens Mitte der Zwanziger Jahre.

Während ihrer Zeit in Paris lebten sie im 6. Arrondissement, (du Luxemburg) einem bekannten Viertel für Künstler und Intellektuelle, insbesondere in der Gegend um den Jardin du Luxembourg. https://www.sanary-tourisme.com/de/sanary-entdecken/geschichte-und-kulturerbe/sanary-land-des-exils/auf-den-spuren-der-schriftsteller-im-exil/alma-mahler-werfel-franz-werfel/

Ein heute fast vergessener Roman, „Das Lied der Bernadette“ (1941) war Wesels erfolgreichstes Werk zu Lebzeiten. Kurt Tucholsky besuchte Lourdes im Rahmen seiner Pyrenäenreise und verarbeitete dies in seinem „Pyrenäenbuch“ (1927), wobei er dem Mythos skeptisch gegenüberstand. Der Autor der „Weltbühne“ teilte Werfels sentimental -pathetische Weltanschauung nicht, wie aus der kritischen Essays der zwanziger Jahren hervorgeht. Die Lager waren zu verschieden: der Berliner Satiriker war zeitlebens ein Vertreter des rationalen, politischen Journalismus. Dem stand Werfels emotionaler und religiöser Stil entgegen. https://www.herder.de/communio/kolumnen/spurensuche/kurt-tucholsky-und-franz-werfel-in-lourdes-keineswegs-leichtglaeubig/

Foto Bernd Oei : Paris, Galerie Vivienne, Dachkonstruktion, Detail. Die 1823 erbaute überdachte Passage ist für luxuriöse Geschäfte und teure Restaurants bekannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Galerie_Vivienne. Die Galerie befindet sich nahe der alten französischen Nationalbibliothek im 2. Bezirk von Paris.

Der veruntreute Himmel

An folgenden Werken schrieb Werfel in Sanary sur Mer und Paris: Der veruntreute Himmel (1939), „Eine blaßblaue Frauenschrift“ (1940) und das erwähnte Das Lied von Bernadette]“1941). Begonnen hatte Werfel jedoch als Lyriker und Dramatiker – erst nach seiner Beziehung zu Alma begann er sich an den Epos zu wagen und begann, nicht zufällig 1924 , mit einer romanhaft angelegten Biografie über einen Komponisten „Verdi. Roman der Oper“ – daher sollen in diesem Blog nur die drei Exilromane Erwähnung finden. Eine Einführung in das Gesamtwerk, des Opernenthusiasten beginnend mit „Verdi“, ist nachzuhören unterhttps://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/werfel-102.html

Auf der Flucht spielte Lourdes eine Schlüsselrolle, was den v.a. in Frankreich beliebten Roman über die Bernadette erklärt. Nicht nur Kurt Tucholsky stand Franz Werfels Hinwendung zur Religiosität und zum Katholizismus, sehr kritisch und mit Skepsis gegenüber. Obwohl er jüdischer Herkunft war und sich zeitlebens dem Judentum zugehörig fühlte, war er in seinem Werk und Denken tief vom katholischen Glauben und der Frömmigkeit beeinflusst. Durch seine tschechische Kinderfrau und den Besuch einer katholischen Pianistenschule in Prag kam er schon früh mit dem Katholizismus in Berührung. Summa summarum sah er keinen Widerspruch der Konfessionen; er besuchte auch Kirchen und war immer ein gläubiger Mensch. Seine Auseinandersetzung mit dem Katholizismus zeigt sich besonders in Werken wie „Das Lied von Bernadette“ oder zuvor in „Der veruntreute Himmel.“Der Volltext ist abrufbar unter https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-werfel/books/der-veruntreute-himmel/ und zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=mU2xZhRQNwU

Werfel hat seinen Roman „eine Groteske, in der sich eine Legende verschlingt“, genannt und die Frage aufgeworfen, inwiefern ein Mensch – aus Furcht vor der Wahrheit – in die Schuld eines anderen mit verstrickt sein kann. Die Quintessenz dieses Romans lautet: „Der veruntreute Himmel ist der große Fehlbetrag unserer Zeit.“ In seiner Parallelhandlung – gleichzeitig berichtet der Erzähler (Werfel) in >Ich -Form vom dramatischen Tod seiner Stieftochter Manon Gropius und einer zweiten Fehlgeburt der gemeinsamen Kindes mit Alma – geht es um eine gläubig, doch wenig liebende Jungfer, seine Haushälterin Meta, die unbedingt in den Himmel will und dafür von einem Priester selig gesprochen werden muss. Sie kauft sich bei ihrem Neffen ein.

Foto Bernd Oei: Paris, Rue de Charenton,Teil des Aquädukts von Louveciennes im 12. Verwaltungsbezirk der Stadt, auf der rechten Uferseite der Seine gelegen unweit des Gare de Lyon. Es gehört zum ältesten Stadtkern mit vielen antiken Funden und Resten. Das Äauqdukt stammt jedoch nicht aus der Römerzeit, sondern wurde im späten 17. Jahrhundert angelegt, um Versailles mit Wasser zu versorgen. Malerisch verewigt vom Impressionisten Alfred Sisley.

Schuldgefühle für ein falsches Leben ?

Einmal veruntreut im Sinne von falsch eingekauft will die rüstige und durchaus gläubige Teta nicht auf sich sitzen lassen. Daher unternimmt sie wie Werfel auch eine Pilgerreise nach Rom zu Papst Pius XI, der Februar 1939 verstarb (gebürtiger Lombarde namens Ratti) und vordem für seine soziale Ausrichtung bekannt wurde.

Foto Belinda Helmert, Paris, Gare de Lyon, 12. Verwaltungsbezirk, Südbahnhof, Mitte des 19. Jahrhunderts fertiggestellt. https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnhof_Paris-Gare-de-Lyon. Paris verfügt über vier Bahnhöfe, je nach Himmelsrichtung – der größte ist der im Norden gare du Nord. Der Gare du Lyon befindet sich im 12. arrondissement am rechten Seineufer führt in den Süden Frankreichs, u. a. nach Sarany sur mer.

Angesichts der Tatsache, dass Ehepaar Werfel zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans „Der veruntreute Himmel“ hauptsächlich in Paris weilten und vor einer weitreichenden (schicksalsentscheidenden) Entscheidung standen: wohin mit dem neuen Leben und mit wem? (zusammen oder getrennt) mag der titelgebende Kalauer in Anlehnung an Caesars Überschreitung des Rubicons „Die Würfel sind gefallen“ doch verständlich werden.

Teta verkörpert das strenge Festhalten an Lebensentwürfen. Der Papst nimmt ihr im Sterben symbolisch ihre geistige Verblendung (den Versuch, sich den Himmel mit guten Werken zu erkaufen) ab, woraufhin sie versöhnt und geläutert aus dem Leben scheidet. Werfel befand sich zur Zeit der Niederschrift im Stadium des Zweifels an Gott angesichts des Bösen in der Welt:, wie folgender Brief an Martin Buber belegt: “ Ich habe in der letzten Zeit so eine merkwürdige Angst. Vor einer absoluten Leere, Wüste, Starrheit – vor einem Ersticken des Gehirns. – Das ist gar nicht zu beschreiben. Ich habe Angst, daß
mir Gott den Zettel aus dem Mund nimmt.“
Werfel stand zeitlebens in einem WEchselverhältnis von jüdischer und katholischer Konfession.

Werfel ließ „der veruntreute Himmel“ versöhnlich enden, denn Teta, die durch die Aufregung der Audienz beim Angesicht des Heiligen Vaters zusammenbricht, erfährt am Sterbebett, dass ihr der Stellvertreter Gottes auf Erden die Absolution erteilt hat. Den Volltext des in zwölf Kapitel gegliederten Romans findet man eingestellt beim Projekt Gutenberg. https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-werfel/books/der-veruntreute-himmel/

Die aussagekräftigste Stelle des Romans, worum es Werfel geht, lautet: „Der Mensch lebt gewiss nicht vom Brot allein, aber ebenso wenig vom Geist allein … Nur Gott steht fest. Alles andere wandelt an ihm vorüber, auch die Kirche. Die ganze Menschheitsgeschichte ist ja nichts anderes als eine Entwicklung unseres Erkenntnisvermögens in abwechselnden Verdunklungen und Erhellungen. Es sind noch viele Offenbarungen nicht offenbart.

Foto Bernd Oei: Paris, Platz der Vogesen, im Hintergrund die rue des Vosges mit dem Victor Hugo Museum (ehemaliges Wohnhaus für 16 Jahre vor seinem Exil). Der place des Vosges, wie er erst seit dem 18. Jahrhundert genannt wird, liegt im Stadtteil Marais (Sumpf) und verbindet das dritte mit dem vierten Stadtquartier. (https://www.parismalanders.com/sehenswuerdigkeiten/place-des-vosges-vogesenplatz-in-paris/#google_vignette)

Der quadratisch angelegte Platz der Vogesen war der älteste von fünf königlichen Plätzen in Paris.

Die getreue und die verklärte Magd

Von Haus aus war Werfel Lyriker, dessen Popularität bereits 19112 mit dem Gedichtband Der Weltfreund. (1911) einsetzte bis zu seinem vierten Gedichtband „Der Gerichtstag“ (1919) veröffentlichte der in Prag (zählte zum österreichischen Kaiserreich der k.u.k. Monarchie) auch ausschließlich Gedichte und Vers-Dramen. Immer wieder kehrte er auch zu dieser literarischen Form zurück, u.a. in „Schlaf und Erwachen“ (1935), der bereits vom Trauma des Nationalsozialismus geprägt ist, und dem letzten in Wien entstandenen Werk. Es enthält die beiden Gedichte „Die getreue Magd“ und „Die verklärte“ Magd“

Die Poeme kreisen inhaltlich um Motive wie Tod, Wiederkehr, Sammlung und geistiges Erwachen. Im ersten Zyklus „Ein Todespsalter“ enthält die beiden aufeinander folgenden Magd-Gedichte, nachzulesen unter https://www.literatisch.de/schlaf-und-erwachen-franz-werfel-1935.html#getreue%20Magd

Die „getreue Magd“ besteht aus drei Quartetten in Paarreim und handelt vom entbehrungsreichen Leben einer anspruchslosen Frau, die offenkundig kein eigenes Leben außerhalb des Dienens besaß. Leitmotiv sind die fleißigen und am Ende durch Arbeit geschundenen Hände. Die anschließende „veruntreute Magd“ besteht aus fünf Quartetten im Kreuzreim. Wiederum spielt die Hand, nun unter dem Aspekt der Führung und der Geborgenheit für das Kind, eine Schlüsselrolle.

Aus der Sicht des Herren, der von dieser oben beschriebenen Magd behütet wurde, beschreibt das lyrische Ich die Fürsorge, die ihm durch die enge Bezugsperson zuteil wurde. Werfel wuchs im großbürgerlichen Milieu (sein Vater war ein renommierter Handschuhfabrikant) mit Dienerschaft auf und besaß bis zu seiner Flucht nach Paris selbst eine Haushälterin. Der Dichter beschäftigte sich nicht nur hier mit dem Schicksal von Arbeitern und Dienstboten. Es gilt als gesichert, dass er die beiden Gedichte seiner Kinderfrau Barbora Šimůnková wimdete. Sie kümmerte sich intensiv um den kleinen Franz, verbrachte die meiste Zeit mit ihm und machte ihn bereits in jungen Jahren mit dem katholischen Glauben und Heiligenlegenden vertraut. Im Roman „Barbara oder Die Frömmigkeit (1929) schuf er ihr ein literarisches Denkmal.

Ein drittes Gedicht lautet „An eine alte Dienerin“ – es findet sich bereits im Gedichtband „Gesänge aus drei Reichen“ und erfreut sich in Österreich, wo es oft in Schulbüchern aufgenommen wird, größter Popularität. Nachzulesen ist das längere Poem auf S. 126/127 unter https://www.absw.at/bibliothek-pdf/C11-010_sml.pdf Es besteht aus unterschiedlich langen Strophen und variiert zwischen Paar- und Kreuzreim.

Foto Bernd Oei: Alte Französische Nationalbibliothek von außen, Rue Richelieu, Museumsgarten mit ihren 16 0000 qm Fläche. https://de.wikipedia.org/wiki/Biblioth%C3%A8que_nationale_de_France

Der zweite, zumindest teilweise in Paris verfasste Roman Werfels (womit er seinem Spätwerk zuzurechnen ist) Er steht wie auch der vorhergehende „veruntreute Himmel“ und das folgende „Lied der Bernadette“ unter der im Essay „Realismus und Innerlichkeit“ (1931) vertretenen Einsicht, dass der utopische Entwurf in der Kunst stets über dem pragmatischen Realismus stehen soll. Damit kehrt sich Werfel von seinen Anfängen des Expressionismus dem Humanismus bzw. Universalismus zu. Zu hören ist „Eine blassblaue Frauenschrift“ (1940) https://www.absw.at/bibliothek-pdf/C11-010_sml.pdf und nachzulesen unter https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-werfel/books/eine-blassblaue-frauenschrift/

Die Erzählung entstand während Werfels Flucht vor den Nationalsozialisten und wurde schließlich in einem argentinischen Verlag publiziert. Sie handelt von einem Tag im Herbst 1936: Der Aufsteiger Leonidas, Sektionschef in einem Wiener Ministerium, erhält einen Brief seiner einstigen jüdischen Geliebten, der seine soziale Existenz gefährdet. und ein Porträt einer von Norm- und Subjektkrisen gezeichneten Epoche, liefer – einer Zeit, die so unberechenbar erschien, dass das Ich nicht einmal seiner selbst sicher sein konnte. Leonidas liefert das maßgeschneiderte Bild des ewigen Opportunisten. Ein zentrales Thema ist Macht, in den Liebesbeziehungen wie auch im Staat sowie der Zusammenhang zwischen Erfolgsstreben und Lebenslügen, die aus unvereinbaren Kompromissen bestehen. Im Mittelpunkt steht ein verleugnetes Kind: „Erst durch ein Kind ist der Mensch unrettbar in die Welt verflochten, in die gnadenlose Kette der Verursachungen und Folgen. Man ist haftbar. Man gibt nicht nur das Leben weiter, sondern den Tod, die Lüge, den Schmerz, die Schuld. Die Schuld vor allem!“

Der Brief , den er zu seinem 50. Geburtstag erhält, stammt von seiner Jugendliebe Vera Wormser, Tochter einer jüdischen Familie, mit der ihn einst eine heftige kurze Affäre verband. Jetzt, achtzehn Jahre später, wendet sich Vera mit einer dringenden Bitte an ihn, die Leonidas den Boden unter den Füßen wegzieht und sein wohlgeordnetes Leben ins Wanken geraten lässt. Nur ein Tag wird geschildert und tief in das Innere einer korrumpierten Seele eintaucht. Skeptisch verdeutlicht Werfel in kurzen Szenen und Rückblenden das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen ehrenhaftem und skrupellosem Verhalten, wobei auch Schicksal und Zufall Schlüsselrollen einnehmen und politische Zeitläufte den negativen Hintergrund abgeben. Eine detaillierte Analyse liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/eine-blassblaue-frauenschrift/24895

Foto Belinda Helmert: Paris, zweites Verwaltungsdistrikt Die alte französische Staatsbibliothek, unter Kardinal Richelieu und Ludwig XIV angelegt (heute rue de Richelieu 58) – Blick ins Innere. Unweit der Bibliothèque nationale de France (BnF) liegt die älteste französische Nationalbibliothek.

Lebensschuld des Opportunisten

Auch in „Eine blassblaue Frauenschrift“ geht es um Schuld der falschen Lebensentscheidung bzw. eines eingeschlagenen und nicht mehr korrigierten Lebensplanes, der in diesem Fall jener eines skrupellosen Karrieristen ist. Stellvertretend Leonidas: “ Ich bekenne mich schuldig. Nicht aber liegt meine Schuld in der einfachen Tatsache der Verführung. Ich habe ein Mädchen genommen, das bereit war, genommen zu werden. Meine Schuld war, dass ich sie mala fide so restlos zu meinem Weibe gemacht habe, wie keine andere Frau jemals, auch Amelie nicht. Die sechs unzugänglichen Wochen mit Vera bedeuten die wahre Ehe meines Lebens„.

Als der 1antisemitismus in Wien und ganz Österreich obsiegt, entscheidet sich Leonidas für sein eigenes Fortkommen und gegen die Liebe seines Lebens Vera, weil sie Jüdin ist und obschon er ihr viel verdankt. Er lässt sie, der er die ersten erfolgreichen Schritte im Berufsleben verdankt, fallen und heiratet eine bessere Partie. Später hat er noch einmal eine Affäre mit ihr und betrügt damit sowohl die Gattin als auch die Geliebte, der er die Ehe verspricht. Nach 18 Jahren und Erhalt des Briefes, in dem Vera den Treulosen bittet, Sorge um ein achtzehnjähriges Kind zu tragen, sehen sie sich wieder.

Der überraschende Wendepunkt: Das Kind Emmanuel ist weder von ihm noch das Veras, die das ihrige, von Leonidas stammende, im Alter von zwei eineinhalb Jahren verloren hatte und es inzwischen zur Doktorin gebracht hat, die jetzt aufgrund der Pogrome nach Montevideo emigrieren muss, sondern ein ihr von der besten Freundin anvertrautes Mündel. Auf die verlogene Beteuerung und das „heilige Versprechen“ Leonidas, er habe ernsthaft erwogen in Pension gehen wollen und seine Frau zu verlassen, um alles wieder gutzumachen, spottet sie: „Wie gut, dass Sie nur nahe daran waren, Herr Sektionschef …“ Leon hat sich nicht geändert.

Allerdings hinterlässt die Begegnung Spuren. Beim abendlichen Besuch mit seiner Gemahlin in der Oper wirkt er geistesabwesend und um Jahr gealtert. Er ist abgespannt, ausgelaugt, zugleich erleichtert, sein Leben nicht mehr ändern und seine Privilegien aufgeben zu müssen. Trotzdem plagt ihn das Gewissen, dass er die Gelegenheit verpasst hat, reinen Tisch zu machen mit seiner „Lebens-Schuld“.

Foto Bernd Oei: Rathaus von Versailles, 1900 als solches umgewandelt. Das heutige Hôtel de Ville) diente ursprünglich der Fürstin von Conti als Wohnsitz. Versailles liegt 27 km südwestlich von Paris. Vordem eine vier bis sechsstündige Kutschenfahrt.

Das Lied der Bernadette

Auch dieser (kommerziell erfolgreichste) historische Roman ist im Volltexteinsehbar in Gutenberg https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-werfel/books/das-lied-von-bernadette/ und zu hören auf https://www.youtube.com/watch?v=ZT72YrqYX9k. Werfel erklärt darin den Mythos von Lourdes und löste damit ein Versprechen ein, dass er bei erfolgreicher Flucht einen Roman über die wahre Begebenheit von Bernadette Soubirous schreiben würde. https://www.sainte-bernadette-soubirous-nevers.com/de/pages/bernadette-2/ihre-geschichte/

Im Essay „Die Fürbitterin der Tiere“ (1933), das eine Reaktion auf die Machterfgreifung darstellt und auf der Mitgefühls-Ethik Werfels basiert, spricht der Autor mit dem religiösen Sendungsbewusstsein von der Legende der Heiligen Miranda (eine erfundene Figur). Hier kündigt sich bereits die Motivverarbeitung in „Das Lied der heiligen Bernadette an“: „Jeder Heilige und nicht nur der christliche ist ein Transformator, ein Umschaltungspunkt der Natur in die Übernatur und der Übernatur in der Natur.“

Werfel erklärt im Vorwort: die Wichtigkeit solcher Legenden für den Glauben an eine bessere Welt: „All jene denkwürdigen Begebenheiten, die den Inhalt dieses Buches bilden, haben sich in Wirklichkeit ereignet… ihre Wahrheit ist von Freund und Feind und von kühlen Beobachtern in getreuen Zeugnissen erhärtet.“

Foto Bernd Oei: Paris, Comédie-Française am Place Colette nahe der Rue Richelieu (2. Stadtbezirk) mit 862 Plätzen. Die Gründung erfolgte Oktober 1680 durch Sonnenkönig Ludwig XIV. Die älteste Schauspielbühne der Welt teilten sich Molière mit einer anderen, aus der die Troupe des Comédiens français; hervorging. Heute ist die Comédie-Française eine von sechs Nationaltheatern in Paris und die genannte Truppe das einzige feste Ensemble der Stadt. Die drei Figuren allegorisieren Komödie, Tragikomödie und Tragödie. https://www.sortiraparis.com/de/was-in-paris-zu-sehen/theatre/articles/311332-die-comedie-francaise-eine-theatrale-institution-in-paris

Comédie-Française, Zeichnung Antoine Meunier (1791). Damals wurde „Die Hochzeit des Figaro“ gegeben. Derzeit spielt man „Man badet nicht mit der Liebe“. Innenansicht-Video: https://www.youtube.com/watch?v=qaiyUMU4iq4

ein Augenblick zwischen zu früh und zu spät

Werfel schrieb viele Dramen und Libretti, aber keine einzige Komödie. Erst ganz am Ende eine Komödie einer Tragödie, wie der Untertitel verrät: 1944, bereits im kalifornischen Exil von Beverly Hills, entstand „Jacobowsky und der Oberst“. Es ist zugleich die direkteste und offensichtlichst Verarbeitung seiner eigenen, abenteuerlichen und auch wunderlichen Fluchterlebnisse, die ihn und seine Frau Alma Mahler-Werfel nach dem Einmarsch der deutschen Truppen durch Frankreich gemeinsam mit Heinrich und Golo Mann in die USA, Kalifornien nahe Hollywoods geführt hatten.

Jacobowsky ist ein hochintelligenter, gewitzter und welterfahrener jüdischer Intellektueller auf der Flucht vor den Nazis. Er zeichnet sich durch Pragmatismus und Optimismus aus. Er trifft dabei auf Stjerbinsky, einen starrköpfigen, antisemitischen polnischen Offizier, der wichtige Geheimdokumente transportiert.Da es dem Oberst an praktischem Organisationstalent fehlt, Jacobowsky aber ein Auto mit Treibstoff besorgen kann, sind die beiden gezwungen, sich zusammenzuraufen. Gemeinsam mit der Geliebten des Obersts, Marianne, und dem treuen Diener Szabuniewicz begeben sie sich auf eine abenteuerliche und lebensgefährliche Flucht in Richtung der französischen Küste, um sich nach England abzusetzen. Auf der Reise ergänzen sich die gegensätzlichen Weltanschauungen der beiden Männer, was zu zahlreichen tragikomischen Situationen führt.

Der Dreiakter (Uraufführung am Broadway (eine über 50 km lange Strecke von Manhatten durch New York) ist tragisch-komisch gebaut. Diese Tragikomik beruht auf dem Kontrast zwischen der bitteren Realität des Holocaust und den absurden, oft grotesken Situationen einer abenteuerlichen Flucht, in der zwei völlig gegensätzliche Männer gezwungen sind, zusammenzuarbeiten. Dieses Bündnis ist durchaus nicht frei erfunden, sondern spiegelt die Geschichte des Stuttgarter Bankiers Jacobowicz, der gemeinsam mit einem polnischen Offizier durch Frankreich flüchtete und den die Werfels in Lourdes kennengelernt hatten. Das Drama erinnert an den legendären Schwank „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg (1921–23) von Jaroslav Hašek, der als Tscheche nicht zum deutschsprachigen Prager Kreis zählte.

Die Essenz des Dreiakters pointiert folgendes Zitat: „Zwischen zu früh und zu spät liegt immer nur ein Augenblick.

Foto Bernd Oei: Paris, Passy, Brücke pont Bir Hakeim (seit 1949). Das bedeutet weißer Brunnen und ist eine Oase in der Wüste Lybiens sowie Schauplatz einer Schlacht der Franzosen gegen die Deutschen Sommer 1942. Bei ihrer Fertigstellung 1878 trug sie noch den Namen Pont de Passy. Der Eiffelturm steht auf dem linken Seine-Ufer, Passy auf dem rechten.

die französische Seele

Werfel erfindet Prototypen: Jacobowsky verkörpert den gewitzten Juden, der sich in jeder Lage zu helfen weiß , zudem gebildet und kultiviert ist. Den Oberst, den Werfel auf seiner Flucht kennenlernte, markiert den antisemitischen Diplomaten im Exil und Marianne, zunächst seine Geliebte, am Ende die des ehemaligen Bankdirektors. Tragisch an der Geschichtet ist, dass nachdem alle gerettet scheinen, Jacobowsky mit einer dreisten Lüge die Gestapo von der Redlichkeit der Ausreisenach den USA überzeugt hat, ein Platz auf dem Schiff fehlt. Er bietet der jungen Frau seinen Platz an, auf den sie verzichtet, woraufhin Marianne mit dem Diener des Oberst auf französischem Boden zurückbleibt. Sie verkörpert damit die heldenmütige Seite der Grande Nation, die Werfel verehrte und auf seiner Flucht auch antraf, da ihm viele Fluchthelfer das Leben retteten.

Marianne ist die bekannteste Nationalfigur und ein zentrales Symbol für die Werte der Französischen Republik und symbolisiert und allegorisiert das Ideal der französischen Republik: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Liberté, Égalité, Fraternité). Seit der Grande Revolution steht ihr Name sinnbildlich für den Triumph über die französische Monarchie, L’Ancien Régime und wird meist als Mädchen mit roter phrygischer Mütze dargestellt.

Foto Bernd Oei: Brücke Bir Hakheim, Detail bei Gegenlicht. Die Brücke, eine von insgesamt 37 über die Seine, die Paris 13 km durchläuft, beträgt 237 m. die Breite 24 m. https://parisjetaime.com/ger/artikel/paris-die-seine-seine-brucken-und-fussgangeruberfuhrungen-a025

Foto Bernd Oei: Blick vom höher gelegenen Passy, dem 16. Verwaltungsbezirk von Paris auf Bir Hakheim, dem 15. Bezirk. In Passy leben ca. 11000 Pariser, der am dichtesten bevölkerten Hauptstadt Europas.- Zum Vergleich: Berlin hat die neunfache Fläche bei 3,68 Mio Einwohnern zu 2,1 Parisern.

zwischen Historismus und Metaphysik

Werfels Werk stand zwischen der Verarbeitung historischer Stoffe – erwähnt seien hier stellvertrend der Prophet Jeremaia, der türkische Völkermord an den Armeniern in „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ und die Schaffenskrise von Giuseppi Verdi, – die er mit Fiktion verband und sein metaphysisches Glaubensbekenntnis auf der Grundlage seiner Essays. Zu den historichen Aufsätzen gehören Realismus und Innerlichkeit (Kritik am Materialismus und Realismus, der im Faschismus endet), Das Geschenk der Tschechen an Europa (über die kulturelle Bedeutung kleiner Völker, die keine Nation werden durften), Ein Versuch über das Kaisertum Österreich (Plädoyer für nationenübergreifenden Staat und Vision Europas) sowie Historisches Drama und Gegenwart (Reform des Theaters, das zeitgenössische Kritik enthalten soll).

Das Metaphysische an Franz Werfels Werken zeigt sich in seiner ständigen Suche nach dem Göttlichen, der Transzendenz und einer höheren moralischen Ordnung. Geprägt von einer jüdischen Herkunft und einer christlich-katholischen Prägung in der Kindheit, durchdringen metaphysische Themen wie Erlösung, Schicksal, Schuld und die Überwindung des menschlichen Egoismus sein gesamtes Schaffen. Dabei rückt die Sinnfrage von Leben und Tod in den Fokus.

Im Streit um den Gottesbeweis und die Theodizee schreibt Werfel in „Das Lied der Bernadette“ treffend: „Für die Gläubigen gibt es keine Erklärung, für die Ungläubigen keine Beweise.“ Für den gebürtigen Prager, der die meiste Zeit seines Lebens in der Wahlheimat Wien verbrachte, bildeten Konzepte wie Schuld und Sünde keine abstrakten dogmatischen Begriffe, sondern existenzielle menschliche Grunderfahrungen, die untrennbar mit dem Geheimnis von Gottesferne und menschlicher Verantwortung verbunden sind. Schuld beginnt oft in der Jugend aus Übermut, Neid oder verletztem Stolz, kurz Egoismus, den es zu überwinden gilt in einer kollektiven Vision, die Werfel im Glauben verortete.

Der Täter oder Schuldbeladene redet sich demzufolge seine Tat schön, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Er schiebt die Verantwortung auf den anderen und initiiert eine Lebenslüge, die auch in Hass und Ressentiment auf andere umschlagen kann. Diese verdrängte Schuld verschwindet nicht. Sie manifestiert sich später im Leben als innere Unruhe, Neurose oder unbewusste Lebenslüge. Erlösung oder Läuterung setzen erst ein, wenn der Mensch sich seiner Schuld bewusst stellt, sie bekennt und Verantwortung übernimmt.

Foto Bernd Oei:Passy, Paris, Bistro de vignes, rue Jean Bologne 1 nahe dem Maison Balzac außen und innen.Wie Balzac in seiner Comédie humaine war auch Werfel stets daran interessiert, die gesellschaftlichen und psychologischen Verwerfungen seiner jeweiligen Gegenwart tiefgreifend zu analysieren.

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