Berg und Tal – drei Wahrheiten

Foto Bernd Oei: Rote Wasser, ein Bach mit Grenzstein im Solling zwischen Holzminden und Neustadt, der den Grenzverlauf zwischen Herzogtum Braunschweig (HB) und Königreich Hannover (KH) bis 1866 bildete. Aufnahme vom HB-Ufer aus. https://hgv-hhm.de/historische-landesgrenze.html

Zwischen Ost und West

Für Uwe Jonhnson (1934-84), Schriftsteller aus Mecklenburg Vorpommern, dem es weder in der DDR noch in der BRD und auch nicht in der USA gefiel (er verlebte seine letzten zehn Jahre in England), gab es stets drei Wahrheiten:eine subjektive, eine objektive und eine parteiische. Die letzte war wohl die mächtigste, wenngleich Johnson immer betont, dass keine noch so unmenschliche Diktatur (zu der er auch den Kapitalismus zählte) den Menschen brechen kann. So schreibt er in späten Jahren noch, dass „die rücksichtsloseste Diktatur nicht die Seelen ihrer Opfer zu beherrschen“ vermöge.

Seine wichtigsten Werke handeln alle über die Teilung Deutschlands in Ost und West: „Mutmaßungen über Jakob “ (1959), „Das dritte Buch von Achim“ (1961) „Zwei Ansichten“ (1965) und „Jahrestage“ – eine Tetralogie über das Leben von Gesine Gresspohl,- zwischen 1970 und 1983 veröffentlicht, die sein Lebenswerk darstellen. Der Autor war Teil der Gruppe 47, die wohl einflussreichste literarische Strömung der Nachkriegszeit, der u. a. Günter Eich, Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Ilse Aichinger, Alfred Andresch, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und Walter Jens angehörten. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30413/aufstieg-und-ende-der-gruppe-47/ Inybesondere mit Bachmann verband ihn eine innige Freundschaft.

Johnson betrachtete Wahrheit nicht als absolute, leicht zugängliche Tatsache, sondern als ein komplexes, durch Erzählen annäherndes, aber nie vollständig zu erfassendes Konstrukt. Realität und Fiktion gehen fließend ineinander über. So beschreibt Johnson detailliert konkrete Orte, hauptsächlich in Mecklenburg Vorpommern, erfindet aber auch einige hinzu, worin die Züge konkreter Landschaften verschmelzen. Um das Verhältnis, gerne als Riss bezeichnet, zwischen Ost und West zu pointieren, lässt der Suhrkamp-Autor in „Das dritte Buch von Achim“ einen westlichen Journalisten auf Bitten seiner Ex-Lebensgefährin eine Biografie über einen Radfahrer im Osten schreiben, der nun der Lebensgefährte seiner Ex ist. Der Hamburger Journalist mit Namen Karsch findet mehrere Wahrheiten: „die Ähnlichkeiten nicht auf in einander.“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/biographie-abseits-der-wahrheit-100.html

Foto Bernd Oei: Rundwanderweg Neuhaus (Solling) bei Holzminden „Berg und Tal“ in Südniedersachsen, Beginn bei Der Solling ist ein maximal 527 m hoher Teil des Weserberglands. https://www.holzminden.de/portal/seiten/qualitaetstour-berg-und-tal-5-1km–900000246-25610.html

Ein unangepasster Geist

Johnsons Figuren sind exakt in ein dokumentarisch abgesichertes Umfeld eingebettet wie Bäume in einem Wald auf eng begrenzten Areal, da die Protagonisten entweder verwandt oder befreundet sind. So ist Gesine die Mutter des gemeinsamen Kindes mit dem beim seinem Fluchtversuch erschossenen Jakob. Johnson verstand sich als Historiograph und Anwalt der kleinen Leute, deren Leben nicht vergessen werden sollte und von der Politik der Großen geprägt wurde. Als Kind der Kriegsgeneration kannte er eine unverschuldete Schuld. Für das System im Osten war er ebenso ungeeignet als für die scheinbare Freiheit des Westens, die auf Verdrängung beruhte.

Zweifellos überlässt Johnson die Deutungshoheit seiner Texte denjenigen, denen sie seiner Ansicht nach ohnehin zustand: seinen Lesern. Dies gleicht einem ausgeschilderten Wanderweg mit mehreren Routen, die es dem Gehenden freistellen, welche er davon einschlagen will. Ungewöhnlich und unorthodox setzen seine Geschichten nach 1945 ein, auch die eigene beginnt er als Elfjähriger. Das Fremdverschulden prägte ihn nachhaltig: „Die Älteren mußten zurückbleiben und kämpfen, sie sind fast alle umgekommen.“ Nach allem, was man hört und liest, entwickelte er sich frühzeitig zum Außenseiter, einem distanzierten Beobachter und Gewissen seiner Epoche. Im Versuch, die Mentalität des Ostens zu erklären, spricht er von Opfern des Nationalsozialismus (die Legitimation der Anti-Faschisten) und dem menschlichen Antlitz des Sozialismus.

Als aufmerksamer Zeitzeuge sah er auch, wie im September 1950 bei einem Schauprozess in Güstrow mehrere junge Männer – vor allem Schüler – zu
langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, weil sie auf Flugblättern für freie Wahlen in Ost und West geworben hatten. Wenn man so will, erkannt er als einer der ersten den Anfang vom Ende oder dass der Fisch vom Kopf das stinken beginnt. Er spricht von „Terrorjustiz“, die einen kritisch reflektierenden Menschen Aktualitätsbezug herstellen lässt. Die Schauprozesse wiederholten sich während seines Germanistik-Studiums an der Universität Rostock, weil auch dort Freiheit keine Wahl, keine Option war. Diesmal richtete sich die Staatsgewalt gegen den „falschen“ Glauben: kirchliche Mitarbeiter wurden verhaftet, Hunderte von Oberschülern und Studenten ihrer Schulen und Universitäten verwiesen. Auch das zeigt: Geschichte wiederholt sich gerade: macht mundtot, was euch nicht gefällt. Die Hetze und Schikane gegen Andersdenkende hat im Grunde nie aufgehört, doch manchmal wird sie einem eben bewusst.

Foto Bernd Oei: Solling, Mitelgebirgswald bei Neustadt. Flächenmäßig ist der Solling die zweitgrößte und höhenmäßig das dritthöchste Erhebung Niedersachsens. dritthöchste Gebirge dar. Im Mischwald dominieren Rotbuchen, Eichen und Fichten.

Zwischen den Stühlen und einer Mauer

Johnson erfuhr mehrmals, dass Wahrheit Auslegungssache ist und auch unterschiedliche juristische Folgen zeitigt. Nach seinen Protesten gegen die Verhaftung von sich offen zur Bibel und nicht zu Marx bekennenden Studenten wurde er aus Rostock exmatrikuliert und kam nach Leipzig, wo er in Kontakt mit seinem Mäzen Hans Meyer und der Weltliteratur kam. Wenn ein Weg zu Ende geht, beginnt eben ein neuer – manchmal sogar ein besserer.

Johnson wäre heute über 90 Jahre alt, doch er wurde nur 50. Er starb vor dem Ende der deutschen Teilung und kannte daher die Entwicklung nicht. Das Grundsätzliche hatte er aber erkannt und vorhergesehen. Nicht nur, weil er 59 in den Westen ging (mit offizieller Genehmigung der DDR), den er 10 Jahre später gleichfalls den Rücken kehrte in Richtung New York, sondern auch, weil er als erster den Todesschuss an der Mauer beschreibt, als noch keine Mauer existiert. Am 13. August 1961 ereignet sich diese Absurdität, „Mutmapungen über Jakob“ werden bereits zwei Jahre vorher publiziert, dessen Eingangssatz so trocken nüchtern wie symbolisch ist: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“. https://dasgrauesofa.com/2017/08/15/uwe-johnson-mutmassungen-ueber-jakob/

Jakob ist auch nicht zufälligerweise Bahnhofsbeamter und Gleisinspektor, er entgleist auch nicht ohne Grund, denn er beginnt zu zweifeln, seine Loyalität bröckelt, zunächst aus privaten Gründen – seine Geliebte Gesine und seine Mutter setzen sich in den Westen ab – dann auch aus offensichtlich politischen: der niedergeschlagene Ungarn-Aufstand und die Einschüchterungsmaßnahmen der SED Funktionäre. Jakob begreift, dass aus Spitzel keine Menschenfreunde werden.

Dem Eingangssatz folgen Erklärungen, die keine wirklichen sind: “ Aber er ist doch immer quer über die Rangiergleise und die Aus-fahrt gegangen, warum, außen auf der anderen Seite um den ganzen Bahnhof bis zum Strassenübergang hätte er eine halbe Stunde 15 länger gebraucht bis zur Straßenbahn. Und er war sieben Jahre bei der Eisenbahn.“ ttps://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742125863/54750.pdf

Jakob fährt in den Westen, was zu seinerzeit noch möglich ist, kehrt desillusioniert zurück – eine Schicksal, das Johnson noch bevorsteht. Eine Lok überfährt ihn. Ob es sich um Suizid, Auftrangsmord durch die „Staatssicherheit“ oder doch einen Unfall handelt, bleibt in der Schwebe. Klar ist nur: der Osten richtet Menschen ab, zu und hin. Der Westen entmenschlicht auf andere Art. Joohnson war weder Sympathisant der einen noch der anderen Lebensform.

Foto Bernd Oei: Solling bei Neustadt Für die 6 km „Berg und Tal“- Tour muss man mit 1,5-2 h Gehweg rechnen. https://www.solling-vogler-region.de/de/tour/wanderung/berg-und-tal-n-6-/7376728/

Dichter des geteilten Deutschlands

Während Johnson, der Dichter des geteilten Deutschlands, selbst einfach gehen konnte, musste seine spätere Frau schon aus dem System fliehen, da die Mauer stand, doch sie überlebte und das Paar hatte auch eine Tochter in Westberlin. Er befreundete sich mit Max Frisch und übersiedelte nach Rom. Mitte der Sechziger Jahre übersiedelte er nach New York, die er in „Jahrestagen“ mit seiner alten Heimat in Ostdeutschland kontrastiert, da seine Protagoniston Gesine ihrer Tochter die eigene Herkunft und die ihres Vaters Jakob nahe bringt.

Der zweite, bei Surhrkamp veröffentlichte Roman, handelt über einen sehr erfolgreichen Radfahrer namens Achim. https://www.deutschlandfunkkultur.de/biographie-abseits-der-wahrheit-100.html. Es lässt sich deuten als eine Absage an die eindeutige Wahrheit, ebenso als das Bekenntnis oder die Sympathie zu einem System und als Dokumentation einer nicht vernarbenden Wunde, welche die große Politik schlug, die kleine Leute traf. Der Autor selbst bekundet: „Ich habe den Roman geschrieben, weil ich dachte, daß die Teilung Deutschlands in bestimmten Aspekten für die Teilung der Welt repräsentativ wäre, und weil ich glaube, daß die Konfrontation zweier Lebensweisen, zweier verschiedener Kulturen, zweier verschiedener Wirtschafts- und Regierungsformen – und ich bin von der Gegensätzlichkeit dieser Unterschiede überzeugt – die Wahl verdeutlichen könne, vor die wir gestellt sind.“

Was bleibt ist eine philosophische Erkenntnis: Da wir nicht in einen Menschen hineinsehen können, bleibt nur das hinein projizieren. Da es nicht möglich ist, die inneren Beweggründe, so genannte Motive, wirklich zu kennen, so bleibt alles Hypothese, Interpretation, ideologisch aufgearbeiteter Fakten-Müll. Je mehr der recherchierende West-Journalist versucht das >leben des Ost-Sportlers zu ergründen, desto unverständlicher wird es ihm. Zu viel Nähe erzeugt Distanz.

Am Ende ist alles eine Frage der Wahrnehmung. Im übertragenen Sinn ein gestohlener Mond. Über diesen „Der gestohlene Mond“ von Erst Barlach (1948) verfasste Johnson seine Abschlussarbeit an der Universität Leipzig. In ihm geht es um einen mutmaßlichen Selbstmord eines ungewollt schwangeren Mädchens, das die spießigen Kleinbürger verurteilen. Die Verbrecher sind unter uns und kommen ungeschoren davon, könnte man auch sagen….

Foto Bernd Oei: Blick von Fohlenplacken aus auf Neustadt bei Holzminden im Solling. Hier wurde v. a. Sandstein, Torf und Holz abgebaut.

Jahrestage

„Jahrestage“ ist in vier einzelne Romane unterteilt und in gewisser Weise einem Tagebuch ähnlich. Darin tauchen der Journalist aus „Das dritte Buch über Achim“ genauso auf. https://literaturlexikon.uni-saarland.de/lexika/kleines-adressbuch-fuer-jerichow-und-new-york/lexikon-k-p wie Jakob Abel aus dem Debütroman. https://literaturlexikon.uni-saarland.de/lexika/kleines-adressbuch-fuer-jerichow-und-new-york/lexikon-a-c#c8203

Dies illustriert, dass Johnson gerne Orte und Menschen wiederkehren lässt. Biographen zufolge hat sich Johnson vom deutschen Transzendentalismus (Kant, Hegel, Schopenhauer) genauso beeinflussen lassen wie vom Freigeist und Aphioristen Nietzsche, der von der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“ spricht. In Gesine aber etabliert Johsnon sein Alter Ego, wie man es bei Flaubert in Madame Bovary vermutet. Der Leser erfährt gleichzeitig vom Vietnamkrieg und Rassismus-Vorfällen, die in der Ermordung von Martin Luther King gipfeln und den ersten Tagen in der noch jungen DDR, der Stunde Null. Dabei integriert Johnson Zeitungsartikel wie zu Zeiten der neuen Sachlichkeit.

Zwischen dem ersten und dem letzten Band – er erschien ein Jahr vor Johnsons Tod, so dass es nicht unwahrscheinlich ist, ein weiterer hätte folgen können – liegen 13 Jahre. Es ist möglich, dass Johnson Anleihen nimmt bei Platon er (teilte seine Dialoge in vier Tetralogien ein, die jeweils vier Werke umfassen) und bei Shakespeare.s Lancaster-Dramen ( „Richard II.“, „Heinrich IV. Teil 1“, „Heinrich IV. Teil 2“ und „Heinrich V.“) Das Ende ist ebenfalls blutig: der Warschauer Pakt und der Prager Frühling werden von russischen Panzern niedergewalzt. DEr Sozialismus mit menschlichem Antlitz verblutet am 20. August 1968.

Foto Bernd Oei: Solling, zwischen Neustadt und Holzminden, ältester Fichtenbestand des Waldes mit Bäumen über 150 Jahren. Da es sich um ein traditionelles Forstwirtschaftsgebiet handelt, erreichen die Fichten nie ihr mögliches Maximalalter von 600 Jahren, sondern meist nur ein Fünftel davon.

Jeder nimmt sich seinen Kuchen

Johnson überschreitet Grenzen. Geografische wie politische, mitunter auch literarische, denn er dokumentiert, monologisiert, setzt auf Montagetechnik (innere Monologe) genauso wie auf parataktisch angeordnete Außenbeschreibung. Er erfindet, aber so, dass die Wirklichkeit damit wirklicher, präziser fassbar wird. Er konstruiert, aber immer mit dem Ziel, das Unvermeidliche aufzuzeigen. Das bringt ein Zitat wie „Im übrigen, ein jeder nimmt sich sein Berlin, alle zusammen ›benutzen nur den gleichen Raum“ auf den Punkt. Natürlich ist Johnson kein Verfechter des radikalen Subjektivismus oder Individualismus im Wortsinn, jeder nimmt sich seinen Kuchen, „Chacun à son goût“ – ein Zitat, das nur Johannes Strauß Opern-Libretto (Karl Haffner) „Die Fledermaus“ aus dem Mund Prinz Orlovskys nachgewiesen werden kann. Johnson bezieht sich konkret auf die Teilung Berlins durch fremde Mächte, so genannte Alliierte, die es nicht mehrt sein wollten.

In Amerika begegnete Johnson Hannah Arendt – der Beginn einer lebenslangen Freundschaft mit reger Briefkorrespondenz. Nachgewiesen ist in ihnen sein Ausspruch, Ostdeutschland sei für ihn eine Ansammlung von Erfahrungen und Einsichten, die aufgeben zu m,üssen, sehr schmerzvoll gewesen sei – nicht zuletzt, weil sein Vater Überzeugungstäter war. https://literaturkritik.de/id/7851

Die Frage, warum man nicht in den Westen gegangen sei, beruht daher auf der Antwort, weshalb man im Osten habe bleiben wollen. Grenzgänger Johnson sprach mehrfach von einem Umzug von Ost- nach Westerlin, was teils seiner Ironie, teils parodistisch gemeint ist und teils doch der Wahrheit entspricht.

Foto Bernd Oei: Historischer Grenzstein zwischen Königreich Hannover und Herzogtum Braunschweig. Auch die südniedersächsische Region war zu jener Zeit in diverse Kleinstaaten zersplittert, die durch Markierungssteine voneinander abgegrenzt wurden. https://www.komoot.com/de-de/highlight/3981144

Das Depot des Gedächtnisses

Ein Satz, der Johnsons Intelligenz und Sprachästhetik kombiniert, stammt aus „Als die Krähen in der Luft erfroren“Jahrestagen“ Band 3″und lautet: „Das Depot des Gedächtnisses ist gerade auf Reproduktion nicht angelegt.“ https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/literatur/sabrina-janesch-roman-sibir-als-die-kraehen-in-der-luft-erfroren-li.334174

Das Gedächtnis ist selektiv und manipulativ, zumeist unbewusst. Die Passage im Roman lautet: „Auf Anstoß, aus dem blauen Absurden liefert es freiwillig Fakten, Zahlen, Fremdsprache, abgetrennte Gesten; halte ihm hin einen teerigen, fauligen, dennoch windfrischen Geruch und bitte um Inhalt für die Leere, die einmal Wirklichkeit, Lebensgefühl, Handlung war; es wird die Ausfüllung verweigern. Die Blockade läßt Fetzen, Splitter, Scherben, Späne durchsickern, damit sie das ausgeraubte und raumlose Bild sinnlos überstreuen, die Spur der gesuchten Szene zertreten, so dass wir blind sind mit offenen Augen.https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-amnesiepille-100.html

Jahrestage sind vielleicht das erste literarische Projekt, das zum Langsam-Lesen rät, weil es auf das tägliche Schritt für Schritt begleiten, ausgelegt ist. Dabei arbeitet der Autor nicht chronologisch, wie es ein Tagess- oder Jahresbuch vermuten lässt, sondern greift gerne vor oder noch häufiger zurück. 1700 Seiten können nur mit Akribie bewältigt werden, sowohl schriftstellerisch als auch leserisch. Es fällt schwer, die Orientierung zu behalten oder aus den Bergen von Fakten den roten Faden heraus zu destillieren.

Vielleicht ist Johnson die Antwort auf Proust oder Joyce. Ein Bekenntnis zur Langsamkeit in jedem Fall.

Foto Bernd Oei Dannisches Bergmannhaus am Roten Wasser entlang Berg und Tal, ehemaliges Wohnhaus der Familie Danne, 1776. Die Männer im Quarzsandabbau; das Haus stand auf dem Grund des Königreichs Hannover, das Abbaugebiet lag jedoch auf dem des Herzogtum Braunschweigs.

Wie lebt man richtig, wie liebt man die Wahrheit?

Will man den Inhalt kompakt und komprimiert verdauen, so liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/jahrestage/7943 eine Zusammenfassung. Das philosophisch erörterte Problem bezieht sich auf die Wahrheitsfindung, denn allein die Fakten schaffen noch keine innere Wirklichkeit und schon gar keine Identität oder Plausibilität. Die Zuvcerlässigkeit des Erzählens steht genauso auf dem Spiel wie die des gewissenhaften Lesens und Zuhörens. „Wie ist richtig zu leben und wahrhaftig zu sprechen in dieser Welt allseitig haftbar machender Systemzwänge, ihrer ideologischen Täuschungen und propagandistischen Sprachregelungen? … Und wie erzieht man ein Kind in dieser Welt?“

Wieso sollte man die Wahrheit lieben. Kinder erscheinen am glücklichsten, wenn sie spielen oder träumen, erfinden und sich eine Auszeit nehmen vom Ernst des Lebens. Die Zeitung wird Gesinde und ihrer Tochter zum Kompass des Lebens, doch kann man dem Gedruckten wirklich glauben und besteht die Wirklichkeit wirklich auch schwarz und weiß? Johnson wählt die Kolportage und die Collage als Form und das elfjährige Kind bezweifelt die Authentizität der Aussagen (Erinnerungen) ihrer Mutter. Man möchte von einem stillgelegten Bergwerk sprechen, in dessen Stollen man sich vorsichtig vortastet.

Allein die Treue zum System verleitet zum Selbstbetrug und zum Fanatismus, zumindest zum Messen mit zweierlei Maß. Johnson erzeugt künstliche Biografien, die anstelle seiner sprechen. Er redet von einem Vertrag, den er mit seinen Protagonisten hat, namentlich Gesine, mit der er in einen fiktiven Austausch tritt. Er spricht von „Genosse Schriftsteller“ als sei auch der Literaturbetrieb und der Beruf nichts weiter als eine Frage der Partei, der Gesinnung.

Foto Bernd Oei: Sandwäsche in Silberborn, mit 432 m dem höchstgelegenen Punkt zwischen Neustadt und Solling Anschließend führt der „Berg und Tal“ bergab nach Holzminden (max. 89 m). Abgebaut wurden seit dem 13. Jahrhundert Buntsandstein und Muschelkalk. https://www.komoot.com/de-de/highlight/370615

Sprache heißt nicht Verständigung

Ein Satz, der vielleicht am besten beschreibt, wieso Johnson zur Skepsis rät und immer zwischen den Stühlen oder Menschen sitzt, lautet: „„Woher kommt die Gewissheit, dass wir nur Sprache zwischen uns haben, und nicht Verständigung?“ Meist denken Menschen, wenn sie reden, sie verstehen sich und die eigene Sprache, die in deutscher Ost und West-Zone wohl bald differierte, verleitet zu einer trügerischen Gewissheit: Ich habe gehört, gelesen und verstanden. Dabei muss man zwischen den Zeilen lesen, um wirklich zu verstehen und mitunter ist das Schweigen ausdrucksvoller, wahrhaftiger, als die Aussage.

Es geht also auch um Pausen, nicht nur Atempausen, sondern wirklichen Erholen und Zurückholen, um Verständigung und nicht nur Sprachverkehr. Kinder haben zudem eine eigene Sprache, etwa wenn Marie (die Tochter von Gesine und Jakob) meint, Gott, der allmächtig ist, müsse die Atombombe erfunden oder sie vernichtet haben, da sie doch so viel zerstört und Gott die Menschen liebt. Mit dieser einfachen und zugleich komplexen Wahrheit verbindet sie den Schuss auf Sperlinge, damit sie vom Dach fallen. Man sagt, mit Kanonen auf Spatzen schießen, um die Unverhältnismäßigkeit der Mittel darzustellen. So bedienen wir uns einer kriegerischen Metapher, wenn wie für den Frieden plädieren.

Vier Teile für ein Jahr. 1700 Seiten für eine Frage, deren Antwort sich in die Länge zieht, weil Warum niemals so leicht zu beantworten ist. Sprache heißt nicht, dass man versteht, aber auch nicht, dass man verstanden werden will. Sprache gleicht doch eher einer Reise, einem Fluss. Mit den Worten Johnsons: „Am Ende könnte man mir nachsagen, ich sei jemand, der hat es mit Flüssen. Es ist wahr, aufgewachsen bin ich an der Peene von Anklam, durch Güstrow fließt die Nebel, auf der Warnow bin ich nach und in Rostock gereist, Leipzig bot mir Pleisse und Elster, Manhattan ist umschlossen von Hudson und East und North, ich gedenke auch eines Flusses Hackensack, und seit drei Jahren bedient mich vor dem Fenster die Themse, wo sie die Nordsee wird. Aber wohin ich in Wahrheit gehöre, das ist die dicht umwaldete Seenplatte Mecklenburgs von Plau bis Templin, entlang der Elde und der Havel, und dort hoffe ich mich in meiner nächsten Arbeit aufzuhalten … “ https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/uwe-johnson

Foto Bernd Oei: Grillplatz und Raststätte bei Silberborn, ehemalige Bergarbeitersiedlung.

Zeitloses Zeitdokument

Ein Zitat von Uwe Johnson lautet: “ „Es ist schlecht möglich, abseits der Zeitgeschichte zu leben.“ Alles Private sei politisch, hieß es damals. https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article252564266/Charly-Huebner-ueber-Uwe-Johnson-War-ein-Ossi-oder.html

Das Stück als Hörspiel bzw. eingelesen, damit auch begleitet haben der Schauspieler Charly Hübner (gebürtiger Mecklenburger) und der Moderatorin Carmen Misoga. https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:52ff755de8402625/ Für Hübner ist es das dritte Projekt für und mit dem Autor seines Lebens, der ihn zu einem eigenen Buch inspiriert hat. Beide vebindet, dass sie Johnsons Aktualität und Originalität hervorheben. Letzteres ist besonders rar geworden in einer Zeit, die es wieder mit Anpassung, Konformismus und Zwangsbekehrung hält. https://www.youtube.com/watch?v=xCeUDGiocHM

Zumindest die Jahrestage beginnen in der Niederschrift nach dem traumatischen Ereignis der Prager Frühlings. Begleitet werden sie von der Trennung Johnsons Frau und Mutter der gemeinsamen Tochter. Diese Begleitumstände lassen sich nicht aus den „Jahrestagen“ trennen, die zunächst in rascher Folge (drei Teile) erscheinen, bis es zu einer „Pause“ kommt, die gemeinhin Schreiblockade gehießen wird. „Mit dem Schreiben möchte ich die Wahrheit herausfinden.“ Das sagt Uwe Johnson und vermutlich meint er es genau so. Abschließend die Gedanken seines ehemaligen Lehrers und Mäzens, Professor Hans Mayer, der den anspruchsvollen wie umfangreichen Roman als Familiengeschichte, zugleich aber auch als deutsches Kollektivschicksal betrachtet. https://www.youtube.com/watch?v=UXJ9uog7fFU

Foto Bernd Oei: Wanderweg nach „Berg und Tal“ zurück nach Holzminden (10,5 km).

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