Bestiale Genialität der Technik -.Antiquiertheit des Menschen

Foto Belinda Helmert: Autographe von Honoré de Balzac. Weltweit besitzt die alte Bibliothèque nationale de France (BnF) in der Rue Richelieu 58 in Paris auf ihren 16 000 m² Fläche die größte Sammlung handschriftlicher Bücher und Erstdrucke. https://www.themorgan.org/literary-historical/289875

Prometheische Scham oder Antiquiertheit des Menschen

Günther Anders (1902, Breslau–1992, Wien) war ein deutsch-österreichischer, in der k u k Monarchie aufgewachsener, Philosoph und Schriftsteller. Eng mit Hans Jonas befreundet, wurde er in der Nachkriegszeit (Rückkehr aus dem amerikanischen Exil) bekannt als Pazifist und Anti-Atomkrieg-Aktivist. Er ist bekannt für seine Technikphilosophie, insbesondere die These, dass der Mensch sich weniger vorstellen kann, als er herstellen kann („prometheische Scham„), dargelegt im Hauptwerk, der aus Essays bestehenden zweibändigen „Die Antiquiertheit des Menschen“ (1956 und 1980). Es zählt neben Hans Jonas „Prinzip Verantwortung“ zur einflussreichsten Technik- und Zivilisationskritik in Nachkriegsdeutschland. SeinUnbehagen an der Kultur erklärt auch, wieso er sowohl in Kontakt mit Heidegger als auch Adorno verblieb, die beide gegenüber der Moderne ihre Vorbehalte besaßen, sich sonst aber konträr gegenüberstanden.

Wir gehen wie wir geboren sind; nackt und bedürftig: besser könnte man den Lebenszyklus von Anders (geborener Stern) nicht zusammenfassen, da er mittellos im Altenpflegeheim Wiens verstarb – allerdings begütert aus dem jüdischen Bildungsbürgertum entstammte. Über die Vita informiertausführlich die Günther Anders Gesellschaft in Wien https://www.guenther-anders-gesellschaft.org/vita.

Seine Flucht unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 28.2. 1933 führte ihn wie die damals engen, gleichfalls jüdischen Freunde Arendt und Benjamin, nach Paris. Er wohnte bis Winter 1936 im Hôtel Soufflot, 9 Rue Toullier im 5. Arrondissement, dem Quartier der Sorbonne – auch Rilke bezog hier 1902 eine Wohnung) -,bevor er in die USA (New York) emigrierte. Nach 14 Jahren Exil kehrte er nach Wien zurück.

U. a. nahm Anders in Paris nahm an Alexandre Kojèves berühmten Hegel-Vorlesungen teil. Ein legendäres Zitat von ihm lautet „Denn wenn ich ein Konservativer bin, so allein deshalb, weil es heute nicht genügt, die Welt zu verändern“. Ein anderes, leicht zu merkendes: „Es gibt keine Originale mehr, nur noch Kopien.“

Foto Belinda Helmert: Weltglobus aus dem Jahr 1600 in der BnF, einer Universalbibliothek (Gründungsjahr 66 Jahre später) aus den Händen von Willem Blaeu, einem Holländer, der dem niederländischen Herzog von Nassau gehörte. https://www.bnf.fr/fr/mediatheque/globe-terrestre-de-jodocus-hondius

Apokalypsenblindheit

Der erste Band „Die Antiqiuertheit des Menschen“ (1956) trägt den Untertitel „Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution„. Es besteht aus drei großen Teilen, die in mehrere kleinere Essays untergliedert sind. Die Themen: Die Antiquiertheit des Menschen, Die Antiquiertheit der Arbeit, Die Antiquiertheit der Welt. Grundthesen Prometheische Scham – Über das Schamgefühl gegenüber der Perfektion der Maschine und Die Welt als Phantom und Matriz über Medien wie Fernsehen und Rundfunk, die ihren Beitrag zur Massengesellschaft und gelenkten Demokratie leisten.

Der zweite Teil über die Arbeit basiert auf der Deutungshypothese,dass die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution Schaden genommen hat und Betrachtungen auf die handwerkliche Phase die unvermeidbare Automatisierung folgt. Parallelen zum Denken Hannah Arendts sind hier evident. Das dritte Großkapitel steht unter der Überzeugung, dass die Atombombe seit Hiroshima; die apokalyptischen Zerstörungskraft dokumentiert und daher die Abschreckung nur noch Vorwand sein könne für einen folgenden Atomkrieg. Dazu konvergiert das Zitat „Der Mensch entwickelt eine Art Schamgefühl gegenüber der Maschine, da sie ihm unendlich überlegen und potenter, ja unverwüstlich erscheint.“

Nach dem Kulturphilosophen Günther Anders empfindet der Mensch ein prometheisches Schamgefühl gegenüber der Maschine, da sie ihm unendlich überlegen und potenter, ja unverwüstlich erscheint. Dieses Schamgefühl hat er in seinem Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“ als „prometheische Scham“ bezeichnet. -ein anderer zentrale Begriff ist die „Apokalypseblindheit“: Die Unfähigkeit des Menschen, die Möglichkeit seiner eigenen, durch Technik verursachten Selbstauslöschung (z.B. Atombombe) voll zu realisieren. Der erste Teil seines Buches „Die Antiquiertheit des Menschen“ besteht aus drei Hauptkapiteln, die das Verhältnis von Mensch zu Mensch (Mitwelt), Mensch zur Technik (Umwelt) und Mensch zur Welt als Ganzes reflektieren. Die Rede ist bald vom technischen Imperativ, der das Buch, die Literatur und die gesamte Kultur in Barbarei umschlagen lässt.

Der erste Band von „Die Antiquiertheit des Menschen“ schließt mit den Worten: „Daß eine Philosophie, die so vielen, so verschiedenartigen Ereignissen, Situationen und Attitüden gleichzeitig gerecht werden konnte, zur herrschenden Philosophie wurde, ist begreiflich: Ihr Kommen war überdeterminiert.“ Volltext unter https://monoskop.org/images/c/cb/ANDERS_Gunther_-_1956_-_Die_antiquiertheit_des_Menschen.pdf

Foto Belinda Helmert: Autograph von Victor Hugo, Les Misérables (Die Elenden) in der BnF, Paris, Bibliothèque Mazarine. Hugo besaß ein gespaltenes Verhältnis zur Technik und dem Fortschritt. Einerseits sah er die Möglichkeiten, sich von der Natur unabhängig zu machen, andererseits beklagte er die Auswirkungen der ersten Phase der Industrialisierung. Ca. 100 Jahre später schrieb Anders über die dritte industrielle Revolution.

Drei industrielle Revolutionen

Die drei industriellen Revolutionen markieren den Übergang von handwerklicher Fertigung zu automatisierter Massenproduktion durch Dampfkraft (ab ca. 1760), Elektrizität (ab ca. 1870) und Elektronik/IT (ab ca. 1970). Sie wandelten Agrargesellschaften grundlegend in moderne Industrienationen. Der Untertitel des zweiten, erst 1980 herausgegebenen Bandes von „Die Antiquiertheit des Menschen“ lautet daher signifikant Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten Revolution.

Die erste Phase im 19. Jahrhundert umfasst die Mechanik, z.B. die Eisenbahn durch die Dampfmaschine, die Textilindustrie durch den Webstuhl. Fabriken sind das Gesicht der ersten industriellen RevolutionDas Handwerk, Zünfte und Gilden und Bauern, der Agrarstaat, werden erschüttert. Die von Mirabeau am Vorabend der Revolution von 1789 aufgeworfene Frage lautet „Was ist der dritte Stand? “ Er kommt bereits auf einen vierten. Die Deklassierung schreitet voran. „Verbiederung „lautet der Begriff von Anders, um das Phänomen der Entfremdung zu beschreiben, wenn Muskelkraft durch Maschinen ersetzt werden.

Die zweite Phase setzt im 20. Jahrhundert ein, vornehmlich durch Elektrifizierung und Chemie, Fließbandproduktion, Spezialisierung, Kapitalismus in Reinkultur. Sie führt zur Landflucht und Massengesellschaft, zur Urbanisierung und Ghettoisierung.

Die dritte industrielle Revolution beginnt mit der Atomisierung der Welt auf der Basis der Kernspaltung, auf welche die Digitalisierung und KI folgt. Erste Revolution (ca. 1780): Mechanisierung durch Dampfmaschinen.Zweite Revolution (ca. 1870): Massenproduktion durch Elektrizität.Dritte Revolution (ab 1970): Digitale Revolution durch Elektronik und IT.

Der zweite Band „Die Antiquiertheit des Menschen“ umfasst die Antiquiertheit in zahlreichen Sequenzen. darunter nicht nur die der Arbeit und die der Menschenwelt, sondern detaillierter untergliedert. Beispielsweise erhalten das Individuum, die Privatheit und die Freiheit eigene Unterkapitel. Manche umfassen nur eine oder wenige Seiten, andere bis zu 50. Eingegangen sei hier detailliert auf das Kapitel der Freiheit (S. 259-271). Es ist untergliedert in § 1 die Neutralisierung des Unterschies zwischen Interpretation und Faktum, § 2 Neutralisierung des Objektivcharaker der gelieferten Waren, § 3 Neutralisierung des Unterschies zwischen Sprechen und Hören, § 4 Neutralisierung des Unterschze9ds zwischen Gewalt und Sanftmut, Im Grunde führt die Bewegung von Faust als geistige Auseinandersetzung mit Gut und Böse zu Faust als blutverschmierte Hand, die den ideologischen Feind im Namen der Freiheit tötet.

Foto Belinda Helmert: Büste im Antiken Saal der BnF.

Der technische Imperativ und die Verbiederung

Dieser lautet zu Ende des ersten Bandes: „Wir dürfen nicht alles tun, was wir tun können.“ Er deutet wie Jonas bereits an, dass wir nicht tun dürfen, was wir vermögen. Das Verhältnis ist im Gegensatz zu den ersten zwei Revolutionen invertiert: damals hätte der Mensch mehr tun können, als er vermochte, heute muss er es vermeiden,da er mit dem technischen Fortschritt nicht mithalten kann. Der homo sapiens verfügt nicht über die Ethik, der progressiven Technik zu folgern. Evolution ist folglich nicht mehr Revolution, sondern „verbiederter Zustand des Kalkulierbaren.“

„Verbiederung“ meint bei Anders (der das Pseudonym auch wählt, um auf Andersartigkeit und die Philosophiere des Anderen zu verweisen) einerseits Anpassung an die Norm: Der Prozess, bei dem jemand, der „anders“ (individuell, kreativ, nonkonform) war und nun durch den technischen Fortschritt selbst stagniert, „bieder“, angepasst oder spießig wird. Andererseits bedeutet es nicht Tausch der Identität, sondern Verlust der Einzigartigkeit (Aura bei Benjamin) und Abwertung des Besonderen Dies erscheint auf den ersten Blick nahezu synonym, verdient aber einer detaillierten Betrachtungsweise.

Ähnlich wie Nietzsche, der den literarischen Modernismus stark beeinflusste, nutzte Anders eine scharfe, teils aphoristische Sprache, um seine radikale Medien- und Technikkritik zu formulieren. Der Übermensch ist nun nicht mehr der freie souveräne Individualist, sondern paradoxe Konsequenz der modernen Technik. sein eigener Untergang. Daher rührt sein Begriff der „negativen Anthropologie“ mit der Formel „Der Mensch ist größer und kleiner als er selbst“ im medialen Zeitalter, das Perspektiven verzerrt. Verkürzt könnte man die dritte als das mediale Zeitalter beschreiben, wobei Anders bereits die Computer als seltsame Form der Individualisierung begreift, da sie mehr gleichschaltet als frei schaltet.

Foto Belinda Helmert: Decke in der BnF, Paris, Rue Richelieu 58.

Freiheit als negative Anthropologie

Freiheit als „Verdammnis“ (Negative Anthropologie): Anders vertrat die Ansicht, dass der Mensch „zur Freiheit verdammt“ ist. Diese Freiheit entspringt seiner „Weltfremdheit“ – anders als Tiere sind Menschen nicht fest an eine Umwelt angepasst, sondern müssen ihr Dasein aktiv gestalten. Wie bei Jonas wird Freiheit mehr zur Pflicht als Verantwortung verstanden.

Die drei Hauptthesen: dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen: diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als damals.“ (Anders, Vorwort zu „Die Antiquiertheit des Menschen“ II.“ Er betrachtete die Welt aus einer Position, die keinen göttlichen Sinn oder göttlichen Plan / Vorsehung / Eschatologie vorsah.

Anders versteht unter negativer Anthropologie die philosophische Annahme, dass der Mensch kein festes, naturgegebenes Wesen besitzt, sondern ein prinzipiell „nicht-festgelegtes“, indefinites Wesen ist. Seine Kernbehauptung lautet, dass die eigentliche „Natur“ des Menschen seine Künstlichkeit und Unbeständigkeit ist Der Mensch erscheint wie bei Arno Gehlen als Mängelwesen oder wie bei Nietzsche als unfertig gestelltes Tier.wendet sich gegen klassische Menschenbilder, die den Menschen als fest definierbares Wesen (z. B. „vernunftbegabt“ oder „Gottesebenbild“) beschreiben. Zudem entwickelte Anders das Konzept der „nackten Apokalypse“ – das bedeutet, er sah die Gefahr eines atomaren Untergangs der Menschheit, ohne einen anschließenden Übergang in ein „Reich Gottes“ oder einen positiven Neuanfang. Der Mensch ist durch seine Weltoffenheit und Unbestimmtheit definiert, was ihm die Freiheit gibt, sich durch Technik und Kultur stets neu zu gestalten Eine Inhaltsverzeichnis des zweite Bandes liefert https://archive.org/details/dieantiquierthei0002ande_v1h3/page/n9/mode/2up

Der Anthropologe und Kulturphilosoph wendet sich gegen klassische Menschenbilder, die den Menschen als fest definierbares Wesen (z. B. „vernunftbegabt“ oder „Gottesebenbild“) beschreiben oder als „Apokalypse ohne Reich„.

Foto Belinda Helmert: Silberschmuck in der BnF, Paris. Das Handwerk des Silberschmucks existiert seit 7000 Jahren, rund 5000 Jahre nach der mutmaßlichen Sesshaftigkeit, welche das Nomadentum ablöste. #Diese Bewegung ging vom Nahen Osten, hauptsächlich Israel/Jordanien aus. Man spricht von der Neolithische Revolution. https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2019/04/erklaert-was-ist-die-neolithische-revolution/

Freiheit

Der letzte Satz des § 4 über die Freiheit hat es in sich und ist auch kursiv gedruckt. „Was zählt ist alleine, daß manm wünscht auf uns so zu zählen zu können, daß wir nicht dabei zählen.“ Der Kontest lautet „Gleichschaltung“, gemeint sind Pazifisten wie Militaristen uim Namen des Guten entweder das Böse zuzulassen oder es aktiv zu fördern. Im Wortsinn Kants folglich das Mittel zum Zweck zu gebrauchen. Vordem ist von Konformismus und Anpassungszwang die Rede, welcher Freiheit angeblich erlaubt und einrahmt. Letztlich wird alles neutralisiert und isoliert wie in der Chemie, Atom für Atom. Der industriellen REvolution folgt zwangsweise die Anpassung des zerkleinerten, in Funktionen aufgehenden Menschen. Technik wird zur zweiten Natur und Haut des Menschen. Weil der Mensch biologisch nicht festgelegt ist, ist es seine Natur, sich künstliche Welten zu schaffen. Der Mensch ist laut Anders „größer und kleiner als er selbst“, da er seine eigene technische Schöpfung nicht mehr vollständig begreift. Er muss daher der Atomisierung entgegentreten.

Anders kritisierte, dass in modernen Gesellschaften von individueller Freiheit gesprochen wird, während die Menschen durch den Konsumzwang und die Notwendigkeit von „Muß-Waren“ (Must-wares) unfrei sind. Die moderne Technik gaukelt uns Selbstverwirklichung vor, während sie uns eigentlich konfektioniert. Der erste Schritt von selbst produzierten Fakten und Wirklichkeit ist damit längst erfolgt.

Die Reaktion passt sich der Ideologie, z.B. der Produktionseffizienz, dem Komfort oder dem System an, so dass Fakten zur Interpretationssache werden und aus solchen erwachsen. Wir leben in einer konfektionierten vorverdauten Fertigwaren-Welt. Im Wortlaut endet das Kapitel über die Freiheit und Gleichschaltung so:

Foto Belinda Helmert: Eingang zum Säulenkabinett in der BnF, Paris.

Geschichte – Krieg als Überlebenslüge

Das längste Kapitel in „Die Antiquiertheit des Menschen“ betrifft die der Geschichte. Der Essay aus dem Jahr 1978 (S. 271-282) umfasst 15 Abschnitte, die sich eng an Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ anlehnen. Hauptthese ist daher ähnlich: nicht der Mensch schreibt Geschichte, sondern die Historie den Menschen, transformiert in „Technik als Subjekt der Geschichte“. Drei Zitate bilden den Anfang (analog Benjamins Essay)

Erstes Zitat: „Die Politik ist unser Schicksal“ (1825) stammt von Napoleon I nach seiner Niederlage bei Waterloo. das zweite Zitat “ Er soll es Goethe gegenüber bereits geäußert haben (1808) Die Wirtschaft ist unser Schicksal“, 1845 stammt von W. Rathenau 1921 in Anlehnung an die entfesselte Industrialisierung. Das dritte Zitat „Die Technik ist unser Schicksal“ (1945) soll Einstein nach Hiroshima zugeschrieben werden, ist aber wörtlich so nur von Anders in Anlehnung an den 6.8. 45 gesagt worden, weil der Einsatz der Atombombe Auschwitz in nichts nachstand.. Die drei Aussagen sind etwa gleichzusetzen mit den drei Phasen der Industrialisierung.

Im zweiten Unterkapitel über die Geschichte sprichjt Anders von Herrschaft und Beherrschten in Anlehnung an Hegels Lehre von Herr und Knecht und dem historischen Narrativ Benjamins. Proletarier und Besiegte werden mit Fremdgeschichte und Leid gefüttert. Die Beherrschten sind daher immer nur Fußnoten und mit-geschichtliche Randnotizen. Historie ist eben nicht nur Nacherzählung des Gewesenen, sondern schon immer Deutung und Ideologie. Das dritte Unterkapitel wendet sich der Technik zu und der Mitgeschichtlichkeit, als wäre sie bereits Subjekt, dem menschen gleichgestellt. DAs Paradox (§ 4) lautet: „die Zukunft hat schon geendet.“

Gemeint ist, dass Möglichkeit und v.a. Wahrscheinlichkeit die Wahrheit überdecken, weil Verbindlichkeit gesucht wird. Technik wird (§5) endgültig zum Subjekt und Dominator der Anthropologie., Menschen (§ 6) zu „Hirten der Geschichte“ degradiert. „Hirten des Seins sind wir wohl nicht„, die Eschatologie und Theokratie wird von der Technokratie überstimmt. Vorgelesen aus dem § 9, Waffen als Konsumgüter, der mit dem finalen Satz endet „Der Name für den geschilderten Prozeß … ist noch immer Fortschritt“. Der pazifismus zeichnet sich bereits durch die Verwendung des Begriffs der Überlebenslüge, der Kalte Krieg habe den atomaren Krieg verhindert, ab. Lüge deshalb, weil nicht mehr der Mensch entscheidet, was er tun kann, sondern die Technik. und weil Zerstörung die Ökonomie antreibt, ja ihr als Bedingung vorauseilt.

Foto Belinda Helmert: Säule, Detail im Säulen-Saal der BnF

My Lai dient Anders mehrfach als Argument für die Pervertierung des Krieges durch die Maschine – abstrakter krieg einerseits und meidale Aufbereitung andererseits. https://www.deutschlandfunk.de/vietnamkrieg-das-massaker-von-my-lai-und-seine-folgen-100.html Anders spricht im 12. Kapitel entsprechend Benjamins Angelus Novus, dem Engel der Geschichte als Inkarnation der Katastrophe in Permanenz, von invertiertem Maschiensturm. Alles, was die Maschine oder der Apparat vermag, wird auch umgesetzt und fasziniert hingenommen wie ein Gottesurteil.. Das Verhältnis Mensch-Maschine ist in eine neue Dimension eingetreten, der Taylorismus folgt als politisches Prinzip.

Der Taylorismus (auch Scientific Management) ist eine von Frederick Winslow Taylor um 1900 entwickelte Methode zur Optimierung von Arbeitsprozessen. Kern ist die Zerlegung von Arbeitsaufgaben in kleinste Einheiten, strikte Trennung von Kopf- und Handarbeit, Spezialisierung und Zeitstudien, um maximale Effizienz zu erzielen. Das System basiert auf Arbeitsteilng, Zeitmangement, Trennung von Kopf, Hand und Herzu Seketion bz. selektive Wahrnehmung und monetäre Anreize. Alles wird dem Erfolg, der Produktivität untergeordnet. Dementsprechend sind auch Kriege nur noch Wirtschaftskriege umnter einem ideologischen Vorwand, Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Letzer Satz des gesamten Zwischenkapitels: „Wir Menschen sind wieder so geworden, wie wir es bis auf das Intermezzo, das nur ein paar lumpige Jahrtausende gewährt hat, immer gewesen waren: ungeschichtliche Wesen.“

Foto Belinda Helmert: Dorische Säule, Inbegriff der Zivilisation und der Überlegenheit griechischer Architektur in der Antike, zugleich ein Symbol der Statik.

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