Die Zukunft hat viele Namen

Foto Belinda Helmert: Innenräume des Maison de Hugo, ehmaliges Wohnhaus, heute Museum, Place de Vosges mit Hunderten von Exponaten https://de.wikipedia.org/wiki/Maison_de_Victor_Hugo. Der Titel ist ein Zitat des gavroche (Dreikäsehoch) im Roman „Die Elenden“.

Zwischen den Linien

Victor Marie Hugo gehört zu den bekanntesten Autoren Frankreichs, seine Volksnähe ist mit Goethe und Shakespeare vergleichbar. Geboren Februar 1802 – dem Jahr, das im Zeichen napoleonischer Machtausdehnung, der Säkularisierung und der politischen Umgestaltung Europas stand – in Besançon (Bourgogne, Burgund, Nordosten Frankreichs) als Sohn eines Generals von Bonaparte. Seine Kindheit war geprägt von der häufigen Abwesenheit des Vaters, einer zerrütteten Ehe und dem politischen Konflikt zwischen einer katholischen Royalistin und einem kaiserloyalen Militaristen. https://meinfrankreich.com/paris_besancon_victor-hugo/

Hugo wurde durch sein politisches Engagement für Republik und Menschlichkeit, sowie sein Exil (1851-70) unter Napoleon III (dem Neffen von Napoleon I) geprägt. Er stand in vielerlei Hinsicht zwischen den Linien – politisch, gesellschaftlich und künstlerisch. Als Brückenbauer zwischen extremen Positionen, aber auch als wandelbarer Denker, der sich im Laufe seines langen Lebens (1802–1885) immer wieder neu erfand, agierte er oft außerhalb fester Position. Selbst die Zurechnung zur Romantik ist zu eindimensional, denn teilweise nahm er den Realismus und Naturalismus, tw. auch den Surrealismus voraus.

Politisch gehörte der Romancier als konservativer Royalist, wandelte sich jedoch im Laufe der Zeit zu einem überzeugten Republikaner und sozialen Gewissen Frankreichs, weshalb man ihn dort „le géant“ (der Gigant) oder als „monument national“ (Nationaldenkmal) tituliert. Besonders gegen Ende seines Lebens wurde er von der Bevölkerung als eine Art väterliche Figur und „Stimme des Volkes“ verehrt. Ein Aphorismus, der seine Grundüberzeugung charakterisiert, lautet: Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für Furchtsame das Unbekannte, für Denker und Mutigen die Chance. https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article254841622/Victor-Hugo-Ein-Gigant-der-auch-ein-Gernegross-war.html

Im Laufe der Zeit wandelte er sich zu einem radikalen Republikaner und Fürsprecher des von der Insustrialisierung gezeitigten Proletariats Er stand damit zwischen den Lagern und wurde oft von beiden Seiten kritisiert, während er in der Nationalversammlung 1849 für soziale Gerechtigkeit („Détruire la misère!“) stritt.

Auch in der deutsch-französischen Beziehung wirkte Hugo zwischen den Linien als Vermittler als jemand, der sich verständnisvoll zwischen die verhärteten Fronten stellt, um zu versöhnen. In seinem Werk Le Rhin (Die Rheinreise) beschrieb er 39 fiktive Briefe, die als Brücke zwischen französischer und deutscher Kultur fungierten. Trotz seiner Faszination an der Technik, die besonders im Spätwerk „Die Arbeiter des Meeres“ deutlich wird, war er tief religiös und konservativ. Immer wieder brach er Denkmuster auf, sowohl künstlerisch als auch politisch.

Zudem war Hugo auf allen literarischen Gebieten bewandert, dem Drama, der Lyrik, der Prosa, sowie Maler und Zeichner, insbesondere der schwarzen (gothischen) Romantik. Viele seiner Romane illustrierte er selbst oder schuf Bühnenbilder für seine Dramen.

Foto Belinda Helmert: Treppenaufgang zum Maison de Hugo Wohnhaus (Museum) in Paris, Place de Voges, wo der Künstler und Politiker 16 Jahre lange lebte

Hugo, der Lyriker

Schüler lernen bis heute Gedichte von Hugo auswendig. Bedeutende Sammlungen sind Les Contemplations (1856), La Légende des siècles (1859/1877/1883) und Les Châtiments (1853). Die Betrachtungen entstanden im Exil. Diese Kollektion fungiert als lyrisches Tagebuch, das durch den Tod seiner Tochter tiefgreifend geprägt ist und in zwei Hauptteile gegliedert ist. Sie umfasst diverse Themen wie Natur, Liebe, Trauer und Spiritualität, wobei der zweite Teil von Schmerz und Exil dominiert wird. Formal überwiegen Oden und Balladen. Der französische Gesamttext ist eingestellt unter https://www.ebooksgratuits.com/pdf/hugo_contemplations.pdf

Eines der bekanntesten darin lautet „Demain, dès l’aube“ und behandelt den tragischen Unfalltod seiner erstgeborenen Tochter Léopoldine, die am 4.9. 1843 in der Seine im Alter von 19 Jahren ertrank. Das berühmte „Gedicht „Morgen im Morgengrauen“ enthält drei Strophen zu je vier Zeilen, also insgesamt 12 Versen. Die Quartette (Quartains) anlässlich von Hugos Besuch am Grab in Rives en Seine (er musste eigens von Guersey anreisen ) kann man im Original samt Übersetzung einsehen unter https://www.goodnews4.de/nachrichten/kultur-events/item/ein-gedicht-zum-wochenende-demain-des-l-aube-von-victor-hugo. Zu hören in Form eines Chansons unter

Das Gedicht ist simpel aufgebaut (Alexandriner, Kreuzreim) und in Futur gehalten. Es schildert den stillen Weg durch eine morgendliche Landschaft. Das lyrische Ich bricht früh auf und geht schweigend voran. Schritt für Schritt führt ihn der Weg an ein Ziel, das erst am Ende sichtbar wird: das Grab eines geliebten Menschen. Mit schlichter, zurückgenommener Sprache entsteht ein eindringliches Bild von Verlust, Erinnerung und fortdauernder Verbundenheit. Hugo verwendet viele Parataxen – die meisten Verse schließen mit einem Satz – und Anaphern, die mit dem lyrischen Ich einsetzen. Was sich im Gedicht zunächst als nahendes Treffen zweier Liebender ankündigt, endet mit einem Besuch des lyrischen Ichs am Grab der Verstorbenen. Vorgelesen in deutscher Sprache: https://podcasts.apple.com/de/podcast/124-victor-hugo-wenn-morgen-in-der-früh-gelesen-von/id1722936709?i=1000762178135&l=en-GB.

Romane (Notre Dame)

Insgesamt verfasste Hugo 9 Romane und ein Romanfragment; der erste Han d’Islande (1923) ist nur Spezialisten bekannt. Er hatte aber keine Phasen, in denen er sich auf eine Gattung spezialisierte. Die drei populärsten bilden eine eigene Art der Trilogie, da sie nichts miteinander gemein haben, aber die drei Hauptmotive Hugos pointieren: Der Glöckner von Notre Dame (Notre-Dame de Paris) 1831 schildert die Macht der Religion und die Auseinandersetzung mit Gut und Böse. Er begann das Werk Ende 1829/Anfang 1830, unterbrach es jedoch durch die politische Julirevolution von 1830, sodass er es erst im Frühjahr 1831 fertigstellte. Der Roman war ein flammendes Plädoyer für den Erhalt der damals baufälligen gotischen Kathedrale, die kurz vor dem Abriss stand und wurde im Maison de Hugo geschrieben.

Die Elenden“ (Les Misérables) erschien 1862, doch die Arbeit an diesem Roman dauerte aufgrund zahlreicher Unterbrechungen und Umschreibungen annähernd 15 Jahre. Daher liegt der Beginn noch in der Pariser Zeit vor der Februarrevolution und vor dem Exil, der veränderte Hauptteil entstand auf der Kanalinsel Guernsey. In diesem Werk setzt sich Hugo abermals mit der Kernfrage der Moral nach Gut und Böse auseinander, doch die Macht, die dem Menschen gegenübersteht, ist die Gesellschaft und die Staatsgewalt.

Der dritte Themenkomplex, den Hugo immer wieder aufgreift, ist die Natur, verbunden mit dem Motiv menschlicher Arbeit, da sie der Natur trotz und sie verändert. Daher lautet der mehrfach veränderte Titel schlussendlich „Die Arbeiter des Meeres“ (Les Travailleurs de la mer), 1866 vollendet. Da er direkt im Anschluss an „Die Elenden“ in Angriff genommen wurde, beträgt seine Entstehungszeit fast vier Jahre. Gott, der Mensch, die Natur, so lässt sich die Tricolore Hugos zusammenfassen. Zwar sind alle seine prosaischen Stücke von Dramatik und Handlungsintensität geprägt, die sich an René Chateaubriand orientierte („Chateaubriand ou rien“), doch ragen diese drei Werke heraus, wobei Hugo im Gegensatz zu vielen anderen Romantikern harsche Sozialkritik übte und trotz seines tief verwurzelten Katholizismus auch die Machenschaften der Kirche anprangerte. Die Vertreter Gottes auf Erden kommen in allen Romanen schlecht weg.

Der Erzdiakon und Hauptbösewicht in „Notre dame de Paris“ heißt Claude Frollo ( Dom Frollo), ein kultivierter und gebildeter, aber zutiefst zerrissener Intellektueller, Alchemist und Priester, der durch seine Obsession und unterdrückte bzw. zurückgewiesene Leidenschaft zur Zigeunerin Esmeralda in den Wahnsinn und zum Mord angetrieben wird. Eine ausführliche Zusammenfassung liefert www.getabstract.com/de/zusammenfassung/der-gloeckner-von-notre-dame/3727 Die Symbolkraft der in die Gotik zurückversetzen Handlung ist nicht zu unterschätzen: sie nimmt Bezug auf die historische Juli-Revolution von 1836 und den Unterschied zwischen Glauben und Fanatismus bzw. Dogmatismus, sie wendet sich gegen die Doktrin der Klassik und des Historismus, philosophisch gegen die Aufklärung mit ihrem Rationalismus. Charakteristisch für die Romantik im Allgemeinen und Hugo im Besonderen war die Faszination am Mittelalter, nicht nur wegen des vermeintlich unmittelbaren Bezugs zu Gott und einem theologischen Erklärungsmodell. Trotz aller stilistischen Elemente der Romantik ist jedoch die detaillierte Beschreibung des Kircheninneren an Realismus kaum zu überbieten. Kein Fremdenführer könnte den inzwischen umgebaute und 2015 niedergebrannten Sakralbau besser konservieren.

Für Hugo war Notre-Dame, deren Grundsteinlegung 1163 unter König Ludwig VII erfolgte, der Ort der der Heiligsprechung von Jeanne d’Arc 1455 , der Hochzeit von Heinrich IV. und Margarete von Valois vor der Bartholomäusnacht 1572 (Auftakt zu den sieben Religionskriegen) und der Kaiser-Krönung Napoleon Bonapartes (1804), nebst anderen Königskrönungen; sie ist bis heute ein Wahrzeichen von Paris und ganz Frankreich.

Der gesamte Roman (zwischen 600 und 700 Druckseiten) – unterteilt in drei Audiodateien – ist abrufbar unter

Foto Belinda Helmert: Gemälde von Victor Hugo, Esmeralda und Quasimodo im Maison de Hugo, Figuren aus dem Roman „Nôtre Dame de Paris. 1482“

Dramen (Lucrezia Borgia)

Mindestens acht Dramen verfasst Hugo in einer Epoche, welche das Theater weit über die Prosa stellte (dies änderte sich Mitte des Jahrhunderts, die das Etikett >Moderne trägt), darunter „Hernani“ (1830), „Lucrèce Borgia“ und „Maria Tudor“ (beide 1833) alle von Georg Büchner übersetzt, der daran wenig Geschmack fand. Da ich nur diese drei gelesen habe (Hugo an deutschen Bühnen existiert nicht), bleibt der Kommentar hier limitiert.

Dass er, besonders im Vorwort zu „Oliver Cromwell“ als Erneuerer der Tragödie und erster Romantiker auf der Bühne gilt ist unbestritten. Emotionen treten in den Vordergrund, die Dramaturgie überschreitet die formalen Grenzen der Einheit von Zeit, Ort und einheitlicher Handlung, selbst der klassische Alexandriner wird teilweise unterbrochen. Das soziale Engagement mit Kritik an der Bourgeoisie ist bereits klar erkennbar und ebenso innovativ.

Legendär ist auch seine Leidenschaft zur Schauspielerin Juliette Drouet, mit der ihm zehn Jahre eine geheim gehaltene Beziehung verband. Die vier Jahre jüngere Bretonin bekleidete die Titelrolle der Lucretia Borgia https://de.wikipedia.org/wiki/Lucrezia_Borgia.

Seine hingebungsvolle Gefährtin Drouet gab ihre Karriere auf, um im Schatten des von ihr zutiefst bewunderten Mannes zu leben. Doch im Sommer 1843 war sie das Versteckspiel leid – und begann, über ihre Liebe zu schreiben. 1852 folgte sie ihm in sein Exil nach Jersey und nochmals 1855 nach Guernsey. Hugo bekannte sich, solange er verheiratet war, nicht zu ihr, und selbst nach dem Tod seiner Frau 1868 heiratete er Juliette Drouet nicht.

Wie diese Beziehung so handelt auch das Stück von einem Melodram, das Hugo gewissermaßen erfand. Er schildert, durchaus historisch falsch, einerseits die Borgia als Opfer politischer Ränke und Intrigen, andererseits als selbst ambitionierte Mörderin (Giftmischerin) zweier Ehegatten, zerrissen von ihrer Mutterliebe und eigener Selbstverwirklichung. „Lucretia Borgia“ spilelt naturgemäß im Italien (Venedig, Ferrara) der Renaissance. Hugo konzentriert sich weniger auf die historischen Fakten als vielmehr auf das psychologische Porträt einer Frau, die unter der Last ihres Namens und ihrer Taten leidet. Im Mittelpunkt steht die tragische Verwicklung, dass Lucrezia unwissentlich den Tod ihres eigenen Sohnes verursacht. Das Drama behandelt Themen wie Identität, Schuld, Ehre und die Unmöglichkeit der Läuterung. Eine moderne Fassung der angeblichen femme fatale war in der letzten Spielzeit am Mannheimer Theater zu sehen. https://www.nationaltheater-mannheim.de/spielplan/a-z/lucrezia-borgia/

Auch das tragische Ende ist frei erfunden. Da seine Freunde ihren illegitimen und daher nicht bei ihr aufgewachsenen (und anfänglich in sie verliebten) Sohn gegen sie und ihre Bemühung, ihn an sich zu binden, intrigieren, verübt Lucrezia Rache an ihnen. Dabei gerät das Gift irrtümlich an ihren Sohn Gennaro – im Stück der einzige Mensch, den die Regentin liebt, so dass sie ihn versehentlich vergiftet und als tragische Figur endet, die an ihrer Schuld und ihrem Schicksal zugrunde geht. Dabei ersticht sie der sterbende Sohn ohne zu wissen, dass er damit seine Mutter tötet. Der Volltext des Drekakterts ist einzusehen unter https://projekt-gutenberg.org/authors/victor-hugo/books/victor-hugo-lucretia-borgia/

Das Drama „Lucrezia Borgia“ von Victor Hugo thematisiert den scharfen Kontrast zwischen dem verruchten öffentlichen Ruf der Protagonistin und ihrer verborgenen Mutterliebe. Zentral sind dabei die metaphorischen Darstellungen von Hass und Verbrechen, die die Atmosphäre des Stücks prägen. Ein bekanntes Zitat daraus lautet: „Wenn sie nicht wissen, wer ich bin, so habe ich nichts zu fürchten, und wenn sie es wissen, so mögen sie sich fürchten.“ (Erster Akt, erste Szene). Sie spricht ihrem Vertrauten gegenüber aus, dass stets zwei Dämonen in ihr streiten, das Gute zu wollen und doch das Böse zu tun. Sozialkritisch ist daran, dass Hugo, der den Mythos der Giftmörderin nährt, klar beschreibt, dass Lucretia Produkt ihrer Zeit ist und um an der Macht zu bleiben nicht anders handeln kann, als wie sie es ihre Um- und Mitwelt lehrt.

Wer mehr über die wahren Hintergründe, aber auch die literarischen Adaptionen erfahren will, ist gut aufgehoben bei https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/lucrezia-borgia/

Foto Belinda Helmert: Büste des 36 jährigen Hugo von seinem Freund, dem Bildhauer Jean Pierre David https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Jean_David_d%E2%80%99Angers

Das politische Engagement

Hugo war nicht nur ein berühmter Schriftsteller, sondern auch ein prägender, leidenschaftlicher Politiker des 19. Jahrhunderts, der sich vom königstreuen Konservativen zum radikalen Republikaner entwickelte. Als Abgeordneter und Senator kämpfte er für soziale Gerechtigkeit, Pressefreiheit, die Abschaffung der Todesstrafe und die europäische Einigung – seine liberale Gesinnung und mutigen Reden im Parlament führten dazu, dass ihn Napoleon III ins Exil verbannte. Im Laufe der 1840er und 1850er Jahre wandelte er sich zu einem überzeugten Vertreter der Republik und damit der Interessen des Volkes gegenüber der Elite. https://www.profil.at/kultur/victor-hugo-dichter-visionaer-politiker-8212734

Den Neffen Napoleons hatte er auf seinem Weg zum Präsidenten unterstützt, doch als dieser sich als Monarch entpuppte und im Staatsstreich die zweite Republik beendete, um das zweite Kaiserreich einzuführen, dessen Niedergang Emile Zola in seinem 22 bändigen Romanzyklus „Die Rougon-Macquart“ (1871–1893), untertitelt „Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich“, beschreibt, wandte sich Hugo entschieden und konsequent gegen den Usurpator. Auch seine Gedichte nahmen einen sozialkritischen Ton an, z.B. in „Melancholia“ (veröffentlicht 1856 in Les Contemplations). Hugo schickte sich an, das Elend aus der Welt zu schaffen („Détruire la misère!“)) und für die negativen Auswirkungen des Kapitalismus und Industrialismus zu sensibilisieren. https://www.deutschlandfunk.de/victor-hugo-das-elend-aus-der-welt-schaffen-100.html

Konkret prangerte Hugo die Kinderarbeit an, die Sklaverei, auf deren Wohlstand Frankreichs zum großen Teil beruhte, die Todesstrafe und den Chauvinismus. Er ging entschlossen gegen die Zensur vor. Hugo galt als einer der ersten Kämpfer für uneingeschränkte Grund- und Menschenrechte sowie Visionär für ein europäisches Parlament anstelle einem nationalen. Nach dem Staatsstreich durch Napoleon III. im Jahr 1851 ging Hugo ins Exil, da er ein Gegner des neuen Regimes war. Nach der Rückkehr 1870 engagierte er sich in der Dritten Republik. Seine letzte Rede vor dem Gang ins Exil enderte mit den in Frankreich berühmten Worten: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.““ (Rien au monde n’est aussi puissant qu’une idée dont le temps est venu.)

Foto Belinda Helmert: Figur der Gosette aus „Die Elenden“ (Les misérables). Cosette ist die Tochter von Fantine, die als kleines Mädchen bei der Familie Thénardier versklavt und ausgebeutet wird. 

Das philosophische Element

Hugo las bevorzugt Rousseau, wie alle Romantiker und Kritiker der Zivilisation, die als Fehlentwicklung Armut, Unterdrückung und Grausamkeit zeitigte. Die Idee des schönen Wilden faszinierte bereits François-René de Chateaubriand Chateaubriand , der in der anti-napoleonischen Armee kämpfte, als Royalist treue Dienste für Ludwig XVIII.leistete, woraus man schließen könnte, dass er durchaus die Hofgesellschaft verteidigte, welche Rousseau aufs Schärfste ablehnte. Die drei Grundideen des Aufklärers der Enzyklopädie lauteten: der Mensch ist von Natur aus gut und wird schlecht durch die geförderten falschen Werte der Gesellschaft, die den Menschen verformen. Zweitens: Eigenliebe ist gut, so lange sie nicht in Egoismus bzw. Narzissmus ausartet (so dass z.B. Eltern tyrannisch über ihre Kinder herrschen statt sie zu lieben und zu fördern) und drittens die Gesellschaft muss auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit ausgerichtet sein, nicht auf starre Hierarchien und Zwang. Daher verweist Rousseau auf Naturvölker, die das Gemeinwohl stärker betonten.

Chateaubriands Romane, v.a. die von Indianern handelnden „Atala“ und „René“, die Hugo nachhaltig beeinflussten. Auch er begann bekanntlich als loyaler Royalist und veränderte sich im Laufe der politischen Revolutionen, die alle nicht die versprochenen Lösungen boten, sondern die Konflikte in der Gesellschaft und die Kluft zwischen den Ständen verschärften. Hugos Denken Hugos Philosophie war zutiefst humanistisch, progressiv und sozial engagiert. So spielte die für Rousseau zentrale Idee des Mitleids eine zentrale Rolle ebenso wie die kosmopolitische Ausrichtung (damals eher europäisch als global), die Rousseau gleichfalls auszeichnete. Vor allem aber wurde er im Gegensatz zu Chateaubriand wie Rousseau überzeugter Republikaner.

Dass er dabei die USA als Vorbild besaß, hat einerseits mit der ursprünglichen Siedlerbewegung, den Indianerberichten und der wilden Natur zu tun und andererseits mit der Strahlkraft der ersten demokratischen Verfassung, auf welche die Vereinigten Staaten zurecht mit Stolz verweisen können. Vorheriges Ideal war das englische Zwei-Kammer Parlament, das die Gewaltenteilung und Volkssouveränität ansatzweise verwirklichte.

Ein zweite Vorbild wurde China. Hugo hegte eine tiefe, ästhetische Faszination für die chinesische Kultur, die sich in seiner Kunst und Einrichtung widerspiegelte, gepaart mit einer scharfen politischen Verurteilung des europäischen Imperialismus. Seine Auseinandersetzung mit China gründete jedoch auf eine Mischung aus Bewunderung für das Exotische und moralischer Entrüstung über die Zerstörung des Alten Sommerpalastes 1860. Details unter https://translanth.hypotheses.org/ueber/hugo

Foto Belinda Helmert: Tür im Maison de Victor Hugo. Der vielseitige Künstler und Mäzen lebte hier bis zu seinem Exil von 1832 bis 1848. Das Inventar ist original. https://parisjetaime.com/ger/kultur/maison-de-victor-hugo-p3500

Der Zeichner und Maler Hugo

Baudelaire beschreibt in seiner Kritik der Salons und Bewunderung der Salons refusées (aus denen die Impressionisten hervorgingen) den Unterschied von Hugo und Delacroix (seinem Künstlerideal) sehr deutlich. Er unterscheidet darin v.a. Zeichner mit Gespür für Form, Geometrie und Proportion von Malern, die Farbe, Symbolkraft und Emotionalität beherrschen. Im Idealfall synthetisiert der Maler beides. Hugo jedoch begriff Baudelaire eher als Pathos; seine Leidenschaft besaß zu wenig Einbildungskraft, so dass kein Spielraum für Fantasie blieb. Zu seiner Zeit gehörte Hugo mit seinen über 2500 Zeichnungen / Radierungen – häufig satirische Seitenhiebe auf die Regierung – jedoch durchaus zu den erfolgreichen bildenden Künstlern, keineswegs aufgrund seiner poetischen Erfolge.

Diese geschmacklich bedingte Differenz führte Baudelaire auch in seinem Vergleich zwischen Malerei und Musik aus. Er war begeisterter Anhänger Wagners – dieser kam 1839 erstmals nach Paris, wo ihm der Durchbruch versagt blieb, der ihm erst 1861 und nachweislich durch die euphorischen Kommentare Baudelaires gelang. Hugo dagegen schätzte besonders die Musik von Christoph Willibald Gluck, Wolfgang Amadeus Mozart, Carl Maria von Weber und Giacomo Meyerbeer.

Als Zeichner war Victor Hugo ein Autodidakt, dessen Stil oft als düster, romantisch und seiner Zeit weit voraus gilt. Er ließ sich weniger von konkreten Meistern im klassischen Sinne inspirieren, sondern entwickelte eine eigene Technik (oft Tusche, Sepia), die den „schwarzen Romantiker“ in ihm zeigte. Seine Vorbilder waren v.a. C. D. Friedrich, Jan van Eyck und William Turner.

Foto Belinda Helmert: Victor Hugo, Selbstportät im Maison de Victor Hugo. https://artsandculture.google.com/story/HAUBJ0v06UG5JQ?hl=de

Graphitologie

Die Handschrift von Victor Hugo (1802–1885) ist für ihre Ausdrucksstärke, ihre Entwicklung über die Zeit und die oft eng beschriebenen Blätter bekannt. Viele seiner Originalmanuskripte, darunter die berühmten „Les Misérables“, werden in der Bibliothèque nationale de France (BnF) aufbewahrt. es Misérables (Manuskript): Die Handschrift zeigt eine deutliche Entwicklung. Während der ersten Schaffensphasen vor dem Exil (ab 1845) schrieb Hugo sehr eng und dicht, oft recto-verso (Vorder- und Rückseite).

Als Schreibwerkzeuge: nutze Hugo neben Tinte auch häufig Zeichnungen, um seine Texte zu illustrieren. In vielen Manuskripten, besonders der früheren Werke, sind nur wenige Korrekturen zu finden, was auf einen sehr flüssigen Schaffensprozess hinweist.

In der Exilphase(Guernsey) und der Wiederaufnahme der Arbeit im Jahr 1860 wurde seine Schrift deutlich weitläufiger und großzügiger. Ein Video dazu mit französischem Kommentar zur VEranschaulichung liefert https://www.youtube.com/shorts/syXVMtAk2ZI

Foto Belinda Helmert: Hand von Victor Hugo im Maison de Hugo, Paris. Seine handschriftlichen Skizzen zu Büchern liegen in der Bibliotheque nationale de France, rue Richelieu.

Les Misérables

Hugo interessierte sich ganz im Gegensatz zu Balzac, mit dem er sich mittelmäßig gut verstanden – Hugo war einer der letzten, die Balzac im Sommer 1850 an seinem Krankenbett besuchten – für die sozial Schwachen und setzte sich auch für die Armen ein. Dies kommt v.a. in „Die Elenden“ zum Ausdruck. Der Roman wird inhaltlich zusammengefasst und analysiert auf https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/die-elenden/3956.

Das Besondere an dem Werk, das es zu einem Nationalmonument erhebt, besteht in dem schmalen Grad zwischen Kitsch bzw. Verklärung die eine emotionale Parteinahme, wie sie Hugo charakterisiert immer enthält (daher die scharfe Ablehnung von Baudelaire) sowie der Indienststellung der Kunst für politisches Engagement einerseits und die Leidenschaft, eine verkrustete Gesellschaft aufzuwecken und komplexe Strukturen einfach (populistisch) zu erklären ohne in Phrasen zu verfallen. George Sand hat mehr unter erstem Punkt und Balzac mehr unter dem zweiten Aspekt gestanden. Hugo ibefindet sich auch hier zwischen den Linien.

Foto Belinda Helmert: Stufen im Maison de Victor Hugo

Unterschiede in der Romantik

Die deutsche und französische Romantik unterscheiden sich primär durch ihren Fokus: Die deutsche Romantik (ca. 1795–1835) konzentriert sich stark auf Innerlichkeit, Naturmystik, Märchen und Sehnsucht (Blaue Blume). Die französische Romantik (etwas später, ca. 1820–1850) ist hingegen politischer, gesellschaftskritischer und vom Freiheitsgedanken der Revolution geprägt. Während in Deutschland der Rückzug ins Private, subjektives Empfinden, „Weltschmerz“, Traumwelten, das Übernatürliche und die Verklärung des Mittelalters oder der griechischen Antike im Fokus standen, beschäftigten sich Autoren wie Hugo stärker mit Politik, Gesellschaft und aktuellem Zeitgeschehen verbunden, Fokus auf Leidenschaft und das Individuum im sozialen

Die deutsche Romantik entstand als Gegenbewegung zur Aufklärung und Klassik. Die französische Romantik entwickelte sich als Reaktion auf die klassizistischen Normen des 18. Jahrhunderts. Die deutsche Romantik besitzt mehr Bezug zur Philosophie, die französische zur Malerei.

Hugos Roman „Die Elenden“ versinnbildlicht dies, obgleich man glauben möchte, dass er, 1861 publiziert, nur dem Realismus zuzuordnen wäre. Nicht nur aufgrund der Entstehungszeit, sondern auch den oben genannten Kriterien und Hugos Tendenz, sowohl rück – als auch vorwärts orientiert zu sein, trügt dieser Eindruck. Vergleichbar ist nur Georges Sand, eine Autorin des Adels, die sich gleichfalls für die Belange der Arbeiter und Unterdrückten einsetzt und tief in der Romantik verwurzelt bleibt.

Foto Belinda Helmert: Maison Victor Hugo, Place des Vosges 6 samt Erinnerungsschild

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