
Foto Belinda Helmert: Paris, Passy, Maison Balzac, ehemals sein auf einer Anhöhe gelegenes Wohnhaus in der 47, Rue Raynouard , umrahmt von Grün – Blick aus der Flügeltür in den Garten.
Frühaufsteher und Langschläfer
Erich Kästner (1899-1974) bereiste 1928 und 1929 mehrfach die französische Hauptstadt. Aus diesen Reisen entstanden faszinierende Reportagen, in denen er das Pariser Alltagsleben beschrieb, sowie sein bekanntes Gedicht „Jardin du Luxembourg“, das die Idylle des gleichnamigen Parks einfängt. Erste Entwürfe zu „Fabian“ , dessen titelgebender Protagonist wie der Autor selbst aus Dresden stammt, entstanden hier. Kästner lebte damals in Berlin; seine bissige, melancholische Gesellschaftssatire über den Berliner Alltag Ende der 1920er Jahre. Der Stil ist der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. https://www.lenbachhaus.de/museum/sammlung/neue-sachlichkeit
Jakob Fabian ist ein arbeitsloser Germanist und muss sich in der Weltwirtschaftskrise als Werbetexter Jakob Fabian. Mitten im gesellschaftlichen, moralischen und politischen Verfall der Weimarer Republik treibt er sich durch das Berliner Nachtleben, beobachtet das Geschehen zynisch und distanziert, und versucht verzweifelt, anständig zu bleiben. Als er sich ernsthaft verliebt und seinen Job verliert, gerät sein Leben endgültig aus den Fugen.
Für eine schnelle Übersicht der Handlung und der wichtigsten Themen des Romans eignet sich
Die vier wichtigsten Charaktere sind Jakob Fabian als distanzierter Beobachter, Fatalist und Moralist, der den Untergang der Gesellschaft kommen sieht, aber passiv bleibt. Als er erstmals Nähe zulässt, wird er enttäuscht und verlassen. Er wird entlassen und sein intriganter Mitarbeiter erhält den Lohn für seine Idee. Am Ende stirbt er, nach Dresden zurückgekehrt, beim Rettungsversuch eines zu ertrinken drohenden Kindes, da er selbst nicht schwimmen kann. Sein Ertrinken ist symbolisch für die herrschende Untergangsstimmung. Wer nicht schwimmen kann, muss notwendigerweise untergehen.
Cornelia Battenberg:, eine Barkeeperin, die sich zur Schauspielerin berufen fühlt, ist Fabians Liebe, die durch die Krise gezwungen wird, eigene Kompromisse für eine Karriere einzugehen. Sie repräsentiert das Gute, das sich in so schweren Zeiten und existenziellen Nöten am Ende selbst die nächste ist und daher Fabian jegliche Illusion von bedingungsloser Loyalität raubt, was ihn die Großstadt Berlin als Moloch erscheinen lässt.
Stephan Labude:, promovierter und um seine Habilitation über Lessing bemühter Student aus wohlhabenden Haus, ist Fabians bester Freund und im Gegensatz zu diesem ein optimistischer Idealist. Er engagiert sich für die Sozialisten und politischer Aktivist, der an der Realität und an Missverständnissen zerbricht. Auslöser für seinen Suizid ist die vermeintliche Ablehnung seiner sorgfältig recherchierten Habilitation über Lessing, die ein neidischer, politisch der rechten Szene zuzuordnender Assistent seines Professors figuriert.
Irene Moll ist eine dominante, sexuell emanzipierte Nymphomanen (eine Megäre, aber hübscher) , die den Vamp des Berliner Nachtlebens verkörpert. In der Begegnung mit Fabian dreht sie die traditionellen Geschlechterrollen um, nötigt ihn, wird körperlich übergriffig und degradiert ihn zum passiven Lustobjekt.
Die Menschheit zerfällt in zwei Teile – in Frühaufsteher und Langschläfer ist ein Zitat aus dem dritten Kapitel, Ein ehemaliger Blinddarm erregt Aufsehen – ein Beispiel für den satirischen Unterton, denn natürlich sind die Frühaufsteher die politisch Wachsamen und die Langschläfer die unsensiblen Mitläufer bzw. Opportunisten
Eine lockere Zusammenfassung der Haltung liefert Sommers Weltliteratur to go mit Playmobilfiguren

Foto Belinda Helmert: U-Bahn Station Passy, Blick auf den Eiffelturm und mehr… In „Fabian“ wirft Kästner einen kritischen Blick auf Ehen und Geschlechterkampf. Passy ist das 16. arrondissement am rechten Seineufer. Paris, die am dichtesten bevölkerte Metropole Europas Allein in Passy wohnen 160 000 Menschen.
Der Gang vor die Hunde
Kästner gehörte zu jenen Gegnern des Nationalsozialismus, die sich trotz Berufsverbots für einen Verbleib und gegen die Emigration entschieden. Er nahm sogar als stiller anonymer Beobachter an der Bücherverbrennung am Berliner Opernplatz 10.Mai 1933 teil, der auch seine Werke, darunter „Fabian“ zum Opfer fielen. Als bekennender Pazifist und „Asphaltliterat“ verachtete er den Militarismus. Er blieb in Deutschland, um Zeuge zu sein, und seine Haltung brachte ihn in schwere Konflikte mit den Nationalsozialisten. https://www.nzz.ch/feuilleton/kein-nazi-kein-widerstandskaempfer-erich-kaestner-im-dritten-reich-ld.1766650
Wer nicht schwimmen kann – mit .dem System – muss untergehen. Davon, einzelne Personen auszutauschen, um eine Änderung zu erzwingen, hielt Kästner nichts. „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“ (Zitat aus „Das fliegende Klassenzimmer“ , 1933.
Nach seinem Studium der Germanistik und der französischen Literatur im Anschluss an den Ersten Weltkrieg in Leipzig arbeitete Kästner lange für „linke“ Zeitungen In seinem Werk, besonders in „Fabian“ verschwimmen oft die Grenzen zwischen Journalismus und Poesie.
https://journalistik.online/ausgabe-012018/erich-kaestner/
„Er musste hinter dem Zaune stehen, zusehen und warten.“ Dieses Zitat aus dem vierten von insgesamt 23 Kapitel p { line-height: 115%; margin-bottom: 0.25cm; background: transparent }a:link { color: #000080; text-decoration: underline } belegt, dass sich Kästner des Unheils bewusst war, es aber in fatalistischer Haltung für unabwendbar erachtete. Seine vordergründige sexuell freizügigen promiskuitiver Stellen zeigen das Fehlen von Moral und Bindungsfähigkeit in der Weimarer Republik im Stile Heinrich Manns auf. Die sexuellen Übergriffe, häufig von Frauen ausgehend, sind auch als Zustandsbeschreibung der Verdinglichung von Menschen (so wird ein Soldat zum Vorzeigen seines Geschlechtsteils gedrängt und Fabian ist Teil eines gültigen Ehevertrags von Frau Noll) und Voyeurismus bis hin zur Barbarei zu werten.
Kästner verweist humorvoll zwischen den Zeilen auf die soziale Verwahrlosung und existentielle Grundfragen des Lebens, die an das politische Kabarett anknüpfen, für das er auch Texte liefert..Auch gründete er nach dem Krieg das Münchner Kabarett „Die Schaubude“. Daher gibt es einen Erich Kästner Preis für Kabarettisten (erster Preisträger Dieter Hildebrandt).
Der v.a. von W. Benjamin , B. Brecht und noch mehr von Klaus Mann oft kritisierte Autor war äußerst vielseitig in seinem Schaffen: er schrieb auch Theaterstücke, die ihm bis heute populär machenden Jugendbücher wie „Das fliegende Kinderzimmer“, „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ oder „Anton und Pünktchen“. Dabei stellt er die Welt der Hoffnung und des Guten der Kinder der verdorbener Erwachsener gegenüber.
Zudem ist er Verfasser zahlreiche Alltags-Gedichte, häufig mit sozialkritischem Hintergrund. KBei der „Neuen Leipziger Zeitung“ war er als Redakteur tätig – bis sein Gedicht „Abendlied des Kammervirtuosen“ für seine Entlassung sorgte. Die Zeilen anlässlich des 100. Todestages von Ludwig van Beethoven waren zu anstößig, Kästner wurde gekündigt und dieser zog nach Berlin. https://www.mdr.de/kultur/literatur/erich-kaestner-fakten-leben-110.html
Er schrieb auch Drehbücher, z.B. für die Münchhausen-Verfilmung und für seinen eigenen Roman „Drei Männer im Schnee“, der durch eine Verwechslung veranschaulicht, wie herablassend auf die Ärmeren der Gesellschaft herabgeblickt wird.
Während seines Schreib- und Publikationsverbots im Nationalsozialismus wurden Kästners Artikel weiterhin im Ausland gedruckt. Sein Verleger Kurt Maschler gründete 1933/1934 eigens für diesen Zweck den Atrium-Verlag in Zürich. Eine Übersicht aller Werke liefert https://projekt-gutenberg.org/authors/erich-kaestner/
Der einzig länger Aufenthalt datiert aus dem Jahr der Weltwirtschaftskrise. 1929 schrieb er aus Paris Artikel, die von seiner ambivalenten Sichtweise auf Paris zeugen.Irene Moll gründet u.a ein Männerbordell, das es in Paris tatsächlich gegeben haben soll, ebenso wie Swinger-Clubs. Kästner gehört zu den meistgelesenen deutschen Autoren in Frankreich. Viele seiner Werke wurden ins Französische übersetzt, darunter Fabien (übersetzt von André Gailliard) .
Eine Diskussion zweier Kästner-Freunde rund um den Roman und sein „Stolpern am Abgrund“ ist auf https://www.youtube.com/watch?v=JgF3BIMVDcc eingestellt. Die dritte Verfilmung ist zu sehen in der Arte – Filmmediathek unter https://www.arte.tv/de/videos/RC-027988/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde/

Foto Belinda Helmert: Passy, Maison Balzac, Büste des Schriftstellers. Balzac und Kästner waren scharfe Beobachter der Gesellschaft, insbesondere des Kapitalismus und der zerstörenden Kraft der Geldgier.
Es gibt nichts Gutes
„Wofür soll ich vorwärts kommen? …Nichts hat Sinn“. Im fünften Kapitel steht dieser Satz, der auch „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ enthält. Nach dem Krieg arbeitete Kästner weiter als Journalist, v.a. in München ( wo er bis zu seinem Lebensende blieb) für die „Neue Zeitung“. Er leitete nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 1946 das Feuilleton der von der amerikanischen Militärregierung lizenzierten Tageszeitung.
Es ist evident, dass Kästner eher den Sozialismus als den Individualismus als Lösungsweg bevorzugte. „Erst musst du das System gestalten, dann kannst du die Menschen ändern.“ (5. Kapitel) Der in der Nachkriegszeit einflussreiche Autor nutzte seine Position, um den moralischen und kulturellen Neuanfang in Deutschland zu fördern und sich kritisch mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Kästners Vorbild war Diderot, denn er verstand sich selbst als „Moralist“ – eine Tradition, die stark von französischen Aufklärern und Schriftstellern wie Voltaire und Diderot beeinflusst war. Wie sie nutzte er Ironie, Witz und Satire, um die Missstände seiner Zeit zu entlarven. „Fabian„, trägt im Untertitel bezeichnenderweise die Bezeichnung Die Geschichte eines Moralisten.b Der Untertitel wurde vom Verlag genauso verworfen wie „Der Gang vor die Hunde“.
Balzac und Kästner trennen knapp 100 Jahre. Dennoch verbindet sie die Literaturgeschichte: Beide prägten als genaue Beobachter und Chronisten ihre jeweiligen Gesellschaften (Balzac die französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, Kästner die deutsche Gesellschaft der Weimarer Republik). Im Mittelpunkt stehen dabei der Wandel (Machtablösung) der herrschenden Klasse, die Welt als Ware und den Pauperismus. Zudem gehören beide bis heute zur Weltliteratur, und Kästner erwähnt den Autoren der Comédie Humaine mehrfach, wenngleich ohne eigenen Essay. Er sah ihn als Chronisten des Verfalls in einer postnapoelonischen Ära der Dekadenz, die mit der Weimarer Republik durchaus vergleichbar ist, zumal beide Zeitalter in einen Rückfall in die autoritären Strukturen führten.
Es besteht daher eine Vergleichsmöglichkeit zwischen „Fabian“ und Balzacs „Verlorene Illusionen„, da sie u.a von der Korruption im Zeitungswesen, insbesondere im Zeitalter der Inflation handeln. Die neuen Machthaber der Weimarer Republik erweisen sich dabei nicht als sonderlich intelligent und erst recht nicht als integer. „Die Vernünftigen werden nicht an die Macht kommen und die Gerechten noch weniger“ (6. Kapitel) . Kästner beschreibt Demonstrationen und Straßenkämpfe und damit eine Gewaltspirale und Radikalisierung aus Existenznot (Armut). Vergleichbar ist die Lagerbildung (Kommunisten, Nationalsozialisten) mit Balzacs Antipoden, den Königstreuen und den Demokraten – der Antiheld Lucien wechselt aus Karrieregründen die Seiten, Fabian hingegen ist weder an Macht noch an Geld interessiert und bleibt sich somit treu.https://www.udo-leuschner.de/entfremdung/fabian.htm

Foto Belinda Helmert: Kamin und Vitrine mit Originalausgabe der Comédie Humaine im Maison Balzac, Passy, Nobelviertel von Paris
Wir leben provisorisch
Auf die Frage, was nach dem Untergang käme, antwortet Fabian: „Ich fürchte die Dummheit.“ Er sagt auch über sich selbst: Ich sehe zu und warte, weil er kein Optimist, sondern Melancholiker bleiben möchte, der die Anständigkeit sucht und wichtiger nimmt als den Erfolg. Diese Sequenz nimmt ein Podcast des bayrischen Rundfunks 2024 anlässlich seines 25. Todestages zum Anlass, ein Gespräch mit dem Kästner-Spezialisten Sven Hanuscheks zu suchen. https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:fa283404ad1230db/
Im Vorwort von „Fabian“ interpretiert Kästner seine Rolle als die eines Moralisten, der seiner Welt einen Zerrspiegel vorhält. Mit Sarkasmus entwirft er ein detailliertes Bild der damaligen Zeit, hin- und hergerissen zwischen Tanz, Musik, Sex und Lebenslust auf der einen und Geldsorgen, Massenarbeitslosigkeit und Politikverdrossenheit auf der anderen Seite, zwischen Schein und Sein. Ein Beispiel für den Sarkasmus: „Alles, was gigantische Formen annimmt, kann imponieren, auch die Dummheit.“ (9. Kapitel). Ein zweites: „Wer haben will, muss hingeben, was er hat.“ (10. Kapitel). Insgesamt ist diese Form des Humors ein Markenzeichen Kästners, zumindest in seinen Erwachsenenromanen. https://www.deutschlandfunk.de/erich-kaestner-erzaehlungen-sarkasmus-mit-bitterer-note-100.html Auch der Bericht des Deutschlandfunks vor elf Jahren greift auf die Publikationen des Kästner-Spezialisten Sven Hanuschek zurück.
Grundsätzlich war Kästner Pazifist, was ihn in der Epoche, die er als Übergang im Provisorium begriff, nicht salonfähig machte. Ein Zitat, das dies belegt, findet sich auch im „Fabian“: „Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind heißt Krieg.“ Aktueller geht es wohl kaum. Eine weitere Zusammenfassung des Romans liefert https://lyrik.antikoerperchen.de/fabian-zusammenfassung-kapitel-erich-kaestner,text,922.html
Das Besondere an „Fabian“ ist, dass er aufgrund seiner Obszönität lange Zeit auch nach dem Krieg nur in zensierter Fassung publiziert wurde und als jugendgefährdend eingestuft blieb. https://www.deutschlandfunk.de/neuedition-kaestners-fabian-unzensiert-100.html
Der gesamte Volltext ist kostenfrei nicht digital abrufbar. Zu hören ist der eingelesene „Fabian“ unter https://www.gratis-hoerspiele.de/erich-kaestner-fabian-und-der-gang-vor-die-hunde/

Foto Belinda Helmert: Passy, Maison der Balzac, Schreibtisch und Stuhl des Verfassers der Comédie Humaine (93 Werke, dennoch Fragment geblieben).
Verlorene Illusionen
Balzacs Trilogie „Illusions perdus“ sind bis heute ein, vielleicht sogar der Maßstab, wenn es um die Verbindung von Sarkasmus, Kapitalismuskritik und sozialer Milieustudie, insbesondere im Pressewesen und dem Theater geht. Er entstand 90 Jahre vor „Fabian“ als Teil der Scènes de la vie de province, die wiederum ein Teil der „Comédie Humaine“ ist. An dieser Stelle soll nur auf das Schicksal des Protagonisen Lucien Chardon/de Rumperé eigeangen werden. Dieser kommt aus der Provinz mit seiner Geliebten nach Paris, die ihn sofort aufgrund mangelnder Gesellschaftsfähigkeit fallenlässt.
Im Angesicht bitterster Not und Existenzfragen lernt der begabte Intellektuelle Solidarität von Journalisten, Literaten kennen und deren Solidarität. Insofern bieten sich schon zwei vergleichbare Aspekte zu „Fabien“. Ein dritter stellt die Versuchung durch Frauen dar, das hohe Maß an Erotik und die ewige Frage nach Kompromissen. Bordelle, Promiskuität und Affären aus Karrieregründen seien hier als Stichpunkte genannt. In meinem Buch „Der verzweigte Balzac“ komme ich im Vergleich zu Stendhals „Rouge et Noir“ (Rot und Schwarz) auf das Werk zu sprechen.
Es fällt darin der Satz „Die Welt ist kein Kloster“ wiederum in Hinsicht auf Politik, Realismus. Kirchen- und Sozialkritik zu sehen. Immerhin verbrachte der weltberühmte Autor die Lebensjahre sieben bis 14 , abgeschoben von seinen Eltern, in einem strengen katholischen Kloster, dem Grundstein seiner Flucht in Fantasiewelten der Literatur. Kästner beschreibt wie Balzac eine Welt der Vergnügungssucht und des Scheins, nur dass die Werbung anstelle des Theaters steht. Der größte Unterschied besteht in der Hyperaktivität des ehrgeizigen Balzac bzw. seines alter Ego Lucien und der Passivität des lethargischen Fabian.
Auch die Autoren unterscheiden sich in ihrem politischen Profil gewaltig. Balzac war glühender Anhänger des gefallenen Napoleon I , Kästner Demokrat und Anhänger des Sozialismus https://www.marx21.de/erich-kaestner-kein-harmloser-kinderbuchautor/ Zudem ging Balzac von der Veränderung des vermeintlichen Schicksals durch starke Willenskraft aus, Kästner glaubte zwar an die nächste Generation (die Kinder), hielt aber die seinige für rettungslos verloren; so dass er sich mit dem erdrückenden Terror arrangierte, ohne ihm jemals zu dienen.

Foto Belinda Helmert: Maison Balzac, Balzac-Figur mit Mönchskutte, die der Schriftsteller während seiner minutiös geplanten 12-14 Stunden täglich schrieb.
Gekaufte Waren anstelle von Wahrheiten
Lügenpresse – ein heute geflügeltes Wort. Kästner siedelt Fabian im Werbebereich an., Balzac macht die Chronik des Feuilletonwesens offenkundig. Auch die Autoren unterscheiden sich in ihrem politischen Profil gewaltig. Balzac war glühender Anhänger des gefallenen Napoleon I , Kästner Demokrat und Anhänger des Sozialismus https://www.marx21.de/erich-kaestner-kein-harmloser-kinderbuchautor/ Zudem ging Balzac von der Veränderung des vermeintlichen Schicksals durch starke Willenskraft aus, Kästner glaubte zwar an die nächste Generation (die Kinder), hielt aber die seinige für rettungslos verloren; so dass er sich mit dem erdrückenden Terror arrangierte, ohne ihm jemals zu dienen.
Wenngleich Balzac nur ansatzweise satirisch wird, so steht auch bei ihm die Presse, der Journalismus in seiner unseligen Verbindung zum Geld unter einem schlechten Vorzeichen. Er macht nicht nur auf Wendemanöver individueller Art, sondern auch auf strukturelle Defizite aufmerksam, die grundsätzlich die Presse wie eine PR Maschine zu Propagandisten der zahlungskräftigen Kunden machen, so dass Theaterzensenionen ebenso gekauft werden wie die politischen Nachrichten oder sachliche Informationen zu Spekulationen, Blasen und Instrument der Finanzbourgeoisie verkommen. Dies, wenngleich nur am Rande, thematisiert auch Kästners „Fabian“.
Erst bei der Zeitung der Republikaner kommt Lucien mithilfe neuer Seilschaften zu Ehren. Doch der Erfolg und das Geld machen ihn unvorsichtig, und er verstrickt sich in Intrigen. Schließlich wechselt er die Seiten, weil er hofft, für sein Engagement gegenüber dem Adel den begehrten Titel zurückzuerhalten und in den Kreisen der besseren Gesellschaft aufgenommen zu werden Dafür verrät er seine Freunde und die eigenen gelobten Ideale, der Wahrheit zu dienen. Spätestens jetzt ist auch Dichtung eine Ware und Recherche ein Luxus. Die harte Währung ist das liebe Geld.

Foto Belinda Helmert: Maison Balzac, Porträts der Mutter, des Vaters und der Schwester mit Truhe
Kampf der Ungeheuer
Treue ist schwer, weil rar und noch schneller verbraucht. So ließe sich ein weiterer Aspekt der Gemeinsamkeit von Fabian und Lucien finden, wenngleich ersterer von vornherein wenig Freude an der Intimität aufbringt und letzterer sich geradezu leidenschaftlich von einer Affäre in die nächste stürzt. Stefan Zweig bezeichnet Balzac (spät zum Liebhaber durch reifere Frauen gemacht) als aktiven Erotomanen, Fabian (nicht unbedingt Kästner)ist eher ein degradiertes Lubstobjekt, das sich lange erfolgreich, aber leidenschaftslos aus den Fängen der Frauen zu winden versteht. Sexualität ist eine Chiffre, um die Bindungslosigkeit der Gesellschaft, im Fall von Kästner auch die veränderten Rollen- und Machtverhältnisse aufzuzeigen. Eroberung hat auch eine martialische Note, denn mit Romantik haben weder Balzac noch Kästner viel gemein.
Der Betrug und die Infragestellung der Institution Ehe hat unterschiedliche Gründe: Kästner betont die bürgerliche Fassade, z.B. im Ehekontrakt der Molls, die beide einen Profit aus der „Verstandesehe“ ziehen. Das Ehepaar hat sogar einen Vertrag geschlossen, der besagt, dass Irene jeden möglichen Liebhaber erst von ihrem Mann absegnen lassen muss.
Balzac beschreibt die mariage de raison als alternativlos und daher Affären als vorprogrammiert (nicht als moralischen Verfall), aber er betont, dass sie ein Instrument darstellt, Macht (durch Geld oder Titel) zu erwerben. So schreibt er in „Die verlorenen Illusionen“: „In der Ehe muss man einen unaufhörlichen Kampf gegen ein Ungeheuer führen, das alles verschlingt: die Gewohnheit.“
Monströs erscheint in „Fabian“ das sexuelle Verlangen der Frauen, nicht nur das der Nymphomanin Irene Moll. Balzac gewährt den Frauen ausschließlich Einfluss über Affären und damit sexuelle Abhängigkeit (Mätressen-Motiv).
Ein zweiter vergleichbarer Aspekt betrifft die Doppelhelden, wobei einer im Suizid endet, nur dass es spiegelverkehrt verläuft: Lucien hat einen Freund, den der in der Provinz zurücklässt namens David und dessen Geld er über einen falschen Wechsel verspielt, so dass dieser ruiniert ist. Am Ende tötet sich der gescheiterte Dichter und der moralisch integre Lucien erlebt sein happy end in der Provinz. Fabians Freund ist Idealist und tötet sich, was diesen in eine schwere Krise wirft. Am Ende kann man auch Fabians Sprung ins Wasser als Freitod deuten analog zu Hesses Tod von Josef Knecht, der gleichfalls ertrinkt (allerdings ohne ein Kind zu retten).
Summa summarum beschreibt Balzac, v.a. im zweiten Teil seiner Trilogie, das Aufkommen der Medien, konkret des Feuilletons und seiner Einflussnahme auf die Politik, zugleich seine Korrumpierbarkeit. in einer Epoche relativer Liberalität (allerdings strenger Klassentrennung) https://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-verlorene-illusionen-von-den-spitzen-der-100.html Die „Neue Sachlichkeit“ entspricht einer radikalen Form des Realismus, den Balzac begründet.

Foto Bernd Oei: Maison de Balzac, Vautrin alias Collin alias Herrera, eine immer wiederkehrende Figur mit wechselnden Identitäten in der Comédie Humaine. Die Zeichnungen der über 100 Figuren (insgesamt erschuf Balzac 4000 Protagonisten) im Maison Balzac stammen von Édouard-Alexandre Pennequin. Als Herrera rettet der Berufsverbrecher vorerst den suizidgefährdeten Lucien und baut ihn zu seinem Racheengel an der Aristokratie auf.
Ich lüge auch
So sagt es der Chefredakteur Fabians, der ihn entlässt, um seine Idee selbst zu vermarkten. „Ich kann vieles und will nichts“ beschreibt sich Fabian selbst. während er beklagt, dass er nicht systemkonform sei und damit inkompatibel für die Karriere.
„Wer viel redet, der glaubt am Ende, was er sagt“ schreibt Balzac in „Ein Dichter in Paris“ (zweiter Teil der Trilogie “ Verlorene Illusionen“) Balzacs Roman ist voll von solchen Zynismen über den Stand der schreibenden Zunft seiner Zeit und steht dem Sarkasmus von Kästner durchaus Pate.
„Wollte er die Besserung der Zustände? Er wollte die Besserung der Menschen. Was war ihm jenes Ziel ohne diesen Weg dahin? Er wünschte jedem Menschen pro Tag zehn Hühner in den Topf, er wünschte jedem ein Wasserklosett mit Lautsprecher, er wünschte jedem sieben Automobile, für jeden Tag der Woche eins.“ (Fabian, 13. Kapitel)
So heißt es bei Kästner: „Labude hatte auf dem Boden der Tatsachen gestanden, hatte marschieren wollen und war gestolpert. Er, Fabian, schwebte, weil er nicht schwer genug war,…“ Man muss folglich ein Leichtgewicht sein, Optimismus oder Idealismus vermeiden, um durchs Leben zu kommen. Auch Balzac zeichnet ein düsteres Bild des Großstadtlebens: sich anpassen oder untergehen, dazwischen ist nichts. Paris bzw. B erlin entpuppen sich als Haifischbecken und konkret das Verlagswesen sich als brutales Unterfangen, das keine Sentimentalität verzeiht. Das liegt zum einen an einer neuen Spezies: der des Journalisten, der seine Umgebung nur nach dem Nutzen und sämtliche Geschehnisse auf ihre Verwertbarkeit hin abklopft. Der Markt bestimmt, was geschrieben wird. https://www.deutschlandfunkkultur.de/honore-de-balzac-ein-duesteres-bild-gezeichnet-100.html

Foto Bernd Oei: Paris, Passy, Maison Balzac bei morgendlichem Gegenlicht
Der Staat ist heute jedermann
So sagt es der Chefredakteur Fabians, der ihn entlässt, um seine Idee selbst zu vermarkten. „Ich kann vieles und will nichts“ beschreibt sich Fabian selbst. während er beklagt, dass er nicht systemkonform sei und damit inkompatibel für die Karriere.
„Wer viel redet, der glaubt am Ende, was er sagt“ schreibt Balzac in „Ein Dichter in Paris“ (zweiter Teil der Trilogie “ Verlorene Illusionen“) Balzacs Roman ist voll von solchen Zynismen über den Stand der schreibenden Zunft seiner Zeit und steht dem Sarkasmus von Kästner durchaus Pate.
„Wollte er die Besserung der Zustände? Er wollte die Besserung der Menschen. Was war ihm jenes Ziel ohne diesen Weg dahin? Er wünschte jedem Menschen pro Tag zehn Hühner in den Topf, er wünschte jedem ein Wasserklosett mit Lautsprecher, er wünschte jedem sieben Automobile, für jeden Tag der Woche eins.“ (Fabian, 13. Kapitel)
So heißt es bei Kästner: „Labude hatte auf dem Boden der Tatsachen gestanden, hatte marschieren wollen und war gestolpert. Er, Fabian, schwebte, weil er nicht schwer genug war,…“ Man muss folglich ein Leichtgewicht sein, Optimismus oder Idealismus vermeiden, um durchs Leben zu kommen. Auch Balzac zeichnet ein düsteres Bild des Großstadtlebens: sich anpassen oder untergehen, dazwischen ist nichts. Paris bzw. Berlin entpuppen sich als Haifischbecken und konkret das Verlagswesen sich als brutales Unterfangen, das keine Sentimentalität verzeiht. Das liegt zum einen an einer neuen Spezies: der des Journalisten, der seine Umgebung nur nach dem Nutzen und sämtliche Geschehnisse auf ihre Verwertbarkeit hin abklopft. Der Markt bestimmt, was geschrieben wird. https://www.deutschlandfunkkultur.de/honore-de-balzac-ein-duesteres-bild-gezeichnet-100.html

Zeichnung des Maison Balzac (Rückseite) in Passy zu Lebzeiten des Schriftstellers.

Foto vom Maison Balzac (Frontseite) 1913, Rue Raynouard. https://de.wikipedia.org/wiki/Rue_Raynouard






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