Weil Erinnerung nicht Gedächtnis ist

Foto Belinda Helmert: neue Schraubentreppe der Alten Nationalbibliothek Frankreichs, Paris, rue Richelieu 58. Architekt Bruno Gaudin. https://archello.com/de/brand/bruno-gaudin-architect

Wenn Gebäck das Tiefenbewusstsein weckt …

Marcel Proust lebte in Paris fast ausschließlich im 8. Arrondissement de l‘ ‚Élysée am rechten Seineufer und zog im Laufe seines Lebens (1871-1922) nur wenige Male um. Seine drei bekanntesten Wohnadressen sind sein Geburtshaus , das er bis 1900 bezog an der Boulevard Malesherbes Nr. 9, danach kurzzeitig in der Avenue des Champs-Élysées, nahe dem Arc de Triomphe und ab 1906 neben dem den Élysée-Palais in der Boulevard Haussmann 102. in einer Sechszimmerwohnung für sich allein) . Der Dandy lebte ausschließlich in Paris, seiner Geburtsstadt und verkehrte zumeist in Adelskreisen. Seine letzte Bleibe war allerdings Rue de l’Amiral Hamelin 44 (ehemals Rue Hamelin) .https://www.sortiraparis.com/de/was-in-paris-zu-besuchen/geschichte-erbe/articles/332395-spaziergang-thematische-besichtigung-spuren-marcel-proust-paris

Ohne seine Erkrankung wäre aus Proust vielleicht nie ein Schriftsteller geworden und schon gar keiner, der das größte Gedächtnis außerhalb vom Ich gesucht hätte, v.a. in der Kunst. So ruft Musik, aber auch der Geruch von Rosen oder der GEschmack von Madelaines unwillkürliche Erinnerungen wach (mémoire involontaire)

Das offizielle Marcel-Proust-Museum (Musée Marcel Prost – Maison de Tante Léonie) befindet sich nicht direkt in Paris, sondern im ca. 100 km südwestlich gelegenen Illiers-Combray – dem Ort, der Proust zu seinem berühmten fiktiven „Combray“ inspirierte. Die Adresse lautet Place Lemoine, 28120 Illiers-Combray – ich besuchte das nahe Chartres gelegene Anwesen 1988 – heute soll es mit Proust-Inventar original eingerichtet sein. https://www.chartres-tourisme.com/de/erkunden/alle-besuche/musee-marcel-proust-maison-de-tante-leonie-4867164

Das Adjektiv proustianisch/proustien steht für seinen Stil, langen, komplexen Satzbau (hypotaktisch) , der die Vergangenheit reflektiert, um ein Gespür für die Gegenwart zu erhalten, sowie für die unwillkürlich Erinnerung, „mémoire involontaire, die mit Bergsonismus assoziiert bleibt. Henri Bergson lund Marcel Proust, in denen Poesie und Philosophie verschmelzen, lernten sich 1890 kennen. https://www.deutschlandfunk.de/philosoph-henri-bergson-das-lebendige-wieder-freisetzen-100.htm.

Obschon er nie den Nobelpreis erhielt, gilt Proust als der einflussreichste und stilistisch versierteste Autor des 20. Jahrhunderts , während der Philosoph Bergson fünf Jahre nach dessen Tod ihn erhielt. Vorweggenommen sei, dass Bergson/Proust das Zeitverständnis revolutionierten und Erinnerung (souvenir)) und Gedächtnis (mémoire) unterschieden. Im Französischen ist diese Differenzierung zwischen Gedächtnis und Erinnerung vor allem eine philosophische und soziologische und sie prägt die französische Geisteswissenschaft, Sprache. Nur die Erinnerung kann spontan, subjektiv erfolgen; sie wird meistens ausgelöst von Orten oder Erlebnissen wie den Verzehr von Madelaines in Combray am Anfang im ersten Hauptteil des Buches, „In Swanns Welt“ https://www.suhrkamp.de/buch/walter-benjamin-gesammelte-schriften-t-9783518578773 Neben Baudelaire nimmt Proust den größten Anteil in seinem „Passagenwerk“ ein; 1926 begann bereits die Übersetzung ins Deutsche. Die betreffende Passage in anderer Übersetzung https://www.dailygood.org/story/2136/the-madeleine-excerpt-from-remembrance-of-things-past-marcel-proust/?lang=de

Prousts wohl in der Literaturgeschichte einzigartiger Gegenwarts-Zyklus „A la recherche du temps perdu“ entstand zwischen 1906 und 1922; er transformiert darin Bergsons Philosophie der durée (Dauer) als unwillkürliche, meist an Orte oder Gegenstände geknüpfte, Erinnerung des Tiefen-Bewusstseins in die Literatur. Der Unterschied zum reproduzierenden Gedächtnis: dieses basiert auf den Kontrast von reproduzierte Fakten, nicht nichts mit dem eigenen Erleben zu tun haben und dem persönlichen Eindruck/Geschmack, wie sie sich im Impressionismus widerspiegelt. Den Textauszug über das die spontane Erinnerung des Erzählers Marcel auslösende Gebäck ist auch nachzulesen unter https://www.dailygood.org/story/2136/the-madeleine-excerpt-from-remembrance-of-things-past-marcel-proust/?lang=de

Foto Belinda Helmert. Voltaire-Skuptur im Eingangsbereich der Alten Französischen Nationalbibiliohek, Rue de Richelieu 9. Proust erwähnt Voltaire mehrfach, u. a. in Band II seines Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – Titel „Im Schatten der jungen Mädchen“ (À l’ombre des jeunes filles en fleurs).

Das Lebendige wiederherstellen

Der seit seiner Kindheit an Asthma und Neurasthenie schwer erkrankte Proust litt an einer schweren Bronchitis, die sich zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung ausweitete und hütete daher häufiger als andere das Bett Er las viel, besonders gerne Ruskin, Balzac, Saint-Simon, Montaigne, Stendhal, Flaubert, Eliot, Dostojewski und Tolstoi (sogar Nietzsche). Allein im Band „Albertine disparue“ (Band 6), das auch als „La fugitive, Die Entfloene bekannt ist, erwähnt Proust Stendhal, Balzac, Voltaire. Dostojewski, Baudelaire, Platon, Goehte, Shakespeare und Saint Simon, indem er sich auf deren Werke bezieht.

Sein eigener Zyklus, in dem es dem Autor darum geht, das Verschwundene bzw. Abwesende, welches er mit Tod gleichsetzt, über die Erinnerung wieder erscheinen zu lassen und damit wieder zu gebären, besteht aus den Teilen In Swanns Welt (Du côté de chez Swann, 1913) Im Schatten junger Mädchenblüte ( À l’ombre des jeunes filles en fleurs, 1919, )Die Welt der Guermantes (Le Côté de Guermantes, 1920/1921), Sodom und Gomorrha (Sodome et Gomorrhe, 1921/1922), Die Gefangene (frz. La Prisonnière, 1923) Die Flüchtige (Albertine disparue, 1925) und Die wiedergefundene Zeit (frz. Le Temps retrouvé, 1927) – vier Werke wurden also posthum veröffentlicht. Eine Übersicht liefert hier https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/auf-der-suche-nach-der-verlorenen-zeit/4018 Grundsätzlich wird die Rose mit ihrem raschen Verblühen zum Dingsymbol schlechthin für die Ästhetik des Verschwindens und des Vergessens, die als morbider Charme alle Werke durchzieht.

Der sieche Autor macht die Agonie des Todes zu seinem Leitmotiv ( er verstarb 51 jährig an Lungenentzündung) . Dieser Umstand ist wichtig, da der Lebemann nur durch Verschlimmerung der Krankheit und häufig ans Bett gefesselt, zu schreiben begann. Im Ersten Weltkrieg verließ er sein Haus/ Bett nur noch selten. Illusion und Desillusionierung sich Schlüsselerlebnisse, denn Marcel oder Wann lieben nur solange (krankhaft), als sie die Geliebte verkennen .-Man nennt Proust darum den gnadenlosen Entzauberer der Liebe. Neben seiner Mutter liebte der homosexuelle Ästhet wohl nur zweimal: den Komponist Reynaldo Hahn von 1894-1900 und danach seinen Sekretär / Chauffeur Alfred Agostinelli. https://www.deutschlandfunkkultur.de/reynaldo-hahn-und-marcel-proust-geheimnisvoller-grund-100.html Auch der Sohn von Alphonse Daudet (provencalischer Schriftsteller) gehörte zu seinen Liebhabern.

Verleugnete Heterosexualität, Thanatos, detaillierteste Beschreibung aller wahrnehmbaren Eindrücke (Synästhesie) und Bedeutung der Erinnerung haben nebst der extrapolierten Stellung immer wieder Komparatistik mit Thomas Mann begünstigt. Allerdings sind Prousts reale Vorbilder als Protagonisten seiner Werke leichter zu erkennen. Drei Beispiele: Guiche wurde zu einem Alter Ego des Marquis de Saint-Loup, die glamouröse Élisabeth Greffulhe, Tochter des Fürsten von Chimay und eine der elegantesten, gebildetsten und engagiertesten Salondamen der Belle Epoque zur Herzogin von Guermantes. Der Prinz Constantin Radizwilli diente Proust als Vorbild für den snobistischen Prinz de Guermantes.

Am Ende des Tages verbindet Proust wie Nietzsche die Einsicht, dass Leben könne nur als ästhetisches Phänomen und perspektivischer Annäherung an die Wirklichkeit /Zeit gerechtfertigt sein und die Existenz daher nur in der Kunst wahre Befriedigung erfahren. In diesem Vergleich hat sich Jaques Le Rider einen Namen gemacht.https://philpapers.org/rec/LERPEN. Ein Schlagwort gegen die Dekadenz der Belle Epoque lautete Vitalität: Es galt, das Lebendige „refaire“, um es der Banalität zu entreißen. Denn die Realität an sich emfpand Proust als grand ennui, große Langeweile und Anhäufung von Banalitäten. Mit anderen Worten versuchte er dem Zufall einen Sinn abzugewinnen.

Foto Belinda Helmert: Blick in den ersten ovalen Lesesaal der Bibliothek, die zu den bedeutendsten der Welt gehört.Die Bibliothèque nationale de France (BnF) in Paris besitzt das weltweit größte Konvolut an Proust-Dokumente.

Aura, Erinnerung, Illusion

Heute spricht man von Triggern. Der Proust-Effekt (auch Madeleine-Effekt) beschreibt das psychologische Phänomen, bei dem ein bestimmter Geruch oder Geschmack plötzlich unwillkürlich tiefe, sehr detaillierte und emotionale Erinnerungen an die Vergangenheit auslöst. So tunkt das erinnernde Ich (Proust unterscheidet seinen Protagonisten in einen erinnerndes und ein erlebendes Ich) ein kleines Gebäck (eine Madeleine) in Lindenblütentee. Geschmack und Geruch rufen daraufhin schlagartig die vergessene Welt seiner Kindheit wach. Erst sehr spät im fünften Band (Die Gefangene) fällt beiläufig sein Vorname „Marcel“, sollte aber als fiktive Figur mit Distanz zum Autoren betrachtet werden.

Umrahmt wird die Handlung mit ihren konkret politischen und gesellschaftsrelevanten Ereignissen (z. B. die Affäre Dreyfus), die in den Salons wiedergegeben werden, von der Trinität Aura, Erinnerung, Illusion. Möglicherweise spielt die Fototechnik eine nicht unwesentliche Rolle, da sie Erinnerung und Gedächtnis in Konflikt brachte und durch ihre unbestechliche Objektivität generell die subjektive Wahrnehmung hinterfragte, bereicherte und gleichzeitig desillusionierte. Ein modernes Wort dafür lautet kaputt recherchieren. Der Autor eines Testes beschäftigt sich so lange mit unterschiedlichen Perspektiven, bis er selbst keine mehr besitzt. Mit Roland Barthes gesprochen, „ein unaufhörliches Wachsen ohne absehbares Ende“. Für Barthes blieb Proust eine „Chemie der Erinnerung“ und der Inbegriff der „Entscheidung zu schreiben„, wobei sein Schaffen stark von seinem berühmten Konzept des Tods des Autors geprägt war. https://literaturkritik.de/barthes-proust,29449.html

Benjamin und Barthes sind nur zwei illustre und versierte Kunstkiritker und Kulturphilosophen, die Prousts Werk für Meilensteine für die Moderne erachten. „Das reale Buch war nur das Scheitern des gewünschten Buchs-“ schrieb Barthes, der das Scheitern stets als Chance für den „Nullpunkt der Literatur“ und asl „Spiegel, um die eigene Existenz und das eigene literarische Schaffen zu ergründen“ begriff, in „Écrits sur Proust.“ https://www.sueddeutsche.de/kultur/roland-barthes-marcel-proust-suche-nach-der-verlorenen-zeit-fotografie-aufsaetze-vorlesungen-kritik-1.5726329?reduced=true

Fotografie spielt, wie bereits erwähnt, eine zentrale Rolle in der Ästhetik Prousts, da sie wie in der Zeit Benjamins der Film das Theater, die Malerei revolutionierte. Dies bildet zudem eine Überschneidung mit Barthes, der zuletzt ein ganzes Buch (Die helle Kammer“ La chambre claire, 1980) der Fotografie widmete. Barthes unterscheidet dabei Studium: als das allgemeinere Interesse, das Wissen und die kulturelle Bedeutung, die ein Foto vermittelt von .Punctum:. Darunter subsumiert er ein unerwartetes, stechendes Detail, das den Betrachter emotional „verletzt“ oder packt und eine sehr persönliche Verbindung zum Bild herstellt.

Benjamin sprach in seinem Esssay „Zum Bilde Prousts “ (1929) vom „Penelopewerk des Eingedenkens“,“ „Denn hier spielt für den erinnernden Autor die Hauptrolle gar nicht, was er erlebt hat, sondern das Weben seiner Erinnerung, die Penelopearbeit des Eingedenkens.“ Im Zentrum steht das Phänomen der Erinnerung, das Verständnis von Zeit sowie das Zusammenwirken von Alterung und Vergessen. Wir nennen dies heute selektive Wahrnehmung. : Was am Tag durch das bewusste Erinnern und Schreiben entsteht, wird in der Nacht durch das unwillkürliche Vergessen gleichsam wieder aufgelöst.https://www.textlog.de/benjamin/essays/literarische/zum-bilde-prousts. Benjamin deutet Prousts verschachtelte Sätze als sprachliche Methode, um das unablässige Weben der Erinnerung und das Fortschreiten der Zeit greifbar zu machen. Es geht ihm um den subjektiven Anteil, das Erleben von Faktizität, nicht das factum brutum.

Foto Belinda Helmert: Detail: Tür zum Saal Mazarin der Bibliothek. Dahinter eine wechselnde Ausstellung wertvollster Manuskripte, Stiche, Fotografien.

Ästhetizismus – das Heil durch die Kunst

Kein Geringerer als Andé Gide bezeichnete seine negative Rezension in der r Nouvelle revue française (NRF) als einen der größten Gewissensbisse seiner Karriere ein. Der gleichfalls homoxeulle Gide hatte den Band nur durchgeblättert, dort – wie er es erwartet hatte – „Geschichten über Herzoginnen und dergleichen“ gefunden und erkannte in Proust nur ein Opfer des Sainte-Beuve-Syndroms (Trennung von Werk und Persönlichkeit) und nicht den Sinn eines werdenden Meisterwerks erfasst. ttps://www.spiegel.de/politik/aus-dem-gedaechtnis-a-cef5aae4-0002-0001-0000-000041760522

In dreizehn Jahren bis zu seinem Tod (1909-1922) unermüdlich neue Porträts und Wendepunkte, konzipierte manche Intrigen neu oder baute sie aus, und füllte seine Sätze mit Vergleichen, um das Individuelle mit dem Allgemeinen zu verbinden. Hatte er zunächst gefürchtet, der Roman würde nicht einmal tausend Seiten erreichen, so schrieb er schließlich mehr als dreitausend, und diese Länge macht durchaus allein für sich schon Sinn. Der Weg des Helden, der zuletzt die Zeit wiederfindet erinnert auch aufgrund der Einbettung von Wagner tatsächlich an Parsivals Graalssuche. Wenn die Natur des Graal ebenso wie jene des Werkes, dem der Protagonist der Suche nach der verlorenen Zeit nachjagt, uns nicht wirklich offenbart werden, so geben uns doch die Anstrengungen und die lange Zeit der Suche zumindest einen sehr hohen Begriff davon.

Zwischen Paris als Sinnbild der Moderne, Combray, dem Landsitz des Adels und Balbec, dem aristokratisch-normannischen Fluchtort (analog Flauberts Trouville) oszilliert das Geschehen, am Ende weicht es auf Venedig aus. An Balzac erinnert die Wiederkehr verschiedener Protagonisten in den sieben Romanen sowie die Verschmelzung von Realiter und Fiktion.. Dabei verkörpert Charles Swann: jüdischer Kunstkenner und damit auf der Gegenseite der alteingesessenen Aristokratie der Guermantes, , sicherlich auch das Ideal von Proust., das neben dem Dandytum und dem Kunstgeschmack auf die Versöhnung von Großbürgertum und Adel beruht (am Ende deutet sich dies durch diverse Heiraten an). Sein Zyklus lebt gewiss nicht von der Handlung und auch nur bedingt vom Proträt seiner Epoche (Belle Epoque), sondern hauptsächlich von der Schönheit, sei es die Sprache oder des opulenten Luxus.

So ist Swann ikonsequenterweise eher bereit, sein Leben mit fertigen Schönheiten zu schmücken, als es einer Schönheit zu opfern, die er selbst schaffen würde – er gehört eben zur Kategorie der Ästheten, in die seine Zeitgenossen auch Proust einzuordnen pflegten. Meiner Meinung nach schrieb er gegen die Oberflächlichkeit und Dekadenz seiner Zeit an, was eine FAszination an Luxus nicht ausschließt. Zudem verweist er mit dem Schicksal des Baron Charlus sowohl auf die Konsequenzen hemmungslosen Hedonismus (Sodomismus) als auch die Engstrinigkeit der Konventionen seiner Zeit. Im Mittelpunkt stehen Emotionen und die Unfähigkeit, sie in Beziehungen zu leben: fast alle Paarbeziehungen scheitern an Snobismus, Eifersucht und fehlender Kommunikation. Am Ende bleibt nur die Einsamkeit und dr Trost im schönen Schein.

Swann, schön, reich, gebildet, endet desillusioniert und morbide. Weshalb der Umschwärmte sich ausgerechnet in die Halbweltdame Odette so unsterblich verliebt, bildet einen der unergründlichen Geheiomnisse ins Swanns/Prousts Welt. Seine Obesseion wird ihm zum Verhängnis, zumal er auf keinerlei Gegenliebe stößt und die Frau ihn aus kalter Berechnung heiratet. Sein Tod (Krebs) vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnert an Hans Castorp, der in „Der Zauberberg“ mit großer Wahrscheinlichkeit im Ersten Weltkrieg fallen wird. Auch bei T. Mann steht die Kunst über allem. Prousts Vorbild für Swann hieß Charles Haas, ein jüdischer Dandy und exzessiver Kunstliebhaber. https://www.tagesspiegel.de/kultur/proustbetrieb-der-tod-von-charles-swann-10999303.html Tragischerweise ist Swann die Selbstiornie seiner toxischen Beziehung bewusst: „„Warum mußte ich ausgerechnet jemanden lieben, der weder meinem Stand, meinem Geschmack noch meinem Geist entspricht ?“

Der Erzähler Marcel, zu dieser Zeit noch ein Kind, bewundert Swann und stirbt unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg:auch er hat die falsche Frau geheiratet und ist an Eifersucht und physischen Gebrechen, wobei auch er seinen Sinn nur in der Kunst, im Schreiben und Erinnern, findet. Daher gewinnt er seine als verloren gewähnte Zeit über die Kunst der Erinnerung und die daraus resultierende Schreib-Kunst zurück. Im Zyklus fließen Kindheitserinnerungen und Erwachsenenalter ineinander, ebenso Fiktion und Realität, Objekt-Fetisch und Auflösung jeglicher Gewissheiten durch die Imagination.

Foto Belinda Helmert: Alter Stuhl in der Bibliothek, Sall Mazarin

Zweifel ist kein angenehmer Zustand, aber Gewissheit ist absurd.

Das Voltaire-Zitat findet sich wie manch andere Reminiszenz in Prousts Romanzyk,us, der reich ist an Textreferenz und Intertextualität. Wenige Zeilen später heißt es „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen. (Teil V, i“Die Gefangene (frz. La Prisonnière) Weil es so schön ist in französisch: „Le véritable voyage de découverte ne consiste pas à chercher de nouveaux paysages, mais à avoir de nouveaux yeux“.

Der Begriff Gefangenschaft verbindet Marcel Proust und Voltaire auf faszinierende Weise, allerdings mit gegensätzlichen Vorzeichen: Während Voltaire für die reale, politische Haft und die Befreiung des Geistes aus der Unmündigkeit steht, behandelt Proust die Gefangenschaft als psychologisches Phänomen der menschlichen Eifersucht und der Isolation in der modernen Gesellschaft. „Die Sehnsucht lässt alle Dinge blühen, der Besitz zieht alle Dinge in den Staub.“

Marcel geht an seiner Eifersucht zugrunde. „Die Gefangene“ thematisiert Marcels krankhafte Eifersucht und endet mit dem Verschwinden der Ehefrau. Um Albertine (in Wahrheit Alfred Agostinelli) vor der Gesellschaft und vor vermeintlichen Rivalinnen abzuschirmen, lässt der Erzähler sie in seiner Pariser Wohnung gefangen leben. Doch die vermeintliche Kontrolle verkehrt sich ins Gegenteil: Er wird zum Gefangenen seiner eigenen quälenden Eifersucht, die eine Folge seines Kontrollzwangs ist, der sich wiederum verstehen lässt als Symptom seiner in Auflösung befindlichen Epoche. Das Ungewisse fasziniert und ängstigt ihn in gleicher, letztlich destruktiver Art und Weise. Im Grunde hat er Albertine (die lesbische Seite) nie verstanden und es bleibt unklar, ob je einer den anderen wirklich geliebt hat. Je mehr sich Marcel sn seine Erinnerung klammert, desto mehr verliert er die tragisch Verstorbene.

Proust macht klar: Letztlich ist Marcel nicht in Albertine selbst verliebt, sondern in die Qual und den Zustand der Eifersucht, die sein Leben und seine Gedanken völlig absorbieren. Die Folge ist absolute Einsamkeit, denn ohne Vertrauen und Heimat in der Welt kann das Individuum nur vereinsamen. Am Ende stirbt Albertine durch seine übertriebene Fürsorge bei einem Reitunfall. Was als Zufall anmutet, erweist sich als interne Logik falscher Liebe.

Summa summarum bringt Proust prägnant zum Ausdruck, dass hinterfragendes Denken, Skepsis und die ständige Suche nach neuen Erkenntnissen uns letztlich weiterbringen als blinde Gewissheit.

Foto Belinda Helmert: gespiegelte Venus-Büste, Torso 4. v. C. im Antiken Saal der alten Französischen Nationalbibliothek

Rückzug des Objekts ins Subjektive

Prousts Zyklus handelt von Zerstreutheit umfasst ein Zeitalter (belle epoque), für das die Totalität und der Sinn des Lebens, die religiöse Duldsamkeit, nicht mehr gegeben ist, weil sich traditionelle Werte aufzulösen begonnen haben. Statt dessen verlagert der Autor die Handlung ins Innere, die psychologischen Gesetze die Lebensimmanenz der Protagonisten, durch die wir von der Gesinnung der Handelnden erfahren, ist zum Problem geworden. Äußere Bewegung und Beobachtung trift daher häufig auf innere Starre undeingefrorene Bewegung (Sitzen, Stehen). Die Erfahrung bzw. das Wissen konvergiert nicht mehr mit dem Erleben.

Das Subjekt seiner Erzählung entwickelt sich nicht und befreit sich weder aus seinen selbst geschaffenen Kausalverbindungen noch gelingt ihm ein Ausbruch aus dem Kerker ihres Daseins in eine Freiheit, wie sie Odysseus einst auf seinen Irrfahrten erfuhr. Insofern ist Proust eine Spiegelung des griechischen Mythos, der die Gesellschaft als einem Phänomen begegnet, das noch nicht assimiliert und in beruhigende Element eingebettet erscheinen.

Die Außenwelt ist nur insofern von Interesse, als sie die Alchemie des eigenen Ich fördert. Indem er dem Helden ein ganzes Universums seiner Kindheit mit Hilfe das unwillkürliche Gedächtnisses zurück gibt, erlebt der Erzähler Marcel sein wirkliches Ich. Deutlich wir dies durch den Geschmack eines Madeleine, dessen Geschmack mit der Assoziation eines Erwachsenen begleitet und gleichsam verändert wird. Der Genus des Kuchens wird für den Schriftsteller ebenso wichtig wie die Dreyfus-Affäre oder die Luftangriffe auf Paris. Schon in Balzacs „Die Lilie im Tal“ hatten Madame de Mortsaufs Schultern mehr Bedeutung als Napoleons letzte Hundert Tage bis Waterloo und in Flauberts Erziehung der Gefühle war die Versteigerung von Madame Arnoux‘ Möbeln in den Augen Frédérics wichtiger als Louis-Napoleon Bonapartes Staatsstreich vom 2. Dezember 1851.

Aber während für die beiden Meister des Romans im 19. Jahrhundert die Liebesleidenschaft diese Umwertung der Werte hervorbrachte, ist für Proust Liebe nur eine Krankheit. Sein Protagonist Marcel muss sie erfahren, um seine Sensibilität zu verfeinern, aber allein das daraus hervorgehend Kunstwerk rechtfertigt eine Aufwertung dessen, was einem zuvor unbedeutend erschienen war. Die Entmythisierung der Liebe begründet die totale Subjektivität der Suche nach der verlorenen Zeit. Swann /Marcel entdecken nicht, ob Odette / Albertine sie betrügen, nur ihr Spiel der Einbildungskraft, die Vorstellung, dass sie betrogen werden könnten, entscheidet über Realitätszugang. Eifersucht beschreibt den Realitätsverlust im «Zeitalter des Zweifels».

Foto Belinda Helmert: Türgriff in der Pariser Alten Bibliothek, Detail

Bergsonismus

Der Romanzyklus besitzt in seiner Poetisierung der Wirklichkeit mehrere Ebenen.

Erstens beschreibt er Erfahrungsmöglichkeiten von Sinn, Glück und Authentizität durch das Erinnerung, damit ein verspätetes, an Nostalgie heranreichendes, aber selbst erzeugtes Glück auf dem zweiten Blick. Das Gedächtnis legt in seiner Transformation frei, was das bloße Ereignis (die Faktizität) verhüllt. Mit Bergson: Es begegnet der äußeren Zeit, mit einer eine innere Dauer, die Bergson auch élan vital (Lebensschwung) nennt und auf schöpferischer Kreativität beruht. So geht im Roman nicht um die Reproduktion dessen, was einst geschah, sondern die Kreation eines Lebenssinns aus den vielen Banalitäten.

Zweitens schildert Proust die Fragmentierung des Ichs durch die Zeit: dasselbe Ereignis löst beim Erlebenden andere Assoziation(en) aus. Proust vergleicht dies mit der Wirkung von Gemälden: dasselbe Bild ruft völlig unterschiedliche Gedankenketten hervor. Malerei an spielt sowohl in Bergsons Vergleichen als auch im Romanzyklus eine dominante Rolle. Bergson: „Die Erinnerung verkörpert sich in Bildern, aber ein Bild erscheint mir nur dann als Erinnerung, wenn es in der Vergangenheit tatsächlich erlebt und empfunden wurde.“ Ein dementsprechender Vergleich aus „Du coté chez Swann“(Kapitel „Swanns Welt und Michelangelo“ lautet „Denn die Bäume lebten ihr Eigenleben weiter, und wenn sie keine Blätter mehr hatten, so strahlte es nur um so leuchtender aus der Hülle von grünem Samt, die ihre Stämme umgab, oder dem weissen Email der kugeligen Misteln, die hier und da in den Kronen der Pappeln hingen, rund wie Sonne und Mond in Michelangelos Erschaffung der Welt.“

Drittens vollzieht der Zyklus eine Aufhebung des Zeitverlusts (chronologische Ebene) durch die Zeit-Rückkehr (emotionale Ebene) und permanente 1rückblenden. Wie die Sehnsüchte der Kindheit das Erleben des Erwachsenen prägen, so wird die Kindheit durch die Sicht des Erwachsenen interpretiert, nahezu neu erfunden. Man kann sagen, Proust findet seinige Zeit wieder, indem er sie erfindet und damit der tatsächlich erlebten Zeit ein neues Gesicht, eine neue Sichtweise auf seine Existenz, verleiht. Damit antizipiert der Autor bereits den Existentialismus, auch wenn die Helden passiv bleiben.

Viertens kontrastiert Proust das innere Erlebnis mit der äußeren Erfahrungswelt; wie Bergson inneres Zeiterleben der Dauer (durée) und physikalische messbare ablaufende Zeit (temps). Gedächtnis und Erinnerung arbeiten verschiedenartig und bleiben wie Monolithen getrennt , wenn nicht ein drittes, die Einbildungskraft (Kunst, Ästhetik) hinzutritt. Eine objektive oder objektivierbare Welt existiert demnach nicht.

Fünftens rekonstruiert Prousts Gedächtnisarbeit nicht die tatsächlich abgelaufene Zeit auf der narrativ- darstellenden Ebene, sondern bringt eine Realität plus hervor. Dieses „Mehr an Wirklichkeit“ entspricht der Essenz des unbewussten Erlebens. Dieses prägt das Verhalten und die Gefühlswelt der handelnden Personen weit mehr als sie es begreifen. Einzig die unwillkürliche Erinnerung über einen Schlüsselreiz wie der Madelaine-Effekt konfrontiert mit diesem ursprünglichen Eindruck, der durch die rationale und selektive Einordnung verloren gegangen ist.

Roland Barthes spricht in seinem langen Proust-Essay neben der Macht der Erinnerung auch von der „Macht des Vergessens“ und vergleicht sie mit dem Negativ eines Fotos. Er verweist auf Prousts Formulierung des Himmels als „verfließende Zone des Blaus“ in Balbec, ausgelöst durch ein Bild Elstirs, das Wassers und Himmel verschmelzen lässt. So verhält es sich mit Immanenz (Eingrenzung) und Transzendenz (Entgrenzung) von Gedächtnis und Erinnerung.

Foto Belinda Helmert: Pagode- Modell in der Alten Nationalbibliothek Frankreichs.

„Mein Buch ist ein Gemälde „

So schreibt Proust es wörtlich an Jean Cocteau. Er erzeugt einen visuelle Roman und einen Maler namens Elstir, der an seinen Zeitgenossen Monet angelehnt ist. Dabei repräsentiert er als Mentor des jungen Marcel den Mut zur radikalen Subjektivität, das bewusste Aufbrechen von übernommenen Rezeptions- und Wahrnehmungsgewohnheiten , welche die Suche nach dem wahren Wesen der Dinge jenseits bloßer Konventionen ermöglicht. Er lernt ihn wie das literarische Vorbild Anatole France in Gestalt von Bergotte im zweiten Roman „À l’ombre des jeunes filles en fleur“ kennen. https://www.tagesspiegel.de/kultur/proustbetrieb-auf-der-spur-von-claude-monet-im-atelier-von-elstir-15557212.html Ursprünglich verkehrte Elstir in exzentrischen Kreisen und trug extravagante Züge. Als der Erzähler ihn später im bretonischen Badeort Balbec kennenlernt, ist er ein geläuterter, weiser und bescheidener Mann, der sich ganz der Kunst und dem Erfassen der Schönheit verschrieben hat.

Die fünf in seinem Werk vorkommenden Maler samt ihren Gemälden, auf die Proust Bezug nimmt, sind nur auf der französischen Seite einsehbar https://artshortlist.com/fr/journal/article/5-artistes-qui-ont-compte-pour-marcel-proust Es handelt sich um Chardin, Vermeer, El Greco, Helleu und Monet. Somit wird „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auch eine Reise durch europäische Kunstgeschichte. In die Figur Kunstfigur Elstir sind alle fünf Maler, insbesondere aber Helleu eingebunden – so das Urteil des Autors Eric Kapeles. Auch die beschriebenen Gemälde entspringen der Proustschen Vorstellung, allerdings auf Basis realer Eindrücke. Sein Roman transformiert damit auch den Impressionismus“ der Malerei ins Literarische.

Dabei arbeitet Proust vermehrt mit Ekphrasis, einer Beschreibung, die zugleich Kommentar ist und damit Subjektives ins Objektive einwebt: „Fiktive Ekphrasis bezeichnet die Schöpfung eines Schriftstellers und die Beschreibung eines imaginären Kunstwerks. Der Schild des Achill, den Homer in der Ilias beschreibt, gehört zu den frühesten Beispielen literarischer Malerei in der westlichen Tradition. Elstirs großartiges atmosphärisches Gemälde, Le Port de Carquethuit, ist ein reines Fantasieprodukt, erdacht von Marcel Proust.“ https://portalkunstgeschichte.de/eric-karpeles-marcel-proust-und-die-gemaelde-aus-der-verlorenen-zeit-dumont-2010/

Elstirs Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass er die Welt nicht so malt, wie der menschliche Verstand sie benennt, sondern als reinen optischen Eindruck. Er löst die Dinge aus ihrem Kontext und lässt beispielsweise in seinen berühmten Seestücken (wie dem Hafen von Carquethuit) Himmel und Meer ineinanderfließen. Seine Ästhetik und Kunsttheorien helfen dem Erzähler Marcel dabei, seine eigenen künstlerischen Zweifel zu überwinden.

Foto Belinda Helmert, Gemälde von François Boucher und Lüster in der alten Nationalbibliothek https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Boucher Proust nimmt auch Bezug auf den bedeutdenden Rokoko-Maler, um die Atmosphäre, die Salons und den Lebensstil der feinen Gesellschaft von Paris lebendig und visuell greifbar zu beschreiben.

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