
Foto Belinda Helmert: Paris, Deutsches Historisches Institut, Parc Royal https://www.maxweberstiftung.de/dhi-paris.html
Von München über Paris und Kalifornien nach Cannes and no return
Von 14. März 1933 bis 1935 lebt der gebürtige Münchner Klaus Mann im Pariser Exil, wobei er ab Dezember 1933 die Exil-Zeitschrift Die Sammlung herausgibt Seinen ersten Aufenthalt in Paris hat der berühmte Sohn, der unter dem väterlich langen Schatten offensichtlich leidet, 1925. Dieses Jahr ist zugleich verbunden mit seinem politischen Engagement, dem Bekenntnis zum Kommunismus (verbunden mit der Verehrung Ernst Bloch) und Anti-Faschismus, wo er sich in aller Schärfe als weit- und klarsichtig erweist. Dreifach geschlagen nannte ihn Literaturpapst Reich-Ranicki ante mortem. https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/klaus-mann-100.html
Das Grab von Klaus Mann liegt weder in Paris noch in Kalifornien (Exil in den USA), sondern in Cannes, wo der drogensüchtige Schriftsteller 42 jährig in den Suizid flüchtet. https://www.br.de/themen/kultur/inhalt/literatur/klaus-mann102.html Die Beisetzung erfolgt Cimetière du Grand Jas. Der Name verleidet zu einem Wortspiel bzw. einer Verwechslung mit (de) jais, dem französischen Adjektiv für tiefschwarz. Symbolisch und personifizierend steht es für den Zusammenbruch der Ordnung, der uneingelösten Sehnsucht nach dem „Geist der Utopie“ wie Bloch das Überleben in und nach der Apokalypse bezeichnet.
Schreiben ist für Mann wie Atmen, der „schriftstellerische Trieb als Selbstzweck“ (Selbstaussage, entnommen der Autobiografie „Kind dieser Zeit“, 1932) Dort findet sich auch eine Einschätzung über die Epoche der Dauerkrise im Nationalsozialismus, die, wenngleich weniger martialisch, sich aktuell liest: „Wichtiger ist, daß uns der feste Boden unter den Füßen fehlte, den unsere Eltern noch hatten.“ Am 21. Mai 1949 starb er in Cannes an einer Überdosis Schlafmittel Veronnal (Schnitzler Freunde werden sich an „Fräulein Else“ erinnern).
1925 schreibt der in München geborene Literat sein erstes Drama Anja und Esther, in dem er dem Gefühl, „ohne festen Boden unter den Füßen zu sein“, Ausdruck verleiht. Das Stück wird am 20. Oktober 1925 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Ein Vulkan hat gleichfalls keinen festen Boden; sein Gestein wird fortlaufend von Wasser, Wind, Sonne und Frost zerkleinert, was ihn porös macht. Im Folgenden verzichtet der Beitrag auf andere Werke als den Exilroman schlechthin, dessen symbolhafter Titel nicht nur metaphorisch zu verstehen ist und einer umgedrehten Eistüte gleicht.
Auch Malcolm Lowry nannte sein Meisterwerk über einen Alkoholiker „Under the volcano“ (1947) und Susan Sontag den ihrigen über eine toxische Dreiecks-Liebesbeziehung „Lovers of the volcano“ (1992) – gemeint ist jene zwischen Sir William Hamilton, dem britischen Gesandten in Neapel, seiner um 51 Jahre jüngeren Frau Emma und Lord Nelson, dem Seehelden Englands. Sontag, die persönlich mit der Mann-Familie bekannt war, da sie als Teenager 1949 diese im kalifornischen Pacific Palisades besuchte und den Vater als Gott ohne Antworten beschrieb.

Foto Belinda Helmert: Deutsches Historisches Institut in Paris, Institut Hôtel Duret-de-Chevry 8 rue du Parc-Royal, 3. arrondissement der Hauptstadt Frankreichs und der Liebe. https://www.dhi-paris.fr/de/institut/team.html
Mehr als ein Roman
Zwischen Herbst 1937 und Frühling 1939 liegt die Entstehungsgeschichte des Exilromans. Die unmittelbare Wirkung des Romans bleibt wie die meiste Exilliteratur begrenzt; nicht zuletzt, weil sich der deutschsprachige Markt durch den Anschluss an Österreich und der Zensur stark verkleinert.
1939 erscheinen im Querido Verlag, Amsterdam, zwei Bücher von Klaus Mann , die das Leben in der Emigration zum Thema haben: Der Vulkan und Escape to Life. Im Exil vollzieht Klaus Mann einen Sprachwechsel; seine Autobiografie The Turning Point erscheint 1942 in englischer Sprache, auch sein Tagebuch führt er nun auch auf Englisch als Folge seines Protestes gegen das Deutschtum. https://www.literaturportal-bayern.de/autorenlexikon?task=lpbauthor.default&pnd=118577158
Sein Roman „Der Vulkan. Roman unter Emigranten“ zeichnet ein facettenreiches Bild der Exil-Schicksale. Mann entwirft hier episch in Form einer Arabeske seine Utopie des sozialistischen Humanismus als einer Ordnung, in der alle Platz hätten. https://www.dhm.de/lemo/biografie/klaus-mann
So ist „Der Vulkan“ mehr als eine Biografie, ein langer Essay mit Bekenntnis für den aktiven Widerstand (sowohl gegen Faschismus als auch Stalinismus), mehr als die Bestandsaufnahme einer Dauerkrise auf – je nach Ausgabe – über 500 bis 600 Seiten Seiten. Vielleicht wird ihm diese ausführliche Mélange zum Verhängnis, so dass ein gewisser Sören Heim (Journalist, Übersetzer, Blogger) darüber das Urteil fällt „Viele interessante Ansätze, wenig, das wirklich gelingt“. gelingt-klaus-manns-emigrationsroman-der-vulkan///www.dhm.de/lemo/biografie/klaus-mann
Heim spricht nicht als einziger mit einer gewissen Abfälligkeit vom unverstandenen Sohn, dem ewigen Talent, denn die Welt hat befunden, dass Thomas der Große und Heinrich der Weise unter den Köpfen jener tragischen und durch den Krieg zerstreuten Familie aus Lübeck, in der es so manchen Selbstmord gab, waren. www.br.de/themen/kultur/inhalt/literatur/die-kinder-der-manns100.html. Es existieren verhältnismäßig wenig Promotionen oder Studien über Klaus Mann. Eine davon schrieb Marlis Thiel, die der Autor persönlich kennt und schätzt, eine Autorin, die Roman und Biografie als Grenze zwischen Wirklichem und Möglichem, stets auszuloten beliebt. Der Titel ihrer Dissertation lautet triologisch „Klaus Mann : die Sucht, die Kunst und die Politik“ (1998). Prägnanter lässt sich eine Formel nicht finden. https://www.literaturmagazin-bremen.de/autorinnen/t/marlis-thiel
Mann, der im satirischen Kabarett „Die Pfeffermühle“ neben dem Hofbräuhaus mit seiner Schwester als enfant terrible auftritt, gilt nicht nur aufgrund seiner vielleicht nicht unbedingt selbst erwählten Außenseiter-Rolle als tragischer Held mit übersteigerten Todestrieb. https://www.goethe.de/ins/sk/de/kul/sup/tma/22146654.html. Sowohl Russland als auch die USA erwiesen sich als Täuschungen und Enttäuschungen für eine echte Alternative zum deutschnationalen Weg. Nicht nur was die Verfolgung der Homosexualität anbelangt, auch der humanistische Gegenentwurf fehlt hüben wie drüben zur Gänze, so dass Unrecht und Verfolgung alternativlos erscheinen.
Von Juni bis September 39 berichtet das Geschwisterpaar über den vergeblichen und ausweglosen Kampf der Republikaner gegen das System Franco. 3 Jahre später tritt der drogenabhängige Literat als Soldat aktiv in den Krieg ein, nicht an der Front, sondern als Propagandist und Übersetzer deutscher Kriegsgefangener bzw. für die Psychological Warfare Division. Als er seine in Trümmer liegende Geburtsstadt München besucht, wird ihm klar, dass er heimatlos bleiben wird. Im Roman „Der Vulkan“ sind von den Treppen zum Abstieg des Todes (Hades-Motiv) mehrfach die Rede: die jüngere Schwester steigt sie hinab, die ältere widersteht und quält sich nach oben.

Foto Belinda Helmert: Stufen zum Vortragssaal des Deutschen Historischen Instituts in Paris
Widerstand – Roman unter Emigranten
„Unklarheit und Gewalt ergänzen einander.“ schreibt Mann „Der Vulkan“ kennt keinen einheitlichen plot. Die Handlung wird mehrfach unterbrochen und leidet unter den zahlreichen Protagonisten. Einerseits erlaubt das einen Blick auf die Diversität, sowohl der Gründe, in den Widerstand zu gehen als auch die Methoden, ihn zu praktizieren. Andererseits taucht der Leser ein in zahlreiche Einzelschicksale, die vermuten lassen, dass es außer dem gemeinsamen Feind und Todesangst vielleicht nicht so viel Verbindendes geben wird, dass die Hoffnung auf eine besser Welt, den Geist der Utopie, rechtfertigen könnte. Darüber hinaus erlaubt die Mischung aus Belletristik und Dokumentation sich mit den verschleierten non fiktiven Figuren/Charakteren zu beschäftigen. Die verschiedenen Erzählperspektiven fördern den Dialog und die Reflexion über Konflikte, Gedanken, Feststellungen und politisch relevanten Überlegungen. Der Untertitel Roman unter Emigranten ist daher pointiert.
Als Rahmen (Prolog und Epilog) dient die aufgeworfene Frage, ob ein inneres Exil und der Widerstand im eigenen Land nicht wertvoller oder sinniger sein können als die von außen betriebene Agitation. Thomas Mann zollt seinen Sohn ausnahmsweise ein Lob, auch für die schriftstellerische Bewältigung dieses komplexen Themas. Sein Brief vom 22. Juli 39 findet sich der bemerkenswerte Satz „Sie haben Dich ja lange nicht für voll genommen, ein Söhnchen in Dir gesehen und einen Windbeutel, ich konnt es nicht ändern. Aber es ist nun wohl nicht mehr zu bestreiten, daß Du mehr kannst, als die meisten – daher meine Genugtuung beim Lesen“ … https://projekt-gutenberg.org/authors/klaus-heinrich-thomas-mann/books/klaus-mann-der-vulkan/chapter/2/
Auch wenn es sich um einen in Paris spielenden Roman handelt, so setzt die Handlung doch in Berlin und endet Marseille (rue de Canebière) ein. Aus nachvollziehbarem Grund_ Mann verlebte, v.a. nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris, eine Zeit in der Exil-Künstlerkolonie Sanary-Sur-Mer nahe der Metropole an der Côte d’Azur. Ironischerweise lautet der Gründungsnahme der Kleinstadt ursprünglich bis Ende des 19. Jahrhunderts San Nazari.
An den Beginn setzt Mann ein Zitat von Nietzsche »Unsre Bestimmung verfügt über uns, auch wenn wir sie noch nicht kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel gibt« (.(Menschliches Allzumenschliches I, Vorrede, § 7). Dies bildet durchaus nicht die Ausnahme; mehrere Zitate oder Paraphrasierungen von Nietzsche oder anderen anti-germanischen Autoren, finden ihren Eingang. So betrachtet ist das Werk zugleich ein historisches wie literaturkritisches und auch aktuelles Dokument, da die grundsätzlich aufgeworfenen Fragen zeitlos geblieben sind – nur dass die Linke und die Rechte weniger klar positioniert und beide nicht frei von anti-demokratischer Haltung sind. Manns Entfremdung vom Kommunismus (Zerwürfnis mit dem roten Magier Bloch) ist bereits deutlich.
Im 23. Kapitel wird Manns Einsatz für die Demokratie und Kritik am Kommunismus gleichzeitig artikuliert. In einer dialoghaften Szene artikuliert er echte und unechte Demokratie, wobei sein Unbehagen an dem Verständnis und dem historischen Scheitern u. a. der Weimarer Republik, aber auch der Räterepublik, deutlich wird. Ich lese den Abschnitt selbst ein (in meinem Buch von Reinbek 1981, S. 336 f)

Foto Belinda Helmert: Tür zum Vortragssaal des deutschen historischen Instituts in Paris, Rue Royal 8
Kollektives Drama und Trauma
Der Roman spielt an verschiedenen Orten, in denen Mann zwischen Entziehungskuren nach Halt und Heimat sucht. Wie alle Flüchtlinge muss er nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Deutschland verlassen und versuchen, nach dem Verlust der Heimat, Identität, seines gesamten bisherigen Lebens Fuß zu fassen. Der Autor, oft als labiler Außenseiter tituliert, trifft auf in Städten wie Paris, Amsterdam, in der Schweiz, in Spanien und in den USA auf Menschen, darunter viele Künstler und Kollegen, die eine Zweckgemeinschaft verbindet.
Ein empfehlenswerter, in 40 Kapitel zu jeweils etwa 60 Minuten unterteilter, Audio-Roman ist abrufbar unter https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/lies-mir-was-vor/vulkan-klaus-mann-100.html, der Volltext unter file:///home/bernd/Downloads/mann_klaus_der_vulkan_1981__ocr.pdf. (In der corona-Zeit, meinem inneren Exil, fand ich Muse, den Roman unter diesen Links sowohl zu hören als auch zu lesen).
Im Vorwort (S. 14) steht in einem Anti-Emigranten- Satz das Schicksal von Mann und den meisten Migranten zusammengefasst: „Wie die Zigeuner werden sie von einem Land ins andere ziehen; man wird sie nirgends behalten wollen; sie werden entwurzelt sein, sie werden den Boden unter den Füßen verlieren, viele werden elend zu Grunde gehen.“ Der resignative Ton zieht sich durchaus als Leitfaden auch durch die Perspektive derjenigen, die diesen Schritt wagen. Ein Journalist sagte einst, ein wirklich guter Literat vermag in einem Satz zu sagen, wofür weniger Begabte 500 Seiten brauchen. Bei Klaus Mann ist beides der Fall, denn der Roman ist zugegeben ein wenig ausführlich, fast pamphletisch und teilweise pathetisch geraten. Andererseits spielen Details, Motive und Situationen eine nicht unwesentliche Rolle, weshalb Aufstände oder Widerstand gelingt oder nicht. In jedem Fall ist „Der Vulkan“ ein großflächiges mutlidimensionales Panorama und nicht auf Effekte, Dramaturgie oder Wendepunkte ausgerichtet. Ein Kollektivtrauma und ein Drama mit individuellen Ausgängen. Mann will der Flucht eben nicht nur eine Stimme verleihen.
Die erste Szene spielt bezeichnenderweise in einem Café, wo deutsche Exilanten (Studenten) von einer Amerikanerin bespuckt werden, weil die alle Deutschen mit Nazis gleichsetzt. Cafés und andere öffentliche Orte widerspiegeln die Wartesaal-Atmosphäre und der verbaute Rückzug ins Private.
Marion von Kammer, unscheinbare, etwas masnkulin wirkende Schauspielerin und offensichtliche Heldin im Pariser Exil, sagt einen äußerst bemerkenswerten Schlüsselsatz: „Man lässt das Scheußliche rasen, zerstören, sich austoben! Als wäre es eine Naturkatastrophe! Als lebten wir auf einem Vulkan, der Feuer speit! Es gibt keine Hilfe. Jeder wartet, ob es ihn trifft.“ Marion verkörpert zweifellos Klaus Manns mutmaßlich größte Liebe, seine Schwester Erika, die lange Seite an Seite mit ihm agiert.Sich selbst schreibt der Autor in die Figur des Martin ein, die zweite Schwester Monika verbirgt sich hinter der Figur Tilly. 1998 wurde „Der Vulkan“ verfilmt mit Nina Hoss in der Rolle Marions und Meret Becker als Tilly.
Unter den exilierten Literaten herrscht nicht nur ein Gefühl des unbefriedigenden Wartens, sondern auch die Empfindung, dass das Böse nun die Herrschaft über die Welt übernommen hat. Hitler und sein Regime wurden dementsprechend als Inbegriff der Bedrohung stilisiert. Damit einhergehend nehmen auch theologische Vorstellungen vom Ende der Welt, der Apokalypse oder auch des Jüngsten Gerichts Einzug in die Werke der Zeit.

Foto Belinda Helmert: Blick aus dem Vortragsaal des Deutschen Historischen Instituts
Tod und Eros
Nicht nur in „Der Vulkan“ verzahnt Klaus Mann Thanatos und Eros – der Spiegel schreibt in seiner Rezension vom 14. 8. 1956 „bis ans Ende von einem Atem getragen“. Die Diplomarbeit von Katrin Sprohar 2009 (Wien) zieht Querverweise zu Georges Bataille, die sich zumindest flüchtig kannten. Themen wie Exzess, Inzest, Ritual, Tabu , klinischer Wahnsinn und Suizid spielen hier eine zentrale Rolle, ebenso wie das Scheitern der Liebe am Zeitgeschehen. https://phaidra.univie.ac.at/api/object/o:1255694/get Der soziologische Begriff dafür lautet Ökologie Verschwendung, da z.B. der krieg als Massen-Suizid betrachtet wird.
Ohne in Typologisierung zu verfallen schildert Mann die Einzelschicksale nicht als Einzelfall. Tilly und Martin etwa sind vom Profil her Selbstmörder, wie es sie angesichts der Verzweiflung in einer so extremen Zeit häufiger gab als allgemein. So heißt es im Roman: “ „Menschliche Bindungen, zarte Rücksicht auf die Geliebte kommen kaum in Frage: die Zeiten sind nicht danach.“ Tilly ist im Gegensatz zu ihrer Schwester Marion keine überzeugte und später enttäuschte Kommunistin; ihr Widerstand hat vornehmlich private Gründe, die Suche nach ihrem in den Untergrund gegangenen Freund. Kurz nachdem sie ihn endlich wiederfindet, wird dieser verhaftet und ins KZ verbracht. Ihre Tragödie ist sowohl zutiefst persönlich als auch Kollektivschicksal, in jedem Fall werden Liebe und Tod hier physisch verbunden.
Tilly treibt ab – das Kind ist von einem Ersatzliebhaber für den so lange gesuchten und schmerzlich vermissten Freund. Offenbar fühlt sie sich für etwas schuldig, so dass die Sehnsucht nach Liebe in jenes Todesverlangen umschlägt: „Ich sterbe, etwas anderes bleibt gar nicht übrig. Ich habe nichts mehr, was mich halten könnte – nicht einmal ein kleines Kind; denn das durfte ich nicht bekommen.“ Auch diese Aussage oszilliert zwischen persönlichem und allgemeinem Versagensängsten, die häufig zum Schuldkomplex auswachsen. Immerhin hat sie zwei Geliebte an die „Seite des Bösen“ verloren und blieb machtlos.
Martin verlässt Nazi-Deutschland freiwillig, nicht als Verfolgter oder Gefährdeter, quasi als Moralist. Er liebt den Drogensüchtigen Kikjou, Spiegelbild Mann eigenem exzessiven Lebensstils zur Kompensation mehrerer Schuldgefühle und Versagensängste und wird bald selbst süchtig. https://www.deutschlandfunkkultur.de/biografie-klaus-mann-ein-leben-thomas-medicus-100.html Heroin wird zu la chose infernale, zur teuflischen Sache, die beiden das Leben kostet. Die Droge zerstört zunehmend die Erotik und schließlich die gesamte Beziehung: „Zwei Menschen, von denen der eine intoxikiert ist, der andere nicht, können auf die Dauer nicht zusammen sein. Sie leben in verschiedenen Welten: Kikjou begriff das bald.“ Aus Solidarität werden beide Morphinisten, die Liebe bleibt auf der Strecke, der Tod triumphiert. Auch der Selbstmord in Raten hat persönliche Gründe und bleibt dennoch ein Gesellschaftsphänomen und soziologisches Problem. Mann spart nicht mit direkten Penetrationsvergleichen von Stichen und Koitus „Sie sind wie die kleinen Wunden, die man von einer wilden Liebesnacht zurückbehält.“
Gegenpart zu den Todessüchtigen sind Marion und Benjamin, die sich für das Leben und die Kunst entscheiden.

Foto Belinda Helmert: Vortragssaal des Deutschen Historischen Instituts in Paris der Stefan Zweig Gesellschaft. Thema: deutsch-französische Freundschaft en während des Ersten und Zweiten Weltkrieges, darunter die Zweigs zu Romain Rolland und Rainer M. Rilke zu Paul Valéry.
Die mörderische Zeit ist angebrochen
So spricht Marcel, Literat und Liebhaber der burschikosen Marions, die es zur Schauspielerei und auf die Bühne zieht. Er fragt nach dem Ort der Utopie „Wohin retten wir uns? Wohin fliehen wir mit unserer Liebe?“ Religion spielt durchaus eine Rolle im Roman, gerade weil das jüdische Selbstverständnis tief von Eschatologie geprägt ist und Marion jüdischer Abstammung ist. Marcel stirbt als Opfer der Résistance. Auch der zweite Liebhaber opfert das persönliche Glück der kollektiven Pflicht zum Widerstand. So spielen Ehre und Tod fürs Vaterland auch ins Private hinein.
Marion tritt erfolgreich in ganz Europa auf, das sie als Stimme des Gewissens mit ihrer Darbietung vor den Faschisten warnt. Sie ist die unfreiwillige Auserwählte, denn alle um sie herum sterben, Freunde, Schwester …. daher klingt der Schmerz und das Schuldgefühl aller Überlebenden an: „Warum muß ich die Überlebende sein?“ Ihr Schicksal, so privat es gehalten ist, erinnert an die Celans und Zweigs dieser Welt, die den Verlust von Familie und Freunden nicht ertrugen und den Weg des Suizids wählten.
Benjamin Abel, gleichfalls jüdischer Abstammung, muss seine Frau zurücklassen, die sich mit den neuen Machthabern arrangiert. Er und Marion werden am Ende ein Paar, weil sich beide für einen Neuanfang bewusst entscheiden und den Mächten des Bösen nicht den Triumph überlassen.
Einige Schwergewichte der deutschen Literatur haben sich über das vermeintliche Leichtgewicht Klaus Mann getäuscht – z.B. der gleichfalls Verfolgte und freiwillig aus dem Leben scheidende Curt Tucholsky mit seinen Worten 1928: „Man braucht nicht gleich auf das Niveau Klaus Manns runterzusteigen, der von Beruf jung ist und von dem gewiss in einer ernsthaften Buchkritik nicht die Rede sein soll.“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/kind-eines-genies-102.html
Ob es genügt, einen Satz wie „Sohn zu sein war sein Schicksal“ als Leitfaden vorzutragen, wie es Literaturkritiker Heribert Hoven tut ? Wohl kaum, wie die causa Franz Kafka zeigt. In „Was bleibt von Klaus Mann? “ schreibt Hoven 2006 zum hundertsten Todestag von Klaus Mann versöhnlich: „Wir haben seine Stimme vermisst beim demokratischen Neuanfang im Nachkriegsdeutschland. Mit Sicherheit hätte er in Adenauers Greisenstaat und darüber hinaus noch einmal seine Kämpfernatur gegen die Spießbürgeridylle und für ein Bürgertum entfaltet, das in der Welt zuhause ist.“ https://literaturkritik.de/id/10117
Die Nachwelt ist milder geworden als die Mitwelt im Umgang mit dem „Lebenskünstler mit dem Hang zum Tod“, doch auch dies erscheint nahezu typisch für Künstler, insbesondere die Widerspenstigen.
Ein persönliches Wort
Auf Klaus Mann kam ich anfangs nur durch die Beschäftigung mit Thomas und Heinrich und las auch nur „Mephisto“, der einerseits die Frage des Nationalsozialismus aus künstlerischer Perspektive und die moralische Frage aus der Zensur bzw. dem Publikationsverbot (laut Tucholsky darf Satire alles) berührte. Später erfasste ich Klaus Mann über seinen Bezug zu Nietzsche im Rahmen meiner Promotion „Nietzsche unter deutschen Literaten“. WSenig schmeichelhaft für einen Schriftsteller, immer nur Fußnote oder bestenfalls Miszelle zu sein.
Ich lernte Marlis Thiel kennen und spät auch ihre literaturwissenschaftliche Promotion schätzen, die mehrfach erwähnt wird, wenn es um Einordnung seines Gesamtwerkes geht. Die Biografie hat mich nie sonderlich gereizt und noch weniger die Homosexuellen- und Morphiumproblematiik. Zu diesem Zeitpunkt las ich im Rahmen der Exilromane auch mal „Der Vulkan“ quer, ohne rechte Begeisterung. Diese galt Joseph Roth oder, um Anti-Faschisten im Exil zu benennen, Tucholsky, Toller, Brecht und v. a. Heinrich Mann. Also blieb das Kapitel Klaus Mann eine Randnotiz.
Angesichts einer Vortragsreise der Stefan Zweig Gesellschaft entdeckte ich auf der Suche nach deutschsprachigen Autoren, für die Paris einen prägenden Einfluss besaß, ein drittes Mal Klaus Mann. Aufgrund von Corona hatte ich zu diesem Zeitpunkt ein neues Bild von Flucht, Verzweiflung, Diskriminierung, Radikalisierung gewonnen und bereits „Der Vulkan“ per Audiodatei gehört, da er mir zugegebenermaßen zu lang erschien und noch immer erscheint – er hat einige unnötige Längen, die nicht mit Perspektiven oder Arabesken erklärbar sind.
Dann hörte ich einen Podcast mit Marlis Thiel und ihre Aussage, dass ihre Sympathie gerade den häufig Vergessenen und Unterschätzen gehört und dies in Zusammenhang mit Paris, der Neubewertung von politischem Engagement und dem selbst erwählten Exil bzw. der zunächst unfreiwilligen Außenseiterposition, die immer etwas mit „Labilität“ oder „Fragilität“ gemein hat, weil der Verlust von Freiheit hoch und die Enttäuschung von vermeintlichen Demokraten schmerzhaft ist, führte zu diesem Die eigene Aktualität (Lesegewohnheiten verschieben sich manchmal) und das Erstaunen, sich so wenig mit Klaus Mann auseinandergesetzt zu haben, fanden endlich zusammen.
Auffallend äußern sich etwas narzisstisch veranlagte zeitgenössische Kritiker häufiger vernichtend oder zumindest pejorativ über Klaus Mann. Sie haben in meinen Augen weder erlebt, was seine Generation zweifach oder dreifach stigmatisierend durchleiden musste: Krieg als Ehre für das Vaterland, Verfolgung aufgrund ihrer gewählten Lebensform (sei es Promiskuität oder Homosexualität) und ihrer politischen Überzeugung (hier einige Jahre Kommunismus, der im Nachkriegsdeutschland und in den USA verboten war). Sie haben sich weder mit aktiven Widerstand unter Lebensgefahr noch mit Existenzfragen wie Hunger auseinandersetzen müssen. Von daher empfinde ich es als nur als subjektive Polemik einen Klaus Mann literarische Qualität absprechen zu wollen.
Söhne von berühmten Vätern werden an diesen gemessen und dies kann nie gerecht oder ausgewogen erfolgen. Politisch und experimentell ist Klaus Mann – ich spreche von „Mephisto“ und „Der Vulkan,“ weil ich die vielen anderen Erzählungen nicht kenne – durchaus anspruchsvoll und nicht nur ambitioniert gewollt, sondern auch künstlerisch besser als der literarische Durchschnitt. Einige Literaturnobelpreisträger (manche kennt kaum noch einer) haben für weniger Qualität mehr quantitativen Zuspruch erhalten.
Die Frage, ob nur der tote Künstler ein berühmter sein, werden oder bleiben kann, lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gab viele, die in ihrer Zeit hoch gehandelt wurden und dauerhaft oder temporär in Vergessenheit gerieten, weil sich ihre Themen oder ihr Stil als zu sehr an die Epoche gebunden heraus kristallisierten. Andere wurden posthum ikonisiert. Es existieren bis heute keine Klaus Mann Museen, keine KM – Jahrbücher und keine KM – Gesellschaft. Dies erscheint mir seiner Leistung gegenüber derespektierlich oder ungerecht. Ein Plädoyer für die Aufwertung von Klaus Mann soll dies dennoch nicht sein, nur die Frage nach Subjektivität und Objektivität bzw. Relationen.
Auf den dichterischen Olymp schaffen es wenige und ob die Götter des Wortes dort auch gute oder wenigstens Vorbilder sein können, wage ich zu bezweifeln. Die Liste menschlicher Mängel ist bekanntlich lang, das wusste schon Terenz: „Homo sum, humani nihil a me alienum puto“ Auch ihn kennen außer den leidgeprüften Lateinschülern und ihren Lehrern kaum noch Leser.
Daher zum Titel: Ein Vulkan brodelt lange, bis er im Zuge einer Selbstentladung vielleicht für immer erlischt. Vor allem aber „regnet“ er einmal sehr eruptiv Feuer, Schutt, Magma und Lava. Langfristig bleiben hingegen Schutt und Asche. Ein großer Künstler leistet sich nicht nur einen Auswurf und seine Wirkung verebbt nicht in Stunden bzw. gemessen an der landschaftlichen Folge in ein paar Jahrzehnten, wenn man von lokalen Veränderungen absieht. Ein Vulkanausbruch bleibt ein globales Ereignis, das generationsübergreifend im Gedächtnis verbleibt.







Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!