
Foto Bernd Oei: James Joyce Bronzefigur, lebensgroß in der 1846 gegründeten Temple Bar im gleichnamigen Altstadtviertel Dublins, das dieser nie erwähnt. In „Ulysses“ (1922) steuert sein Protagonist Bloom andere Kneipen besuchen, z.B. Davy Byrnes.
Vor Sonnenaufgang in Dublins Slums
James Joyce verlies mit 22 Jahren Dublin und damit seine dysfunktionale Familie samt einer konservativen Haltung zurück, die seine poetische Begabung nie verstanden hätte. Er wurde Februar 1882 in Dublins südlichen Stadtheil Rathgar (seinerzeit eigenständige Gemeinde) in der Brighton Square 41 geboren. Sein Vater zog wegen Schulden und zunehmender Pauperisierung extrem häufig um, bis die Familie in den nördlich gelegenen Slums Dublins landete. Diese prägende Erfahrung schlägt sich in den Romanen des Schriftstellers nieder, der entgegen der weitläufigen Annahme niemals den Nobelpreis erhielt.

Joyce sprach fließend deutsch, das er sich autodidaktisch beibrachte – ausgehend von der Bewunderung deutscher Schriftsteller, v.a. dem Dramatiker Gerhart Hauptmann, dessen „Vor Sonnenaufgang“ (1889) er als erster neunzehnjährig ins Englische übersetzte. https://campuspress.yale.edu/modernismlab/vor-sonnenaufgang/ Auch seine eigene Prosa setzte neue Maßstäbe und ist hierin mit des Skandalwirkung des deutschen Naturalismus vergleichbar. Joyce selbst überwand das Leitmotiv des Dramas nicht und trank nicht weniger exzessiv als sein Vater. Er verstarb 58 jährig frühzeitig an den Folgen seines Alkoholexzesses.
Zudem las und bewunderte das Sprachgenie Joyce Schopenhauer und Nietzsche und bezeichnete scherzhaft selbst als „James Overman“ (eine Anspielung auf Übermensch). Der deutlichste Textbeleg „Ein schmerzlicher Fall“ (A Painful Case) aus der Kurzgeschichten-Sammlung „Dubliners“ (1914). Der Protagonist Mr. Duffy ist ein distanzierter, einsamer Intellektueller und Wagnerenthusiast. Joyce beschreibt sein Bücherregal im Detail. Dort stehen explizit zwei Werke von Nietzsche: „Also sprach Zarathustra und „Die fröhliche Wissenschaft“. Duffy nutzt eine vulgäre, falsch verstandene Lesart von Nietzsches Elititarismus, um seine Beziehungsunfähigkeit und emotionale Kälte zu rechtfertigen. So heißt es darin “ … and on his shelves stood two volumes by Nietzsche: Thus Spake Zarathustra and The Gay Science.“ https://www.online-literature.com/james_joyce/964/

Fotos Bernd Oei: Trinity College Dublin, älteste Universität des Landes und europaweit als Elite-Hochschule anerkannt. Die Gründung auf dem 190 000 qm großen erfolgte 1592 unter Elisabeth I. Alle Literaturnobelpreisträger Irlands haben hier studiert. Unten Campanile (freistehender Glockenturm, 1853) https://www.dublin-inside.de/sehenswuerdigkeiten/trinity_college.html

Verbannt
Joyce war eng mit der deutschen Literatur verbunden. „Dubliners“ ist sein ersteres (in Paris entstandenes) Prosawerk. In meinen Blogs https://www.berndoei.de/ein-genie-macht-keine-fehler (Schwerpunkt Joyce Zeit in Triest) und https:/://www.berndoei.de/die-kunst-des-scheiterns (Schwerpunkt Portait eines jungen Mannes als Künstler) befasse ich mich dem Frühwerk, das ich gut kenne, ebenso wie die Kurzgeschichte, wohingegen mir die Avantgarde-Werke, für die Joyce seinen Weltruhm erntete schlicht zu kompliziert (und lang) ausfallen. Der radikale Bruch, verbunden mit Kompromisslosigkeit, die Ortswechsel und Fixierung auf den Beruf sowie neue Lebenspartnerin (das Zimmermädchen Nora Barnacle) mit sich bringen, schlägt sich jedoch in allen Werken des Iren nieder.
Joyce schrieb selbst Dramen, darunter „Verbannte“ (Exiles, 1918). Das Stück spiegelt fast eins zu eins die unkonventionelle, von extremer Eifersucht geprägte Beziehung zwischen James Joyce und seiner Lebensgefährtin Nora Barnacle aus Galway wider.

Nicht zufällig fand die Uraufführung 1919 in München statt – in Irland wäre es undenkbar gewesen, dort fand er erst posthum Anerkennung. Den Bloomsday am 16. Juni (benannt nach dem einzigen Tag, von dem „Ulysseus“ handelt) feiert man in Irland erst seit 1954. Zwar kommt in dem Drama nicht der legendäre Satz „Irland ist die alte Sau, die ihre Ferkel frisst“ vor, doch das Stück entstand sieben Jahre nach dem letzten Besuch des Autors auf der Insel.
Der Dreiakter spielt wie alle literarischen Werke von Joyce in Dublin. Der Intellektuelle und Schriftsteller Richard Rowan (Joyce) kehrt nach neun Jahren im italienischen Exil (Triest) mit seiner Lebensgefährtin Bertha (Nora) und dem gemeinsamen Sohn nach Dublin zurück. Beide Partner liebäugeln mit alten Bekannten, die das Gegenteil ihres jetzigen Geliebten verkörpern. Beide erkennen, dass sie durch ihre radikalen Ansichten und ihr Exil für immer aus der normalen Gesellschaft „verbannt“ sind.
Die Premiere in Irland, natürlich im legendären Abbey Theatre, erfolgte erst 1950, zehn Jahre nach dem Tod des Poeten und es war ihr noch kein Erfolg beschieden, es wurde sogar nach der Premiere abgesetzt. Aber auch München zeigte sich nicht bereit für einen derartigen Affront gegen die bürgerliche Gesellschaft. Der anonym im Publikum sitzende Joce kommentiert: “Complete fiasco. Row in theatre.“ https://www.themorgan.org/exhibitions/online/ulysses/exiles-play-three-acts
Für mich ein Anlass, die Kunst des Scheiterns mit Joyce zu assoziieren. Ebenso wie die Bars, Pubs, das Guinness. Nur manche trinken ohne Genies zu sein und manche sind Genies trotz ihres Alkoholkonsums, nicht aufgrund dessen.

Fotos Bernd Oei: Temple Bar, berühmteste der 800 Pubs in Dublin inmitten der Altstadt, 1 km nordwestlich des Trinity College direkt am Flussufer Liffey gelegen. Heute touristisch vermarktet mit permanenter life Music, stronomischen Guinness-Preisen und kaum Iren als Gästen. Vergleichbar mit dem Münchner Hofbräuhaus…. https://www.dublin-inside.de/sehenswuerdigkeiten/temple-bar.html

Dublin als Körper
Die Verbindung von „Ulysseus“ zu Dublin ist hoch potenziert, so dass es nahe liegt zu denken, dass Joyce sich mit dem griechischen Helden Homers identifizierte, da er nur einmal nach seiner abrupten Abreise 1904 in seine „Heimat“ zurückkehrte, sie aber immer wieder in sein Narrativ aufnahm. Ein Teil der Faszination lag sicherlich an der unvergleichlichen Pub-Kultur. https:/ /www.whiskyguide-deutschland.de/die-waffen-dublins-poeten-pubs-und-whiskey/ Im Grunde ist nicht Bloom, dessen 24 Stunden Tag im Bewusstseinsprotokoll festgehalten wird (samt Montage), sondern die Hauptstadt Irlands selbst der Protagonist.
Der Roman hat je nach Ausgabe zwischen 732 (Erstausgabe1922) und 1000 Seiten. Ein mit mir befreundeter Kunstkritiker befand, was man auf 100 Seiten nicht sagen kann, wird einem auf 500 erst recht nicht gelingen. Das mag alle Romane ad absurdum führen, die Quintessenz aber lautet: wozu so lange schreiben, wenn es kürzer und prägnanter geht. Mag ich persönlich auch an dem Volumen gescheitert sein und nur einige Kapitel rezipiert haben, so zolle ich der darin enthaltenen Wortalchemie doch meinen tiefsten Respekt.
Hier zumindest greift der von mir oft beschworene genius loci. Joyce nutzt Dublin nicht wie die meisten Autoren als Kulisse, sondern als strukturelles, psychologisches und metaphysisches Fundament des gesamten Kunstwerks. Dublin als corpus delicti.
In der klassischen Antike war der Genius Loci ein beschützender oder prägender Geist, der fest an einen Raum gebunden war. Joyce modernisiert diesen Gedanken radikal: Der Geist Dublins ist bei ihm kein unsichtbares Wesen, sondern die Summe der kollektiven Reize und Atmosphären.
Die Stadt und die Psyche der Figuren verschmelzen. Der Dreck, der Lärm der Trambahnen, der Geruch von verbranntem Nierenfett in Blooms Küche oder der Dunst im Pub steuern die Gedanken der Protagonisten. Der Genius Loci evoziert den Bewusstseinsstrom. Beispiel aus Kapitel 4, Calypso: „Heißer Asphalt riecht nach Teer und alten Hufeisen. Meine Sohlen kleben ein bisschen bei jedem Schritt. Klack. Klack. Warum reparieren die diese Straße nie. Seine Majestät der König schert sich einen Dreck um irische Schlaglöcher.“
Calypso (griechisch kalyptein) bedeutet verhüllen/verbergen und bewirkt als Meeresgöttin die unvorhersehbaren Stürme. Bloom verlässt in diesem Kapitel Molly, sein Haus und betritt die Straße, seine Irrfahrt beginnt. Der inhärente, genuine Zusammenhang zwischen genius loci und stream of consciousness: erstens die Relation von Banalem und der Ästhetik (Die Schönheit des scheinbar Niedrigen, die Baudelaire als spleen eingeführt hat) Dublin bietet das Fleisch, das Bloom begehrt oder ständig wahrnimmt.
Blooms Gedankenstrom spiegelt diesen Ort perfekt wider. Er ist nicht mit heroischen Gedanken beschäftigt, sondern kreist um den Hunger, die Verdauung, die Trägheit des Morgens und die sexuelle Anziehungskraft seiner im Bett liegenden Frau Molly. Beide – Ort und Geist – zelebrieren die pure, ungeschönte Physis des Daseins.

Dublin, Davy Byrne’s pub, Duke Street im Viertel Temple Bar, das Joyce in „Ulysseus“erwähnt. Spezialität, das im Roman (8. Kapitel) von Bloom verzehrte Gorgonzola-Sandwich mit starkem Senf und ein Glas Burgunder.

Foto Bernd Oei: Dublin, Altstadt Temple Bar Viertel
Der Raum fesselt den Geist
In Homers Odyssee ist Calypso die Nymphe, die Odysseus auf ihrer Insel Ogygia gefangen hält. Im Roman wird diese Insel zu Blooms häuslichem Heim, und der Genius Loci ist von einer gemütlichen, aber lähmenden Enge geprägt.In Homers Odyssee ist Calypso die Nymphe, die Odysseus auf ihrer Insel Ogygia gefangen hält. Im Roman wird diese Insel zu Blooms häuslichem Heim, und der Genius Loci ist von einer gemütlichen, aber lähmenden Enge geprägt.
Bloom bewegt sich in einem engen Radius. Er geht vom Bett in die Küche, auf die Straße zum Metzger (Dlugacz), wieder zurück in die Küche, ins Schlafzimmer und ins Klo. Der Raum hält ihn fest.Blooms Gedankenstrom spiegelt diese räumliche Zirkulation. Seine Gedanken driften zwar in die Ferne (er träumt beim Anblick der Morgensonne von fernen, orientalischen Ländern wie Ceylon oder Jerusalem), kehren aber durch die physischen Begrenzungen des Hauses immer wieder zur Realität zurück: dem Kochen des Tees, dem Toasten des Brotes und der Sorge, ob Molly zufrieden ist.
Daher kann man nur schlussfolgern: Der Raum fesselt den Geist; der Geist kreist gefangen im Raum. Das Bewusstsein ist keine abgeschlossene Festung , sondern eine durchlässige Membran, die den Geist des Ortes ununterbrochen einsaugt. Der Stream of Consciousness existiert hier überhaupt nur durch den Raum.
Beispiel 1: Bloom sieht die rohe Niere beim Metzger der Ort riecht nach Blut und Fleisch . Blooms Gedankenstrom springt sofort auf den Geschmack von Urin und Fett er spürt physischen Hunger.
Beispiel 2: Die Katze miau Bloom beobachtet ihre geschmeidigen Bewegungen sein innerer Monolog analysiert die Natur von Katzen, ihre Augen, ihr Gehör. „Mr. Bloom beobachtete neugierig, freundlich, die geschmeidige schwarze Gestalt. […] – Milch für das Pussilein, sagte er. – Mrkgnau! schrie die Katze. Die sollen nun dumm sein. Dabei verstehen sie besser, was wir sagen, als wir sie verstehn. Die da versteht haarscharf alles, was sie verstehen will.“ (Seite 75 oder XXVII) https://www.bonaventura.blog/category/autorinnen/ij/joyce-james/

Fotos Bernd Oei: Temple Bar Viertel,

Foto Bernd Oei: Temple Bar Viertel, „The Quays Bar, Fownes Street. Typische Fassade im viktorianischen Stil mit Holzfront in Dunkelgrün und Gold sowie die kunstvollen, glasierten Kacheln. https://quaysdublin.ie/
Molly ist tot, es lebe Marion
Die wichtigste weibliche Hauptfigur in Ulysses heißt Marion „Molly“ Bloom. Da James Joyce ein Meister der Wortspiele und Anspielungen war, nutzt er das allgegenwärtige Dubliner Lied Molly Malone (mit der Zeile „Cockles and Mussels, alive, alive, oh!“), um im Kopf des Lesers eine Verbindung zu Leopold Blooms Ehefrau Molly herzustellen. Das bezieht sich auf den Refrain der rufenden Fischverkäuferin „Muscheln und Miesmuscheln, lebendig, lebendig oh“!, die allen Dublinern den Kopf verdreht(e). Der geamte Songtext ist nachzulesen unter https://www.letras.com/dubliners/1748740/deutsch.html
Das Lied taucht an mehreren Stellen im Buch auf, wenn Charaktere durch die Straßen Dublins spazieren und Straßenmusikanten hören oder Fragmente von Volksliedern summen. Es dient Joyce dazu, die akustische Atmosphäre des realen Dublins vom 16. Juni 1904 perfekt einzufangen. Die Staute ist heute eines der meistfotografierten Denkmäler der Stadt.
Der Legende nach war Molly Malone eine wunderschöne junge Frau, die im 17. Jahrhundert in Dublin lebte. Sie verdiente ihr Geld auf zweifache Weise: Tagsüber zog sie mit einem Karren durch die Straßen und verkaufte Muscheln und Krabben, nachts sich selbst. Sie starb tragischerweise schon in jungen Jahren an einem heftigen Fieber, ihr Geist spukte fortan durch die Straßen Dublins.
Im Roman hat Molly Bloom eine leidenschaftliche Opernsängerin, die eine Affäre mit ihrem Manager Blazes Boylan. Ihr Mann Leopold weiß dass sie ihn nachmittags betrügt (der Roman handelt nur von einem einzigen Tag) und ist daher sehr betrübt. Zudem wird er im eigenen Haus 7 Eccles Street betrogen (es wurde 1967 abgerissen) nördlich des Flusses Liffey.

Foto Bernd Oei: Temple Bar Viertel, Rockmuseum Irish Rock ’n‘ Roll Museum Experience in der Curved Street. https://irish-rock-n-roll-museum.dublin-ticket.com/?ci=1&cm=23811122763_196284997876_c_s_irish%20rock%20n%20roll%20museum%20experience_e__kwd-2187962580899&gad_source=5&gad_campaignid=23811122763&gclid=EAIaIQobChMIk4bd6PzVlwMVlYBQBh1pRhJ4EAAYASAAEgJiRfD_BwE

Foto Bernd Oei: Angeblich ältester Fish § Chip Store in Dublin, nachweislich steht dieser aber im Viertel The Liberties und ist bis heute reiner Mitnehm-Laden, wohingegen dieser mit Animateur ein Restaurant ist.

Foto Bernd Oei: Statue Molly Malone (1988)auf dem Weg zum Trinity College in der Grafton Street von Jeanne Rynhart. Die Figur erinnert an einen der berühmtesten Balladen Irlands, das 100 Jahre zuvor entstand und das vom frühen Tod der schönen Fischverkäuferin Dublins handelt. Die Iren kennen den Text und singen ihn inbrünstig mit. https://de.wikipedia.org/wiki/Molly_Malone






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