
Foto Bernd Oei: Schloss Blarney, Südwestirland 7 km nordwestlich von Cork entfernt. Das 580 Jahre alte Gebäude steht symbolisch für die Entmachtung des irischen Adels Ende des 17. Jahrhunderts. Heute ein Touristenmagnet. https://de.wikipedia.org/wiki/Blarney_Castle
Scott macht Blarney berühmt
Der schottische Schriftsteller und Inbegriff des historischen Romans (sowie der englischen Romantik, aber auch auf E.T.A. Hoffmann, Goethe, Gebrüder Grimm, Hauff und Fontane) Sir Walter Scott (1771-1832) besuchte Blarney Castle am 30. August 1825. Mit seinen Reisenotizen in The Journal of Sir Walter Scott trug entscheidend dazu bei, den Blarney Stone und das Blarney Castle zu einem weltweiten Mythos der Romantik und zu einer Touristenattraktion zu machen.
Vor Scott war Geschichtsschreibung trocken und fiktive historische Erzählungen oft ungenau. Geschichte existierte nicht einmal als Studiumfach. Mit seinem anonym veröffentlichten Roman „Waverley“ (1814) veränderte er die Literaturwelt für immer. Waverley steht für eine Person, einen Briten, der im Regiment die schottischen Highlands kennenlernt, die Historie der Clans, und inmitten des Jakobitenaufstands die Seiten wechselt, desertiert und für die schottische Unabhängigkeit gegen sein Mutterland kämpft.
Er brachte das schlimmste Unheil über die Highlands: Der Aufstand der Jakobiten 1745. In Culloden fand er sein grausames Ende – legte aber den Grundstein für viele Legenden und Geschichten, die bis heute die Romantik des nördlichen Schottland prägenhttps:/https://www.myhighlands.de/highlands-wissen/der-jakobitenaufstand-grausames-ende-romantische-verklarung/
Am Ende triumphiert die Vernunft und Waverley wählt den Frieden statt des tragischen, romantischen Untergangs. Sein Schwanken (waver) findet ein Ende, er trifft reasanable decisions. Der Roman über den common sense bildet die Premieredes bereits mit Meriten versehenen Dichters Scott. Zudem wirkte er seitdem als Brücke und Vermittler; er war im Herzen stolzer Schotte, unterstützte aber gleichzeitig leidenschaftlich die britische Union. https://projekt-gutenberg.org/authors/walter-scott/books/waverley-so-wars-vor-sechzig-jahren/chapter/2/

Fotos Bernd Oei: Blarney Castle, County Cork.

Auf der Basis einer Melodie
Scott nutzte seine enorme literarische Popularität, um das Phänomen „Blarney“ ästhetisch zu rahmen und in den Kanon der europäischen Romantik zu heben, weil er die Burg für ein lebendiges Stück irischer Kultur schätzte. Dieser Zusammenhang zeichnet sich durch drei Ebenen aus. Scott faszinierte diese spezifische Form des irischen Humors und des Erzählstils (Storytelling). In seinen Reiseskizzen und Briefen stellte er das Phänomen nicht als simple Lügengeschichten dar, sondern als eine poetische und schützenswerte Ausdrucksform der irischen Volksseele, ähnlich den schottischen Highlandsagen. Er begann darum hinter oder in den Mythen nach einem historischen Kern zu suchen. Zudem war er überzeugt davon, dass solche genius locii entscheidend für die Bildung einer Volksseele sind. Drittens zeigte er sich tief beeindruckt von der burlesken Ballade „The Groves of Blarney“ von Richard Alfred Millikin, die auch den irischen Barden Moore in ihren Bann zog.
Milkins humorvolle Parodie auf übertriebene Lobgedichte entstand und den berühmten Blarney-Stein besingt. „There is the stone there, that whoever kisses, /Oh! he never misses to grow eloquent. / Tis he may clamber to a lady’s chamber, /Or become a member of parliament. Scott nutzte diesen Mythos, inszenierte sich als frommer Pilger und küsste den Stein, um seine Schüchternheit abzulegen und ein eloquenter Dichter/Redner zu werden. Gleichzeitig rühmte er damit die irische Tradition mündlicher Geschichtsüberlieferung. Schon hier wandte Scott die Formel von facts to folks an. Dennoch spielt keiner der insgesamt 27 Romane von Scott in Irland.

Foto Bernd Oei: Blarney Mill, County Cork, älteste wollverarbeitende Mühle Irlands, nur wenige Meter vom Blarney Castle entfernt. Die1750 gegründete Wollspinnerei am Fluss Martin hat sich zur größten irischen Laden der Welt entwickelt.

Foto Bernd Oei: River Martin, das durch Blarney fließ. Trotz seiner nur 15 km und geringen Tiefe ein historisch bedeutsamer Fluss in der irischen Grafschaft Cork, der das Dorf Blarney prägt und eng mit der industriellen Entwicklung der Region verwoben ist.
Moore und die Rose
Ein weiterer populärer Dichter/Sänger besuchte Blarney kurz vordem und inspirierte Scott zu dessen Huldigung der Burg samt Stein. Thomas Moore (1779-1852), Irlands auch politisch engagierter Nationalbarde bereiste er seine Heimat mehrfach intensiv – unter anderem während einer großen Südirland-Tour im Sommer 1823. Er stand sowohl mit Scott seit 1812 bis zu dessen Tod 1832 als auch mit Byron (1788-1824) seit 1811 bis zu dessen Tod in vertraulicher Verbindung, so dass diese beiden sich auch aufgrund der persönlichen Beziehung für Irlands Geschicke interessierten. Moore verdiente sich seine Reputation über Balladen mit irischen Themen und Biografien, darunter die von Byron (der selbst nie in Irland war).
Moore bildet das Gegenstück zu Scott, der schottischen Stimme und Byron, der britischen Stimme. Sie alle lehnten Gewalt als Form der Erhebung ab. Moore stand politisch und künstlerisch für den irischen Patriotismus, die katholische Emanzipation und die Bewahrung der irischen Kultur. Als Irlands inoffizieller Nationaldichter nutzte er seine Lyrik und Musik, um dem englischen Publikum das Leid und die Identität seiner Heimat nahezubringen, blieb dabei jedoch gesellschaftlich moderat. Man kann sie daher als Reformer bezeichnen, wohingegen Shelly, der auch aktiv für die irische Widerstandsbewegung eintrat, die radikale Revolution repräsentiert.
Der gebürtige Dubliner Moore sammelte traditionelle irische Harfenmelodien und versah sie mit eigenen, oft melancholischen Texten, um die reiche Kultur Irlands vor dem Vergessen zu bewahren. Dazu gehört auch die Wiederbelebung der Blarney-Stone-Legende. 1824 nach seinem Besuch des Schlosses schrieb er: „Castle Blarney will be a great beauty in the Number.“ http://www.ricorso.net/rx/library/authors/classic/Croker_TC/Notes_TM/TM_Letter06.htm (Note 117).

Fotos Bernd Oei: Impressionen aus Blarney, 7 km nordwestlich von Cork gelegen. Das Dorf hat rund 2700 Einwohner.

Aus den schönen Hainen wird Verblühen
Dieses Dokument belegt die direkte Verbindung: Moore bezog sich hierbei auf die Musik des bekannten irischen Volksliedes „The Groves of Blarney“ (Die Haine von Blarney). Darin rühmt Richard Milkinny ausdrücklich die Gärten und die Schönheit von Blarney Castle. (Die Haine von Blarney, sie sehen so bezaubernd aus, / ganz nah am Murmeln der süßen, stillen Bäche, / gesäumt von Blumensträußen, die dort von selber wachsen, / ordnungsgemäß angepflanzt im lieblichen Rockclose. / Dort gibt es das Gänseblümchen und die süße Nelke, / die blühende Nelke und die Rose so schön…
The Groves of Blarney they look so charming,
All by the murmuring of sweet silent streams,
Being banked with posies that spontaneous grow there,
Planted in order by the sweet Rockclose.Moore machte daraus „Tis the Last Rose of Summer““ mit einem Text (eine musikalische Version ist zu hören unter www.youtube.com/watch?v=WEe-cJwNkhQ) in dem Blarney nicht mehr vorkommt. Er zählt zu den meist interpretierten Stücken irischer Folkmusik. Grundsätzlich versah Moore alte Melodien mit neuen Texten wie in diesem Fall eine letzte verblühende Rose die humorvollen Gartenbeschreibung ersetzte. Die drei Strophen mit acht Versen finden sich unter „https://en.wikipedia.org/wiki/The_Last_Rose_of_Summer






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