Lauf auf Wolken, obwohl du es besser weißt

Foto Bernd Oei: Glanmore Lake, der am „heilenden Pass“ genau mittig zwischen County Cork und County Kerry liegt. Weitere Bilder unter https://www.irland-highlights.de/sehenswuerdigkeit/glanmore-lake/

Magie in Bäumen und Steinen

Die Serpentinen-Passstraße R574 führt über die Caha-Berge und markiert auf ihrer Passhöhe die offizielle Grenze zwischen den Grafschaften Cork und Kerry. Die von mir begangene Route beginnt im Süden nahe dem Ort Adrigole in der Grafschaft Cork und schlängelt sich über Haarnadelkurven nach Norden in Richtung Lauragh (Kerry). Sobald man die Passhöhe überquert hat, blickt man hinab auf das Tal mit dem malerischen Glanmore Lake. Er gehört geografisch noch immer zur Beara Peninsula. Übersetzt aus dem Irischen/Keltischen bedeutet Loch an Ghleanna Mhoir Großer See des Tals von Gleann.

Diese kurvige Straße verbindet zwei Grafschaften im Südwesten Irlands: Cork und Kerry und heißt seit dem 19. Jahrhundert Healing Path. https://www.rexby.com/de/Irishpix/ttd/scenic-mountain-road-in-ireland

Den Caha Bergen, zwischen denen der Healing Path entlang führt, werden heilende Kräfte zugesprochen wie den Weißdorn- Büschen, in denen Elfen wohnen, den Fairy Trees. Sie dürfen nie gefällt werden. https://trips.ie/de/healy-pass/

Foto Bernd Oei: Glanmore Lake: 57 ha groß, 20 m tief und nur 8 m über dem Meeresspiegel. In ihm finden sich viele kleine Inseln, was ihn zu einem Besuchermagneten macht. Zudem ist der See Herzenort des Literaturnobelpreisträgers Seamus Heaney, dem nach nach William Butler Yeats, George Bernard Shaw und Samuel Becket vierten irischen Nobelpreisträger 1995.

Healing und Heaney

„Walk on air against your better judgement“ (Lauf auf Wolken, obwohl du es besser weißt) stammt aus dem Gedicht „The Gravel Walks“ (Die Kieswege), veröffentlicht im Gedichtband „The Spirit Level“ – nachzuhören vom Dichter selbst vorgetragen unter

Heaney lies diesen Vers, den er auch auf seiner Nobelpreisrede einfließen als sein Credo lies, auf seinen Grabstein (in Nordirland) gravieren. Das Gedicht bezieht sich sowohl auf seine Herkunft (den Kiesweg vor dem Elternhaus) als auch auf einen irischen Folkloretanz mit charakteristischer Geigenmusik und symbolisiert die harte Arbeit der Bauern im Zusammenhang mit irischer Vitalität. Daher inkludiert die hervorgehobene Zeile die Leichtigkeit trotz der Schwere und Härte des Alltags.

Als katholischer Nordire der in einer ländlichen Region des County Derry aufwuchs, erlebte Heany (1939-2013), die Eskalation der Gewalt ab den späten 1960er-Jahren hautnah mit. Seine Haltung lässt sich durch drei zentrale Aspekte beschreiben. Heaney weigerte sich jedoch strikt, Gewalt zu verherrlichen oder parteiische Propaganda zu betreiben. Er verabscheute die Brutalität beider Seiten und bezeichnete die Geschichte des Konflikts in seiner Nobelpreisrede eindringlich als ein „Schlachthaus“. https://www.planetlyrik.de/wp-content/uploads/2013/09/Seamus-Heaney-Nachruf.pdf

Um der bedrückenden Atmosphäre des ständigen Misstrauens, der Straßensperren und des militärischen Drucks im Norden („ein Ministerium der Angst“) zu entkommen, zog Heaney 1972 mit seiner Familie in den Süden, in die Republik Irland. Er erklärte später, dass er den Norden geografisch verlassen musste, um ihn literarisch überhaupt erst mit der nötigen Distanz und Klarheit verstehen und beschreiben zu können.

Seine Gedichte, im Süden nahe dem See entstanden handeln über den Norden seiner Herkunft. Heaney sucht darin stets nach einer Balance zwischen dem Mitgefühl für das Leid seiner katholischen Gemeinschaft und einer universellen Verurteilung von Terror.

Foto Bernd Oei: Healing Path, Blick auf Sugarloaf Mountain, Teil der Caha Mountains Kette (irische Bedeutung „Sumpf“ bedeutet), einem zerklüfteten Mittelgebirgszug im Südwesten Irlands., der sich über die gesamte Länge der Beara Halbinsel erstreckt.

Foto Bernd Oei: Am Fuße der Südseite des Hungry Hill stürzen die Seen Coomadayallig und Coomarkane in den Mare’s Tail Waterfall (Pferdeschweif) – den mit 330 m höchsten Wasserfall Irlands und Großbritanniens, kaskadenartig in die Tiefe https://www.irland-highlights.de/sehenswuerdigkeit/mares-tail-waterfall/

Das Ende einer Blockade

Die wilde Landschaft des Healy Pass auf der Beara-Halbinsel im Südwesten Irlands und die umliegenden Caha-Berge spielten eine fundamentale Rolle für Heaneys kreativen Befreiungsschlag, die sich in seinem Gedicht „The Peninsula “ (1966) spiegelt. Es fand Aufnahme im Lyrikband „Door into the Dark (1969)“ , in dem Heaney die Bedeutung von Landschaft und Naturerlebnis betont. Der Volltext steht unter https://www.faber.co.uk/journal/poem-of-the-week-the-peninsula-by-seamus-heaney/?srsltid=AU7gw4UgX_hAJE05QNwHRNtAymNUdA6T5BZvFDujuLY7leBLeHcRl4xr

Die raue, vom Atlantik gepeitschte Natur rund um den Healy Pass bot ihm eine Kulisse, in der die politische Zerrissenheit des Nordens keine Rolle spielte. Die monumentale Stille der Berge und Täler half ihm, seine Schreibblockade zu lösen und sich auf elementare menschliche Erfahrungen zu konzentrieren. Stationen seiner Reisen mit Bildern: https://roaringwaterjournal.com/tag/glanmore-sonnets-heaney/

Die vier Quartette handeln von der heilenden und transformativen Kraft der Landschaft als Gegenmittel zur kreativen und inneren Sprachlosigkeit, unter der Heany litt. Man kann dies als sein Leitmotiv bezeichnen. Daher eine Übersetzung: von „Die Halbinsel“

Wenn man nichts mehr zu sagen hat, bleibt nur noch
Das Fahren für einen Tag rund um die Halbinsel.
Der Himmel ist hoch über der nackten Landschaft,
Kein Platz zum Anhalten, außer am Horizont.

Am Abend treffen dich die Klippen am Meer wieder,
Der Pass geht über in das weite Watt,
Wo der Strand ins Dunkle taucht, und das Wasser
Den festen Sand wie sauber gebranntes Zinn zurücklässt.

Die Scheinwerfer tasten sich an Felsen vorbei,
Die Silhouetten von Häusern wirken fremd und stumm;
Dort drüben pflügt ein Traktor im Dunkeln,
Mit einem Lichtstrahl, der die Furchen hochjagt.

Nun brauchst du nicht mehr nach Worten zu suchen.
Du fährst nach Hause, hast die Landschaft verinnerlicht:
Dinge, die gegründet sind auf das, was sie sind,
Und hast gelernt, das Rohe im Gedächtnis zu bewahren.

Foto Bernd Oei: Healing Path, Serpentinenstraße, welche die Briten von den irischen Arbeitern bauen ließen und die hierzulande road to nowhere genannt werden. Sie sind die direkte Folge der Famine Roads (Hungerstraßen) Mitte des 19. Jahrhunderts.

Foto Bernd Oei: Healing Path mit Blick auf Sugarloaf Mountain und farbilich markierten Schafen, die es scharenweise gibt. Das Resultat der ehemaligen Gletscher sind tiefe Täler, Kalklippen und zahlreiche , teilweise tiefschwarze Bergseen.

Straße ins Nirgendwo

Die kurvige Straße des Healy Pass ist historisch eine der bekanntesten und am besten erhaltenen „Famine Roads“ (Hungerstraßen) Irlands. Seine Entstehung im Jahr 1847 ist mit dem düstersten Kapitel der irischen Geschichte verknüpft – der Großen Hungersnot (The Great Famine, 1845–1852). michaeljhealy.com/2025/04/21/the-healy-pass/

Als die Kartoffelernte ausfiel und Millionen Iren hungerten, weigerte sich die britische Regierung aus marktideologischen Gründen, kostenlos Nahrungsmittel zu verteilen. Stattdessen führte sie ein umstrittenes System öffentlicher Arbeiten ein (Poor Relief Public Works). Die hungernde Bevölkerung wurde gezwungen, unter härtesten Bedingungen körperliche Arbeit zu leisten, um sich einen minimalen Lohn für den Kauf von Getreide oder Suppe zu „verdienen“. Das primäre Projekt im ländlichen Raum war der Straßenbau.

Der ursprüngliche Pfad über die Caha-Berge – damals noch als „Kerry Pass“ bekannt – wurde im berüchtigten Jahr 1847 im Rahmen dieses Programms zu einer befestigten Straße ausgebaut. Die oft unmenschliche Arbeit war so begehrt, weil sie die einzige Überlebenschance bot. Historische Berichte dokumentieren, dass Menschen am Straßenrand warteten, bis ein Arbeiter vor Erschöpfung oder Hunger umfiel, in der Hoffnung, dessen Platz in der Kolonne einnehmen zu dürfen. https:///daily.jstor.org/the-ghost-roads-of-irelands-great-famine/

In ganz Irland sind viele Famine Roads als „Roads to Nowhere“ (Straßen ins Nirgendwo) bekannt. Die britischen Verwalter ließen oft absichtlich unproduktive Wege mitten in Mooren oder an steilen Hängen enden. Passend zur Untergangsstimmung, der ein Lächeln abgewonnen wird, wie es Heany mit seinem Wolkentanz tut, Talking Heads: www.youtube.com/watch?v=LQiOA7euaYA

Foto Bernd Oei: Hungry Hill, der mit 685m höchste der Caha Mountains, die aus Gletschern aus dem Devon Zeitalter hervorgegangen sind gruene-insel.de/blog/2022/barley-lake-idyllischer-see-in-den-caha-mountains/

Foto Bernd Oei: Arbeiterhaus aus grauem Granitstein am Hungry Hill.

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