
Foto Bernd Oei: Carrick on Shannon, nördlicher Teil Irlands, County Leitrim, Hausfassade (Literary Heritage Mural) mit den fünf Poeten der Region: John McGahern, Susan Langstaff Mitchell, Nora Murray, M. J. Mc Manus und Canon William Slator.
Vom Gewinn nach dem Verlust
Zugegeben, ich kannte nur Yeats und durch seine tiefe Freundschaft den Namen von Susan Langstaff Mitchell in Verbindung mit Carrick on Shannon. Präziser: In Sligo, der Wirkungsstätte von Yeats an der Nordküste Irlands, plante ich zweimal den Ausflug nach Carrick, um die Slieve League zu sehen (Irlands 600 Meter-Steilküste). Doch an einem Tag war es zu stürmisch für den ohnehin riskanten Aufstieg, zudem zu nebelig für die Aussicht und an meinem Abreisetag war das Zeitfenster (um Carrick zu erreichen, muss man 3 Stunden einplanen) zu klein. So blieb mir nur der Abstecher in den Namensvetter, der mir immerhin den Blick auf den großen Fluss Irlands gewährte – vergleichbar mit der Bedeutung des Rheins für Deutschland.
Auffallend, wie sehr die Kleinstadt mit ihren nicht einmal 5000 Einwohnern Regierungsbezirk des County (auch der kleinste des Landes) wurde, wie bunt und blumenreich sie daherkommt und vor allem, wie sehr sie ihre Poeten ehrt. Der bekannteste von ihnen ist sicherlich John Mc Gahern (1934–2006), der mehrere Bestseller schrieb, in Carrick on Shannon aufwuchs und einer der wenigen Schriftsteller ist, die international bekannt sind. Da mein Wissen über zeitgenössische Denker und Dichter äußerst limitiert ist, sei auf seine Seite verwiesen. https://de.wikipedia.org/wiki/John_McGahern
Ich nutze die eingestandene Bildungslücke, um die Fragen mancher Leser zu beantworten: weiß ich so viel wie ich schreibe? Natürlich nicht. Ich arbeite das nach, was ich auf meinen Reisen gesehen habe, v.a. Fakten. So wusste ich aufgrund der Vorbereitung, dass der Shannon der bedeutendste Fluss Irlands ist und dass alle Flüsse mit keltischen Göttern verbunden sind (dies gilt ja nicht nur für Irland. Nur darum besuchte ich Carrick: es liegt eine Stunde Zugfahrt von Sligo entfernt und kann auch bei miesem Wetter Reize entfalten. Wäre das Wetter besser oder Carrick mit seinen atemberaubenden Steilküsteklippen erreichbar gewesen, wäre es nie zu diesem Blog gekommen. All die anderen oben aufgeführten und mehrfach liebevoll geehrten Poeten (das kenne ich in dieser Art nicht) las ich nach und mitunter gibt es auch lokale oder regionale Bedeutungen, die sich einem Fremden kaum erschließen, was u.a. auch mit der Uhr und dem Politiker zusammenhängt, der später Erwähnung findet.
Bei der Nachbearbeitung suche ich immer nach Verbindungen des Ortes zu Literaten und Philosophen. Manches mal ahnt oder weiß man etwas, wie im Fall Yeats und Sligo über diesen Zusammenhang und mitunter kenne ich auch wenigstens ein Werk, manchmal sogar mehrere von den porträtierten Literaten/Philosophen. Die Zitate entnehme ich entweder meinen Manuskripten oder, weit häufiger, der KI. Es gibt ja auch genügend im Internet an Primärquellen, die einem das liefern, was man früher hätte über Bibliothek oder Fernleihe und komplettes Durchstöbern eines Buches hat leisten müssen. Daher gebe ich fast immer die Quellen an, um mich nicht mit fremden Federn zu schmücken und auch, weil man als Leser sein Wissen über den Link vertiefen kann.
Carrick on Shannonlag nicht auf meiner Reiseroute: die 14 Tage (netto 12) waren für den Süden bzw. Südwestküste eingeplant und zwei Tage für den Norden, um genau zu sein für Sligo, seine Bucht, seine montane Umgebung (die Stadt interessierte mich nur am Rande) und den Ausflug zu den Klippen, die den Höhepunkt meines Irland-Trips hätten bilden sollen. Das Wetter war durchgehend schlecht, sehr sogar, mal zu windig, immer nass und meist auch nebulös, so dass manche Aussicht entfiel oder Küstenwege gesperrt und Bergaufstiege a priori vereitelt waren.
Doch eines habe ich gelernt: Jeder Nachteil birgt einen Vorteil, jedes Unwetter einen Silberstreif in sich. Man muss ihn halt sehen oder suchen lernen. In meinem Fall habe ich den Abstecher nach Carrick on Shannon nie bereut und das nicht nur wegen des Flusses, den ich schon immer auf der to do Liste hatte, den ich aber bei einem Klippenbesuch nie nachgekommen wäre.

Bernd Oei: Carrick on Shannon (statt dem geplanten Carrick an der Sligo Bucht), benannt nach dem wasserreichsten und mit 370 km längsten Fluss Irlands. Er fließt vom Nordost-Gebirge (Ulster, Nordirland) mittig Richtung Süden, wo er in Limerick in den Atlantik mündet. Ein sehenswerter Film über den Shannon: https://www.ardmediathek.de/video/laender-menschen-abenteuer/der-shannon-irlands-grosser-fluss/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS9wcm9wbGFuXzE5NjM0NjAzNV9nYW56ZVNlbmR1bmc

Foto Bernd Oei: Der Shannon als Maske nebst 12 anderen Flüssen, die Irland prägen. The Temple Bar, historischer Pub im historischen Viertel Dublins, erinnert an die keltische Göttin Sionan, die dem Shannon zugesprochen wird. Sie ist die Enkelin des Meeresgottes Lir. Der bzw. die Shannon entspringt einem unterirdischen Höhlensystem. (Das steht alles unter der Maske).
Nichts selbstverständlich nehmen
Das Thema von Verlust und dem bitteren oder tröstlichen „Gewinn“ danach zieht sich wie ein roter Faden durch John Mc Gaherns gesamtes Werk. Als Chronist des ländlichen Irlands ging es ihm selten um materiellen Gewinn, sondern vielmehr um den emotionalen und existenziellen Gewinn – wie Reife, Akzeptanz oder das Erkennen des Werts des Lebens – erst nachdem ein tiefer Verlust erlitten wurde Ein Zitat aus „Amongs Woman“ ,1990 (deutscher Titel „Unter dem Ladungshimmel“)
„Wenn man Gefahr läuft, eine Sache zu verlieren, wird sie kostbar; und wenn sie um uns herum ist, gibt es sie im Überfluss und wir nehmen sie als selbstverständlich hin, als ob wir ewig leben würden – was wir nicht tun.“
Das Zitat aus dem preisgekrönten Roman beschreibt die innere Gedankenwelt der Hauptfigur Moran, einem verbitterten, tyrannischen, aber tief im Inneren verunsicherten Veteranen des irischen Unabhängigkeitskrieges. In dieser Passage des Buches reflektiert er – während er älter wird und seine Kinder das elterliche Haus in Leitrim verlassen – über die Vergänglichkeit des Augenblicks und die schmerzhafte Erkenntnis, dass der Mensch oft erst im Moment des Verlusts begreift, wie kostbar das alltägliche Leben eigentlich war. https://arrow.tudublin.ie/cgi/viewcontent.cgi?article=1017&context=ittbusbks
Anti-Held ist Michael Moran, ein gealterter Guerilla-Veteran des irischen Unabhängigkeitskrieges. In der Vergangenheit war er ein gefeierter Kriegsheld, doch im modernen, friedlichen Irland findet er keinen Platz mehr. Enttäuscht von der Politik hat er sich auf seine abgelegene Farm Great Meadow zurückgezogen. Seine Frustration und seinen Kontrollzwang lässt er nun an seiner Familie aus.

Foto Bernd Oei: Carrick on Shannon, Dreifaltigkeit – Buchladen, Geheimtipp für Buchliebhaber und Sammler, Antiquariat.

Foto Bernd Oei: Carrick on Shannon, The Barrelstore, bekanntesten und stilvollsten Craft-Beer- und Cocktailbars der Region.
Trost und innerer Frieden
Für die Charaktere von John Mc Gahern ist der drohende oder vollzogene Verlust oft der schmerzhafte Katalysator, um das gegenwärtige Leben überhaupt erst schätzen zu lernen. In seinem letzten Roman „„That They May Face the Rising Sun“, 2002 („Leitrim. Ein Jahr im Leben“ zeigt der eine reife Form des „Gewinns nach dem Verlust“. Die Hauptfiguren (ein Ehepaar, das aus dem Exil nach Leitrim zurückkehrt) erleben den ständigen Verlust von Nachbarn, Freunden und alten Traditionen. Doch der Gewinn, den sie daraus ziehen, ist ein tiefer, fast meditativer Frieden mit der Natur, den Riten des Alltags und der eigenen Sterblichkeit. In einem Interview sagte er dazu einmal, dass eine zu bewusste Suche nach Glück dieses oft zerstöre, es sich aber nach Schmerz und Verlust in der Stille des Alltags wieder einfinden kann.
Nahezu jeder Autor verdankt sein Leitmotiv dem eigenen Lebenserfahrungen, da die meisten Schrifsteller ihre Probleme durch das Schreiben zu bewältigen suchen. In meinem Blog über Wittgenstein lernte ich, dass der bedeutende Vertreter der Analyitschen Philosophie Einsamkeit und, Todesangst nur durch Aufsuchen der ihn traumatisierenden Situationen mental zu bewältigen suchte.
Der traumatischste Verlust seiner Jugend war der frühe Krebstod seiner geliebten Mutter, gefolgt von den emotionalen Grausamkeiten seines Vaters. Der „Gewinn“ aus diesem schmerzvollen Verlust war für Mc Gahern seine Zuflucht in die Welt der Bücher und letztlich seine Berufung als Schriftsteller. Der Verlust schärfte seine Beobachtungsgabe und schenkte ihm die emotionale Tiefe, die ihn zu einem der erfolgreichsten, vielleicht auch besten (bei Weitem nicht das Gleiche) Autoren Irlands machte.

Foto Bernd Oei: Carrick on Shannon, Mc Cann Memorial Monument. Die bronzene Uhr auf Sandstein wurde 1905 von den Bürgern des County Leitrim (Shannon ist ihr Regierungssitz) in der Main Street für den Politiker errichtet, 4 Jahre nach seinem Tod.

Fotos Bernd Oei: Carrick on Shannon, populärstes Pub im Herzen der Stadt, Main Street. The Swan hat mehrere Preise der Region gewonnen: Bestes Guinness, beste Fassade, beste Atmosphäre, beste Live Music. Mehr geht eigentlich nicht. Die Fassade stammt wie Inneneinrichtung aus der viktorianischen Epoche um die Jahrhundertwende. Die Stadt ist übrigens geteilt: der Schwan liegt in jenem Stadtteil, der zum County Roscommon zählt. https://de.wikipedia.org/wiki/Carrick-on-Shannon

Satire, Nostalgie, Krisenbewältigung
Die berühmteste in Carrick geborene Literatin ist zweifellos Susan Langstaff-Mitchell, Dichterin, Essayistin und Journalistin. Sie arbeitete jahrelang als stellvertretende Redakteurin für die einflussreichen Zeitschriften The Irish Homestead und The Irish Statesman. Zur Meisterschaft brachte sie dabei Satiren auf eitle Politiker und Prominente, für die sie im ganzen Land gelesen wurde.
Beispielhaft für die Verbindung von Satire und Region ist ihr Gedichtband The Living Chalice (1908/1913). In dem nostalgischen Titel-Poem „Der lebende Kelch“ verarbeitet die Autorin den schmerzhaften Verlust ihrer Kindheit. Nachdem ihr Vater starb, als sie sechs Jahre alt war, wurde sie aus ihrer idyllischen Geburtsstadt Carrick-on-Shannon weggerissen und nach Dublin geschickt. Das Gedicht ist eine sehnliche, fast schmerzhafte geistige Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit vor dem Einbruch des Schicksals. https://www.cambridge.org/core/books/abs/poetry-by-women-in-ireland/susan-l-mitchell-186619061926/C7A05A85C59D08B3AD2C588A9E849CDE
Im Gegensatz zu einigen anderen irischen Autoren, die u.a. von Böll ins Deutsche übersetzt wurden und von dessen Popularität profitierten, gehört Langstaff-Mitchell zu den nationalen, vielleicht sogar nur regionalen Koryphäen. Daher zunächst das (über KI) gefundene Original, welches eine tiefgreifende Erschöpfung und die Sehnsucht nach dem Tod beschreibt – eine Krise, die jedoch in eine spirituelle Wende und Heilung mündet. Die Seele wird als Gefäß bzw. „lebender Kelch“ verstanden, das sich dem göttlichen Einströmen neuer Lebensenergie öffnen soll, statt aufzugeben.
„I will not walk these roads of pain,
I will turn back to youth again.
‚Tis full sunlight, though past the noon,
The night will not come very soon,
And if you haste we may lie down
Before sunset in Carrick town.“
Das interessanteste Zitat, das ihre satirische Seite dokumentiert, ist für mich: „„Ireland regards sex, when she regards it at all, with an entirely primitive and practical eye.“ (Irland betrachtet Sex, wenn es ihn überhaupt wahrnimmt, mit einem völlig primitiven und praktischen Auge.) https://www.dib.ie/biography/mitchell-susan-langstaff-a5841
Die Verse, die auf ihrem Denkmal stehen, betonen gleichfalls Resilienz als Antwort auf erlittenen Verlust und lauten:
„I will not walk these roads of pain,
I will turn back to youth again.
‚Tis full sunlight, though past the noon,
The night will not come very soon,
And if you haste we may lie down
Before sunset in Carrick town.„
The Living Chalice, and Other Poems, Carrick, 1913. Da antizipierte die Poetin wohl an EWric Idles Song „Always Look on the Bright Side of Life“ aus dem Film von Monty Python, das man Jesus am Kreuz zusingt. https://www.youtube.com/watch?v=SJUhlRoBL8M

Foto Bernd Oei: Carrick on Shannon, Denkmal für Susan Langstaff Mitchell, eine herausragende Persönlichkeit des Irish Literary Revival (der irischen kulturellen Renaissance um die Jahrhundertwende, die auch auf der Hausfassade nebst anderen Poeten der Region geehrt wird. Sie stammt aus Carrick, lebte von 1866 bis 1926 (größtenteils in Dublin) und machte sich einen Namen als Satirikerin. Zudem war sie eng mit Yeats befreundet, der sie nahezu verehrte. Im Hintergrund die St. George Church, 1827.

Fotos Bernd Oei: Carrick on Shannon, 5 – Bogen Brücke (1846) Carrick Bridge aus Sandstein mit der Gabelung des Flusses, wobei die linke Uferseite zum County Leitrim https://de.wikipedia.org/wiki/County_Leitrim und die rechte zum County Roscommon gehört.







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