
Foto Bernd Oei: Cork (County Cork), Südwestirland, Fitzgerald’s Park mit Seerosendeich und Skulpturengruppe. https://de.wikipedia.org/wiki/Fitzgerald-Park Fitzgerald war treibende Kraft der Modernisierung der Stadt zur Jahrhundertwende.
Kritik am extremen Reichtum
Mit Cork ist untrennbar der Name George Berkeley verbunden. Der Philosoph wurde allerdings 150 km nordöstlich der Stadt in der Biermetropole Kilkenney (1710 gegründet als älteste Brauerei Irlands) geboren. In Cork trinkt man allerdings weder das rotbraune Kilkenney noch das fast schwarze Guinness (1759), sondern das mildere Murphy‘ s (benannt nach dem Gründer), das hier seit 1856 gebraut wird. Berkley kannte nur die erstgenannte das Bier seiner Geburtsstadt, denn er lebte zwischen 1685 und 1753.
Der irische, äußerst gottesfürchtige Protestant lebte lange in London und in den USA – war also Emigrant, wenngleich nicht aus Gründen der Armut, da er aus der Oberschicht stammte – kehrte nach einem gescheiterten Projekt 1734 nach Irland, genauer in die Nähe Corks zurück, wo er 18 Jahre als Bischof in Cloyne verbrachte. Dieser Ort liegt 30 km entfernt nahe Cork Harbour, wo der Fluss Lee in die irische See (Celtic Sea) mündet. Dass er des öfteren in Cork verweilte ist dokumentiert. https://www.britannica.com/biography/George-Berkeley/Period-of-his-major-works
Cork hatte Mitte des 18. Jahrhunderts an die 60 000 Bewohner, eine verhältnismäßig große Stadt in Europa und bekannt für Butter, Rindfleisch und als Venedig des Nordens auch für seine vielen Brücken über den Fluss. Der Geistliche kritisierte die extreme Spanne zwischen Reichtum und Armut in der Handelsmetropole in seiner sozialkritischen Schrift The Querist („Der Fragesteller“) In seinen Essays stellt er imaginären Gesprächspartnern/Lesern Fragen, die sie selbst beantworten sollten und die nahelegen, dass er über die Gründe der Armut nachdenken sollte. Marx kannte das Buch und sah darin eine Vorarbeit zu seinen Studien zur Wirtschaftspolitik.
Berkeley kannte einige Gebäude, die heute noch stehen und auch die Vorgängerkirche der prägnanten Fin Bare‘ s Kathedrale.

Foto Bernd Oei: Cork, Fluss Lee und Saint Fin Barre’s Cathedral https://www.stfinbarres.ie/ Mein erster Tag in Irland – vom Dubliner Flughafen ging es mit Air Coach Bus 265 km ins südwestlich gelegene Cork, mit 130 000 Ew. die zweitgrößte Stadt der Insel. Die imposante Kathedrale wurde im 1865-79 im neugotischen Stil auf 74 m Höhe errichtet auf den Ruinen ihrer Vorgängerin.

Foto Bernd Oei: Cork, St. Patrick’s Bridge über den Fluss Lee. Die dreibogige Kalksteinbrücke wurde 1789 erbaut und nach ihrer Überschwemmung durch das historische Hochwasser vom 2.11. 1853 acht Jahre später neu errichtet. Die Lee ist stark gezeitenabhängig und schwankt zwischen 0,5 und 1,5 m Tiefe. 1853 stieg der Wasserpegel auf 5 m und trat damit über die Ufer.
Berkeley’s Sensualismus
Sensualismus ist eine radikale Weiterentwicklung des klassischen Empirismus. Während Empiriker allgemein sagen, dass Wissen aus der Erfahrung stammt, gehen Sensualisten einen Schritt weiter: Sie behaupten, dass es im menschlichen Geist überhaupt nichts gibt, was nicht zuvor als reiner, roher Sinneseindruck (Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken) wahrgenommen wurde. Selbst abstrakte Gedanken oder Gefühle sind demnach nur zusammengesetzte oder verblasste Sinnesempfindungen.
Berkeley gilt als Vater dieser philosophischen Richtung, denn er prägte den lateinischen Kerngedanken „Esse est percipi“ „Sein ist Wahrgenommenwerden“. Der 3 Worte Satz stammt aus „A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge„, 1710. Der irische Philosoph und Bischof studierte zu diesem Zeitpunkt noch an der Trinity College Dublin, die ich nach Besichtigung in meinem Dublin Blog erwähne.
Berkeley argumentiert, dass wir niemals eine „materielle Außenwelt“ direkt erkennen können. Alles, was wir als „Gegenstand“ (z. B. eine Brücke) bezeichnen, ist in Wahrheit nur eine Sammlung von Sinnesdaten (Farbe, Form, Festigkeit) in unserem Bewusstsein.

Foto Bernd Oei: Cork, Innenstadt, Fußgängerzone Winthrop Street, die sich der Hauptstraße St. Patrick’s anschließt.

Foto Bernd Oei: Saints Peter and Paul’s Lane, mit gleichnamiger Kirche, eine Seitengasse der Winthrop Street,. Pubs gegenüber von Kirchen, Religion und Bier in direkter Nachbarschaft, dazu life music auf den Straßen und im Pub sollten mich durchweg begleiten.
Gott macht uns wahrnehmend
Um zu erklären, warum die Welt nicht einfach verschwindet, wenn wir die Augen schließen, argumentiert Berkeley in „„Drei Dialoge zwischen Hylas und Philonous“ (1713): Gott nimmt alles permanent wahr und sendet diese Sinneseindrücke direkt in unseren Geist. Letzterer ist sein Alter Ego und sagt: „Wenn ich meine Augen schließe, existieren die Dinge, die ich sah, zwar nicht mehr in meinem Geist … Aber daraus folgt nicht, dass sie absolut nicht mehr existieren. Es muss also ein anderer Geist vorhanden sein, in welchem sie existieren, wenn sie nicht von mir wahrgenommen werden.“ (Dritter Dialog, Ende des Gottesbeweises)
Bereits in den 3 Jahre vorhergehenden „Untersuchungen“ Gott und der Erhalter der Sinneswelt und ursächlich für die Wahrnehmung, die weder allein im Geist noch in den Dingen selbst zu suchen ist, womit Berkeley dem Dualismus widerspricht, die eine strikte Trennung von Geist und Körper vornimmt und Probleme hat, die Schnittstelle Seele genau zu erklären.
Auch die, später bei Kant im Transzendentalismus wieder betonte Grenze zwischen Einbildung, Urteil und Fantasie/Vorstellung, versucht Berkeley zu begründen. Die genaue Unterscheidung zwischen der bloßen menschlichen Fantasie (Einbildungskraft) und der echten Realität der Natur liegt vor, weil Gott über der von uns wahrnehmbaren Welt steht. Da er die Existenz von toter, physischer Materie komplett ablehnt und behauptet, dass alles, was wir erleben, nur aus „Ideen“ in unserem Geist besteht, steht er vor einem logischen Problem und reflektiert: „Wenn alles nur in meinem Kopf existiert, was unterscheidet dann einen realen, massiven Stein von einem rein eingebildeten Stein?“ (Untersuchungen, § 29).
Berkeley nennt drei klare Kriterien für den Unterschied zwischen Realität und Idealität.

Fotos Bernd Oei: Fitzgerald’s Park, größter Park (1906 eröffnet) der Stadt, direkt an den Nordarm des Flusses Lee grenzend. Die Entfernung zur Fußgängerzone beträgt über 2,3 km; die Fläche des auch mit Skulpturen, Wasserspielen und einem Museum samt Café bereichernden Grünflächen über 7,3 Hektar. Abends schließen die Tore, um Übernachtungen zu unterbinden.

Involuntarität, Intensität, Kohärenz
Das erste Kriterium betrifft die Unabhängigkeit des Willens (Involuntarität): Wenn du deine Augen öffnest, kannst du nicht selbst aussuchen, was du siehst. Wenn du mitten in Cork stehst, siehst du den Fluss Lee – egal, ob du willst oder nicht. Deine Fantasie hingegen kannst du steuern (du kannst dir jetzt ein Einhorn vorstellen). Reale Sinneseindrücke werden dir also von einer äußeren, mächtigeren Kraft (Gott) aufgezwungen. Berkeley nennt das „Landkarte des Bewusstseins“ (landscape of consciousness).
Das zweite Kriterium betrifft die Intensität bzw. Lebhaftigkeit und Stärke (vivacity): Reale Sinneseindrücke sind ungleich „stärker, lebhafter und deutlicher“ als die verblassten Bilder unserer Erinnerung oder Einbildung. Der Schmerz, wenn du dir den Fuß an einem echten Stein stößt, hat eine völlig andere Intensität als der Gedanke an diesen Schmerz.
Das dritte Kriterium impliziert Ordnung und Kohärenz (Naturgesetze): Das ist Berkeleys wichtigstes Kriterium. Einbildungen und Träume sind oft wirr, sprunghaft und unvorhersehbar. Die von Gott erzeugte Realität hingegen läuft in einer „festen Reihe oder Kette“ ab. Sie folgt strikten Regeln (Ursache und Wirkung). Das, was wir Naturgesetze nennen, ist für Berkeley nichts anderes als die verlässliche, perfekt strukturierte „Sprache Gottes“, mit der er die Sinneseindrücke in unser Bewusstsein einspeist.
Fazit: Sowohl die Fantasie (chimeras) als auch die Realität (real things) sind im philosophischen Sinne „Ideen“ im Geist. Aber während die Fantasie dein eigenes, schwaches Werk ist, sind die realen Dinge die kraftvollen, unumstößlichen und perfekt geordneten Gedanken Gottes, die er direkt mit deinem Bewusstsein teilt.

Foto Bernd Oei: Cork, Fitzgerald’s Park mit schwankende Fußgängerbrücke „Shakey Bridge“ (offiziell Daly’s Bridgeüber die Lee. Sie verbindet den auf einem Hügel gelegenen Stadtteil Sunday’s Well im Norden mit dem tief liegenden Park im Süden.

Foto Bernd Oei Cork, eine der 14 Brücken des Nordarms, die über den Fluss Lee führen, zu denen 15 weitere des Südarms kommen. Man kommt sich vor wie in Venedig … fast. In der Stadt selbst schwankt die Breite des Lees zwischen 25 und 55 m (St. Patrick’s Bridge). Insgesamt durchzieht der Fluss den County Cork im Südwesten der Insel 90 km, um sehr breit im Celtic Sea zu münden. https://en.wikipedia.org/wiki/River_Lee
Sein ist Wahrgenommen-Werden
Für Berkeley besteht ein Gegenstand – wie ein Apfel oder die St. Patrick’s Bridge in Cork – nicht aus einer eigenständigen, toten „Materie“. Wenn wir einen Apfel beschreiben, nennen wir seine Eigenschaften: Er ist rund, rot, knackig und süß.
All diese Eigenschaften sind jedoch reine Sinnesdaten (Farbe, Form, Geschmack). Da Sinnesdaten aber logischerweise nur im Bewusstsein eines Wahrnehmenden existieren können, existiert auch der Apfel selbst ausschließlich als Idee im Geist. Ein Ding, das von absolut niemandem wahrgenommen wird, ist für Berkeley ein logischer Widerspruch und existiert schlichtweg nicht.
Die Welt ist kein Traum (Die Realitätsgrenze) : Obwohl alles nur „Idee“ ist, unterscheidet Berkeley strikt zwischen unserer eigenen Fantasie und der echten Realität. Echte Sinneseindrücke sind stärker, lebhafter und – was am wichtigsten ist – unabhängig von unserem Willen. Wenn du die Augen öffnest, kannst du nicht aussuchen, was du siehst; die Realität wird deinem Geist von außen aufgezwungen. Zudem läuft sie in einer absolut verlässlichen, logischen Kette ab (den Naturgesetzen).
Gott als der ewige Wahrnehmer: Hier schließt sich Berkeleys Kreis zur „göttlichen Lösung“: Wenn die Welt nicht von unserem menschlichen Willen abhängt und ein Baum im Wald nicht einfach aufhört zu existieren, sobald der letzte Mensch wegsieht, dann liegt das daran, dass Gott die Welt permanent und lückenlos wahrnimmt.
Die gesamte physische Realität ist demnach nichts anderes als ein ständiges, perfekt geordnetes Signal Gottes, das er direkt in die menschlichen Geister einspeist. Die Naturgesetze sind die „Sprache“, in der Gott mit uns kommuniziert.
Berkeleys Lehre wischt die Materie beiseite und verwandelt das Universum in einen reinen, geistigen Raum. Die Welt ist ein gigantischer, göttlicher Dialog, bei dem wir die Empfänger der Sinnesgedanken Gottes sind.
„Denn was sind die genannten Gegenstände anders als die Dinge, die wir durch die Sinne wahrnehmen? Und was nehmen wir anders wahr als unsere eigenen Ideen oder Empfindungen? Und ist es nicht geradezu widersinnig, dass eine dieser Ideen oder eine Verbindung von ihnen unperzipiert existieren könne?“ (Untersuchungen, § 4)

Foto Bernd Oei: Cork, neoklassizistisches Rathaus (City Hall), 1936, am Fluss in der Stadtmitte am Südarm des Flusses. Das historische Rathaus wurde während des Unabhängigkeitskrieges von britischen Truppen niedergebrannt.

Foto Bernd Oei: Cork Opera House am Abend und am Nordarm des Flusses gelegen. Vor 1000 Zuhörern nicht nur klassische Oper gespielt. An fast 300 Abenden im Jahr wechseln sich Musicals, Ballett, Theaterstücke, Comedy-Shows, Pop- und Rockkonzerte ab.
zwischen Locke und Hume
Berkeley nimmt in der Philosophiegeschichte eine Schlüsselrolle als Scharnier und radikaler Grenzgänger des britischen Empirismus ein. Er bildet zusammen mit John Locke und David Hume das berühmte Triumvirat dieser Epoche, unterscheidet sich von ihnen jedoch durch seine Metaphysik grundlegend. Locke gilt als Wegbereiter (materieller und gemäßigter Empirist (alles Wissen stammt aus Erfahrung), Hume als dessen radikaler Vollender, was auch den Skeptizismus (Hinterfragung der Kausalität) begründet, den Kant wiederum zu widerlegen versucht.
Berkeleys Immaterialismus ist der zentrale Fixpunkt dieser britischen Geisteshaltung. Er nutzt den Empirismus, um paradoxerweise einen unumstößlichen Gottesbeweis zu führen. Sein immaterieller Immaterialismus ist nahezu identisch mit subjektiver Idealismus: Es gibt keine reine Materie. Nur der wahrnehmende Geist (Mensch/Gott) und seine Ideen sind real.
Für Hume entspricht die „göttliche Lösung“ reines Wunschdenken und ist philosophisch nicht haltbar.

Foto Bernd Oei: Cork, St. Patrick’s Bridge aus der anderen Richtung mit Blick auf St. Patrick’s Street und Busbahnhof, da ich abends nach Bantry weiterfuhr, wo ich bei „Waterloo“ erstmals zeltete. Das ist jedoch ein anderer Blog und eine andere Story.

Foto Bernd Oei: Cork, Makrthalle am Fluss Lee. Ich lief den Lee Fields Walk, die reine Natur-Promenade direkt am Flussufer im Westen der Stadt – sie misst als Hin- und Rückweg zusammen 5,8 Kilometer. Mit 14 kg auf dem Rücken eine Herausforderung.






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