
Foto Malte Godglück: Rom, Villa Medici 16. Jahrhundert) auf dem Pincio-Hügel., Viale della Trinità dei Monti,. Heute die Académie de France, vom Sonnenkönig Ludwig XIV gegründet und und sich seit 1803 hier ansässig. André Malraux war in seiner Funktion als Kulturminister von 1961-77 ihr Direktor.
Kranksein als Normalität – mit einem Regenschirm eine Riesin bändigend
Viele Engländer – hier ist nur von Literaten die Rede – zog es nach Italien und damit nahezu gesetzmäßig auch Rom- Keats und Shelly liegen hier auf dem Protestantischen Friedhof (Cimitero Acattolico) im Stadtteil Testacciosogar begraben.
Byron verweilte in der ewigen Stadt am Tiber, nach ihm gegen Ende des 19. Jahrhunderts Oscar Wilde und George Ellot und schließlich den reinen Prosa-Autoren des viktorianischen Zeitalters Dickens, Waugh, Thackary und E.M. Foster. Dieser Blog beschäftigt sich jedoch mit Virginia Woolf und dem Bloomsbury-Kreis, benannt nach dem Stadtviertel Camden in Zentral-London; das bekannteste Gebäude dürfte das British Museum sein.
Eine Lesung , die mit dem Satz beginnt, „Es ist genauso schwer, ein gutes Leben zu führen wie ein gute Geschichte zu schreiben“, ein Satz von Virginia Woolf, ist zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=Xdu4LCLhQI0. In diesem Roman „Die Liebenden von Bloomsbury“, angelehnt an die Biografie der Londoner Schriftstellerin (1882-1941) beschreibt die Autorin die Gegend, wie sie zur Zeit der Zwanziger ausgesehen haben dürfte.
Viktorianismus bezeichnet die Periode unter der 63 Jahre und damit der längsten amtierenden Queen 1837 – 1901, in dem Großbritannien zur führenden Weltmacht aufstieg. Virginia Woolf verkörpert trotz ihres literarischen Weltruhms das genau Gegenteil: sie war krank, sehr krank und entweder manisch oder depressiv, sechs Suizidversuche begleiteten ihr Leben und der letzte endete aus ihrer Sicht erfolgreich. Sie folgte damit ihrer inneren Stimme, von der sie häufig sprach/schrieb.
Die Angst, wahnsinnig zu werden, trieb Woolf definitiv in den Wahnsinn. Self fullfilling prophecy. „Wenn ich allein bin, stürze ich oft ins Nichts hinab“, lauten Worte aus ihrem Abschiedsbrief an den geliebten fürsorglichen Gatten Lenoard, dem sie eine glückliche Ehe bescheinigte, auch um ihn Selbstvorwürfe zu ersparen. Dessen Versuche, sie über einen eigens für sie gegründeten Verlag zum Schreiben als freie Schriftstellerin zu ermutigen, waren nicht genug. https://www.aerzteblatt.de/archiv/virginia-woolf-1882-1941-den-inneren-stroemen-des-bewusstseins-nachspueren-b8f5d6a1-ebdf-4fc8-92e1-b428b5459fe4
Ihr Essay „On Being ill „(1926) beleuchtet selbstkritisch die Ambivalenz ihrer früh ausgebrochenen Paranoia. Die Wahrnehmung der Welt wird eine andere, wenn man krank ist. Man sieht, im Bett liegend, Stimmen anders, sieht mehr Himmel, hat weniger Sprache zur Verfügung. Dieses Thema macht Woolf, geborene Stephen, in dem sie auch die Vorteile (sich eine Auszeit vom belastenden Leben zu nehmen) zu dem ihrigen. In der Krankheit las sie Rimbaud und Mallarmé, Symbolisten, dunkle Stimmen, denen die Poesie wichtiger war als das Leben, die Gesundheit, das Heilsame. https://www.deutschlandfunkkultur.de/rezension-virginia-woolf-vom-kranksein-100.html Der Rundfunk-Beitrag zum Ausklang des Jahres 2025 gräbt sogar eine komödiantische Seite der ansonsten düsteren Schriftstellerin aus,. So schlägt in „The Life of Violet“ die Riesin Violet, eine Selbstkarikatur Woolfs (1,70 m für ihre Zeit sehr groß) mit einem Regenschirm in die Flucht.

Foto Malte Godglück: Rom, Blick von der Mauer auf Villa Medici, auf deren Festung, auf der Gallieo Gallilei interniert wurde. Im Gegensatz zu den Medicis in Florenz, die Wissenschaftler wie ihn förderten, geriet er 1633 in die Fänge der Akquisition, päpstlichen Bann und stand unter Hausarrest. Neun Jahre später erblindete er. https://www.youtube.com/watch?v=z274ffoICII&t=164s
Alles im Halbdunkel
Unvikorianisch war Woolf. Sie spricht von Szenen erfinden und Sätze zu schreiben als Grundlage ihres Seins, als Überlebensstrategie. https://www.br.de/mediathek/podcast/hoerspiel-pool/sehr-sehr-unviktorianisch-virginia-woolf-pionierin-der-literarischen-moderne-1/1845257 Der Rundfunk-Beitrag aus dem Jahr 2025 beleuchtet die Biografie, die zudem die Obsession des Schreibens erklärt. 800 Essays, neun Romanen und acht Novellen. Virginia wurde privat unterrichtet, durfte nie studieren, aber das ist fast schon normal für eine Frau ihrer Zeit. Vielleicht sogar der Missbrauch, die Hassliebe zum Vater und zur Mutter: erst nach ihrem Tod konnte sie die werden, die sie im Grunde nach ihrer Veranlagung immer war. Emotionale Instabilität sagt man. Hemingway lässt grüßen.
Ihr Leben wurde fast folgerichtig von Nicole Kidman in „The hours“ (Die Stunden, ein weiterer Roman) dargestellt: konsequent, da Woolf trotz attestierter Schönheit unter ihrer Größe litt wie die australische Schauspielerin und beide einen Ehepartner hatten, in der Sexualität weniger als fürsorgliche Pflege stattfand. Der Film basiert auf dem Roman 1998 von Michael Cunningham, einem amerikanischen Schriftsteller (1952 geboren) .Zugegeben, ich halte von Film und Buch wenig, aber er hilft natürlich „reinzukommen“ in die Materie.
Halluzinationen und Koma gehörten jedoch zweifellos zu Woolf, der Meisterin des stream of conscoiusness in der Literatur. Der erste Roman: „Die Fahrt hinaus“ ist ohne Bloomsbury nicht vorstellbar, obschon er noch nichts von der kompromisslosen Art ihres eigenen Tons, den sie seit 1917 anschlagen konnte (dank des Verlags ihres Mannes) , den ihr The Hogarth Press ermöglichte. Die Bloomsbury-Group bestand aus wechselnden Mitgliedern, darunter Leonard Woolf, der Ökonom John Maynard Keynes, die Malerinnen Vanessa Bell und Dora Carrington, der Kunstkritiker Roger Fry, der Biograf Lytton Strachey und der Schriftsteller E.M. Forster. Letzterem ist ein eigener Podcast mit Rombildern gewidmet.
Die eigentliche, heute meistgelesene britische Autorin (neben Jane Austen) Schriftstellerin beginnt mit „Jacobs room“ Nur einzelne Fragmente, Splitter sind elementar und authentisch. Daher die Montage, der snap shot. Kein Realismus, mehr scheinbarer Zufall, Skizze, keine Erklärung, sondern Dichotomie. Jacob, der eigentliche Held, bleibt im Dunkeln, eine Rhapsodie ohne Erkenntnis, mit einem sinnlosen Tod, der auch nur angedeutet wird. Der Verzicht auf Erklärung und Innenwelt, der Schwerpunkt auf Die-Identifikation, auf Satzfetzen, ist gewollt. In den Mittelpunkt gerät schon bald der stream of consciousness
Eine Einführung zum Premiere-Roman, im gleichen Jahr von Joyce‘ „Ulysseus“ und Eliotts „The Wasteland“ publiziert, liefert https://de.wikipedia.org/wiki/Jacobs_Zimmer. Ausführlicher und tiefer in der Analyse https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/ein-eigenes-zimmer/6968. Alles bleibt im Halbdunkel. Die eigene Nahtod-Erfahrung bzw. den Verlust vieler Familienmitlieder ist prägend für den Woolf-Style. Zwischen 1922 und 1933 schrieb Woolf ihre wichtigsten Romane.

Foto Malte Godglück: Villa Medici, Innenhof. Für die Gartenanlage zeichnete hauptsächlich Ferdinando I de Midci (1549-1609) verantwortlich. Über Virginia Woolfs Reisen ans Mittelmeer und Italien, vorwiegend vor dem Ersten Weltkrieg, informiert der Rundfunkbeitrag https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-lesung/virginia-woolf-mittelmeer-100.html
Es ist zwecklos, Leute zusammenfassen zu wollen – man kann sie nicht verstehen
Obiges Zitat ist Woolf entlehnt. Nicht nur, weil ihr Essay „Ein Zimmer für sich allein“ an „Jakobs Zimmer“, Woolfs dritter Roman, anknüpft, sondern weil Woolf „the room“ immer wieder betont, in allen Werken und von literarischen Räumen spricht, die mit finanzieller Unabhängigkeit beginnen, (es sei nochmals betont, sie fand keinen Verlag, wo sich heute alle um sie reißen und mit ihr schmücken), danach kommt die intellektuelle Freiheit, die geistige Unabhängigkeit von ihrer Zeit (konkret dem Viktorianismus), zuletzt die Privatsphäre, die es braucht, um einen inneren eigenen Raum zu betreten oder zu verlassen. Seit ich selbst ohne eigenes Zimmer war , verstehe ich sehr genau, was das bedeutet. Möglichkeit zur Selbstentfaltung.
Scarborough steht am Anfang. Die meisten denken vielleicht an Simon und Garfunkel (Are you going to Scarborough Fair?) ein Lied, das um Eifersucht kreist und dadurch auch um verlorene Liebe. Für die Englischmächtigen: das Buch ist einsehbar unter https://www.berndoei.de/wp-login.php?redirect_to=https%3A%2F%2Fwww.berndoei.de%2Fwp-admin%2F&reauth=1 Wie im Song geht es in Woolfs Roman um die Flüchtigkeit des Lebens
Der erste Satz lautet “ So of course,” wrote Betty Flanders, pressing her heels rather deeper in the sand, “ there was nothing for it but to leave.” Natürlich, schrieb B.F.ihre Absätze ziemlich tief in den Sand bohrend, aber da blieb nichts anderes übrig als zu gehen. Möwen kreisen. Die Situation wird aus Kinderaugen beschrieben, eine große Frau sitzt im Sand. Diese Details sind so wichtig wie die Wellen, von denen die Rede ist. The Waves (1931)
Wie in „Zum Leuchtturm“ spielt die Malerei eine gewichtige Rolle. Ihre Schwester Vanessa Bell war Malerin und Woolf selbst maß der Malkunst mehr als der Musik größte Bedeutung für die Poesie zu. Farben spielen eine dominante Rolle in Woolfs Romanen. Sie schreibt auch viel über Licht/Lichteinfall. Nein, Menschen sind niemals ganz zu verstehen und stehen immer im Schatten von jemanden
Zu hören ist eine vierteilige auditive Verarbeitung unter https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:017f925604b67b0d/
Drei Möglichkeiten, diesen symbolischen, verdichteten Roman zu beschreiben.: Da Woolf neben James Joyce (lebte 906/07 in Rom), beide trafen sich in Italien, Montaigne (der Italien und Rom aufgrund seiner kulturellen Überlegenheit in der Renaissance hoch schätzte) verehrte, zunächst meiner Version:, die den Schatten, also Virginia Woolfs Kampf gegen den eigenen inneren Widerpart, in den Fokus stellt:

Foto Malte Godglück: Rom, Villa Medici, Innenhof im Abendlicht. Der Hauptunterschied liegt in der Form: Der italienische Garten ist formal, geometrisch und strukturiert (Buchsbäume, Terrassen, Wasserspiele), während der englische Garten naturnah, asymmetrisch und landschaftlich gestaltet ist, mit geschwungenen Wegen, künstlichen Hügeln und dem Eindruck von Wildheit, wobei er sich von strengen Geometrien löst und die Natur imitiert und mehr auf Blumenpracht setzt. https://www.turismoroma.it/de/places/villa-medici-acad%C3%A9mie-de-france-%C3%A0-rome
Das Unbehagen an und über die Welt
Die zweite Version, mit der man Woolf allgemein und „Jakobs Zimmer“ begegnet, ist , ihn als ein Werk der lost generation einzuordnen. Zu dieser gehören alle vom Krieg traumatisierten Schriftsteller, daher sehe ich persönlich davon ab, da Woolf traumatisiert (von einem tyrannischen Über- Vater und einer kalten, erzkonservativen Mutter, die Virginia zudem früh verlor) , aber nicht vom Ersten Weltkrieg war. Einsamkeit und einige andere Motive wie Entwurzelung, Heimatosigkeit, Sinnlosigkeit, gehören nicht zu ihrem Narrativ. Dafür spricht, dass Jakob selbst selten zu Wort kommt, als wäre er gerade unsichtbar, jedoch viele Stimmen seiner Mitwelt zu einem durchaus heterogenen Bild von ihm gelangen. Was bleibt ist Unbehagen (uneasy).
Die dritte Version rückt den Raum in den Fokus. Zum einen metaphorisch als Zimmer – der Roman endet mit einen Blick in den fast leere Behausung eines jungen Mannes, der seinem Pflichten nachkommend, sehr wahrscheinlich an der Front im Ersten Weltkrieg seinem Schicksal folgte. Zu anderen als Metapher oder Chiffre für unerreichbare vollständige Wahrnehmung bzw. Objektivität. Die Rekonstruktion wird ohnehin anderen Personen überlassen. Über die Leere des Lebens informiert der Rundfunkbeitrag https://www.deutschlandfunkkultur.de/ueber-die-leere-des-lebens-100.html
Die letzten Sätze gelten jedoch nicht, wie in fast jeder Zusammenfassung Jakobs leerem Zimmer, sondern lauten: „The nocturnal women were beating great carpets. Her hens shifted slightly on their perches.“ (Die nächtlichen Frauen schlugen große Teppiche. Ihre Hühner rutschten ein wenig auf ihren Sitzstangen). Dies mag befremdlich klingen; den Kontext liefert die unsichtbare Krieg: auf dem Lande ersetzen die Teppich klopfenden Frauen den Kanonendonner, die scharrenden Hühner das Kanonenfutter an der Front. Bei Woolf muss der Leser mitdenken und sich die Bedeutung hinter den Worten erschließen.

Foto Malte Godglück: Rom, Villa Medici, Innenraum. Da die Medicis auf der Seite der Franzosen und gegen den Papst standen, finden sich viele Kunstwerke, u. a. Wand- und Decken-Fresken in der Innenausstattung und der Bezug zur Académie de France überrascht weniger.
Nicht der passende Hut für die frühe Stunde
Mit „Jacobs room“ 1922 findet die Autorin ihren eigenen Stil, eine unverwechselbare Komposition. Es ist der Beginn ihres experimentellen Romans, der nur durch den eigene n Verlag The Hogarth Press – der Name bezieht sich auf den Maler William Hogarth – möglich wurde, denn ihre Leserschaft findet Woolf, wie sie Virginia Stephen seit 1912 heißt, erst später. Ihr dritter Roman von knapp 300 Seiten steht am Beginn der fruchtbarsten Zeit: es folgen Mrs. Dalloway (1925), To the Lighthouse (1927), „Orlando“ (1928) und schließlich „The Waves“ (1931). Dazwischen liegen zahlreiche Essay wie „A Room of One’s Own„ 1929. Mit „Die Wellen“ erreicht Woolf einen Höhepunkt ineinander verschlungener Erzählstränge, die 6 innere Monologe in arabesker Weise verknüpfen.
„Mrs. Dalloway“ – ursprünglicher Titel lautete „The hours“(Die Stunden) – 1997 und 2002 unter diesen Namen auch als Film erschienen. Eine Zusammenfassung liefen https://de.wikipedia.org/wiki/Mrs._Dalloway und ausführlicher https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/mrs-dalloway/5067. Dass der Roman zur Avantgarde zählt ist unbestritten und laut Woolf handelt es sich um psychologische Erkenntnisssuche: „Die Psyche des Menschen zu ergründen ist die Aufgabe eines Schriftstellers“ sagte sie über ihr Werk. Bei ihr sind es immer die kleinen Dinge des Lebens, häufig unscheinbare Vorkommnisse, die Bewusstsein anregen und Erinnerung auslösen. Die 52jährige Clarissa Dalloway, eine Salondame der Oberschicht, Septimus Warren Smith, Kriegsveteran mit massiven posttraumatischen Störungen, der umtriebige Peter Walsh, nach fünf Jahren aus dem Kolonialdienst zurückgekehrter, ehemaliger Verehrer von Clarissa, sowie ein völlig unfähiger Psychiater. Mit Letzterem laufen die Fäden der beiden losen Handlungsstränge am Ende zusammen, auf jener Abendgesellschaft, deren Gastgeberin Clarissa ist und um deren Gelingen sich letztendlich alles dreht.
Erst am Ende führt Woolf die Parallelstränge, u. a. von Clarissa. Dalloway, die über eine Entscheidung gegen die Liebe und für die Vernunftehe sinniert und dem Kriegsveteranen Smith, der sich nicht mehr in der Normalität zurechtzufinden oder mit ihr zu arrangieren vermag, zusammen. Einen niveauvollen Dialog über die Bedeutung der Bloomsbury, die innovative Erzählweise und schlechte Psychiater ist zu hören unter https://www.youtube.com/watch?v=a9vrd579AiY. Septimus Warren Smith Suizid spiegelt eigener Erfahrung mit ihrer Persönlichkeitsspaltung, den inneren Stimmen und den eigenen Selbstmordversuchen von Woolf. Bipolare Störungen haben auch andere Figuren, namentlich die titelgebende Protagonistin. Zugespitzt nimmt sich der Kriegsveteran Smith für sie das Leben; zumindest denkt Clarissa über seinen Freitod intensiv nach. Eine Leseprobe offeriert https://www.bic-media.com/widget/?isbn=9783717525561&https=yes&socialSelfBackLink=yes&lang=de&fullscreen=yes&jump2=0&openFSIPN=yes&resizable=yes&showSocial=no&template=rhservice&showHelp=no&showSettings=no&showExtraDownloadButton=yes&ui-state=dialog&shopsFilter=print
Häufig wendet sich Woolf unscheinbaren, aber dennoch aussagekräftigen Banalitäten zu, etwa Mrs. Dalloways Snobismus, der zum Tragen kommt, wenn sie sich über einen unpassenden Hut zur so frühen Stunde mokiert (Passage S. 10).

Foto Malte Godglück: Innenraum der Villa Medici
Der Mensch muss sein eigener Leuchtturm sein
Mrs. Dalloway lädt zu ihrer Party zwar viele Leute ein, doch an einem, ihren aus Indien zurückgekehrten Exliebhaber Peter Walsh und ihre im Grunde verachtete Freundin Sally, mit der sie einst einen leidenschaftlichen Kuss austauschte (lesbische Anspielungen finden bei der bisexuellen Woolf, häufig statt) ist sie am meisten interessiert, weil beide das ausleben (Peter das Abenteuer, Sally den Bruch mit Normen), was sie sich in ihrer strengen viktorinaischen Gesinnung untersagt.l
„Zum Leuchtturm“ ist (dreitielig) zu hören in der Audiothek https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:a38958d473d7c495/ und nachzulesen unter https://www.projekt-gutenberg.org/woolf/leuchttu/leuchttu.html. Hinter der Figur des Mr. Ramsay (er hat viele Kinder von zwei Frauen) der eigene Vater, der zwar kein Philosoph, aber Schriftsteller mit philosophischen Ambitionen war. Mrs. Ramsay, (sie stirbt relativ früh) ist ebenso eng an die Mutter der Autorin angelehnt wie Lily Brescoe, die Malerin, die sich am Ende vom Rollendenken befreit, ihre Schwester Vanesse Bell (Mitglied der Bloomsbury Group) porträtiert. Daher ist „Zum Leuchtturm“ Woolfs persönlichster Roman.
Neu in diesem Roman, der wieder mit Bewusstseinsstrom (innerem Monolog), Montagen und Zeitsprüngen arbeitet, die kindliche Perspektive, konkret der Kinder James und Cam Ramsex, in denen Woolf ihre Halbbrüder zeichnet. Enttäuschte Liebe, ein Nebenmotiv, wird durch das Paar Paul Raley und Minta Doyle offenbar. Nach einer leidenschaftlichen Beziehung der beiden kühlt diese in der Ehe ab: Minta wird durch sie in eine unterwürfigere Rolle gedrängt, und erst als sie ihre traditionellen Eherollen ablegen und sich mehr als Freunde behandeln, finden sie etwas Frieden, wobei Minta ihre frühere Lebendigkeit verliert und sich dem gesellschaftlichen Druck beugt, bis sie sich schließlich wieder annähern.
Das Schlüsselzitat des Romans stellt folgender Satz dar: „Der Mensch muss sich wie ein Leuchtturm verhalten; er muss Tag und Nacht zum Wohle aller Menschen leuchten.“ Es erinnert an Kant (Woolf las ihn): Der Mensch muss sein eigener Leuchtturm sein, womit die Mündigkeit gemeint ist, sich gegen alle Widrigkeiten seinen unbestechlichen Charakter zu erhalten. Ein zweiter Satz, stellvertretend für die Gedankentiefe Woolfs lautet: „: „Und alle Leben, die wir jemals gelebt haben und alle Leben, die wir noch haben werden, sind voller Bäume und sich verändernder Blätter“.
Zentrales Thema ist die Hoffnung und die Unmöglichkeit, das Vergangene festzuhalten, wie sich in der wiederkehrenden Frage nach dem Leuchtturm zeigt: „Irgendwann würden sie zum Leuchtturm fahren“

Foto Malte Godglück: Innenraum der Villa Medici, ehmals Schlafraum von Frederico I de Medici.
Wellen, Stimmen, Untergang
Nach „Zum Leuchtturm “ schrieb Woolf „Orlando“, einen Roman über Bixexualität und vordergründig unrealistisch, denn die titelgebende Person, die sich an Shakespeare orientiert und Dichter wird ist erst ein Mann, dann im zweiten Leben eine Frau (aus einem Schlaf erwachend wie aus einem Traum) und lebt von Shakespeares Zeit bis ins viktorianische Zeitalter. In diesem Roman verarbeitet Woolf ihre intensivste erotische Beziehung (die zu ihrem Mann Leonard beruhte auf Freundschaft) Vita Sackville-West , mit der sie ab 1922 eine intensive, fast zwanzigjährige Beziehung führte und die verschiedene Phasen durchlief.
Es folgte „Ein Zimmer für sich allein“ – mit der These, ein eigenes Zimmer und 500 Pfund garantiertes Einkommen bildeten die materielle Voraussetzung für künstlerische Unabhängigkeit; Der als Essay bezeichnete und als Vortrag konzipierte Beitrag ist etwa 45 Minuten lang und u hören unter https://www.youtube.com/watch?v=QFirSo28pLg. Er liegt in schriftlicher Form in verschiedenen Versionen vor und hat dann bis zu 270 Seiten, so dass die Bezeichnung Essay unangemessen erscheint. Im Volltext sind die ersten 25 Seiten nachzulesen unter https://www.kulturkaufhaus.de/annot/564C42696D677C7C393738333135303138383837337C7C504446.pdf?sq=3
De Beginn handelt von Tabus und Restriktionen für die Frau, weshalb ein Teil des Beitrages definitiv und von der Sufragetten-Bewegung aufgenommen wurde. Die Vereinnahmung, analog zu Simone de Beauvoir („Das andere Geschlecht“) verstörte sie allerdings. Wie vieles im Leben war Woolfs Beziehung zur Emanzipation ambivalent: einerseits bewunderte deren Kampf um Gleichberechtigung und war kurzzeitig selbst aktiv, andererseits nahm sie Anstoß an den militant-praktischen Auswüchsen der Bewegung. ,Ihre Vision von individueller Freiheit und Gleichberechtigung in Ein Zimmer für sich allein“ unterscheidet sich mehrfach von jener der Suffragetten und konzentriert sich auf feministische Literatur. https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Zimmer_f%C3%BCr_sich_allein
Der schwierigste Roman, den inhaltlich wiederzugeben eine Meisterleistung darstellt, ist „Die Wellen“. Gekürzt zum Hörspiel: https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:39e4b11d6b235e65/ Er verbindet durch innere Monologe die Lebensläufe von sechs Freunden (drei Männer, drei Frauen) von der Kindheit bis ins Alter verfolgt, eingebettet in die Beschreibung eines einzigen Tages am Meer, wobei die Handlung fast vollständig durch die Innenansichten der Figuren und ihre Reflexionen über das Selbst, die Zeit und die Existenz getragen wird. Zentral sind die Themen Identität, Endlichkeit des Lebens und die Suche nach Sinn, wobei die Wellen als Metapher für die fließende Zeit und das unaufhörliche Dasein dienen.
Ein bisher latentes Thema, die Suche nach Sinn und Identität, wahrer Individualität und dennoch Fähigkeit, sich wirklich auf andere Menschen einzulassen, tritt derart in den Vordergrund, dass die ohnehin vorherrschende spärliche Handlung in Woolfs Romanen diesmal völlig ausbleibt. Der Text ist reine Prosalyrik und nimmt Worte wichtiger als den Inhalt.
Der Volltext ist in englischer Sprache einsehbar unter https://gutenberg.net.au/ebooks02/0201091h.html und https://archive.org/details/in.ernet.dli.2015.2478/page/n7/mode/2uphttps://gutenberg.net.au/ebooks02/0201091h.html. Das Besondere besteht darin, dass die inneren Monologe ineinander übergehen wie Wellen, so dass man immer wissen muss, wer von den sechs Stimmen gerade sein Leben reflektiert. Dies veranschaulicht die deutsche Leseprobe unter https://kampnagel.de/uploads/downloads/Libretto-inoperabilities-Die-Wellen-Zum-Nachlesen.pdf
Tipp: kürzere Erzählungen, die Woolfs Stil veranschaulichen, aber Einsteiger nicht überfordern, sind im Internet eingestellt unter https://www.penguin.de/content/edition/excerpts_extended/Leseprobe_978-3-7306-1097-8.pdf

Foto Malte Godglück: Abendliche Skyline von Rom, Ausblick Villa Medici.







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