Wieviel Toleranz erlaubt Baumwolle?

Baumwollbörse Bremen

Foto Belinda Helmert, Baumwollbörse, 21. 5. 2022 Tag der offenen Tür

Zwischen 1900 und 1902 wurde die Bremer Baumwollbörse an der Ecke des Bremer Marktplatzes gebaut. Der Eingangsbereich beeindruckt mit wunderschönen Mosaiken. Hier finden regelmäßig kleinere Ausstellungen statt. Das Treppenhaus besticht besonders durch seine große Haupttreppe und der Paternosteraufzug ist einer der letzten seiner Art in Bremen.

Leider ist Baumwolle auch ein Klimatreiber. Das führt zur Frage, wieviel Toleranz erlaubt ist, damit die Rechnung aufgeht. Geklärt wird auch, was die Katze auf dem Blechdach mit Baumwollfeldern in Tennesssee zu tun hat.

Historie

Errichtet wurde die Börse fast zeitgleich zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1872. Bremen war damals eine Weltstadt, nahezu auf Augenhöhe mit New York und durch die Auswanderung über Bremerhaven sowie Import-Export von Überseegütern ein global player.

Der Handel explodierte förmlich während der Industrialisierung und um die Jahrhundertwende. Etwa eine Million Ballen – entsprechend annähernd 218 000 Tonnen Baumwolle wurden in der Hansestadt umgeschlagen. Rekordhoch war unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg; es ging immer nur bergauf – scheinbar.

Foto: Treppe Baumwollbörse, Archiv

Architekt war – wie im Fall der „umgekehrten Kommode“ J Carl Gerhard Poppe(https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gerhard_Poppe)

Ein Sturz mit Folgen

Ein herabstürzender, durch die Witterung gelockerter Sandstein der Stuckverzierung, erschlug einen darunterstehenden Passanten. Seitdem wird in Bremens öffentlichen Gebäuden am Marktplatz nur noch mit Wesersandstein verbaut.

Ansicht der Baumwollbörse 1908

1944 wurden Turm und obere Geschosse zerstört; der Wiederaufbau wurde 1950 abgeschlossen. Heute fehlen die Bekrönung des Eckturms und das ausgebaute Steildach, das bereits vor 1939 durch ein reguläres 5. OG und ein Staffelgeschoß mit Flachdach ersetzt wurde. Er beherbergt einen der ältesten Pater Noster in Deutschland, der vom Keller bis zum Dach etwa 3 Minuten Fahrzeit benötigt. (https://www.youtube.com/watch?v=TAYo8Ym-fbQ)

Am 21. Mai fand wieder eine öffentliche Besichtigung statt. (https://baumwollboerse.de/2019/09/10/tag-des-offenen-denkmals-ausgebucht-2/). Tausend Besucher strömten in die Labors. (https://baumwollboerse.de/2022/05/30/grosser-andrang-beim-tag-der-offenen-tuer/). Dort erfuhr man, wie man Baumwolle qulitativ unterscheidet und wäscht, welche Eigenschaft sie hat. Alles wird vermessen, auf den cm und mm kommt es an.

Foto: Belinda Helmert, Messung von Baumwollfaserlänge in inch

Am Baumwoll-Faden hängen viele Millionen ….

Foto: Belinda Helmert, Baumwollfasern (Muster) zur Qualitäts-Prüfung vor der Zerfitifzierung

Von der Börse zur Arbitrage

Eine Tafel im Erdgeschoss informiert den Besucher woher die Baumwolle kommt und über die Höhe der Fördermenge. Die Qualität ist sehr unterschiedlich. Seit Einstellung der Terminbörse der Bremer Baumwollbörse Ende 1971 gibt die Bremer Baumwollbörse einen regelmäßigen Preisindex für Baumwolle, die in Deutschland und Europa angeliefert wird, heraus.

Foto: Belinda Helmert, Baumwollmuster nach Herkunfstländern in der Arbitrage Bremen

Bremen hat eine der weltweit drei agierenden Schiedsgerichte (arbitrage) neben Liverpool und New York und zuständig für den Atlantikhandel. Die Summen können wie der Blick von der Treppe von oben nach unten schwindelerregend. Tatsächlich leben „weltweit leben rund 150 Millionen Menschen in 80 Ländern vom Anbau und der Verarbeitung“, so Stephanie Silber, die Präsidentin der Bremer Baumwollbörse. (https://www.wfb-bremen.de/de/page/stories/bremer-erfolgsgeschichten/baumwollboerse-stephanie-silber).

Foto: Belinda Helmert, Treppenaufgang der Bremer Baumwollbörse

Sind sich Verkäufer und Käufer uneins hinsichtlich der Qualität, wird die Baumwollprobe dem Schiedsgericht (Arbitrage) vorgelegt. Außerdem werden die Preise für die diversen Kategorien und Gütesiegel tagesaktuell notiert. (https://baumwollboerse.de/informationen/cif-preise-bremen/). Dies kann über Ruin oder Rettung entscheiden. Geld zumindest fragt nicht nach Toleranz.

Foto Belinda Helmert, Treppenaufgang BremerBaumwollbörse, Wachtstraße

mit Carrara Marmor aus der Toskana mit Einlassungen des grünen Rakaca aus Ungarn. Der Architekt holte vorwiegend Materialien aus Italien nach Bremen.

Die Treppe, gestaltet von Carl Gerhard Poppe, gewährt viele Details und Seitenblicke auf Schein und Sein. Schönheit, das wusste schon Platon, ist ohne Ausbeutung nicht zu haben. Die Hellenen erfanden auf der Basis der Sklaverei die Demokratie, doch nur 10% konnten abstimmen. Heute wähnen wir uns in einer Volks- oder Basisdemokratie; doch zwischen Licht, Messing und Stuck bleibt viel Raum im Geländer mit dem Baumwolle-Motiv.

Foto: Belinda Helmert, Treppemnaufgang, Geländer

Das Blut der Bäume

Auch wenn es andere klaiische Baumwollproduzenten gibt wie Ägypten, so ist die Mutter der Baumwollproduktion bis heute Indien geblieben. Die Kolonialisierung und Ausbeutung des heute neben China mit 1,4 Milliarden bevölkerungsreichsten Land der Erde ist eng mit Baumwolle verbunden. Romane über Baumwollplantagen und Sklavenarbeit gibt es viele; die bekanntesten sind „Onkel Toms Hütte“ und „Vom Winde verweht“. Eine Empore im Inneren gewährt einen Eindruck

Belinda Helmert: Tak-Skupltur auf dem Treppenende der Baumwollbörse, OG

„Wenn die Neger ordentlich erzogen sind, erwarten sie gar nicht, ihre Kinder zu behalten. Darum kommen sie auch leicht darüber hinweg.“ So steht es geschrieben in „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stow (1811-1896). Der Roman stammt aus dem Jahr 1852 – er war zur Zeit der Börsengründung demnach wohlbekannt. die Autorin war Tochter eines calvinistischen Predigers, der Sklaverei für natürlich und damit Gottes Wille hielt ….

Foto: Belinda Helmert, Holz-Skulptur und Glasmalerei-Fenster 1913, Carl Eeg

Baumwolle und Sklaverei bilden nahezu Synonyme.(https://www.fluter.de/baumwolle-geschichte-sklaverei-globalisierung) Darüber war in der Ausstellung am Tag der offenen Tür natürlich nichts zu sehen. Die Architektur jedoch liefert Hinweise darauf.

Foto: Belinda Helmert, Bremer Baumwollbörse, Relieffigur an der Seitenfassade

Beispielsweise machte Mahatma Gandhi das Spinnrad zum Symbol des passiven Widerstandes (https://de.wikipedia.org/wiki/Mohandas_Karamchand_Gandhi). Er rief zum Warenboykott auf (https://www.baumwoll-seite.de/Baumwolle/geschichte.html) – leider wird auf den Rücken von Billigproduzenten unter teilweise unmenschlichen Bedingungen noch heute mit Preis-Dumping produziert.

Foto: Spinnrad in Gandhis Ashram, unbekannter Fotograf

Genmanipulation und seine Folgen

Baumwolle ist eines der ersten Wirtschaftsgüter, die gentechnisch verändert wurden, um die Pflanze vor Insektenbefall innerhalb der Resistenzzüchtung zu schützen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Bt-Baumwolle). Man spricht von Bt Technologie.

Foto: Belinda Helmert, Baumwolle aus der Familie der Malvengewächse – lageinisch gossypium

In Indien wurde sie 2002 zugelassen und hat bis heute 90% der Anbaufläche erobert und leistet einen signifikanten Anteil zur nachhaltigen Armutsbekämpfung. Da etwa 70% Toxide eingespart werden können, sank auch die Gesundheitsbelastung. Leider hielt diese Entwicklung nur kurzfristig, da der Rote Baumwolkapselwurm sich alsbald resistent gegen das neue Bt Toxin erwies. Seit 2020 mussten daher in Indien mehr Pesitizide eingesetzt werden als vor der Plage. Zudem verbraucht die genmanipulierte Baumwolle mehr Wasser als ihr natürlich gewachsener Vorgänger.

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurde Baumwolle ausschließlich von Hand geerntet. Diese Maschinen arbeiten heute mit sehr vielen feuchten gezahnten Spindeln, die auf einer rotierenden Welle laufen und sich nochmals um sich selbst drehen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwollernter). Baumwolle reift extrem ungleichmäßig; die Felder müssen daher mehrfach abgeerntet werden. Danach sind die Böden oft ausgelaugt – Folgen der Monokultur.

Vom 29. bis 30. September 2022 findet die 36. International Cotton Conference Bremen statt. Ob das Thema sein wird ? Eher unwahrscheinlich.

Foto: Belinda Helmert, im Bauch der Bremer Baumwollbörse – zwischen den Gängen im EG

Insgesamt hat die Baumwollbörse über 12.000 m² an Büro-, Einzelhandels- und Lagerflächen. Während früher die Mieter meistens mit dem Baumwollhandel verwoben waren, bevölkern heute u.a. Anwälte und Steuerberater, Computerdienstleister, Architekten sowie kleine und mittlere Beratungsfirmen das Gebäude. Aber auch die Baumwolle ist mit einigen Baumwollunternehmen und dem vom Faserinstitut geleiteten Faserprüfzentrum noch präsent. (https://baumwollboerse.de/baumwollboerse/vermietung/bueroflaechen/)

Foto: Belinda Helmert, Baumwollbörsen-Innenhof,, Architekten Boswau & Knauer 1902,

Kattun

Das englische Wort cotton lehnt sich an das arbaische Kattun an. Schon der antike Geschichtsschreiber Herodot, ein Zeitgenosse Platons, berichtet von Bauwmolleinfuhr aus Ägypten. Zu dieser Zeit blieb Baumwolle meist farblich unbehandelt im weißen Rohzustand. Vom Kulturgebiet zwischen Euphrat und Tigris nahm die Baumwolle ihren Weg auf die Seidenstraße und wurde in Indien und China zur heißbegehrten Ware.

Baunwolle ist daher – trotz aller Technik des Westens – ein Import, der für die Überlegenheit des Morgenlandes steht, die sich das Abendland zu Nutze machte. Die Mosaiken im Erdgeschoss verweisen auf die Industrialisierung mit Wappen der Weber – die bekanntesten sind aufgrund ihres Aufstandes gegen die geringen Löhne, welche die Heimarbeiter, die Kredite für die Webstühle aufnehmen und sich verschulden mussten, die Schlesier. Am 4. Juni 1844 ereignete sich ein symbolisch, aber nicht faktisch bedeutsamer, Protest, der von der preußischen Armee niedergeschossen wurde.

: Foto: Belinda Helmert, Mosaik im Eingangsbereich, Schlesische Weber

Die dritte Strophe aus dem von Heinrich Heine 1845 verfassten Gedicht „Die Weber“ (https://www.deutschelyrik.de/die-schlesischen-weber.407.html) lautet:

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wir weben!

Foto: Belinda Helmert, Baumwollzweige am Tag der offenen Tür zu Füßen der Marmortreppe

Alles beginnt mit dem Samen, denn dieser bildet längere Haare aus, die als Lint bezeichnet werden. Schon ein alters Märchen verweist auf die Sehnsucht eines unscheinbaren Fadens, der sich zu schwach für ein Seil und zu kurz für einen Docht wähnt. Das Märchen endet mit der Weisheit: Es ist doch viel besser, ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu schimpfen.

Die Baumwollfaser besteht aus einer einzigen Zelle, flach, verdreht, schleifenähnlich. Im Gegensatz zum Mensch besteht diese Faser kaum aus Wasser, sondern fast nur aus Zelluose, was sie anfällig für Mikrorganismen und leicht entfalmmbar macht.

Die Katze auf dem heißen Blechdach

Tennessee Williams (1911-83)

Der in den Südstaaten (Columbus) geborene Willliams schreibt 1955 in Cat On a Hot Tin Roof, seinem Drama, das in Düsseldorf unter dem authentitischen Titel „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ seine Premiere erfuhr:

„Man kann in einem großen Land etwas anpflanzen, das wichtiger ist als Baumwolle – Toleranz!“

Die Tragödie ist, laut Bekunden des Autors, eine Dokumentation des Kanibalismus. „Das Leben ist kannibalisch. Das eine Ich frisst das andere Ich.“ Der scheinbar zeugungsunfähige Alkoholiker Brick bemerkt daher in seinem Stück etwas Zeitloses:

„Ich sage dir, dieses Europa ist nichts anderes als eine einzige große Auktion. Das ist alles, was man darüber sagen kann, nichts als ein großer Inventurausverkauf.“

Indirekt hat er die Baumwolle auf die Bühne gebracht.

Ob man auch eines Tages mit Toleranz wird handeln können? Ist Toleranz verhandelbar? Karl Popper plädiert in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ für das Recht, die Intoleranz nicht zu tolerieren. Er wollte damit ein zweites Weimar verhindern. Letztlich leben wir alle in einem Gefängnis, so lange es noch so viel Unrecht auf der Welt gibt.

Foto: Belinda Helmert, Einfahrt Baumwollbörse mit gusseisernem Gitter

Der englische Autor Sommerset-Maugham hielt Toleranz für Schwäche in Form von Gleichgültigkeit, da sie den Faschismus ermöglichte. Ludwig Feuerbach, Vordenker des Marxismus: „Furcht ist die Quelle der Intoleranz, aber Furcht ist nicht in der Wahrheit.“ Das alles ist ein Teil der Geschichte vom Aufstieg, von der Schönheit, der Macht, der Kontrolle, auf dem Weg von der Sklaverei des Körpers zur Gefangenschaft in den Köpfen. Hinzusehen ist elementar.

Foto: Belinda Helmert, Kasettendeck und Gusseisen der Bremer Baumwollbörse

Metaphorischer hat es Saint-Exupéry, Autor von der „Kleine Prinz“, formuliert: „Um Schmetterlinge lieben zu können, muss man auch Raupen mögen.“

Das alles forder Toleranz von uns: mit dem Nachbarn, der fremden Kultur, der sozialen Wirklichkeit, der Umwelt, die keine adäquate Sprache hat. Wir sollten lernen, auch das Schweigen zu vernehmen und hinter die Fassade blicken.

Wieso glauben wir immer, im Recht zu sein? Tucholsky: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“

Foto: Belinda Helmert, Modepuppe

Was das alles mit Baumwolle zu tun hat? Nun sollte man meinen, dass sie ein gutes Modell abgibt. Dafür, dass wir andere brauchen, um sie auf unserer Haut zu tragen, da sie ausschließlich in trockenen Klimazonen gedeiht. Wir sollten nicht nur die Ware importieren und andere Herstellungsländer dabei ausbeuten wie in der Geschichte, sondern Abhängigkeit vermeiden und Monokultur entgegenwirken.

Wie bei der globalen Verteilung des Reichtums auch stammen etwa 90 % der Baumwollernte aus zehn Ländern, wobei China und Indien mehr als die Hälfte ausmachen. Die ungleiche Distribution schafft Ungleichgewichte, die wir stillschweigend tolerieren.

Um nur einen, den aber wichtigsten Faktor zu benennen: Im Zeitalter allgemeiner Wasserverknappung (Süßwasser) verbraucht der Mensch etwa 256 Billiarden Liter (also 256 Kubikkilometer) für die Bewässerung zum Anbau der Pflanze. Die genmanipulierte Baumwolle verbraucht ein Drittel mehr Wasser als die natürliche Pflanze.

Eine Tonne Baumwolle produziert 1,8 Tonnen CO2. (https://minimalwaste.de/blog/wie-nachhaltig-ist-bio-baumwolle/)Für die Herstellung eines T- Shirts sind das zwischen fünf und neun Kilogramm Treibausgas. Dies sollte zu denken geben, aber es steht zu vermuten, dass daran nicht gedacht wird und kommuniziert wird es höchst selten.

Durch Einsatz von synthetischen Dünger weden zudem die Böden ausgelaugt. Das Kapital von heute ist daher die Schuldenlast von morgen. Daher darf man fragen: wieviel Toleranz verträgt Baumwolle?

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