Wenn Kunst nicht genug ist, was ist es dann?

Foto: Belinda Helmert, van Gogh Sonnenblumen-Ensemble. Herzstück: Vase mit Sonnenblumen, aus dem Zyklus 1888.

Wann ist Kunst eigentlich Kunst ? Wer entscheidet, ob ein Werk ein gelungenes oder berühmtes, am Ende ein wertvolles oder ein nahezu unbezahlbares ist? Im Fall von vn Gogh fragen sich manche, naiv oder provokant: was ist das Besondere an ihm, seinen Sonnenblumen? Sie sind nicht so schwer zu malen und bleiben in der vom Meister gezeigten Art und Weise doch dem Betrachter vieles schuldig: eine schmucklose Vase, kein dekorativer Hintergrund, das Fehlen einer reizvollen Perspektive oder allegorischer Hinweise. Das Gemälde ist nahezu erschreckend nüchtern und wirkt ideenlos. Nicht einmal Licht und Schattenspiel sind darin aufgenommen. Der Maler über sein (sonnenblumenlastiges) Werk: „Es ist die lange Auseinandersetzung mit Dingen, die dich reifen lassen und dir einen tieferen Sinn geben.“

Foto: Belinda Helmert, Sonnenblumen im eigenen Geschäft „schmücke den Tag“, Liebenau, Lange Straße 29. Das Original hängt im weltweit ersten Museum, das nur Werke eines einzelnen Künstlers ausstellt: dem Van Gogh Museum in Amsterdam.

Im Jahr 1888 schrieb Van Gogh: „Ich male mit der Begeisterung eines Marseillais, der Bouillabaisse isst, was Sie nicht überraschen wird, wenn es darum geht, große Sonnenblumen zu malen.“

Die Passion

Van Gogh schulte sich an der japanischen Holzschnitt- und Tuschetechnik (Ukiyo-e-Holzschnitte und -Drucke: https://www.artelino.com/artikel/ukiyo-e-moku-hanga.asp). So einfach wie möglich. Streng in der Form, karg im Ausdruck. Für Europa keine Revolution. Doch war er nicht der erste, der sich auf japanische Kunsformen verlegte. Dennoch gilt seine Form des Realismus, für die man die Begriffe Spätimpressionismus und Frühexperessionismus erfand, als wegweisend innovativ und inspirierend für viele Nachfolger bis heute. So folgt Picasso seinem Vorbild nach Arles – Vincent erreichte die Stadt an der Rhône an einem Februartag 1888 auf der Suche nach natürlichem Licht und innerer Erleuchtung.

Die Bilder mit den Titeln Drei Sonnenblumen, Fünf Sonnenblumen, Zwölf Sonnenblumen (in einer Vase) und Fünfzehn Sonnenblumen sind eine Serie von sieben Gemälden, die von August 1888 bis Januar 1889 von Vincent van Gogh in Arles (Südfrankreich) gemalt wurden. Man mag es befremdlich oder anstößig finden, jedoch übertrifft manche Kopie in ihrer ästhetischen Wirkung und Präzision das Original. Fast nur Kunstkenner assoziieren die Sonnenblumen mit Arles, die eine nahezu magische Anziehungskraft auf Impressionisten und Esprepressionisten besaß, darunter auch dem Dichter Rilke. Gemeinsam war ihnen die Passion für Licht und für die Farbe Gelb.

Vincent Van Gogh, Caféterasse am Abend ( in Arles). Die Obsession für die Farbe Gelb ist evident. Obwohl kein (von ihm gemaltes) Bild des Malers in der Stadt vorhanden ist, so ist doch sein Schatten überall. Es ist eines von 187 van Gogh Gemälden rund um Arles (https://www.singulart.com/de/blog/2020/08/04/cafeterrasse-am-abend-1888-vincent-van-goghs-ode-an-arles/).

Unter den vielen Kopien oder Fälschungen von angeblich verschollenen Originalen sind manche so gut, dass sie sich nur durch Details verraten, die nichts mit der Pinselführung selbst gemein haben. Etwa eine Ansicht von Saint Coeur auf dem Mont-Martre, das zu van Goghs Zeiten noch nicht bestand. (https://www.welt.de/welt_print/kultur/article9576706/Van-Gogh-oder-nicht.html). Wenn selbst Experten falsch liegen, kann es folglich nicht um die Einmaligkeit des künstlerischen Genies gehen, von dem man gerne ausgeht, wenn von ganz großer Kunst die Rede ist oder sein soll.

Existentailismus: ist van Gogh eine Haltung?

Drei philosophische Fragen stellen sich beim Betrachten der von ihm inszenierten Helianthus annuus. Sonnenblumen. Zunächst die der Haltung, die man wahlweise impressionistisch oder expressionistisch heißen müsste. Vielleicht auch vom September-Blues, aus denen die hier gezeigten Impressionen stammen. Substantiell heißt das (bereits von Schelling noch vor Sartre formuliert).: Die Existenz geht der Essenz, der Leib dem Geist voraus. Die Dinge zu sehen wie sie sind, nicht wie sie sein sollen und gleichzeitig eine Vision zu entwickeln, was aus dem Sein werden muss (Sartre: „Ich bin zur Freiheit verdammt“)

Van Gogh, Sternennacht über der Rhône (in Arles), von mir verzerrt. Das Bild hängt heute im Musée d´Orsay, dem wichtigsten Museum für Impressionimus.

Van Gogh (1853-1890) war ein Zeitgenosse Nietzsches und fiel im selben Jahr 1888 in geistige Umnachtung. In diesem Jahr stellte er auch bei den Unabhängigen, den Impressionisten, in Paris aus, zu denen auch sein Freund Paul Gauguin gehörte, dessen Begegnung nicht unwesentlich zum Stil des Malers und seinen letzten Farbenexplosionsaubruch beitrug. Dennoch, die Frage bleibt: Was macht gerade seine Bilder so berühmt und zum Inbegriff von Genie und Wahnsinn? (https://www.tiqets.com/de/blog/famous-van-gogh-paintings/?utm_source=yandex&utm_medium=cpm&utm_campaign=31689337&utm_content=72290834_3vsex6&utm_term=4zzis9f#Sunflowers_1888) Zu den Anekdoten gehört, dass der Niederländer seinem französischen Pendant ungern sein Bild „Vase mit Sonnenblume“ im Tausch gegen eines von ihm überlies. Er muss daher eine innige Beziehung zu ihm aufgebaut haben.

Die Frage der Wahl, des Willens, der bewussten Entscheidung, kennzeichnet die Philosophie von Kierkegaard, Nietzsche oder Strindberg und damit Zeitgenossen von van Gogh. Er ist damit das malerische Pendant, die farbliche Entsprechung auf deren Standpunkt, die mit einem radikalen Individualismus verbunden bleibt. Ihm entspricht ein radikales Ja zur Welt (dem Fest des Lebens) und gleichzeitig ein Nein zur Konvention. Ein Plädoyer für das Licht. Die Künstler lösten sich von der malerischen Abbildungsfunktion und zeigten das, was im Moment geschah. (https://wortwuchs.net/literaturepochen/impressionismus/). Die Haltung entspricht einem amor fati, selbst wenn sie aus der Verzweiflung heraus geboren wird.

Van Gogh, Sternennacht (über Saint Rémy de Provence nahe Arles), 1889 aus der Perspektive seines Krankenzimmers in Saint-Paul-de-Mausole. Das Gemälde hängt heute im Modern Art Museum, New York, der weltweit größten Kunstsammlung moderner Künstler ab dem späten 19. Jahrhundert.

Impressionismus: eine Frage des Stils ?

Van Gogh kam zum Malen, weil ihm die Bilder, die er für eine Galiere verkaufen mussten, nicht gefielen. Seineeigenen Werken fanden hingegen nur in Künstlerkreisen bedingte Anerkennung. Zum Lebzeiten verkaufte er nur ein Bild, so heißt es: Roter Wein, 1890, welches die Felder rund um Arles bei der Weinernte zeigt (https://blog.artsper.com/de/ein-naeherer-einblick-de/10-dinge-die-sie-uber-vincent-van-gogh-wissen-sollten/).

Sein weniges Geld verdiente er mit Zeichenunterricht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, so wollte er als Pfarrer predigen, doch dazu war er zu schüchtern. Die Kunst scheint ein Notnagel und Ausdruck seiner inneren Sicht auf die Dinge zu sein. Eine Frage des Stils ? Weltverneinung, um, sie in der Kunst neu zu bejahen hieße, albehnen was ist und zeigen, wie es sein soll. Es bedeutet damit auch, sich über die Meinung und den Geschmack anderer (der Man-Welt) hinwegzusetzen und sein eigenes Vorbild zu werden (Nietzsche: „Werde, der du bist“) Vielleicht schwingt eine Ahnung dieses Leides wie der ihr verwandten Leidenschaft darin mit. Das Innere nach außen zu kehren bezeichnen wir als authentisch. Ein Künstler muss folglich etwas Eigenes schaffen, sonst bleibt er ein Epigone, begnadet, aber ohne eigenen Ausdruck.

Erfolg der Preis von Einsamkeit ?

Van Gogh, Der Jardin Public. Arles, Oktober 1888.

Seiner Zeit voraus zu sein zeichnet Kunst im Nachhinein sowohl als Epoche als auch als individuelle Leistung aus. Dass van Gogh wie die meisten (aber nicht alle) großen Persönlichkeiten mit seinem Kunstverständnis seinen Zeitgenossen zu früh erschien (Gorbatschow: „Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“) scheint gewiss: er konnte weder den Massengeschmack treffen, weil die im Gegensatz zu heute keinen Kunstmarkt bildete, noch einer Gruppe angehören, die etwa als Kunstelite Einfluss auf den Verkauf nahm. Flach, perspektivlos, farbenfroh: drei Attribute, die van Goghs Kunst kennzeichne.

Heidegger schrieb angesichts des Gemäldes „Die Schuhe“ (1886, Paris) von van Gogh in „Was ist ein Kunstwerk“ es gehe in der Kunst immer nur darum, das Unsichtbare wie die Mühe der Arbeit und das Gesicht des Bauern, der diese Schuhe trug, sichtbar werden zu lassen. „Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauerWind steht. Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens. Unter den Sohlen schiebt sich hin die Einsamkeit des Feldweges durch den sinkenden Abend. In dem Schuhzeug schwingt der verschwiegene Zuruf der Erde, ihr stilles Verschenken des reifenden Korns und ihr unerklärtes Sichversagen in der öden Brache des winterlichen Feldes. Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes,die wortlose Freude des Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdrohungdes Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt derBäuerin ist es behütet.“ (Heidegger, Gesamtausgabe Band 5, Vom Ursprung des Kunstwerks, 1935, S. 62). Keine Stelle Heidegges ist peotischer als die Bildbeschreibung von van Goghs Schuhe. (https://www.welt.de/kultur/article4909929/Wie-sich-Forscher-ueber-van-Goghs-Schuhe-streiten.html)

Am Ende spielt es keine Rollle, ob der Künstler uns dies oder etwas anderes mit seinem Gemälde sagen wollte oder ob er überhaupt eine Botschaft besaß: es sind Seiten, die er aus unserer Seele , unserem tiefsten Inneren heraus zum Tönen und Klingen oder Farben, die er zum Leuchten bringt. Das Geheimnis künstlerischen Schafens, so Stefan Zweig, liege stets im Übermenschlichen, Überzeitlichen und Überparteiischen. „Das Schöpferische ist immer geheimnisvoll, weil sein Anfang ungeklärt ist, dies Werden, dass etwas aus dem Nichts entsteht und alle Zeiten überdauert.“

Mit eigenen Worten: Kunst wird inszeniert, heute mediatisiert, man kann daher nicht mehr sagen, ob die Sonnenblumen „Kunst“ ist, weil es von van Gogh stammt (weil wir es wissen, dass es Kunst sein muss) oder weil es einen inneren Zauber, ein Geheimnis des Schaffens gibt, das zeitlos wirkt, früher oder später aber in seiner Substanz erkannt wird (weil wir fühlen, dass Kunst Ausdruck ist). Van Gogh wurde zum Mythos, der Wert für seine Gemälde hat jedoch nichts mit seinem künstlerischen Wert gemein. Es ist die Haltung, der Stil und seine Bereitschaft zu Einsamkeit, die wir bewundern, weil sie eines ganz gewiss ist: selten.

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