Unter den Wolken

Foto Bernd Oei: Niendorf bei Lübeck, Niendorfer Strand, aufziehende Wolken verkünden Unwetter. Die Elemente Wasser, Erde, Luft vereint. Siegfried.Lenz, der lange in Hamburg lebte, besaß aufgrund seiner Herkunft eine starke Verbindung zur Ostsee und temporär seinen Wohnsitz in Schleswig Holstein.

Das Herz schlägt links

Siegfried Lenz wurde in Ostpreußen, Masuren, 1926 geboren, jenem Jahr, das vielleicht zu den aussichtsreichsten der für das deutsche Volk neuen Demokratie in der Weimarer Republik gehörte. Als Demokrat empfand sich der später für die Ost- und Friedenspolitik Willy Brandt werbende Schriftsteller, inzwischen in Hamburg lebend, immer. Diese zarte Blüte verdankte man u. a. dem stets mit Augenmaß operierenden Außenminister Gustav Streßemann, der für die damalige (neo)liberale Partei der DVP kandidierte und die der SPD eher nah als fern stand. Streßemann, gebürtiger Berliner, erlag 51 jährig einem Schlaganfall. https://www.freiheit.org/de/deutschland/ein-doppeltes-verhaengnis. Ein Jahr vor seinem Tod erhielt er zusammen mit seinem französischen Pendant als Außenminister Aristide Briand den Friedensnobelpreis im Geburtsjahr Walsers. Man gestatte mir den Bezug, da ich erstens lange in Bremen nahe der Streßemannstraße wohnte und zweitens durchaus eine politische Verwandtschaft zwischen Walser und Streßemann ziehen möchte. Menschen mit Augenmaß sind rar geworden ebenso wie das soziale Herz, das einst links für die Entrechteten, Gedemütigten und die Arbeiterklasse schlug.

Lenz liebte die Nord- als auch die Ostsee. Zum Nobelpreis hat er es nicht gebracht, aber zu einem der wichtigsten Mitglieder der Gruppe 47, damit verbunden der unmittelbaren Nachkriegsliteratur. Sein Herz schlug unzweideutig links, als dieses Adjektiv noch für soziale Werte stand.

Lenz‘, der blutjung freiwillig zur Kriegsmarine ging, lief bald als Deserteur zum Kriegsgegner über. Diese Erfahrungen fließen in seinem posthum veröffentlichten zweiten Roman „Der Überläufer“ ein. Zentrale Motive sind die Verarbeitung der Kriegs- und NS-Vergangenheit (Kriegstrauma, individuelle Schuld, kollektive Pflicht), die Auseinandersetzung mit dem Individuum in der Gesellschaft, das Verhältnis von Mensch und Natur (Fischerei, Meer, Ostpreußen), die Thematik von Flucht und Vertreibung, sowie das Scheitern und die Vergänglichkeit, oft dargestellt mit stiller Empathie für die „ Wehrlosen und Enttäuschten“, gepaart mit leiser Gesellschaftskritik und dem Bemühen um Verständigung.

Foto Bernd Oei : Lübeck, Niendorfer Strand, Stadtteil, der zwischen Travermünde und Timmendorf liegt, wozu er gehörthttps://www.luebeck.de/de/stadtleben/bauen-und-wohnen/stadtteile/index.html

Der Überläufer

1944, im letzten Kriegssommer, macht sich der Wehrmachtsoldat Walter Proska aus Lyck auf den Weg vom Heimaturlaub zurück an die Ostfront. Nach einem Zugunglück wird er einer kleinen Einheit in Rokitno zugeteilt. Ein verlorener Posten. Das Kommando führt Willy Stehauf, ein versoffener Unteroffizier, der seine Männer mit menschenverachtenden Spielchen schikaniert. Im Lager freundet sich Proska mit dem Studenten Wolfgang Kürschner an. Nachdem Stehauf den Dorfpfarrer ermordet hat, fordert Kürschner Proska auf, gemeinsam mit ihm zu den Partisanen überzulaufen. Das vielleicht bekannteste Zitat aus dem Roman lautet: „Krieg ist das grausam lächerliche Abenteuer, auf das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht.

In russischer Gefangenschaft ist Proska am Ende seiner Kräfte. Da entdeckt ihn sein Freund Wolfgang Kürschner unter den Gefangenen. Der trägt inzwischen die Uniform der Roten Armee. Sofort lässt er Proska ins Lazarett bringen. Dort stellt man ihn vor die Wahl: ebenfalls zu desertieren oder in Gefangenschaft zu sterben. Als der Krieg zu Ende ist, muss sich Proska seinen Erlebnissen und Entscheidungen stellen. Der zentrale Konflikt: kollektive Pflicht fürs Vaterland und individuelle Zweifel am System, die den moralisch an sich verwerflichen Verrat legitimieren, kommt an folgender Stelle zum Ausdruck:

„Ja, sagte Wolfgang, ich bin ein Judas. Und ich bin es deinetwegen geworden. Ich bin fortgerannt, weil ich dich nicht beeinflussen wollte. Wenn es auch den Anschein haben mag, dass ich den anderen durch meinen Verrat Schaden bringe, so wird es sich eines Tages doch zeigen, dass ich es schließlich um ihres Glückes wegen getan habe. Du kennst mich doch, Walter, und du darfst gewiss sein, dass mein Schritt einen größeren Nutzen als Schaden bringen wird. Weil ich Mitleid mit ihnen habe, darum verriet ich sie.“

1951, als Lenz seinen zweiten Roman nach „Es waren Habichte in der Luft “ ( bei Hoffmann und Campe 1951 erschienen) publizieren wollte, galt der Überlauf zum kommunistischen russidchen Feind (inzwischen war Kalter Krieg ausgebrochen) als Tabuthema. Die Verfilmung (zweiteilig) erfolgte 2020. www.ardmediathek.de/video/film-im-ndr/der-ueberlaeufer-1/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8xNTY5XzIwMjUtMDQtMjYtMjMtMTU. Auch sein zweits Werk ist zweifellost ein Antikriegsroman.

Foto Bernd Oei: Niendorfer Boots- und Ferienhäuser bei Lübeck am Timmendorfer Strand, quasi ein zweites Travermünde, nur nicht zur Stadt gehörig.

Jeder wollte das BEste für sich

Obiges Zitat stammt als Epigramm aus der Feder von Lenz. Er schrieb neben Theater, Novellen und Romanen auch zahlreiche Essays und Kurzgeschichten, die meist auch vertont wurden. Darunter „Nicht alle Förster sind froh“ (1970), zu hören unter https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:89376a9e0885747b/ Erzählt wird das Duell zweier zweier Telefonseelsorger e von denen einer einen Fall manipuliert, um seinen Kollegen zu prüfen, was zu einer belastenden Situation rund um einen Förster und seinen Sohn führt, der sich das Leben nehmen wollte.

Motive sind die psychologische Spannung, Manipulation und moralische Zwickmühlen im Kontext der Telefonseelsorge, nicht um den Alltag von Förstern, auch wenn der Berufsbegriff als zentrales Element dient. Moral: Der Missbrauch von Macht eines Vorgesetzten gegenüber dem Angestellten (obgleich Telefonfürsorger ein Ehrenamt ist) und mangelnde Integrität bzw. Loyalität. Die Geschichte handelt von einem kleinenFörster- Jungen, der sich zwei Wunschwelten schafft: die mitfühlende Tochter und den zürnenden Vater. Beides sind Fantasiegestalten dem FRranzösischen Moor entnommen,. Der Seelsorger rät dem Vater (Förster) dem Jungen weniger zu bdstrafen und mehr Freiheit zu geben, was zu dessem Ertrinken im Moor führt. Der Vorgesetzte, gleichfalls Telefonseelsorger, hat seinen Bruder nach einem Zeitungsbericht instruiert, die Rolle des verzweifelten Vaters, dessen Sohn nicht mehr spricht und nur Gespenster sieht, zu übernehmen. Die Geschichte enthält zwei Ebenen: den Vertrauensmissbrauch, den die Überprüfung des Vorgesetzten durch den fingierten Telefonanruf einschließt und die Nöte eines kleinen Kindes, die problemlos auf die Identitätsflucht jedes Erwachsenen übertragen werden könen.

Ein zweites Beispiel liefert „Herr und Frau S. in Erwartung ihrer Gäste“ (1969), zu hören unter https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Siegfried-Lenz-Erfolgreich-ueber-Tod-hinaus,lenz139.html. Ein Ehepaar vrabredet, Menschen einzuladen, über die sie nie gesprochen haben, die aber entscheidend waren in ihrem Leben. Die Gattin wählt einen Mann, den sie hat töten wollen, wie sich herausstellt, der nur scheinbar für den Tod ihres Vaters verantwortlich war. Der Hintergrund ist die dunkle Seite, die auch im Drama „Das Gsicht“ anklingt: jeder ist in Verzweiflung eines Mordes fähig und keiner weiß wirklich über den anderen Bescheid. Etwas tiefer gegraben: kann ein Liebender wissen, wen er liebt und kann er ihm verzeihen, wenn er merkt, wer neben ihm schläft? Der Gatte überbietet die Grausamkeit der Wahrheit noch, als er gesteht, sein eigeladener Gast sei er selbst, seine verdrängte Identität, ein Nazi-Verbrecher, der ein kollektives Unglück (Schifffsuntergang) ausnutzt, um sich eine neue zu beschaffen. Da er Übersetzer wird wie Lenz, der einst freiwillig zum Krieg ging (Überzeugungstäter), enthält dieses GEständnis auch eine biografische Selbstabrechnung.

Die dritte kurze Erzählung, die exemplarisch Lenz umreißen soll, lautet „Das schwarze Labyrinth“ (1967). Oberflächlich bettrachtet handelt es von drei rachsüchtigen Damen im fortgeschrittenen Alter, die sich zum Ziel gemacht haben, grausame und damit überflüssige Männer aus Hamburg zu bestrafen. Es gelingt ihnen mittels eines Labyrinths, das der Vater seiner beiden Töchter und Bruder der dritten Frau angelegt hat, in dem alle Besucher einfach auf diskrete Weise verschwinden. Zu hören ist dieses an Peo erinnernde Schauerstück unter https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:b43cfd110a45752b/. Zu deuten ist die so genannte schwarze Komödie einerseits als Absage an die Lnchjustiz und die Hysterie der unterdrückten Frauen (überzogene Kritik am Patriarchat), aber auch als Frage nach dem Schein der Logik an sich. Unzweifelhaft kann ein Realist wie Böll nicht an einem Irrgarten des lebens interessiert sein, es sei denn er fungiert symbolisch bzw. als Parabel für die irdische Ungerechtigkeit, die Geschichte an sich, der sich niemand annimmt. In dieser ‚Geschichte (Parabel) wird ein Metereologe und die Sehnsucht zur Reise zum Auslöser der Katastrophe.

Foto Bernd Oei: Jachthafen Neudorf, Teil von Timmedorf. https://de.wikipedia.org/wiki/Niendorf_(Timmendorfer_Strand)

Die Freuden der Pflicht

Lenz schrieb 14 Romane, am bekanntesten mit weltweiten Erfolg war die „Deutschstunde“ aus dem Jahr 1968.(1971 und 2019 verfilmt) – sie wurde Schulpflichtlektüre und daher auch mein persönlicher Einstieg in das Oeuvre eines vielseitigen Schriftstellers deutscher Trümmerliteratur, der nach seinem abgebrochenen Studium sich zunächst als Journalist und bald als freier Schriftsteller verdingte. Neben Grass und Böll sowie Matrtin Walser war er das prägende Gesicht der ersten Generation nach Ausschwitz und trug viel zur (versäumten) Aufklärung bei. Verfolgung, Einsamkeit und Versagen widerspiegeln sich neben der oft vergeblichen Suche nach (innerer) Heimat, die dem Verlust der äußeren geschuldet ist.

Eine Zusammenfassung samt Analyse ist unter https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/deutschstunde/5310 einzusehen. Die erste zweiteilige Verfilmung unter https://www.youtube.com/watch?v=qvh0Gju3lGg. Anlass für die Reflexion des Schülers Siggi Jepsen liefert das Aufsatzthema „Die Freuden der Pflicht“, die an Kant gemahnen und sich im Dritten Reich als besonders verhängnisvoll durch ihre geistige Verwandtschaft zum freiwilligen vorauseilenden Gehorsam gestalteten.

Lenz steht seitdem für die Kombination aus Realismus, Gegenwartsroman (Vergangenheitsbewältigung) und moralischem Engagement, da er Poesie (Prosa, Drama) als verlängerten Arm des Gewissens und damit der politischen Aufklärung begriff. .Der Autor selbst sprach in seinem seiner zahlreichen Essays vom mündigen Leser und lesendem Bewusstsein. „„Ich weiß nicht, was ich schreiben soll.“ Wie in den meisten seiner Geschichten endet Lenz mit einem offenen Schluss, der Raum für Interpretation lässt. und philiströsen Moralismus meidet. Was heute leicht in Vergessenheit gerät: Die unmittelbare Rezeption auf die „Deutschstunde“ fiel mehr als verhalten, eher feindselig aus.

Stimmen zur Wirkung von „Deutschstunde“ sind anlässlich des zehnjährigen Todestages von S. Lenz zu hören unter https://www.ndr.de/geschichte/koepfe/Siegfried-Lenz-Erfolgreich-ueber-Tod-hinaus,lenz139.html

Über die Bedeutung des Malers Nansens (Nolde im wahren Leben) in „Deutschstunde“ äußert sich Lenz selbst (ww.ndr.de/geschichte/koepfe/Siegfried-Lenz-Erfolgreich-ueber-Tod-hinaus,lenz139.html), was meine eigene Einschätzung im Nachhinein bekräftigt:

Foto Malte Godglück: Lübeck, Bernd Oei und die Hafenliebe….

Der unspaltbare Nachtkern

Jeder von uns vermag zum Henker zu werden. Der Mensch birgt alle Möglichkeiten in sich, Gutes wie Schlechtes, die häufig lebenslang verborgen und nie erweckt bleiben. André Breton bezeichnet das unterdrückte Selbst als unspaltbaren Nachtkern, der allegmein zum Menschen gehört. Lenz erwähnt diese Metapher im Vorwort seines Dramas „Das Gesicht“, ebenso wie die Definition der extremen Lage, die nicht durch die nur Begrenzung der Mittel entsteht, sondern der zugleich seine unbegrenzte Zueteilung aller Mittel . Der Einzelne (das Konkrete, Besondere) steht auch hier für das Ganze (Allgemeine) bei Lenz.

„Das Gesicht“ (Untertitel: Doppelgänger eines Diktators) ist ein Drama in sieben Bildern, das 1964 am Hamburger Deutschen Schauspielhaus – Lenz wohnte nach dem Krieg zunächst in Bargteheide bei Hamburg nahe und darauf in der Hansestadt selbst) uraufgeführt wurde, ist als Hörspiel unter abrufbar. https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:97f832fcf28dd679/ Es handelt sich nach „Zeit der Schuldlosen“ um das zweite seiner fünf Dramen.

2024 erlebte es, abermals in Hamburg eine Neuaufführung, zugleich Neuinszenierung. Leider wiederum ein Opfer der Regietheater, das Gesellschaftskritik und Tragödie zum Klamauk einer Komödie gerät, die subtilen Humor zum Splapstick à Chaplin ummodelliert. Um Aktualität zu heucheln wird Trump persifliert. https://www.ndr.de/kultur/buehne/theaterberichte/hamburg/Lenz-Komoedie-Das-Gesicht-Dieser-Abend-hebt-nicht-ab-,dasgesicht100.html. Aus dem idealistischen Sohn und Gegenspieler des Präsidenten, wird eine Tochter, da laut Regiesseur Georg Münzel die Frauen bei Lenz chronisch unterrepräsentiert wären. Zu hören ist die Theater-Rezension:

Aus meiner Sicht handelt es sich um eine Parabel, zumnal sich Lenz in seinem kurzen Philosophiestudium klar zu und für Camus positionierte Vier Themen erscheinen relevant: aus dem Widerstandskämpfer , dem Frrseur Bruno Deutz, wird ein Opportunist, der sich hinter Beruf und Ehe versteckt, der wider Willens vom Autokraten engagiert wird und dabei seine eigene dunkle Seiten, seinen bislang unterdrückten Schatten entdeckt. In jedem Menschen schlummern daher (Grundüberzeugung von Lenz) zwei Seiten, das Janus-Prinzip. Es geht immer darum, welchen Wolf (welche Seite) ich füttere. Gelegenheit macht Diebe und die Möglichkeit der Macht korrumpiert die Seele. Das Double gerät in den Sog der Macht und dient dem Verbrechen.

Zweitens geht es um Desillusionierung. Sowohl der Versuch, Gewalt und Schuld auszuweichen misslingt als auch das Fremd- vom Selbstbild dauerhaft zu trennen. Brunos Frau heiratete Hanna diesen nur auf Geheiß des verratenenen Freundes, ihres Verlobten und die Ehe leidet darunter, dass der politische Gefangene aus dem Gefängnis heraus seine Verlobte gedanklich beherrscht. Wie der Sohn des Präsidenten ihn von seinem Double nicht zu unterscheiden weiß, so vertraut auch Hannah einem Fremden anstelle ihres Gatten, der optischen Täuschung unterlegen, ihre Liebe an, als sie erkennt, dass der vergötterte Verlobte sich geändert hat und vielleicht nie der war, den sie in ihm sehen wollte.

Die kleinen, aber konkreten Alltagsdinge beherrschen und beeinflussen die Menschen / Protagonisten weit mehr als die großen Ereignisse. Das Gesicht ist onsofern dreideutig: es dient der Verwechslung durch Ähnlichkeit, es verkörpert Eigentum und Einmaligkeitr, aber ebenso Verwechslung und Austauschbarkeit bzw. duie Differenz von Fremd- und Eigenwahrnehmung. Am Gesicht allein lässt sich der Charakter nicht erkennen.

Zuletzt handelt Lenz das Motiv der Verführbarkeit ab. Vergleich und Bildnis sorgen dafür, dass der Biedermann Bruno, den einzig der blinde trunkene Vater erkennt („Bruno bleibt immer Bruno“), den Usurpator in seiner Rolle als Scharlatan und Tyrann noch zu übertrumpfen versucht und sogart selbst glaubt, der Präsident und damit der Herrscher über Leben und Tod aller sein zu müssen. Nebenbei bemerkt haben alle im Stück ihre festen Bilder von gut und böse so fest implementiert, dasss sich alles, jede Tat, rechtfertigen lässt, selbst der Mord. Der philosophisch zeitlose GEdanke besteht gerade darin, Moral in ihrer Amoralität zu entlarven.

Foto Bernd Oei: Lübeck. Niendorf, Imbissbude do what you love (mach was du liebst). Wenn das mal so einfach wäre…

Eine Sekunde der Welt

Relativ selten gedenkt man Lenz’einziger (reimlosen) „Ballade in Prosa“, die der Schriftsteller in „Die Welt“ veröffentlichte (sie gehört dem Axel Springer Verlag) und deren ganzer Text unter https://www.welt.de/print-welt/article204439/Eine-Sekunde-der-Welt.html. Typisch ist die Natur als Rahmen und Gleichnis für die Handlung bzw. Charakterisierung. Zudem Faszination für die Miniaturen, z.B. Zeit (Sekunde) und die Verflechtung von Motiven wie in einer Arabeske, meist Naturerlebnis und Empfindung bishin zum übernatürliches Gefühl der Verbundenheit mit der Welt, das Übergreifende. Auch hier kommt exemplarisch das Leitmotiv des Autors, Notwendigkeit des Widerstands gegen Macht und Selbstsucht, zum Ausdruck.

Ob Lenz an Gott glaubte, ist weithin unbekannt, doch er setzte sich lebenslang mit dem Komplex Gewissen (individueller Handlungsspielraum), Moral (Theorie) und Ethik (Handeln) auseinander. Der Schluss der Ballade lautet: „In dem Augenblick, da all dies geschah, dieses, das nicht einmal ein Tausendstel von dem ist, was in diesem Augenblick wirklich geschah, in diesem Augenblick also: war Gott zufrieden.“ Er zeigt, dass Vollkommenheit oder Anspruch auf das Absolute dem Menschen nicht möglich sind oder zuteil werden können, ebensowenig wie eine allgemeingültige Wahrheit.

In dem Film über Lenz https://www.planet-schule.de/schwerpunkt/autoren-erzaehlen/siegfried-lenz-film-100.html spricht der Autor darüber, dass jeder Schreibende nie für sich schreibe, sondern für einen Leser, den er „werben“ möchte und dass die Literatur stets einmal von ihm und nochmals vom Leser gemacht werde. Das „Werben und Trommeln einer Ein Mann Partei „wiederholt er mehrfach, wenn er vom abstrakten Konflikt zur eigenen Bildersprache (Landschaft und Leute) überträgt. Auf einen Text sollte nie Verlass sein, weil der Autor vielleicht nicht alles sagen kann, was der Leser erkennen kann. Dies mag zu Missverständnissen führen, aber auch zu Erweiterung dessen, was er selbst erkennt.

Für Lenz war der Schriftsteller primär durch sein Werk und nicht sein sonstiges Leben erkennbar. Er spricht von Narben (Fluchzut, VErfolgung, Niederlage, versäumte Chancen) seiner Generation, von physischem Schmerz wie Kälte , Einsamkeit und Hunger als existentielle Befunde und nicht organische Verletzungen, die aus dem rühren, was in Deutschland und Europa, aus dem Unbegreiflichen rührte. Diese Stelle erinnerte mich an die Qualen der Chorona-Zeit ebenso der nachfolgend ausbleibenden Reaktion, sei es die konsequente Aufklärung von oben oder die aufrechte Entschuuldigung von unten. Ausschwitz kann natürlich nicht mit einer PR gesteuerten Manipulation gleichgesetzt werden, doch der Kern Freuden der Pflicht durch Gehorsam werden auch von Lenz bereits deutlich gemacht. Sehr verkürzt: Ambivalenz besteht auch in der Moral selbst, wie Nietzsche sagt, sie liegt jenseits von gut und böse, so wie sie die Natur uns widerspiegelt.

Foto Bernd Oei: Niendorfer Steg zur Ostsee hinter dem idyllischen Fischereihafen und seinem Fischereimarkt. Die Ostsee bei Niendorf ist eher flach, typisch für die Lübecker Bucht. Die maximale Tiefe der Ostsee beträgt immerhin 459 m nördlich des schwedischen Gotland.

Die unvergängliche Vergänglichkeit

… besteht einzig in der Erinnerung. S. Lenz betont im Interview auch, dass er sich bei Verfilmungen nie eingemischt habe. In seiner gleichfalls (2016) verfilmten „Schweigeminute“ , acht Jahre nach dem Erscheinen der Novelle, kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck. Der Schriftsteller war nach dem Tod seiner langjährigen ersten Ehefrau in eine Krise geraten, aus die ihm seine Nachbarin und spätere zweite Ehefrau heraushalf, der diese thanatos-lastige Novelle gewidmet ist. Der Film mag schön’wie die Darsteller überzeugend sein, doch er ändert viel am Erzählstrang und den Inhalt selbst., womit die lenz’sche Vieldeutigkeit verloren geht.

In der Audiothek firmiert „Schweigeminute“ unter dem coming of age Narrativ. Englisch spielt sowohl im Leben von Lenz‘ als Übersetzer, Bewunderer Hemmingways und später Faulkners als auch in der Geschichte selbst eine Rolle. Zu hören ist eine verkürzte Radiofassung unter https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:deba4acaf721b6e5/ Allerdings geht es nicht um die Schwelle eines Teenagers zum Erwachsenwerden.

Eine Analyse samt Inhaltsangabe liefert, eine Rezension mit dem Titel Ein Sommer mit Stella (dem Namen der tödlich verunglückten Englischlehrerin) https://literaturkritik.de/id/12123. Das Meer, seine Weite (Freiheit), seine Tiefe (Unbewusstes oder zumindes Verdrängtes) spielen in dem Narrativ von Lenz wieder und entscheidend eine allegorische Rolle. Auch hier lässt sich die realistische Geschichte mit ihren inneren Monologen bzw. Erinnerungen als Parabel lesen. Aus der pubertären ersten Liebe wird die ungestillte Sehnsucht nach Dauer, aus dem Schweigen bzw. Verschweigen des Tabus das Unaussprechliche, sei es Verlangen, sei es Festhalten oder Verändern. Nicht zufällig spielt animal farm von George Orwell, gleichfalls eine Parodie auf wiederkehrende Herrschaftsverhältnisse und damit gescheiterte Revolution, eine zentrale Rolle in der Novelle. Stella ist zudem ein sprechender Name (Stern, Sonne, symbiolisch Licht und Hoffnung), denn nicht nur Fontanes ttragisches Schicksal von „Stella“ schwingt darin mit, sondern auch T. Williams in „Endstation Sehnsucht“.“ Jetzt brachte sich Vergangenheit bin Erinnerung“ heißt es, als Stella von ihrer Herkunft spricht, in der sich die eigene Tragödie bereits ebenso andeutet wie bei der Rettung eines Schiffbrüchigen am Anfang. „Grammatik des Abschieds“ nennt es Lenz in seiner Novelle

„Was wir verschweigen ist mitunter folgenreicher als das was wir sagen“ erscheint als der Kernsatz oder gar Epigramm der Novelle. Philosophisch erinnert sie an Kierkegaards Entweder-Oder, die Liebe zur Unentschlossenheit und den dahinter verborgenen Möglichkeiten, die Stella zweimal erwähnt. Zudem reist Stella vor ihrem tödlichen Unglück, um Zeit für sich zu haben von Christian an der Ostsee fort nach Dänemark (Insel Aero) ab, der Heimat des Existentialisten. Wellen sind das zentrale Motiv neben den Steinen, nach denen getaucht wird, um Wellenbrecher gegen die Urgewalt der Natur zu bauen. So verwendet Lenz den Ausdruckl warm bearing wave für die Liebesbeziehung zwischen Stella und ihrem Schüler Christian. Wellen repräsentieren den Antagonismus von Liebe und Glück einerseits und Tod / Verlust andererseits. Aus der Hand des Vaters erhält Christian die letzte Karte Stellas Love is a warm baring wave.. Gedanken zum Wellen-Thema finden sich zudem auf https://brotundglanz.blogspot.com/2014/11/der-welle-tod-gedanken-uber.html

Foto Bernd Oei: Steine an der Sandküste Niendorfs nahe der Lübecker Bucht

Die letzte Wache

Auch „Das Feuerschiff“ (1960) spielt an und auf der Ostsee. Es enthält einen Schlüsselsatz von Lenz literarischem Universum: „Es trifft gewiß zu, daß die Hoffnung eine Gnade ist. Aber fraglos ist sie eine schwierige Gnade. Sie fordert zuweilen unsere Bereitschaft, auch im Scheitern eine Chance zu sehen, in der Niederlage eine neue Möglichkeit. Vielleicht ist die Hoffnung die letzte Weisheit der Narren.“

Auf dem letzten Einsatz des alten Feuerschiffs birgt die Besatzung drei Männer aus einem Boot, das manövrierunfähig im Meer treibt. Eine ruhige Wache hatte sich Kapitän Freytag zum Ende seiner Dienstzeit gewünscht. Als sich aber herausstellt, dass die Schiffbrüchigen wegen bewaffneten Raubüberfalls gesucht werden, ist die Ruhe dahin. Mit aller Gewalt wollen die Gangster außer Landes flüchten. Die Situation eskaliert zu einem Spiel auf Leben und Tod, als sie drohen, zur Not mit dem Feuerschiff überzusetzen.Der Text handelt vom Konflikt auf einem Feuerschiff zwischen der Besatzung und Gangstern, eine bekannte Novelle über Widerstand und Gewalt. 

Der Beginn lautet „Sie lagen und lagen fest bei den wandernden Sandbänken. Seit neun Jahren, seit dem Krieg lag ihr Schiff an langer Ankerkette fest, ein brandroter Hügel auf der schiefergrauen Ebene der See, muschelbedeckt, von Algen bewachsen – bis auf die kurzen Zeiten in der Werft lag es da, während der heißen Sommer, wenn die Ostsee glatt und blendend und zurückgedämmt war, und in all den Wintern, wenn wuchtige Seen das Schiff unterliefen und Eisschollen splitternd an der Bordwand entlangschrammten. Es war ein altes Reserve-Feuerschiff, das sie nach dem Krieg noch einmal ausgerüstet und hinausgeschickt hatten, um die Schiffe vor den wandernden Bänken zu warnen und um ihnen einen Ansteuerungspunkt zu geben für den Minenzwangsweg.

Neun Jahre hing der schwarze Ball in ihrem Mast, der anzeigte, daß sie auf Position waren, kreiste der Blinkstrahl ihrer Kennung über die lange Bucht und über die nächtliche See bis zu den Inseln, die sich grau und flach wie ein Ruderblatt am Horizont erhoben. Jetzt waren die Minenfelder geräumt, das Fahrwasser galt als sicher, und in vierzehn Tagen sollte das alte Feuerschiff eingezogen werden. Es war ihre letzte Wache.

Die letzte Wache sollte noch vor den Winterstürmen enden, die mit kurzen, wuchtigen Seen in die Bucht hineinschlagen, die lehmige Steilküste unterwaschen und auf dem flachen Strand eine verkrustete Markierung aus Tang, Eissplittern und pfeilförmigem Seegras zurücklassen. Bevor die Stürme einsetzen, ist die Ostsee hier draußen vor der langen Bucht ruhig; die Dünung geht weich und gleitend, die Farbe des Wassers wird schwarzblau. Das ist eine gute Zeit für den Fischfang: in Schwärmen zucken die getigerten Rücken der Makrelen knapp unter der Oberfläche dahin, der Lachs geht an den Blinker, und in den Maschen des Grundnetzes stehen die Dorsche fest, als ob ein Jagdgewehr sie hineingeschossen hätte. Es ist dann auch höchste Zeit für die Küstenschiffahrt, für die gedrungenen Motorsegler, für Windjammer und Holzschoner, die mit einer letzten Decksladung Grubenholz oder geschnittenen Planken oben von Finnland runterkommen und weiterziehen in ihre Winterverstecke. Das Fahrwasser vor der langen Bucht und zwischen den Inseln ist voll von ihnen vor den Stürmen, und vom Feuerschiff sehen sie die tuckernde, schlingernde, mühsame Prozession vorüberziehen zu den Sicherheiten hinter dem Horizont; und wenn sie verschwunden sind, kommen die Sturmmöwen herein und die schweren Mantelmöwen, einzeln zuerst, dann in kreischenden Schwärmen, und sie umkreisen das Feuerschiff, ruhen sich auf seinen Masten aus oder gehen nieder auf das Wasser, auf dem der rötliche Widerschein des Schiffes liegt. Als ihre letzte Wache begann, war die See fast leer von den schlingernden Holzschuten, nur einige Nachzügler kamen noch vorbei, klemmten sich unter den Horizont, und auf dem Feuerschiff sahen sie jetzt fast nur noch die weißen Eisenbahnfähren, die morgens und abends schäumend hinter den Inseln verschwanden, schwere Frachter und breitbordige Fischkutter, die gleichgültig an ihnen vorbeiliefen.“

Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz ist eine Novelle über den Konflikt zwischen alter und neuer Generation, zwischen Routine und Abenteuer, verkörpert durch den pragmatischen Kapitän Freytag und den idealistischen jungen Fred, der das Schiff kapert, um einen maritimen Mythos zu schaffen, und thematisiert Autorität, Zivilcourage und die Auseinandersetzung mit dem Hemingway-Ideal von Heldentum versus vernünftiger Gelassenheit, wobei der Kapitän als Anti-Held agiert und das Ende offen bleibt.

Die zwei miteinander verbundenen Themen sind Vater-Sohn – Konflikt (das Individuelle, Frd und Freytag) und von Ordnung und Chaos (Achiffsbesatzung und Gangster) alim Allgemeinen

Foto Bernd Oei: Steine und Schatten am Niendorfer Strand. Es gilt als nicht gesichert, aber wahrscheinlich, dass Lenz sich in der Lübercker Bucht bewegte.

Zeit der Schuldigen – Betroffene haben ein besonderes Talent für Erirnnerungen

Irdisch wollte er bleiben, niemals metaphysisch nur reagieren auf die Frage „Was bedeutet dies alles?“, wie sie in „Zeit der Schuldligen“ (1961) zui Sprache kommen. Es handelt sich, wie Lenz betont, um Angeklagte mit Komfort. Sieg beansprucht Reinigung. „Jeder Sieger beanspruchtein Recht zum Aufräumen.“ Von neun Gefangenen ist einer ein Mörder, von Sason, dessen Tod für acht Angeklagte bürgte. Der Hintergrund ist offensichtlich: Schuld, Verweigerung und moralische Verantwortung in einem totalitären System macht Mord zum Zufall oder zur Notwendigkeit. Jeder hatte Angst vor dem Anderen. Jeder hätte zum Mörder werden können.

Männer müssen sich entschuldigen und können /wollen es nicht. https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:6387cec545d394d7/# Widerstandskämpfer haben einen geopfert, um als Kollektiv zu überleben. Das System ändert sich: was vorhger Unrecht war, ist heute Recht und invers. Die acht Angeklagten geben Kollektivschuld an, wie es nahezu alle nach dem Krieg taten, als die Frage nach dem Warum aufkam. Jeder war dabei und keiner mittendrin. Entschuldigungen lassen sich immer finden, seien es Ideale oder Nöte. „Was geschehen ist, geschah unter Zwang.“ Mörder aus Gehorsam.

Am Ende tötet sich einer und bekennt sich zur Tat,doch es ist jener, der es nicht gewesen sein kann in jenem Gefängnis, das einst neun Menschen auf engsten Raum zusamenhielt. WEr es am Ende gewesen ist von den anderen sieben bleibt Lenz Ǵeheimnis….

Foto Bernd Oei: Schwanenverkehr auf der Ostsee, Niendorfer Strand. Die Schwanentreue kann bis zum 40. Lebensjahr andauern und damit bis zum Tod.

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