
Foto Malte Godglück: Rom, Stadtteil Trevi, Pantheon, Betonkuppel von Innen und einem Durchmesser von über 43 m und einem Gewicht von über 4500 Tonnen in ca. 22 m Höhe. Sie steht damit der Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore, dem Dom von Florenz,. nur sehr wenig nach. https://de.wikipedia.org/wiki/Pantheon_(Rom)
Deutsche Poeten in Rom
Die meisten Deutschen denken wohl an ihren Goethe, wenn sie gefragt werden, welche deutsche Schriftsteller sie mit der ewigen Stadt verbinden. Er lebte zwischen 1786 und 1788 in Rom, wo er eineinhalb Jahre verbrachte. Ein ganzer Band Gedichte, die zwazigteilige „Römischen Elegien“ 1795erinnern daran. http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/roemische-elegien.html . Die Texte sind dort auch einsehbar unter http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/roemische-elegien/roem-elegien-text.html Die ersten vier Zeilen lauten „
Saget, Steine, mir an, o sprecht, ihr hohen Paläste!
Straßen, redet ein Wort! Genius, regst du dich nicht?
Ja, es ist alles beseelt in deinen heiligen Mauern,
Ewige Roma; nur mir schweiget noch alles so still.
Wohl bekannt ist auch die Italienreise der Mann-Brüder. Thomas Mann verbrachte gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich einen wichtigen Teil seiner künstlerischen Anfänge in Rom, wo er ab 1897 in der Via Torre Argentina 34/III lebte und fern der Heimat mit der Arbeit an den „Buddenbrooks“ begann. Heinrich Mann wiederum gab an, sein Lieblingsroman „Die kleine Stadt“ 1909 wäre ohne Rom als Vorbild undenkbar gewesen.
Alle Dichter aufzuzählen, die in Rom Station machten, wäre müßig, die Frage ist eher beantwortet, wer nicht. Stellvertretend seien daher nur die mir persönlich wichtigsten genannt: Friedrich Nietzsche war mehrmals in Rom, am einflussreichsten war sein Besuch im Frühjahr 1882, wo er die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé traf. Im Mai 1883 wohnte Nietzsche in einer Unterkunft an der Piazza Barberini in Rom mit Blick auf den berühmten Tritonbrunnen (Fontana del Tritone), der von Lorenzo Bernini geschaffen wurde
Rainer M. Rilke weilte 1906/07 in der Stadt am Tiber und widmete dem Brunnen vor der Villa Borghese das Sonett „Römische Fontäne“ – vorgetragen von M. Habich unter https://www.youtube.com/watch?v=5lKzsyCVT28 und nachzulesen auf https://www.zgedichte.de/gedichte/rainer-maria-rilke/roemische-fontaene-villa-borghese.html Es gehört zur Sammlung Ding- Gedichte, mit denen Rilke in Paris begann (u.a. Das Karussell, Der Panther) .
Rober Musil machte besonders vor dem Ersten Weltkrieg mehrmals Aufenhalt in Rom, was sich literarisch v. a. in seiner Parabel „Die Affeninsel“ niederschlägt, die mit der Villa Borghese verbunden ist.
Auch Franz Grillparzer (1819) reiste durch die berühmteste Ruinen der Welt (das Forum romanum) und widmete den seine aus 16 Oktetten bestehende Elegie „Die Ruinen des campo vaccino“, die er verstand als „eine Klage über den Untergang der herrlichen klaßischen Zeit“. http://www.gedichte.eu/kl/grillparzer/gedichte3/die-ruinen-des-campo.php. Die erste achtzeilige Strophe beginnt mit „Seid gegrüßt, ihr heil’gen Trümmer, / Auch als Trümmer mir gegrüßt! / Obgleich nur noch Mondesschimmer /Einer Sonn‘, die nicht mehr ist..“
Franz Werfel und Martin Walser fanden und vertieften ihren Glauben in der ewigen Stadt; literarische Spuren sind v. a. in „Der veruntreute Himmel“ und „Mein Jenseits“ ihren Ausdruck. Ein längerer Aufenthalt in der päpstlichen Metropole ist jedoch nicht überliefert.
Von jenen deutschsprachigen Autoren, die am Tiber mehrere Jahre lebten, ist das Paar Max Frisch ( Zürich, 1911-91) und Ingeborg Bachmann (Klagenfurt, 1926-73) das bekannteste. Die beiden verbrachten Anfang der Sechziger Jahre einen Großteil ihrer gemeinsamen Zeit in Rom, in der Via Giuseppe di Notaris (ab 1960/1961) und davor in der Nähe der Spanischen Treppe,zuletzt bis Anfang 1963 in der Via Giulia 102.

Foto Malte Godglück: Rom, Pantheon mit Obeliksken-Brunnen mit Delfinskulpturen aus dem 18. Jahrhundert an der Piazza della Rotonda, Die markante große Kuppel lässt sich in der Nacht kaum erahnen. Der Bau des Pantheons (118-125)geht auf Kaiser Hadrian zurück und diente lange als Grabstätte, u.a. Raffaels. Das Gebäude wird auch Rotunde genannt aufgrund seiner gewaltigen, freitragenden Betonkuppel mit dem kreisrunder Öffnung.
Max Frisch – Mein Name sei…
Der Schweizer Max Frisch (1911 geboren) verbrachte ab 1960 eine bedeutende Zeit in Rom, wo er mit Ingeborg Bachmann eine in der Via Giuseppe di Notaris.bezog und dort für ihn anregende und produktive Jahre erlebt und dort u.a. „Mein Name sei Gantebein“ geschrieben. Seine Eindrücke von Rom gibt er im Video kund https://www.youtube.com/watch?v=LK1n1xnleJU&t=108s
Frisch und Bachmann liebten sich 5 Jahre von 58 bis 63, wobei sie zehn weitere Jahre bis zu ihrem Tod in Rom verblieb (sie verbrannte in ihrer Wohnung Via Giulia). Frisch dagegen kehrte zwei Jahre nach der Trennung von der österreichischen Schriftstellerin aus Rom „der herrlichsten Stadt der Welt“ zurück, erlebte noch den Mauerfall und verstarb 91 in Zürich. Ein Film über sein gesamtes Leben ist zu sehen unter https://www.ardmediathek.de/video/planet-schule/max-frisch-autoren-erzaehlen/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE5ODc3MDc
Max Frisch, der den Beruf des Architekten lange Zeit parallel zum Schreiben ausübte gibt in dem Interview an, u. a. „Homo Faber“ wesentliche Impulse aus Rom erhalten zu haben und verdeutlicht dies an der Via Appia. Die Frage nach der Identität und ihren Brüchen kommt in all seinen Werken zum Tragen, am aller deutlichsten in „Mein Name sei Gantenbein“ (1964). Auch wenn es sich um eine Banalität handelt: es ist auch ein Buch des Scheiterns, insbesondere der offenen Beziehung, die Frisch nicht nur mit Bachmann lebte (oder leben wollte) und eines über versteckte Gefühle allgemein.
Auch wenn es sich nicht um eine Biografie handelt, sondern vielmehr ein konsequentes Rollenspiel, gelangt Frisch‘ Motto, er müsse schreiben, weil es schwer ist zu leben ohne etwas auszudrücken,durchaus zum Vorschein. Vordem hatte er bereits „Stiller“ (1954) und „Homo faber“ (1957) als Roman abgeschlossen; daneben entstanden in Rom auch mehrere Theaterstücke. Dass die Protagonisten Stiller Bildhauer und Walter Faber Ingenieur sind und die Materie formen bzw. Modelle entwerfen, ist aussagekräftig.
Auszüge aus diesem Gantebein-Werk sind unter https://www.ardmediathek.de/video/kultur-im-norden/max-frisch-liest-aus-mein-name-sei-gantenbein/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8yYzZmNTczMS0yZjY2LTQxM2ItYmYyNS0yYWYxNDVhMWZkYWU zu hören, einer zwanzig-minütigen Leseprobe 1965 mit Frisch selbst.
Der Erzähler erfindet („Ich stelle mir vor:“) mögliche Lebensgeschichten dreier Personen: Da ist Gantenbein, der einen Blinden spielt, um so genauer seine Umwelt beobachten zu können und immer wieder neue Geschichten erfindet bzw. als die eigenen ausgibt. Seine Frau Lila iust sowohl Ärztin als auch Schauspielerin (eine Kombination, die Christine Paul, Jahrgang 1974 heute lebt). Da ist Enderlin, mit dem Lila eine Affäre hat und der dennoch auch ihr gegenüber immer „ein fremder Herr“ bleibt. Und da ist Svoboda, der gleichfalls die Frisch’sche Erfahrung macht, dass Liebe und Ehe endlich sind. Dauerhafte Liebe scheint eine Absurdität: entweder fehlt die Leidenschaft oder die Kontinuität im Wandel. Wenn alle nackt sein wollten, wozu bedürfte es dann der Kleider?
Gantenbein alias der Schöpfer diverser Möglichkeiten à la Musil Mann ohne Eigenschaften, befindet sich fiktiv im Krisen-Modus. Über diese weiß er zu sagen: „Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack von Katastrophe nehmen.“ (Quelle https://www.bbaa.de/fileadmin/user_upload/dummys/75-Gantenbein-PH-Ansicht.pdf) Die Frage ist immer: Wer ist verantwortlich für sein eigenes Leben? Frisch bejaht dies mit aller Vehemenz. Man kann sich immer ein anderes Leben vorstellen und auch wirklich beginnen. Das Leben ist ein Experiment und kann als ständiger Entwurf betrachtet werden.
Das Stück „Mein Name sei …“ wurde mehrfach als Theater aufgeführt, u.a. mit Matthias Brand 2021 (Berliner Ensemble). Der Lebensentwurf hat nicht funktioniert, eine Liebesgeschichte ist zu Ende, hinter der auch Ingeborg Bachmann steht, die noch weniger als Frisch selbst zur Normalität zu finden wusste. Eine Annäherung an „Bildnis“, gespielte Blindheit, liefert der verlinkte Radiobeitrag.

Foto Malte Godglück: Rom Brunnen mit Säulenkolonnade, im Hintergrund der Petersdom (Vatikan), päpstliche Residenz und Enklave westlich des Tibers https://romtipps.de/petersdom.html
Anderthalb Grundprobleme und der Künstler muss es herausfinden
Max Frisch lebte von Anfang an eine Doppel-Existenz, was erklärt, weshalb er die Identitätsfrage und die Möglichkeit als eine Form von Realität so in den Vordergrund rückt. Er war durchaus auch bürgerlich, auch Architekt, auch konservativ, sogar Moralist und gläubiger Katholik, was ihn wie Werfel und M. Walser, um nur zwei Beispiele zu geben, immer mit Rom verband. Aber er war auch Freigeist, Libertin, promiskuitiv und Künstler/Schriftsteller, der sehr spät erst den Führerschein machte und die anarchische Form in Rom, Auto zu fahren, genoss. https://www.ardmediathek.de/video/planet-schule/max-frisch-autoren-erzaehlen/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE5ODc3MDc
In seinen wohl bekanntesten drei Romanen: „Stiller“ (1954) während seiner Trennung/Scheidung von der ersten Ehefrau geschrieben, „Homo faber „(1957) , in der sich bereits die Beziehung zu Ingeborg Bachmann anbahnte, und, das während seines USA/Mexiko Aufenthaltes entstand und „Mein Name sei Gantenbein“ (1964), das in Rom entstand gegen Ende seiner Beziehung mit der österreichischen Schriftstellerin, spielen drei Motive eine tragende Rolle: Entfremdung von der Normalität/Alltag, Distanzierung von einer Frau und Liebe zu einer anderen sowie der Überdruss am praktischen überschaubaren und planbaren Leben. Insofern ist die Reiselust von Frisch und seine Auszeit in Rom durchaus relevant für sein Werk. Das Leben ist eine Parabel und ein unfertiger Roman. Folglich schreibt Frisch auch in seinen Erzählungen parabolisch.
Zwei Beispiele dienen zur Illustration der Ambivalenz, die Frisch Persönlichkeitsspaltung seiner Protagonisten charakterisieren. Das erste lautet: „Die Frau ist ein Mensch, bevor man sie liebt, manchmal auch nachher; sobald man sie liebt, ist sie ein Wunder.“ (Aus „Stiller“) Frisch faszinierte der Anfang, z.B. der Liebe, nicht ihr Ende bzw. der Prozess des mühsamen Duschhaltens. Das zweite Beispiel: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ (Aus „Mein Name sei Gantenbein“) umreißt, dass wir alle lügen, wenn wir glauben, Ich zu sein. Überzeugungen sind (wie Nietzsche auch sagt) gefährliche Freunde der Wahrheit. Frisch greift dies in seinem satirischen Selbst-Interview auf. Angeblich geht es ihn um erfundene Biografien und faktische Erfindungen, z. B. in „Stiller“.

Foto Malte Godglück: Treppe zum Petersdom/Vatikan mit dem Schweizer Gardisten, wo der Papst wohnt. Die Schweizer Garde existiert als päpstliche Leibwache seit 1506. Die neuen Gardisten werden jeweils am 6. Mai vereidigt, dem Gedenktag an die Plünderung des Heiligen Stuhls Sacco di Roma 1527.
„Ich probiere Geschichten an wie Kleider!“
So beginnt der Roman „Mein Name sei Gantenbein“ nicht mit einer klassischen Handlung, sondern mit der Reflexion des Erzählers über die menschliche Identität Eine Einführung oder vielmehr Begründung, was das Buch so lesenswert macht, liefert ein Artikel in Der literarische Zaunkönig Nr. 2/2016 von Nandi Friedel. https://www.erika-mitterer.org/dokumente/ZK2016-2/friedel_frisch_gantenbein_2016-2.pdf. Sie schätzt neben der präzisen Beobachtung der Mit- und Umwelt vor allem die Irritation, da nichts selbstverständlich, klar oder als gegeben angesehen werden kann. Jedes Ich gleicht einem Entwurf, einer Rolle, die korrigiert werden kann oder vom Leben bisweilen korrigiert wird.Imagination ist alles, die Welt ein einziger Spiegelsaal.
Es geht Frisch um Verantwortung für das eigene Leben, weil sich Verfehlung wie Vollzug nur im eigenen Ich ereignet. Nichts darf hingenommen und unhinterfragt bleiben; gerade die Lüge muss schonungslos aufgedeckt werden, bevor sie sich zur Lebenslüge manifestiert. Der kryptische Satz Wer bin ich, wenn ja, wie viele, wird hier von ihm bereits mehr als nur aufgeworfen und angedeutet. Frisch selbst prägt das Gleichnis von Kleidern, die sich die nackte Existenz aneignet, an-und ausprobiert, aber auch jederzeit wieder ablegt. Die Beliebigkeit sollte jedoch nicht mit Leichtigkeit verwechselt werden.
Der Roman ( im gleichnamig adaptierten Theaterstück gespielt von Matthias Brandt) kreist um einen multipersonaler Ich Erzähler. Das Stück wurde während der Choleraepidemie entworfen und auch vor Publikum 2021 gespielt. Frisch lehnt sich mit seiner Eingeschlossenheit (das Ich als Entwurfsmaschine zahlreicher Existenzen) einen aktuellen Bezug zu Sartre, dem Existentialismus und fragt: wer kann ich, wer will ich sein? Für Frisch sind die eigenen getroffenen Entscheidungen stets wichtiger sind als biografische Rahmenbedingungen (Geworfensein). Schließlich kann der Spiegel (der Rahmen, framing) ausgetauscht werden, aber nicht die Person, die ihn hält und hineinblickt, sofern der Spiegel die Metapher für den Lebensentwurf ist.
Frisch prägt einen Stil, der zwischen Rationalismus, Skeptizismus und Existentialismus angesiedelt bleibt. Er deutet häufig mehr an, als er ausführt, was eine gewisse Lakonie mit sich bringt. Auf der anderen Seite beschreibt er die Außenwelt sehr detailliert, Dieses Hermaproditische findet auch seinen Niederschlag im häufigen Wechsel von Drama und Prosa, von denen Frisch explizit sagt, sie stellten ihm andere Mittel zur Verfügung. Wie er seine Theaterstücke in Bildern und einzelnen Szenen, aber niemals in Akten anordnet, so bleibt seine Prosa, durchbrochen von inneren Monologen, fragmentarisch und elliptisch. Themen und Motive werden umkreist oder, wie der Autor sagt, wie Räume durchschritten. Die Grenze des Alltäglichen überschreitet er dabei nie.

Foto Malte Godglück: Rom, Esquillino, Oper Teatro dell’Apera di Roma, mit 2200 Plätzen Eröffnung 1880 nach 18-monatiger Bauzeit, also zwei Schwangerschaften. Letzter Umbau 1956. Die erste Aufführung war ein Rossini. https://www.turismoroma.it/de/places/teatro-dell%E2%80%99opera

Foto Malte Godglück: Villa Torloina, wo Mussolini gewohnt hat. Sie liegt im noröstlichen Stadtviertel Normentano und heißt auch Villa Colonna. Die Dynastie der Colonna gilt als mächtigstes Patriziergeschlecht aleeingesessenen römischen Adels und förderte u. a. den Maler Carvaggio.
Gefangener seiner selbst
Die Freiheit durch den Entwurfcharakter oder Möglichkeitssinn ist trügerisch. Mit Frisch‘ Gantenbein wird klar, wir sind Wärter und Gefangene in der mit eigenen Händen erbauten Wartburg. Niemand zwingt uns zu einem bestimmten Lebensstil, fast alles ist möglich, wenngleich manches sehr schwierig erscheint, aber zweifellos ist es der einzige Weg, seine persönliche Wahrheit zu finden und nicht sich als Opfer ungewollter oder unverschuldeter Lebensentwürfe zu stilisieren. Der Weg ins Freie fängt mit der eigenen Demaskierung an.
So lautet einer der prägendsten Sätze im Roman: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält““. (Quelle: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/das-beste-aus-aller-welt/das-beste-aus-aller-welt-78987
Axel Hacke, der Autor der SZ fragt, ob wir alle Darsteller in einem Schundroman sind. Grundsätzlich beantwortet Frisch die Frage jeweils mit Ja: wir sind sowohl Mimen als auch Regisseure. Der Aufhänger des Artikels ist keineswegs der Roman oder die persona Frisch, sondern die vielen gefakten Darstellungen bzw. Geschichten, die Menschen für ihr eigenes Leben halten, weil sie daran glauben wollen, um kein eigenes führen zu müssen. Beispiel liefert im das historischen Ambiente wie etwa Schwertkämpfer auf der Spanischen Treppe Roms oder vor dem Kolosseum. Das sind Menschen, die davon leben, sich -als römische Legionäre verkleidet vor dem Kolosseum zusammen mit Touristen fotografieren zu lassen und sie können es auch.
„Die Kunst ist der Statthalter der Utopie.“ Auch dieser Satz stammt von Frisch und umreißt, was in „Gantebein“ geschieht und was nicht. Denn Kunst ist auch Kult des Irrtums. Und dies alles führt dazu, man „die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten soll, so dass er hineinschlüpfen kann -und nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen soll. Wahrheit wird selten geglaubt.
Ein immer wieder kehrendes Motiv ist die Spannung, der Antagonismus zwischen Fremd- und Selbstbild sowie die Macht der zugeschriebenen Rolle durch die Gesellschaft. Die Gesellschaft macht sich ein Bild von einer Figur und zwingt damit eine Person so zu sein, wie sie ihn sieht. Es sind immer die anderen, die durch ihre Projektionen für das Selbstbild sorgen, wenn man sich nicht dagegen wehrt. Eine Kollektivschuld lehrt Frisch, der an die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung des Individuums glaubt, ab, dennoch zeigt er in seinem Drama „Andorra“ (Uraufführung in Zürich, 1961), dass der Mord am angeblichen Juden Andi in einem Terrorsystem (Andorra steht für Faschismus) und damit das berühmte Bauernopfer durchaus Bestand hat, weil einer ja für alle büßen muss. „Andorra“ gehört neben dem redigierten „Graf Öderland“ und „Biedermann und die Brandstifter“ zu den drei Werken, die hauptsächlich in Rom entstanden. Dort fühlte sich der Vielreisende Frisch zumindest bis zum Bruch mit I. Bachmann freier als in der Schweiz.

Foto Malte Godglück: Rom, Engelsburg, Stadtteil Borgo am rechten Ufer der Tiber, mit 405 km Länge nach dem Po und der Etsch der drittlängste Fluss in Italien. Die Engelsburg, ursprüngliches Mausoleum und später Fluchtburg der Päpste sowie Gefängnis, in dem u.a. während der Inquisition Giordano Bruno gefangen gehalten wurde, ist heute eines der bekanntesten Museen und Wahrzeichen der Stadt. https://engelsburgrom.com/
Verliebt in Zerbrechlichkeit und Stummheit
In seinem „Stiller“-Roman geht es nicht nur um die Frage Wer bin ich oder wie kann ich Fremd- und Selbstbild zusammenbringen. Verunsicherung ist sicherlich ein Merkmal des Identätskonfikts. Eine Version den Roman wiederzugeben liefert https://www.xlibris.de/Autoren/Frisch/Werke/Stiller. Eine andere die eigene. Dabei spielt der Verweis m Vorwort auf Kierkegaard, der die Möglichkeit immer als die eigentliche Wirklichkeit betrachtet, eine große Rolle
Der im Vorwort des Romans geäußerte Verweis auf das Kierkegaard -Zitat, das um die Wahl der eigenen Existenz und nicht der angeborenen Situation kreist, (Geworfenheit in ein Schicksal) findet sich unter https://archive.org/details/bwb_W1-CTD-737/page/n7/mode/2up
Ein Problem beleuchtet das Leben und Fortkommen von der Vergangenheit, ein anderes, das eigenmächtige Gestalten der Zukunft, den Auf-oder gar Ausbruch aus der alten Hülle. Um ein Gefühl für „Stiller“ zu bekommen erscheint das vorgelesene Kapitel über Julika (seine Ehefrau) und Stillers Geliebten Sybille ideal. Ohne auf die Einzelheiten einzugehen: Stiller erfindet sich, um sich wie Stendhal in seiner Kristallisationstheorie neu zu erfinden. Stiller will ein echter Mann sein wie Julika eine wahrhaftige Frau. Er wollte gebraucht sein, sie bewundert. Er brauchte eine zerbrechliche, sie einen überaus fürsorglichen Mann. Julika wollte nicht gesund sein. Beide hatten Angst (ein zentrales Thema von Kierkegaard, aber auch von Stendhal) und das Glück des stummen zerbrechlichen Scheiterns (die heimliche Angst) kommt zum Tragen. Die wechselseitige Täuschung führt zum Bekenntnis Stillers, der so lange schwieg, sich verstellte und mit dem Ankläger, (Staatsanwalt) nicht dem Verteidiger seinen Pakt schließt. Ehrliche Worte über das falsche Rollenverhalten: https://archive.org/details/bwb_W1-CTD-737/page/n7/mode/2up
Es geht um das Bildnis vom anderen, als auch dem eigenen. Immer und immer wieder bei Frisch. Kristalle sind hier das Dingsymbol für das biblische „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Wenn man einen Menschen liebt, lässt man ihn alle Möglichkeiten offen, sagt Julika. Doch erst Stiller setzt dies konkret und in aller Radikalität um.

Foto Malte Godglück: Rom, Engelsburg, Innenhof aus römischen (rötlichen) Beton. Erst spät, 40 Jahre nach Staatsgründung, ging de Festung (Puccinis „Tosca“ spielt hier) und das wohl bekannteste Gefängnis des Vatikans in die Hand der italienischen Regierung über.https://de.wikipedia.org/wiki/Engelsburg
Was bedeutet es, ein Nonkonformist zu sein
Laut Frisch gibt es die Utopisten/Weltveränderer, die für einen guten Zweck mitunter jedes Mittel gebrauchen und andere, die jene Mittel nicht gebrauchen wollen, weil sie in sich verachtenswert sind. und daher innerlich rebellieren. Es gibt folglich Konformisten und Revolutionäre, zwischen ihnen steht einzig , das Gewissen. Politisch zu handeln muss nicht Aktivität beinhalten, sondern im Gegenteil: um Kritiker zu sein, auch eine Passivität erlaubt sein. Frisch hält sich für einen Kritiker und damit Nonkonformisten ohne diese Rolle als wichtiger oder moralischer zu nehmen als den politischen Aktivisten, der notfalls über Leichen gehen muss. Zu hören ist dies am Ende seines achtminütigen Selbstinterviews https://www.youtube.com/watch?v=o1ZLxOJzeQY oder in seinen Aussagen im literarische Gespräch mit Hans Meyer und Marcel Reich-Ranicki:https://www.ardmediathek.de/video/kultur-im-norden/literaturkritik-max-frisch-mein-name-sei-gantenbein/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS8zMDA1ZmZhNS0xZGNkLTQwOTQtOTg5Mi1lNWRlOWQxNmEzZjU
„Mein Name sei Gantenbein“ geht zwei Schritte weiter („Homo faber“ den einen) als Stiller, der nur Nein zu einer ihm öde gewordenen Pflichten-Existenz sagt. Nicht nur der namenlose Erzähler, der sich Gantenbein erfindet, probiert viele Identitäten aus: im Grunde tut dies jeder Schriftsteller und Max Frisch tat es eben öffentlich und im Besonderen, weil es zu seinem Lebens- und Leitmotiv wurde, sich vorzustellen, er könnte jemand anders sein. Nicht nur Stiller (eine) oder Walter Faber (zwei), sondern insbesondere Gantenbein probieren viele Identitäten aus, weil sie sich von der Norm erdrückt fühlen.
Er sah sich als kritischen Beobachter dazu verpflichtet, Rollen und Perspektiven zu wechseln und nicht greifbar zu sein für eine Sache, eine Idee. Für einen Schweizer ungewöhnlich sympathisierte er mit dem Kommunismus, mehr aber noch mit der italienischen Lebensfreude. die italienische KP war die größte Westeuropas und besaß aufgrund ihres konsequenten Widerstands gegen den Faschismus hohes Ansehen. Frisch‘ Nähe zum Existentialismus und seine Vorliebe zu Sartre ist offensichtlich. Der Mensch muss sich selbst erschaffen, sonst bleibt er lebenslang ein Gefangener und unfreier Spießer bzw. Opfer seiner gesellschaftlichen Konditionierung.
Max Frisch praktizierte seinen Identitätsbruch, sein coming out als Non-Konformist öffentlich, auch durch seine Übersiedlung nach Rom 1959 und im Besonderen, weil es zu seinem Lebens- und Leitmotiv wurde, sich vorzustellen, er könnte jemand anders sein. Er sah sich als kritischen Beobachter dazu verpflichtet, Rollen und Perspektiven zu wechseln und nicht greifbar zu sein für eine Sache, eine Idee.
Der Konjunktiv beherrscht das Narrativ, schon der Titel „sei“ besagt es. Eine Inhaltsanalyse liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/mein-name-sei-gantenbein/4855, ein vorgelesenes Kapitel daraus aus Max‘ Frisch Munde ist unter https://www.youtube.com/watch?v=ViPYhy97T8I zu hören. Einer Einführung in die Identitätsproblematik ist prägnant zusammengefasst von Tilman Spengler , selbst Autor. Er rückt das Frauenbild von Frisch in den Vordergrund und darüber hinaus das „vielleicht hätte es auch ganz anders sein können“, die zweifellos den Gantenbein-Ton ausmachen. https://www.youtube.com/watch?v=XfklA3REpqg.
Ein Zitat aus dem Roman lautet: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten.“.
Max Frisch war gewiss kein Kommunist, aber ein gesellschaftskritischer Autor, der sich für Freiheit, Gerechtigkeit und Minderheitenrechte einsetzte und Identität ständig hinterfragte. Er betrachtete stets die politischen Umständenund hielt sich dafür alle denkbaren Szenarien offen, blieb also aus politischen Grünen nicht festlegbar auf eine Ideologie

Foto Malte Godglück, Reiterstatue von Garibaldi . Sie befindet sich auf dem Janiculum-Hügel mit Blick auf die gesamte Stadt Rom. Aus Bronze gefertigt, wurde es auf einen Marmorsockel gelegt, auch dieser ist verziert, hat an den Seiten viele Reliefs, die die Schlachten des Helden erzählen, der zur Geburt des Königreichs Italien beigetragen hat.Die Bronzestatue wird von allegorischen Skulpturen und Szenen garibaldinischer Schlachten flankiert.
Was von Frisch bleibt
Du musst dein Leben ändern, denn andere tun es nicht. So lautet die vielleicht wichtigste B otschaft des Schweizer Schriftstellers. Wer sich hinter Problemen versteckt, der wird schließlich selbst ein Problemfall. „Behaust unbehaust“ heißt der Radiobetrag anlässlich seines 30. Todestages 2021; er zielt ab auf seine Flucht vor aller Gewohnheit des Bürgerlichen, die geistig träge macht, zumindest nach Auffassung des Autors, der nichts mehr als Wiederholung hasste. https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-schriftsteller-max-frisch-behaust-unbehaust-100.html
Wenngleich Frisch keine ausgewiesene Vorliebe zu einem bestimmten Philosophen pflegte, so lässt sich „Stiller“ gut mit Kierkegaard und dem Konflikt zwischen ästhetischen und ethischen Stadium umschreiben, wobei Frisch kein Christ, sondern bekennender Agnostiker war. Die Suche nach Gott hießt für ihn immer sich auf den Weg nach einem persönlichen Glauben zu machen, der frei bleibt von Konfession. Daneben sind Sartre und das Motiv der aufrichtigen Lüge, womit das sich Offenhalten von Möglichkeiten umrissen wird, bedeutsam.
Mit sich selbst identisch werden, um Frischs Worte aufzugreifen, gelingt nur, wenn ein Mensch den Mut findet, die enge Kammer
akademischer Gelehrsamkeit (oder jede andere Zwingburg unserer nur scheinbar unendlich wichtigen Tätigkeiten) zu verlassen und sein Gretchen zu suchen, zu finden und, anders als Goethes Faust, von ganzem Herzen aufrichtig zu lieben. Quelle https://content.bautz.de/neuerscheinungen-2004/pdf/9783883092126.pdf

Foto Malte Godglück: Rom, Reiterdenkmal Umberto I (König des neu erschaffenen Italiens von 1878-1900) im Park der Villa Borghese.
Homo wer?
Zwischen Stiller und Gantenbein liegt, nun nur auf die drei bedeutendsten Prosa-Werke von Max Frisch aufmerksam machend, „Homo faber“. Der Begriff steht anthropologisch für den schaffenden, sich durch seine Arbeit definierenden und daher in ein funktionales System euingebundenen rational operierenden Menschen. Der Ingenieur Walter scheint daher die perfekte Figur für eine solche Schilderung, mit der Frisch (selbst Architekt, ein homo faber) die Gesellschaft angreift oder zumindest hinterfragt. Wer die Geschichte von Frisch nicht kennt, kann sich unter https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_faber_(Roman)
Der Begriff Homō faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird in der philosophischen Anthropologie benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen.
Verwendung findet diese Bezeichnung 1928 bei Max Scheler in der Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos. Scheler wollte damit die Anthropologie bezeichnen, die von den Evolutionisten der Darwin- und Lamarck-Schule vertreten wurde. Demnach bezeichnet homo faber einen Menschen, der sich nicht wesentlich vom Tier unterscheidet – sofern man dem Tier Intelligenz zubilligt –, sondern der nur eine ausgeprägtere (praktische) Intelligenz und damit ein höheres handwerkliches Geschick aufweist. Hannah Arendt stellte dem homo faber 1958 in ihrem philosophischen Hauptwerk Vita activa oder Vom tätigen Leben das „Animal laborans“ (‚das arbeitende Tier‘) gegenüber, dessen Dasein sich auf das Arbeiten zur Existenzsicherung reduziert. Während in der Entwicklungsstufe des Animal laborans das schöne Leben das höchste und einzig relevante Gut ist und von Menschen hergestellte Produkte auf ihren praktischen Nutzen reduziert werden, wertet der Homo faber menschliche Werke als für sich stehend wertvoll.
Eine eng verwandte Unterscheidung ist die zwischen dem Viator mundi, einem Pilger oder Reisenden durch die Welt, der als charakteristisch für das Mittelalter gesehen wird, und dem mit der Renaissance entstehenden Faber mundi, einem Schaffer oder Herrscher der Welt. Pointiert: Walter, der Protagonist im Frisch‘ Werk, will Architekt der Welt sein und glaubt lange an den Mythos der REalität, um festzustellen, dass er nichts versteht und nichts planen kann, was sein eigenes Leben angeht.

Foto Malte Godglück: Rom, Zitronenbaum. Zitrusfrüchte können am besten auf dem Aventin-Hügel im Orangengarten bestaunt werden. Dieser liegt im Qurtier Ripa, auf dem südlichsten der sieben Hügel Roms. Nicht nur Goethews „Kennst du das Land. wo die Zitronen blühen“? erinnert an die Zitrusfrucht, auch Frisch tut es und spielt dabei mit dem Elektra-Komplex. https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrakomplex







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