Revolution als Notbremse

Foto Belinda Helmert, kreisrunder Lokschuppen Berlin, Pankow-Heinersdorf – Kuppel mit 40 m Spannweite. Umbaupläne ziehen sich, bedingt durch Rechtsstreit u. a. mit dem Denkmalschutz seit 1997 bis heute in die Länge (https://www.rbb888.de/themen/bauzombies-in-berlin0/pankow/alter-lokschuppen-in-pankow.html)

Der Oldenburger Richter H. sagte dem angeklagten B. bei seinem Urteil: „Wir leben in einer Demokratie. Da muss man lernen mit den Entscheidungen der Regierung zu leben, auch wenn man sie nicht gewählt hat. Ich finde auch nicht alle Stoppschilder sinnvoll. Dennoch ist ein Stoppschild zu beachten und darf nicht überfahren werden.“

Lokomotive als Revolution

Bei Marx heißt es: „Die Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte.“ Das Zitat stammt aus seiner Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850“ (Marx 1960, 85).

Darum kann man nun eine universalgeschichtliche Weisheit konstruieren, wie dies auch oft gemacht wurde. Worum geht es Marx aber eigentlich? Warum kommt er zu dieser Aussage? An der bewußten Stelle beschäftigt er sich aber nicht mit der Revolution als solcher oder ihrer weltgeschichtlichen Rolle, sondern mit der Veränderung der französischen Bauernschaft im Zuge revolutionärer Ereignisse: Die Bauern lernen im Zuge der Revolution durch die Maßregeln der bürgerlichen Republik, dass das Bürgertum kein verläßlicher Partner ist; Bauern, Kleinbürger usw. radikalisieren sich im Bestreben der Verteidigung demokratischer Rechte und Institutionen und treten dabei neben das Proletariat. (ebd., 87) In ihrem entsprechenden gemeinsamen Handeln, das erst einmal vor allem Selbstverteidigung ist, wird die Geschichte vorangetrieben. Indem dieses Handeln die bisherigen gesellschaftlichen Begrenzungen aufbricht und alle gesellschaftlichen Gruppen, selbst jedes Individuum, zu Veränderungen zwingt, wird die Gesellschaft erneuert, werden, selbst im Falle der Niederlage, neue Institutionen, neue Beziehungen, neue Perspektiven geschaffen. Man möge sich vor Augen halten, was die „Locomotive“ im Jahre 1850 war: ein Symbol der Überwindung von Begrenzungen in Raum und Zeit, deren Verständnis über Jahrhunderte durch Postkutsche und Segelschiff geprägt war! (https://marx200.org/charakter/revolution-lokomotive-oder-notbremse-der-geschichte)

Foto Belinda Helmert: Rundlokschuppen Pankow-Heinersdorf.
1893, als einer der letzten seiner Art. errichtet, stillgelegt 1997
.

Kierkegaard: Notbremse

Als man Kierkegaard 1843 den Zug zeigte, der ihn nach Berlin bringen sollte, fragte er, ob denn für Fahrgäste die Möglichkeit existiere, den Zug zum Halten zu bringen. Nachdem man ihm zunächst alle Hoffnungen genommen hatte, wurde während der Rückfahrt nach Kopenhagen der Zug plötzlich notgebremst. Jemand in der ersten Klasse hatte mit der Gardine gewunken – eine Verwechselung, wie sich später herausstellte, mit der roten Notfahne, die schon damals als Vorgängerin der Notbremse in jedem Wagen bereitlag – eine Fahne, so Kierkegaard, ähnlich der, die nach dänischer Tradition den Soldaten im Kampf das Signal zum Angriff geben sollte. Diese Erfahrung floss nebst der langweiligen Vorlseung von Schelling in seine Schrift „Die Krankheit zum Tode ein“:

„Es geht den Schuldigen, der auf der Reise durch das Leben zur Ewigkeit ist wie es jenen Mörder ging, der auf der Eisenbahn mit deren Schnelligkeit fortflüchtete vom Tatort und seinem Verbrechen, und nun, da ihn das Gwissen einholt, die Notbemse zog. Als er auf der Station ankam und aus dem Wagen stieg, war er verhaftet – er hatte, sozusagen, die Anzeige selbst mitgebracht.“

Foto Belinda Hemert, Einrüstung Berlin, Pankow-Heinersdorf – einst Deutschlands größer Rundlokschuppen..
Die runde Kuppel ist denkmalgeschützt, was den geplanten Abriss verhinderte.

Fast einhundert Jahre später gibt Benjamin dieser Metapher jedoch eine neue Wendung. Marx mit Kierkegaard korrigierend, spekuliert er in den Vorstudien zu seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte: “

„Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.” (Ges. SchriftenI.3, 1232)

Vieleicht folgt einen zu schnellem Wachstum und Aufstieg ein ebenso tiefer Abstieg. Es wäre nicht der erste Abgesang in der Geschichte.

Foto Belinda Helmert, Treppenaufgang zur Überführung der S-Bahnstation zur Heinersdorf-Brücke, vorbei am ehem. Lokschuppen

Revolution nur mit gültigen Fahrschein

Lenin muss Goethe gekannt haben, als er sagte:

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte !“

Lenin (Zitat Nr. 11073) „Revolution in Deutschland?

Wie Lenin, so ear auch Goethe kein Freund der Demokratie. Die erste Eisenbahn erlebte er nicht, folglich konnte er sie auch nicht als Metapher wählen. 1835 (im Todesjahr Hegels) fuhr die erste deutsche Eisenbahn, die Adler, von Nürnberg nach Fürth, ein Datum mit Signal- und Symbolwirkung.

Vorbereitungen und Schienenlegung, sowie die Gründung einer Eisenbahnaktiengesellschaft erfolgten jedoch bereits 1828. Die Möglichkeiten wurden von vorausschauenden Männern weit vor der Realisierung in ihrer Bedeutungerfasst. Monarchist und Antidemokrat Goethe erkannte in der künftigen Bahn die friedliche Voraussetzung für ein einiges Deutschland:

„Mir ist nicht bange, dass Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen wer- den schon das ihrige tun.“

(Goethes Gespräche, Hg, von Woldemar Freiherr von Biedermann, Band 10, Gespräche 1828, Februar, Mit Karl von Holtei, S. 166 f.)

Die Beschleunigung des sozialen Wandels ist mit der Eisenbahn verbunden, zudem die Zäsur der Romantik in die Moderne des Maschinenzeitalters. Mit der Eisenbahn nahmen auch Säkularisierung und Laizismus Fahrt auf, die Revolution sollte Zugführer der Lokomotive werden. Mit ihr ändert sich die Wahrnehmung, der Blick auf die Natur und die Gesellschaft.

Foto Belinda Helmert, S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf. Vor der Stillegung konnten 24 Gleise über die Drehscheibe des Rundlokschuppens bedient werden.
Heinersdorf mit seinen heute rund 8000 Einwohnern war damit Europas größter Rangierbahnhof, quasi Drehscheibe Europas.

Stirner: Alles ist Übergang, Krise, Intermezzo

Die Beschleunigung des sozialen Wandels ist mit der Eisenbahn verbunden, zudem die Zäsur der Romantik in die Moderne des Maschinenzeitalters. Mit der Eisenbahn nahmen auch Säkularisierung und Laizismus Fahrt auf, die Revolution sollte Zugführer der Lokomotive werden. Der aus dem damals zu Preußen gehörige Bayreuther, Linkshegelianer und spätere Anarchist Max Stirner veröffentlichte seine ersten Texte, darunter „Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt“ in der Zeitschrift „Die Eisenbahn“ (Ein Unterhaltungsblatt für die gebildetet Welt lautete der Untertitel). Stirner 1842 (http://max-stirner-archiv-leipzig.de/dokumente/1841-1842-‚Eisenbahn‘.pdf)

„Die politische Lage Europas, die Stellung der Voelker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf
welchen Deutschland inmitten Europas hingewiesen ist. In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberflaeche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intzermezzo; die neue Zeit, welche in
so unzaehligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier convulsivisch heftig, dort langsam wühlend schildert die Geschichte Europas (um nicht zusagen: der Erde) seit 1789.“

Foto: Belinda Helmert. Heinersdorf bildet den nördlichsten Bezirk von Pankow, mit über 413 000 Einwohnern Berlins einwohnerreichstem Stadtviertel.
Um die Nutzung des Baugeländes entstand nach der Stillegung des Rondells 1997 ein erbitterter Streit. Bis 2030 sollten Kultur- und soziale Wohneinrichtungen den Bezirk Heinersdorf beleben
, so der Plan des Käufers. Inzwischen Geschichte.

Marx kontert Stirner

Trotz seiner anschaulichen Beschreibung der psychologischen Wirkung einer mechanischen Tätigkeit verliert Stirner (als Sankt Max von Marx ironisiert) keine Worte über die Problematik der Industrie und der mit ihr verbundenen Produktionsweise, sondern streift nur die Oberfläche und dringt nie in die Tiefe vor. Daher verbindet er den Proletarier nur mit einer Tätigkeit, nicht mit dem Bewusstsein und den Lohn nur mit Knechtschaft, nicht mit der Produktivität. Die Ökonomie wird nicht als Gesetz erkannt, Faktoren wie Eisenbahn und Aktiengesellschaft von der Fabrik erscheinen isoliert.

„Nirgends aberbaut man Eisenbahnen der Kategorie »der Freiheit von« zulieb, wie Sankt Maxs chon daraus ersehen konnte, daß Niemand Eisenbahnen baut, um frei von seinem Geldsack zu werden.“

( Karl Marx, Band 3, Die deutsche Ideologie, III, „Sankt Max“, S. 206. Folg. Zitat S. 288)

Foto Belinda Helmert, Panow-Heinersdorfer Übergehungsbrücke mit Blick auf den Umbau des Lokschuppens.
Rundlokschuppen hatten letztlich keine Zukunft mehr, weil sie die immer länger werdenden Lokomotiven nicht mehr aufnehmen konnten.

Benjamin kontert Marx

Fast hundert Jahre später. Zwar hatte Marx in der Historie stets nur eine Geschichte von Klassenkämpfen gesehen. Gleichwohl ist dem Kommunistischen Manifest die Faszination gegenüber den Errungenschaften des Industriekapitalismus abzulesen. Für Marx häuft die Vergangenheit, allen Kämpfen zum Trotz, nicht nur Trümmer auf Trümmer, sondern vor allem auch Waren auf Waren. Ohne Zutun der Menschen bewege die Entwicklung der Produktivkräfte selbst die Menschen in steigendem Tempo auf das vielversprechende Ende der Geschichte zu: die klassenlose Gesellschaft, in der die Herrschaft über Menschen sich in die Verwaltung von Dingen verwandle. Benjamin kritisiert den sturen Fortschrittsglauben und die Allhörigkeit gegenüber der Technik.Anders als für Marx galt es für Benjamin daher nicht, den Zug zu übernehmen, sondern aus ihm herauszukommen:

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“

(https://agora42.de/revolution-als-notbremse-walter-benjamin-eneia-dragomir/)

Foto Belinda Helmert, Graffiti an der Trennwand zwischen Fußgängern und Autfahrern , Übergangsbrücke Heinersdorf. Beii der Straßenkunst geht es um bombing. Darunter versteht mansimple Buchstaben an präsenten Plätzen zu plazieren. (https://fassadenkunst.de/graffiti/graffiti-arten/graffiti-schrift/graffiti-bombing/)

Hawel kontert Benjamin

Während die Revolution bei Marx dem geschichtlichen Fortschritt zum Durchbruch verhilft, benutzt Benjamin das Bild einer „Notbremse“, mit dem die laufende Maschine gerade angehalten werden muss. Gegen-über dem konstruktiven Revolutionsbegriff bei Marx – für den sich aus der Revolution eine neue Ordnung ergibt – un der (gescheiterten) marxistische Motivationstheorie des Fortschritts setzt Benjamin, laut Watzlaw Hawel, einen „dekonstruktiven Revolutionsbegriff“.

(https://://www.sopos.org/aufsaetze/56b86c4db7553/1602_Adler-Benjamin.pdf)

Foto Belinda Helmert, Blick auf die S-Bahn Geleise Pankow-Heinersdorf.Die Bahn hatte einen Abriss­antrag an die Stadt Berlin gestellt, doch dann das Gebäude 2013 an die Krieger Grund­stücks GmbH verkauft.Krieger hatte Pläne, den Lok­schuppen komplett ab- und auf der anderen Seite wieder­auf­zu­bauen – auf dem Gelände wären 750 Wohnungen entstanden, tw. preisgünstig. Denkmalschützer verhinderten es und zogen die Notbremse.
(https:.//www.berlin.de/museum-pankow/geschichte-im-stadtraum/fast-vergessen/pankow/artikel.1066114.php)

Salomonisches Urteil

Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlichanders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisende Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ (Benjamin 2010, 153) Betrachten wir auchhier zuerst des Kontext. In einem Konvolut von Notizen (in der Form von Thesen) spiegeltsich das Ringen Benjamins um das Verstehen von Geschichte. Das ändert sich mit der Geschwindigkeit und damit auch der Wahrnehmung von im Grunde objektiven Bestandtteilen der Natur oder der Historie. Was werden unsere Kinder wohl zu unserem kläglichen Mühen sagen? Waren wir Demokraten`? Haben wir aufbegehrt mit der Stimme unseres Gewissens? Haben wir mutig getan, was der Welt und nicht nur uns gut tut? Oder ist es besser zu warten, bis der Gang der Geschichte uns endgültig zu passiven rangierbaren Objekten degradiert?

(https:://ifg.rosalux.de/files/2018/01/Revolutionen-und-Lokomotiven-end.pdf)

Foto Belinda Helmert, Tauben auf dem Bahnhof Pankow-Heinerdorf. Heute zeichnen Vandalis­mus, kaputte Dächer, beschmierte Wände und ein­ge­worfene Fenster ein trauriges Bild. des Vorzeige-Rangierbahnhos. Berlin hat 2017 das Gelände zurück gekauft. Bis 2030 Am Pankower Tor sollen 2000 Wohnun­gen entstehen, 30 Prozent als Sozial­wohnungen, außer­dem zwei Kitas und eine Grund­schule. Gestritten wird weiterhin.
(https://www.berliner-woche.de/heinersdorf/c-bauen/ueber-sanierung-de-betriebswerks-wird-weiter-gestritten_a310257)

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