Plus und Minus – Von Chechov lernen

Foto: Belinda Hemert, Fensterkreuz, Gurkenweg, Spreewald

Foto: Belinda Helmert, Fensterkeuz entlang dem Gurkenweg, Spreewald

„Wir Menschen töten einander gegenseitig“.

Zitat aus Chechov, „Der Anfall“, 1888 – zum Gedenken an den ukrainischen Schriftsteller W.M. Garschin (1855-1888).

Garschin blieb nach den russisch-türkischen Kriegserlebnissen traumatisiert. Chechov bezeichnet ihn als sein wichtigstes Vorbild neben Tolstoi. Garschin verarbeitete sein Traumata literarisch in dem vierteiligen Zyklus „ Die Menschen und der Krieg“ (1877-80). Im Zentrum stehen dabei neben der Kriegsgräuel (siehe Tolstois Sewatopol-Trilogie 1855-56) die Ohnmacht des Einzelnen gegen brutale und autoritäre Gewalten, die sich in Krieg und Völkermord entladen. Damit verbunden bleibt der individuelle Kampf gegen das Böse in Form sexueller Ausbeutung der Frau durch Prostitution. Das Bordell dient zur Stilisierung der amputierten Gefühle und als Surrogat einer Kommunikation auf Augenhöhe. Der Mensch wird zur Ware – Kanonenfutter im Krieg, Fleischbeschau im Bordell.

Chechov verfeinerte den darin inkludierten Symbolismus. Bezeichnend: der sensible Poet Garschin nahm sich durch Freitod das Leben. Er stürzte in den Schacht eines Treppenflures. In seiner Erzählung „Der Anfall“ nahm Chechov biografische Züge eines Mannes auf, der das Unrecht sieht, fühlt und daran zerbricht.

Im Sommer 1889 mietete der Arzt und Schriftsteller Chechov (Tschechow) ein Landgut nahe der Stadt Sumy (damals ca. 20 000 Einwohner) in der heutigen nordöstlichen Ukraine.

Anton Chechov, 1860 in Tagangrog geboren, Südrussland im heute umkämpften Gebiet des Oblast Rostow an der Gtrenze zur Ukraine. Chechow war mit vielen ukrainischen Schriftstellern befreundet, u.a. Garschin.

Chechov haderte mit dem Realismus und wie er ihn (den Fakten) objektiv gerecht zu werden vermochte. Auch in Sumy (am Nebenfluss der Dnepr gelegen, heute etwa 270 000 Bewohner) ging die literarische Arbeit eher schleppend voran, weil ein Bruder im Sterben (Tbc) lag. In dieser Zeit entstanden die beiden Erzählungen Der Namenstag und Der Anfall (eine Hommage an Garschin, der sich hinter der Figur des hypersensiblen Wassiljew verbirgt).

Das Etikett Vorurteil, die Firma Lüge

„Der Namenstag“ ist eine Erzählung, die etwa ein Jahrhundert vor Perstroika und dem Fall der Mauer entstand. Was sich später in der zerfallenden Sowjetunion wiederholte, nahm Chechovs Prosa voraus. In den Mittelpunkt rückt der Konflikt zwischen Liberalen und Konservativen und die Frage nach objektiver oder wenigsten perspektivischer Berichterstattung.

Es geht Chechov nicht um Recht oder Schuldfrage hinsichtlich des Krieges. Die Ukraine bestand zu seiner Zeit weder geografisch als Staat noch besaß das Volke eine nationale und ethnische Identität.Worum es Chechov im Kern bei dieser und anderen Erzählung(en) Geschichte Chechovs geht, ist der Aspekt der selbstgefälligen Heuchelei. Die Lebenslüge und die Unfähigkeit zur Toleranz einer anderen Haltung. Das Feststecken im eigenen Saft der Vorurteile.

Chechov spricht von „Etiketten“ in Form von Lügen und von „Firma“ als Metapher für Vorurteile. Wir gebrauchen, so die Generalaussage der Erzählung (und in Chechovs Gesamtwerk) Etiketten und Firmen, um unsere Meinung und unsere Haltung auf angeblich wissenschaftliche objektive Fakten zu stützen..

In „Der Namenstag“ arbeitet der angesehene Richter und Ehemann Pjotr am Gericht, doch er lügt sich dabei gern in die eigene Tasche. Er rühmt die sechziger Jahre in Russland, jene Epoche, die Chechov als „nicht die schlechtesten“ bezeichnet. Es sind die von seinem Vater vorteilhaft geschilderten Jahre seiner Kindheit. Der Krieg gegen die Türken ist gewonnen, die Krim Krim russisch geworden und der Zugang zum pazifischen Meer erschlossen. Die Krim (jalta) ist der Ort, auf der Chechov seine letzten Lebensjahre verbringen wird , um seine Schwindsucht zu kurieren. Die Krim wurde dem osmanischen Reich in einem blutigen Krieg entrissen. Es ist die Zeit, in der Russland beginnt, sich aus dem zerfallenden osmanischen Reich als politische Größe zu etablieren und zu expandieren.

Pjotr, der seinen Manestag feiert, ist in dieser Zeit stehen geblieben und biegt sich die Fakten so zurecht, dass er sich nie in Frage stellen muss, besonders nicht hinsichtlich seines Konservativismus. Er vertritt, wie Chechov an seinen Freund und Kritiker Pletschenjew schreibt, nicht die Sache des Bösen, aber er ist bereits unaufrichtig in seinem Denken und daher auch niederträchtig in seinem Handeln. Pjotr glaubt nicht an liebaele Ideen wie das Recht ethnischer Selbstbestimmung, u. a. der Ukrainer. Er hält auch die Gleichstellung der Frau für falsch. Chechov verurteilt ihn dennoch nicht. Pletschenjew wirft ihm darauf vor, sich in „Der Namenstag“ nicht klar zu bekennen, keine Position einzunehmen.

Der Autor erwidert dem Verleger, ihm gehe es um „Plus und Minus“, also Perspektivismus (nicht zu verwechseln mit Relativismus) und um die Gewöhnlichkeit bzw. Trägheit menschlichen Denkens; jene Saturiertheit, die keine Aufrichtigkeit erlaubt, bis die Katastrophe (im Fall des Ehepaars der Tod des frühgeborenen Kindes) eintritt.

Foto: Belinda Helmert, Street-Art in Hemelingen, Bremen

Liberalismus und Konservativismus – Etikettenschwindel

Die Zeit der Sechziger, welche der seinen Namenstag feiernde Gerichtspräsident rühmt, ist von finsterer Reaktion und Unterdrückung liberaler bzw. progressiver Gedanken geprägt. Man würde erwarten, Chechov teile diese Meinung uneingeschränkt. Es geht dem Autor aber weder um Parteinahme für den Konservativismus noch für den Liberalismus. Beides sind für ihn nur Etiketten zweier Firmen für ihn. Er antwortet Pletschenjew :

Ich werde weder den Ukrainophilen noch diesen Gänserich streichen, der mich gelangweilt hat“.

(Zitat Chechov, Brief November 1888 an Pletschejew, der die Erzählung „Der Namenstag “ in „Der nordische Bote“ publiziert. Entnommen G.P. Bernikow, Anton Tschechow, Eine biografie, S. 113. Alle folg. Zitate ebenda, S. 112-115).

Chechov betrachtet die Widersprüchlichkeit der Gedanken und Handlungen von Menschen als entscheidende und entlarvend, aber er will niemanden verurteilen. Er unterscheidet Gesinnung bzw. Handlung, die schlecht sein können vom Menschen in seiner gesamten Persönlichkeit.

„Der Namenstag“ verdeutlicht: Entfremdung und Hass stauen sich zwischen den Eheleuten auf, der liberalen Frau hier und den konservativen Mann dort. Die summierten kleinen Lügen und Verdrängungen verursachen indirekt den Tod des Kindes – jenem Fötus, der im Korsett der Ehefrau zusammen geschnürt ist, damit niemand die Schwangerschaft bemerkt. Das totgeborene Kind erscheint symbolisch als Zukunft Russlands, welches liberale und konservative Aspekte koexistieren lässt. Als Symbol für einen nicht stattfindenen Dialog.

Auch Olga, die Ehefrau, ist eine Meisterin der inszenierten Stilisierung. Mit etwas mehr Aufrichtigkeit und Haltung wäre die Katastrophe zwischen dem Paar und ihr ertragenes Unglück einer Ehe durchaus vermeidbar. Für Chechov ist der Krieg nur die Folge von gesellschaftlichen Scheinwerten, Firmen und Etiketten, die Zwietracht, Entfremdung und Lüge fördern. Am Ende sieht Pjotr ein, dass er nichts wirklich braucht oder liebt außer das nun tote Kind und seine Frau, die er vorher gedemütigt hat. Seine vermeintliche Stärke ist Schwäche, weil er es nicht erträgt, dass seine Frau reicher ist als er und das bewohnte Haus ihr gehört, nicht ihm.

Foto: Belinda Helmert,, Türen entlang des Gurkenweges im Spreewald

Neutralität bedeutet nicht Gleichgültigkeit

Die Erzählung wie die Geschichte an sich zeigt, wie falsch Bewunderung oder Vergötterung sind und wohin sie führen. Wer von uns vermag sich davon freizusprechen, seinen Gatten oder ein Idol wie Sportler, Politiker, Künstler häufig auf ein Podest zu stellen? In „Der Namenstag“ führt dies zur Selbstverleugnung. Chechov will die Menschen weder einteilen in Konservative und Liberale, noch Position beziehen, weil dies (wie bei Tolstoi) schnell in einen Radikalismus der einseitigen Betrachtung führt. Neutralität oder idealerweise Objektivität bieten einen Ausweg.

Ein Pazifist (der Tolstoi war) ist nicht per se ein besserer Mensch, ebenso wie ein Nationalist (der Dostojewski war) per se ein Ignorant sein muss. Ein liberaler Geist (der Turgenjew war) handelt nicht automatisch sozial oder engagiert sich für den Frieden. Worum es Chechov geht, ist die Unabhängigkeit von Partei(en), politischer Strömung und gesellschaftlicher Verpflichtung wie dem sozialen Status und dem damit verbundenen Dünkel. Er pädiert dafür, sich Offenheit und Toleranz zu bewahren, weil man unmöglich die gesamte Wahrheit kennt, „Ich bin kein Liberaler“, schreibt er an Pletschenjew:

„Ich bin kein Liberaler und kein Konservativer. Kein Verfechter allmählicher Reformen, kein Mönch, kein Indifferenter. Ich möchte ein freier Künstler sein und nichts weiter und bedaure nur, dass Gott mir die nie Kraft gegeben hat, ein solcher zu werden.“

Verklärung der Vergangenheit sorgt im Gedächtnis häufig für Nebel. Der Handelnde wird zum Schauspieler im eigenen Stück. Er spielt eine Rolle wie er den souveränen Richter und sie die gleichberechtigte selbstbestimmte Frau. Das ist nicht authentisch. Chechov spricht von der Hektik der Zeit, die keine neutrale und seriöse Meinungsbildung erlaubt. Trotz seiner Anhänglichkeit an medizinischen Fortschritt und Wissenschaft mahnt er:

Ich hasse Gewalt und Lüge in jeder Form, Pharisäertum. Stumpfsinn richterlicher Willkür, sie herrschen nicht nur in Kaufmannshäusern wie in Gefängnissen, sondern auch in Wissenschaft und Literatur, unter der Jugend, die auf die Alten schimpfen. Ich hege nur eine geringe Vorliebe für Gendarmen, Gelehrte, Schriftsteller und Tugendadvokaten. Mein Allerheiligstes ist der menschliche Körper, Gesundheit, Verstand, Talent, Begeisterung, Liebe und absolute Freiheit von Gewalt und Lüge, wie sich diese beiden auch immer äußern mögen.“

Die erwünschte Unabhängigkeit von Ideologie bedeutet keineswegs Gleichgültigkeit, so wenig wie Perspektivismus mit Relativismus gleichzusetzen ist. Genau das geschieht augenblicklich im Konflikt bzw. Krieg. Position zu beziehen ist nicht gleichbedeutend mit Verharrung und Verhärtung auf der eigenen Perspektive. Sie bleibt eine vorübergehende Teilwirklichkeit. Widerspruch ist ein Teil der Wahrheit. Wer dies verkennt, bedient sich einer Menschenfresser-Mentalität wie sie Dostojewskis Roman „Der Idiot“ der Nihilist Lebedjewh vertritt.

Foto: Belinda Helmert, Hai im Vorgarten Schwachhausen, Bremen

Das Gesetz der Selbstzerstörung ist eineunvermeidbare Reaktion auf einen maßlosen Selbsterhaltungstrieb. Wie wollt ihr die Welt retten, und wo seht ihr einen allgemeingültigen Weg für sie? … Der Teufel beherrscht die Menschen bis ans Ende der Zeiten.“ (Dostojewski, Der Iditot, III, 4, S. 542 f.)

Plus und Minus

Chechov spricht, nicht nur bezüglich der Verteidigung seiner Erzählung, von „Plus und Minus“. Er ist weder Liberaler noch Konservativer und hält es für falsch beide Positionen zu verabsolutieren.

Konkretes Beispiel liefert die liberalen Einstellung einer emanzipierten und studierten (zu dieser Zeit sehr selten) Ehefrau, die dennoch ihren konservativen Ehemann nahezu abgöttisch verehrt. Umgekehrt schützt sein äußerer Erfolg den Gatten nicht vor unterdrückten Ingrimm, Eifersucht auf Bildung und Vermögen seiner zudem jüngeren Gattin.

Bezüglich der Politik teilt Chechov die Menschen nicht ein in Ukrainophile und Tolstojaner ein. Ein Ukrainer ist nicht ein besserer Russe oder umgekehrt. Tolstoi war Pazifist im Außen, doch führte er einen erbarmungslosen Krieg mit sich, seiner Ehefrau und seinen Kindern. Er war modern in seinen politischen Anschauungen, seiner Toleranz Minderheiten wie den Juden oder den Freidenkern gegenüber und antiquiert, wenn es um medizinischen Fortschritt ging oder landwirtschaftliche Geräte.

Liberale und Konservativehaben häufig beide Seiten gute Argumente sich zu misstrauen. Es gilt immer humane Werte zu verteidigen für alle und nicht nur für manche Menschen, das Streben nach Ausgleich:

Allerdings ist in meiner Erzählung das Streben nach Ausgleich von Plus und Minus verdächtig. Aber ich versuche ja nicht, Konservativismus und Liberalismus auszugleichen, die für mich nicht das Wesentliche darstellen, sondern die Lüge der Helden mit ihrer Wahrheit.“

Auch die vermeintlich gute und treue Gattin bzw. das Opfer Olga lügt. Die liberale Frau gaukelt den Besuchern auf dem Namenstag höflich Respekt vor, die sie verachtet und sie versteckt ihr im Korsett eingeschnürtes Kind, was letztlich zu seiner Todgeburt führt. Sie tritt für die Emanzipation ein, doch ordnet sie sich der Gedankenwelt ihres Mannes unter. Sie bewundert ihn, bis sie bemerkt, dass er sie hintergeht und kleinlich auf ihr Vermögen schielt. Rollenklisches haben den Nachteil, das sie meist irgendwann nicht mehr klammern können, was nicht zusammen gehört.

Die Aufgliederung der Wirklichkeit in Wesentliche und unwesentliche Erscheinungen ist laut Chechow falsch. Große Themen wie Krieg oder Bildung eines nationalen Staates beginnen im Kleinen, sehr weit unten, auf der individuellen Ebene, dem Bewusstseins für Aufrichtigkeit, der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge oder Menschlichkeit und unredlichem Verhalten.

Folgen der Voreingenommenheit: Hass und Krieg

Voreingenommenheit, so das kürzeste Fazit, führt zu fehlerhaften Einschätzungen, die nur korrigiert werden könne durch Hinterfragung, d.h, kritische Selbstreflexion. Berichterstattung sollten keine Richtung einnehmen, sondern Perspektiven aufzeigen. Wissenschaftler wie Politiker sollten keine Moraltheorien liefern, sondern sich gegen den Strudel aus Verallgemeinerungen, die notwendig zur Lüge führen, artikulieren und positionieren. Sie müssen eine pauschalierende Spaltung in Gut und Böse vermeiden. Hier gilt Kants Verdikt, dass moralisierende Politiker ein Problem ersten Grades darstellen und Wissenschaft nie absolut objektiv („Sache an sich“) sein kann. Im Fall der Ukraine wäre es die Aufgabe der Journalisten seriös zu recherchieren und nicht Teil einer Propagandamaschine zu sein. Den einzigen Ausweg sieht Chechov in mühsamer Arbeit:

Die Fragen der Moral beginnen uns zu beunruhigen … und das alles geschieht ohne Wissen der Staatsanwälte, Ingenieure, Gouverneure, ohne Wissen der Intelligenz en masse und trotz allem, nur durch beharrliche Arbeit und unvermeidbaren Fortschritt.“

Foto: Belinda Helmert, Schecke frisst Kleist (und stirbt in meinem Buch)

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