Erasmus: Die Klage des Friedens

Panzer im Helmelinger Hafen

Foto:Belinda Helmert, Panzer als Kunstobjekt im Helmelinger Hafengebiet

Gute Taten als Wurzel des Humanismus

„Ich weiß nicht, ob jemand seinen Körper zur Gänze kennt. Und den Zustand seines Geistes soll jeder kennen?“

Erasmus von Rotterdam, 1469-1536

Nach Erasmus von Rotterdam sind die Studium-Austauschprogramme benannt. Viele Kommilitonen kennen ihn bereits nicht mehr. Viele Grüne haben vergessen, dass sie einst eine Friedens- und Umweltpartei waren. Viele SPD Mitglieder, dass die soziale Gerechtigkeit ein Schwerpunkt ihrer Identität bildete. Viele Demonstranten, die berechtigt Solidarität mit der Ukraine fordern vergessen, dass auch Russen leiden und man die eine Partei nicht gegen die andere ausspielt. Daher ein Blick zurück auf Erasmus, der Humanismus und Frieden für untrennbar erachtet. Heute liefert man Panzer für den Frieden und es finden sich viele, die das gut finden. Was einmal ins Rollen gekommen ist, lässt sich schwer aufhalten.

Foto: Panzer, Detail, Panzerankauf aus Berlin auf dem Grundstück eines Metallverwerters im Hemelinger Hafen

Auch in Berlin werden Panzer Kunstobjekte und oder Demonstrationen mit Gewalt gegen die Gewalt. (https://taz.de/Spuerpanzer-zu-Kunstobjekten/!295680/) Schon im Mittelalter waren Panzerkettenhemde inn. Man nannte die Tragenden noch ehrfurchtsvoll Raubritter. Rüstungsindustrie. Mediävistik ist wieder gefragt und das Verhältnis von Mensch zu Mensch zweitrangig geworden. Der Mensch, der darin sitzt, bildet nicht nur eine Mensch-Maschinen Chimäre, eine Einheit, sondern verschwindet zugleich in seiner Funktion.

Die Bremer Firma Kolless baut Konstruktionen aus Blech. Man hätte glauben oder hoffen dürfen, irgendwann wird nicht mehr Rüstung zu einem der wichtigsten Konjunkturpfeiler unseres Landes. Man hätte denken wollen, irgendwann finden wir Lösungen ohne Tote.

Manifest des Friedens

„Querela Pacis” lautet der Titel einer Schrift, die 1517 in Cambrai entstand, einer zu Erasmus Zeiten Grenz- und Bischofsstadt, die zum Heiligen Reich Deutsch Römischer Nationen und noch nicht zu Frankreich gehörte. Seinerzeit sollte eine Art G 8 Gipfel dort stattfinden, eine der größten Friedenskonferenzen der Renaissance mit allen Herrschaftshäusern ihrer Epoche. Daher ist der Ort nicht unwesentlich für Erasmus berühmtes pazifistisches Manifest, das zeitgleich und in unmittelbarem Zusammenhang mit Luthers Thesenanschlag zu Wittelsbach steht.

Die Rede hält diesmal die (heidnische) Friedensgöttin Pax. Schon in seiner Spottschrift “Lob der Torheit” hatte Erasmus sich über den Ablasshandel lustig gemacht als Bereicherung der Kirche, auch zur Finanzierung von Kriegen. Kirchenkonferenzen bekräftigen zunächst das Selbstverteidugungsrecht der Ukraine. Mit manchmal etwas bedenklichen Metaphern wie: „Das Blut, das in der Ukraine vergossen wird, schreit zum Himmel.“ Das Zitat stammt von Annette Kurschus, derzeitige Präsidentin des Evangelischen Kirchenrats (https://www.ekd.de/www.ekd.de/ekd-ratsvorsitzende-kurschus-auf-friedensdemo-in-berlin-71751.htm)

Foto: Belind Helmert, Panzerkette

Setzt man für das Römische Reich die Europäische Union, für den Ablasshandel die Energieversorgung und für den Protestantismus die Kriegserklärung Putins ergeben sich interessante Analogien zum Verlauf der Krise bis zum Kriegsausbruch in der Ukraine 2022 .De facto fand der geplante Friedenskongress 1517 nicht statt. Schon damals konnten sich die Großmächte nicht auf ein naheliegendes Krisenmanagement einigen.

Insgesamt gibt es fünf größere Unternehmen in Bremen, die im weiteren Sinne Rüstung produzieren.(https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/ruestung-militaer-luerssen-ohb-rheinmetall-bremen-100.html). Ungefähr 4.000 Menschen arbeiten im Land Bremen im Bereich der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie. So viele Einwohner zählte Basel in der Renaissance. Erasmus wohnte hier von 1514-29 und seine letzten zwei Lebensjahre 1535/36.

Absurdität der Kriegsgründe

Der Beginn von Erasmus Klage lautet:

An Euch appelliere ich, Ihr Herrscher, von deren Befehl hauptsächlich das Menschengeschick abhängt, die ihr Sinnbild der Herrschaft Christi unter den Menschen darstellt, besinnt Euch auf den Ruf Eures Königs zum Frieden, weswegen Euch die ganze Welt, durch langes Unheil erschöpft, darum anfleht. Wenn jemand noch gegen wen Groll trägt, ist es recht, dies für das gemeinsame Glück aller zu vergeben.

Foto: Belinda Helmert, Panzer im Hemelinger Hafen

Ins Zentrum rückt Erasmus die völlige Absurdität des Krieges und die Verantwortung der Regierenden, Statthalter Gottes auf Erden, für die ihnen anvertrauten Seelen. Der kriegerischen Gegenwart stellt Erasmus die Utopie einer sich friedlich entwickelnden, vernünftig handelnden Gesellschaft entgegen. Frieden ist machbar, wenn er nur gewollt wird. Seine Klage des Friedens ist der Form nach etwas für Genießer humanistischer Rhet noch immer höchst aktuell. Krieg ist zutiefst inhuman. Sowohl die menschliche Natur als auch die Vernunft fordern ein friedliches Miteinander, weil Krieg nur wenigen nutzt, aber vielen schadet, vor allem dem Volk und Nutzen bestenfalls einigen wenigen Kriegsprofiteuren bringt.

Alle Menschen sind Brüder

Das Christentum verbindet die Menschen zu Brüdern. Umso verwerflicher ist die Unterstützung des Krieges mit Worten und Taten durch Geistliche, zumal es sich dadurch selbst schwächt und gegen die eigene Gesinnung (Bibel) zu Felde zieht. Viele Geistliche und Herrscher lehnten den Pazifismus jedoch ab. Doch durch die Vertreibung des Friedens schädigen sich die Menschen selbst. Statt in den Genuss seiner Annehmlichkeiten zu kommen, verschaffen sie sich das Verderben des Krieges. Angesichts der Sicherheit und der Förderung aller guten Dinge, die der Frieden erst ermöglicht und angesichts der Übel, die der Krieg mit sich bringt, kann niemand den Friedensgegnern Verstand zugestehen. Ihr Verhalten bezeichnet der Humanist als wahnsinnig.

Hier ist offensichtlich, warum allgemein alles, was das gegenseitige Wohlwollen betrifft, als ‚menschlich’ bezeichnet wird, so dass das Wort ‚Humanität’ nicht schon unsere Natur darlegt, sondern die seiner Natur würdige Gesittung eines Menschen.

In diesem Zusammenhang spricht Erasmus vom „heiligen Anker der Religion“ im Sinn des gemeinsamen Brauches (religio). Es gilt die Kleinmütigkeit zu überwinden, die Quelle jeden Streits, die sich zu Neid und Habgier ausweitet. Daher ist jeder, „der den Krieg rühmt, ein Widersacher Christi.

Insbesondere die geistigen Potentaten erweisen sich als kriegstreibende Agenten, die Brudermord als Heldentat preisen.

Wozu bewegst du mit dem Munde den gemeinsamen Vater, wenn du das Schwert in deines Bruders Eingeweide stößt?“

Foto: Belinda Helmert, Barcelona, Eixample

Vermeidbarkeit des Krieges

Erasmus unterbreitet auch Lösungsvorschläge zur Vermeidung von Kriegen, das er mit Volksfürsorge gleichsetzt und dem er absolute Priorität einräumt. Wirtschaftlich verspricht dauerhafter Friede Sicherheit für Handel und mehr Prosperität, die dem Gemeinwesen zu Gute kommen soll. In Antizipation Kants („Zum ewigen Frieden“) soll das sehende Heer und die Waffenproduktion abgeschafft werden. Es sei beschämend, aus welch nichtigen Gründen christliche Fürsten die Menschheit in den Krieg treiben. Daher sollen Kriegstreiber für ihre Kriege haften und ihre eigenen Güter konfisziert werden.

Kaum kann je ein Friede so ungerecht sein, dass er nicht besser wäre als selbst der gerechteste Krieg.“

Erasmus fordert ein vernünftiges Staatswesen, das die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht und nicht, wie es bis ins 21. Jahrhundert der Fall ist, unter Immunität stellt, so dass nach Gutsherren-Manier über die Köpfe des Volkes hinweg entschieden wird. Humanität ist mit Krieg unvereinbar und jeder Christ, der aus welchen Gründen auch immer Waffenproduktion und militärischen Gebrauch unterstützt ist kein wahrer Christ, sondern ein Kriegstreiber. Süß oder ehrenhaft, so Erasmus, erscheint die Schlacht nur den Unerfahrenen oder den Herzlosen.

Krieg erscheint denen nützlich, die ihn nie erfahren haben.

Verzicht auf Waffen und Heere

Ein guter Herrscher hat keine Kriegsmaschinen nötig, denn von allen Übeln ist Krieg das schrecklichste. Aber in der Geschichte herrscht kein Mangel an Theologen, die ins Kriegshorn stoßen und im Streitfall noch Öl ins Feuer gießen. Das Argument, sich nur verteidigen zu müssen und keine Wahl zu haben als den militärischen Widerstand, lässt Erasmus nicht gelten. Richtiges Handeln ist allein menschliche Freiheit und jeder Handlungssünde wie Krieg geht eine Gedankensünde voraus:

Wie viele Male schaut der Wille durch das Fenster, ehe die Tat durch das Tor geht.“

Es braucht Haltung

Foto Belinda Helmert, Soldat im Panzer, Hemelingen

Da Gewalt immer das böse Prinzip darstellt, ist, wie auch bei Kant, von seiner Anwendung immer abzusehen. Es gibt immer andere, friedlichere Lösungen, die häufig aus falschem Stolz oder Prinzipienreiterei nicht angenommen werden. Philosophen müssen die Gesellschaft von falschen, allgemein verbreiteten Ansichten befreien. Von ihnen verlangt der Humanist Haltung. In erster Linie geht es darum, eine Spaltung zu verhindern, denn jeder Krieg und jedes Unrecht basiert auf einer Verunglimpfung der anderen Partei.

Was nicht beliebt, was man nicht versteht, ist Ketzerei.“

Foto: Belinda Helmert, Barcelona, Hafen

Wir müssen zu den Quellen zurück, die durch Mediatisierung umnebelt wurden Erasmus appelliert an den akademischen Geist ständiger Wachsamkeit, wobei es in der heutigen Zeit schwer sein dürfte als in der seinigen, echte von gefälschten Quellen zu unterscheiden. Die Suche nach Wahrheit hat nur noch mehr Falschgeld in Umlauf gebracht und zu einer Inflation der Fakten geführt.

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