Platon: Aktualität der platonischen Liebe

Über Platons Wert zu diskutieren oder eine Zusammenfassung seiner Gedanken zu leisten ist ein Blog nicht annähernd ausreichend. Daher der Versuch, ihn so zu erfassen, wie er „modern“ geblieben ist, trotz seiner 2500 Jahre. Weil das nicht anders möglich ist, veranschaulicht es ein Thema exemplarisch: die Liebe.

Symposion – das Gastmahl: Quelle von Missverständnissen

Exemplarisch steht das „Symposion“ für Werke, die einem zentralen Thema zugeordnet sind. In diesem Fall geht es um Liebe. Leider verstehen viele Menschen unter platonischer Liebe rein freundschaftliche asexuelle Liebe, was falsch ist. Auch Fachleute, meist uneins in ihrer Bewertung, unterlaufen immer wieder Merkwürdigkeiten, die auf Platons „dunkle“ Sprache zurückzuführen sind. Im Gegensatz zu Aristoteles schrieb er erstens nicht begrifflich exakt, d.h. er spielte mit der Doppeldeutigkeit der Sprache und zweitens legte er bewusst Fallen, um nur von Eingeweihten verstanden zu werden. Der Tod des Sokrates zeigte ihm deutlich, wie gefährlich philosophieren sein konnte.

Menschen mit christlichem Hintergrund bringen im Rückgriff auf die lateinische Übersetzung Plotins (nicht Platons) einige seiner Ideen durcheinander, d.h. sie theologisieren Plato oder machen ihn zu einem Monotheisten. Zwar schreibt Platon viel von und über Götter, aber dies ist nur ein rhetorischer Kunstgriff, um sich in seiner Zeit verständlich zu machen. Wie Aristoteles wurdeer diesbezüglich von der Scholastik vereinnahmt. Es zeigt sich, wie schwer es ist, Philosophen neutral gegenüberzutreten, frei von Kontingenz.

Ein Dialog über Platon erfordert genaue Verständigung, welche Übersetzung man heranzieht, da bereits die Transkription eine Deutung vornimmt. Generell gilt: alle seine Schriften sind in Dialogform aufgebaut und nicht immer, nur in den frühen und mittleren Werken, deckt sich Platons Meinung mit der des Sokrates. Im Fall von Symposion vertritt er die Meinung Diotimas, der einzigen weiblichen Rednerin in seinen Schriften. Alle Bücher beziehen sich wechselseitig aufeinander, so dass es unmöglich erscheint, ein Werk für sich allein zu interpretieren. Zudem ist dies nur möglich mit Kenntnis altgriechischer Begriffe – idealerweise ist man Philologe und der gesamten Text im Original lesbar.

Kardinaltugenden der Liebe

Grundsätzlich schreibt Platon, nicht nur im Symposion, von vier Kardinaltugenden, genau genommen drei, die zusammen die vierte ergeben. Dies entspricht auf der Metaebene der Ideenlehre, die immer aus Trinität besteht: eine Dreiheit oder Vielheit verweist bei Platon immer darauf, dass selbst die Ideen nur Annäherung und Ausgeburt einer Uridee sind.

Symposion ist die Uridee die Liebe, sie besteht aus mehreren Teilen, aufsteigend von der Körper- über die Seelen- in die geistige Welt. Die Tugenden sind Tapferkeit (Körper), Mäßigung bzw. Harmonie (Seele) und Weisheit (Geist= zugeordnet. Diese drei Kardinaltugenden zusammen führen zur Gerechtigkeit. Wer wahrhaft liebt, liebt folglich immer gerecht.

Ein Argument ist die Dauer: die flüchtigen Beziehungen der Körperwelt, ontisch dem Werden zugeordnet, sind ästhetischer Natur und kurzweilig bzw. auch subjektiv gefärbt. Die dauerhaften Beziehungen, die bereits Werte inkludieren und nicht nur auf Kompensation eigener Mängel oder Begehren basieren, könnte man als Seelenverwandtschaft oder Wahlverwandtschaft (Goethe) bezeichnen. Sie enden zumindest mit dem körperlichen Dahinscheiden, sind folglich nicht ewig.

Aufgrund der Wiederkehr der Seelen (Palingenese) und der Lehre vom Wissen durch Wiedererkennung (Anamnese) könnte man erwarten, dass auch die seelische Liebe bereits ewig währt, doch da die Seelen andere Körper behausen, ist es nicht möglich, dass Liebende sich wie in der Romantik in neuer Gestalt wieder begegnen.

Die höchste Form ist stets sublimierte geistige Liebe, die auch über das Interesse erhaben ist. Platon bezeichnet sie als agape, der höchsten Form der Liebe, die auf Selbstlosigkeit und Hingabe beruht. Damit ist weder Aufgabe noch Auslieferung gemeint, die immer wieder damit verwechselt wird; die beste Annäherung liefert Kants Kriterium der Interesselosigkeit.

Ethische Substanz

Ziel ist die aufrichtige Liebe um ihrer selbst willen, nicht, weil man sich etwas vom Geliebt Werden verspricht, sie also Mittel zum Zweck ist. Selbst wenn es ein Idealzustand zu sein scheint, gibt es durchaus Menschen, die jene Philanthropie leben, denn die Liebe nicht zu privatisieren ist damit gemeint. Auch hier geht es ausdrücklich nicht um Geschlechtslosigkeit, die Platon keineswegs missachtet: das Zeugen von Kindern soll in diesem Zustand geschehen und eine Definition von Liebe ist auch Zeugen von Schönheit und im Schönen.

Neben der Ethik und der Ideenlehre entspricht Liebe auch der Ontologie: Körperliches Lieben ist Werden, seelisches Lieben Sein, geistiges Lieben dem Seienden zugeordnet. Die Idee entspricht dem Telos und dem Möglichen, daher auch Ewigen. Die Seele findet ihr Äquivalent im Grund und der Verwirklichung, sie hat Dauer und ist eidetisch. Der Körper findet seine Entsprechung im Trieb (Affekt), der Wirklichkeit, dem Phänomen, er ist spontan und auratisch.

Aktualität

Was also ist aus Platon zu lernen, dargestellt am Beispiel der Liebe Was soll daran modern sein?

Erstens, vieles, was wir Liebe nennen, genügt dem inneren Anspruch nicht, es ist substanzlos. Angefangen von den Stadien der Verliebtheit oder der Verstandesbeziehung, die einen Haushalt gründet und Besitz, Kinder (sie galten und gelten für viele auch als Besitz) einschließt, über die reifere Liebe, die immer noch ein Quäntchen Eigeninteresse enthält, sind die meisten menschlichen Beziehungen doch egoistisch und verwässern die Idee der Liebe.

Nochmals sei betont, dass Ideal etwas anderes ist als Idee. Ein Ideal ist ein Zustand, der sich erreichen lässt oder, wenn es utopisch gefasst bleibt, wünschenswert bleibt. Eine Idee ist eine geistige Manifestation, eine Intelligible, keine Sinneswahrnehmung, aber doch von der Vernunft einsehbar und auch lernbar. So projiziert jeder zunächst seine Vorstellung auf den Partner: bis er ihn und sich selbst wirklich kennenlernt, dauert es häufig ein ganzes Leben.

Liebe muss wie vieles bei Platon gelernt werden. Für viele genügt es, den Zustand der Reife zu erreichen, die weniger bis kein Leid verheißt und auch Loslassen erlaubt, wo andere noch mit Eifersucht, Neid oder Selbstfindung beschäftigt sind. Liebe dient nicht zur Selbsterhöhung, Selbstanerkennung, Selbstbewusstsein: sie setzt ein intaktes Selbstwertgefühl voraus. Keine Psychoanalyse kommt ohne Platons Modell der gesunden Eigenliebe aus.

Politische Wertigkeit

Zweitens inkludiert Liebe politische Werte wie Toleranz, Empathie, soziales Glück, ohne die es keine Glückseligkeit, keinen Frieden oder Harmonie geben kann. Wie man den Partner respektiert, sollte man auch mit Nicht-Partnern umgehen. Das bedeutet, dass Liebe nicht nur Wissen ist, das im Ich und Du erlernt wird und auf Werte beruht wie Augenhöhe (weshalb Platon auch skeptisch ist, dass eine Mann-Frau Beziehung auf Liebe basiert), die sie von Leidenschaften und Affekten unterscheidet. Es bedeutet, um sein Handeln und die Konsequenzen zu wissen.

Es bedeutet, dass Liebe einen Wesensgrund hat, der mit dem Streben nach Vervollkommnung beginnt und zu der Einheit zurückführt, die in der Seele ursprünglich in ihrer Ganzheit beheimatet war. Gleichgültig, ob man dem Mythos (Paradies) der vollständigen Seele glauben mag, die eins war, bevor sie durch Frevel geteilt wurde und aus Strafe für den Frevel zur Suche nach dem fehlenden Teil (anima und animus) sich nach Liebe sehnte (dem Einzigen), Fakt ist, dass die romantische wie die christliche Liebesvorstellung von dieser Absolutheit erfüllt sind.

Drittens beinhaltet die Staffelung vom Abbild (Körper, Schatten) über Bild (Seele, Inneres, Charakter) zum Urbild (Idee der Harmonie in Gerechtigkeit) einen Wert, dass Liebe nicht nur für uns, sondern wir auch für die Liebe da sein sollen: Liebe veredelt die Gesellschaft und die Arbeit am eigenen Charakter trägt zur Glückseligkeit aller bei.

Ideen sind mehr als Ideale

Ideen sind dreifach geprägt: erstens sie haften nicht an der Körperwelt. Wer also davon spricht, dass die Idee der Liebe von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur oder von Epoche zu Epoche Schwankungen unterworfen ist, hat Recht, aber er widerspricht damit keineswegs den Gedanken der Einheit, die aus Vielheit besteht. Das Eine und Eins und Einheit sind bei Platon drei Seiten einer Medaille, die in der Uridee zusammenfallen. Konkret heißt das: durch die Vielheit der Liebenden entsteht erst die Möglichkeit, Liebe für sich zu entdecken und als notwendig zu erkennen. Sie ist, wie jede Idee, weder zufällig noch beliebig noch verwässert mit persönlichen Vorlieben. Die Substanz der Liebe erhält sich immer und im Allen. Bei den Tieren führt sie zur notwendigen Fortpflanzung, der sich kein Lebewesen entzieht. Selbstverständlich hat Platon Pflanzen und Tieren nicht das gleiche Liebesverständnis zugebilligt wie Menschen, jedoch auch hier ein aufsteigendes Prinzip erkannt. Menschen, die sich nur körperlich lieben, verbleiben im animalischen Zustand. Sie gleichen dann im Höhlengleichnis den Gefesselten, die es nicht anders kennen und über ihre Gewohnheit die Idee mit der Erscheinungswelt verwechseln.

Die Idee der Liebe besteht im Zeugen, das bedeutet aber nicht nur die nächste Generation und damit Limitation auf den Geschlechtsakt, sondern das Wesentliche in seiner Schönheit zu erkennen, anstelle sich von Äußerlichkeiten blenden zu lassen. Das Wesen der Liebe besteht in der Zweckursache, dem eigentlich Seienden: zu lieben und nicht zu urteilen.

Es ist energetisch ein reines Insichsein und Selbstgenügsamkeit, die keineswegs Askese beinhalten muss (aber kann). Wesentlich ist die Überwindung von Abhängigkeit und Verwechslung von Zweck mit Nutzen. Wer wahrhaft liebt, liebt die Vernunft und den Partner um seiner selbst willen. Er würde weder ihn noch sich selbst verändern wollen, nur um ihn seiner Vorstellung von Liebe anzugleichen. Platonische Liebe exkludiert weder Sexualität noch Körperwelt, sie hierarchisiert und privilegiert jedoch den Geist und die Seele höher und darf daher auch als Charakterkunde gelten.

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