La Strada einmal anders genießen – jetzt, am besten sofort

vom 4.-13. Juni in den Bremer Wallanlagen

Eingang zu Wallanlagen, Bremen im Zeichen des Straßenfestes La Strada

Weiße Frauen im Nebel

Bremen, Wallanlagen verheißen sattes Grün und Kunst in unmittelbarer Nähe. Schon immer. Theater und Kunsthalle in nächster Nähe, Kulturmeile eben.

Weiße Frauen haben in der Poesie eine lange Tradition, meist als Gespenster, als Ahnen oder Erscheinung für ein schlechtes Gewissen. Wenn sie tanzen, kann es Anfang oder Untergang bedeuten. Die Künstlerin zeichnet verantwortlich für eine Installation auf dem Wallanlagenhügel https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/geschichten-aus-licht-und-wind-90661283.html.

Im Fall „Witte Wieven 2.0“ geht es um Frauenfiguren aus drei Generationen. Die Naturgewalt des Windes symbolisiert dabei die Unberechenbarkeit des Lebens. Ihre Installation befindet sich gegenüber dem umstrittenen Denkmal gefallener Soldaten im Ersten Weltkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenmal_f%C3%BCr_die_im_Ersten_Weltkrieg_gefallenen_Bremer). In den Bäumen sorgen Kronleuchter für einen eye-catcher, einen Hingucker, und für Irritation.

Abgesehen davon, dass man angesichts der staunen und diskutieren kann. Über die Kraft des Windes gibt es auch einen auf Arte laufenden Film, in der reich und arm, weiß und schwarz, Moderne und Tradition aufeinanderprallen. www.arte.tv/de/videos/097487-000-A/mit-der-kraft-des-windes

Spaziergang zwischen Grün und Weiß

Ein Spaziergang abends lohnt sich, auch aufgrund der Illuminationstechnik und des kurzfristig wieder launigen Wetters, das einen Abendbummel durch die Wallanlagen zum lohnenswerten Unterfangen macht. Die Straße ist dann grün, umgeben von weißen Fahnen und riesigen wilden Staudensellerie, der wie bestellt ins Wachstum gekommen ist. Grüne Zaungäste zwischen Statuen, Plastiken, Fahnen und Gerüsten. Verantwortlich für die Beleuchtung zeichnet Jörg Rost.

Gefeiert wird La Strada, ein Fest, das nicht stattfinden kann. Ein Fest, das viele, nicht nur in Bremen, bewegt, mobilisiert und immer wieder neben der Unterhaltung auch Gesprächsstoff liefert. Aus der Sicht eines Philosophen ein gesellschaftsrelevantes Thema, das Kontingente aufnimmt. Nun ist dieses Lied der Straße, benannt nach dem Fellini-Film , legendärer Kult, der lehrt, das es nie zu spät ist und selbst, wenn niemand mehr damit rechnet, sich etwas positiv verändern kann. https://de.wikipedia.org/wiki/La_Strada_%E2%80%93_Das_Lied_der_Stra%C3%9Fe

Der Name der Protagonistin Gelsomina bedeutet Jasmin. Die „persische“ Blume steht für das Sinnbild der Liebe, mehr als die Rose, für Reinheit und Ordnung. Daran hält sich auch La Strada, deren Motto für die 21. Version (Corona-Edition 21) vom 4.-13. Juni lautet: La Strada bleibt anders. https://lastrada-bremen.de/

Tanzender Baum

In Prag steht das  Tančící dům, (Tanzendes Haus) des kanadischen Architekten Frank Gehry seit 1996. Fast zeitgleich wurde in Bremen La Strada aus der Taufe gehoben. Von Anfang an wurden die Wallanlagen bespielt. Oft auch unter Einbezug der Natur. Was liegt da näher als an einen tanzenden Baum zu denken? Immerhin spielt der Lebensbaum Yggdrasil nicht nur an der Fassade der Böttcherstraße (im Krieg zerstört, nicht rekonstruiert) eine zentrale Rolle in der Edda. Die Weltesche verkörpert den gesamten Kosmos und die drei Zeitebenen. Immerhin breitet er sich überall aus; seine Wurzeln versinnbildlichen die Gemeinsamkeit aller Menschen über alle Unterschiede hinweg.

Wer mit den Codes QR Codes umgehen kann, darf sich auf einiges freuen und gefasst machen, während er im Park und anderen ausgewiesenen Orten lustwandelt. Interaktion ist angesagt. https://lastrada-bremen.de/innenstadt/spielorte. Er erfährt dann, beispielsweise etwas über den Hintergrund der Baum-Wind-Installation des Künstlers Mirsad Herenda. https://mirsadherenda.de/

Alle werden wohl bedauern und mit Wehmut an die Präsentation der Künstler – meist Akrobaten – zurückdenken. Es lohnt sich aber, den Blick auf den Tropfen im Wasserglas zu richten, denn die Mühen sind aller Achtung wert. Auch wenn es ein alter Hut ist: jede Krise öffnet auch eine Chance und wie im Film beweisen auch die Verantwortlichen des diesjährigen Alternativ-Konzeptes, das es immer ein bisschen weiter geht, trotz Tristesse.

So ersetzen Bilder, Plastiken und Installationen die lebenden Artisten so gut es eben geht, denn wenig ist immer noch wesentlich mehr als nichts. Geschichten aus Klängen, Düften, visuellen Reizen entstehen und sind entstanden, die um Interaktion bitten und nach Publikum verlangen.

Historie und Neubeginn

Für Bremer altbekannt: Das Festival entstand in den Jahren 1992 bis 1994 aus der kulturellen Breitenarbeit der Bremer Kulturinitiativen Quartier e. V. (heute Quartier gGmbH) und Kontorhaus – Werkstatthaus für freie Bühnenkunst (heute Theaterkontor im Kontorhaus) Es ist damit sechs Jahre jünger als der Bremer Samba-Karneval, inzwischen Europas größter, der zeitgleich zum Venedig-Spektakel im Februar stattfindet. Auch der Karneval steht für Neubeginn, ein ewiges Rad des Lebens, das sich drehen will.

La Strada ist neben dem besagten Karneval und der Breminale das Aushängeschild kreativer outdoor und streetart-Kunst. Manche fiebern und arbeiten das ganze Jahr auf diesen einen Moment des Glanzes und des Glücks hin. Andere Akrobaten leben davon, ziehen wie die Zirkusleute von einem Ort zum nächsten, eine Karawane aus Kraft und Kreativität, die gute Laune versprüht und den Alltag für Augenblicke vergessen macht. Der Abstand zwischen Darstellern und Zuschauern ist naturgemäß gering.

Die ehrenamtlichen Helfer nennt man Engel. Ob es weiße sind, weiß man nicht so genau. Das Konzept war (und ist) kostenfreie Unterhaltung, ein Mix aus Spaß und Anmut, Ästhetik mit einem Hauch von political correctness, einer Botschaft. Die pikante Abkürzung pc steht für einen respektvollen Umgang auch mit Minderheiten (die wir im Grunde alle sind) und Vermeidung jedweden Anstoßes zur Diskriminierung. Leider geht dieser Gedanke häufig unter, weil im Fokus die Lebensfreude steht. Ästhetik verträgt sich nur bedingt mit Moral. Aber alles ist besser, als die weißen Fahne der Kapitulation zu hissen.

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