Pessoa, die innere Unruhe

Foto Belinda Helmert, Brücke im königlichen Garten Sintras, Symbol der Verbindung des alten zum neuen Portugals

Ein wahrhaft sensibler und vernünftiger Mensch versucht naturgemäß, wenn ihn Übel und Ungerechtigkeit der Welt bekümmern, zunächst dort gegen sie anzugehen, wo sie am deutlichsten zutage treten, nämlich bei sich selbst. Und damit wird er sein Leben lang beschäftigt sein.“

(Zitat Fernando Pessoa, der Figur, neben der ich auf meiner Homepage „posiere“). Zitat wie alle folgenden aus seinem Lebenswerk „Das Buch der Unruhe“ (1913-34).

Stationen: auf den Spuren Pessoas, 1888-1935

Von Fernando Antonio Pessoa kann man lernen, zu träumen. Oder, wie ein scheinbar bedeutungsloses, von Eitelkeit und gesellschaftlichen Zwängen befreites Leben, zu spätem Ruhm gelangt. Nur ein Buch und ein Aufsatz waren zu Lebzeiten des Dichters, der einen eigenen Stil und literarische Gattungsform erfand, publiziert. Er zog es jedoch vor, im inneren Exil für die Truhe zu schreiben, fernab jeder öffentlichen Wahrnehmung. Heute allerdings zählt er zu den Aushängeschildern portugiesischer Schreibkultur.

Geboren ist der wohl (neben José Samargo) berühmteste literarische Sohn der Stadt am Lago de São Carlos 1-5 (https://novellieren.com/2018/03/20/literarisches-lissabon/), das eigentümlich lago (See) heißt und in der Oberstadt (bairro alto) von Lissabon, präziser dem westlichen Bezirk Chiado, liegt. Nach seiner Zeit in Südafrika an der Seite seiner Mutter, die nach dem frühen Tod ihres ersten Gatten ihrem zweiten nach Durban folgt, kehrt er in das Haus Nummer 18, erster Stock, zurück. Der äußerst scheue, traditionsbewusste Junggeselle lebt am Fuße einer Ruine. (https://reisenexclusiv.com/fernando-pessoa-und-jose-saramago-in-lissabon/).

Die meiste Zeit seines Lebens verbringt er jedoch in Baixa Pombalina (benannt nach dem Architekten des Wiederaufbaus nach dem berühmten Erdbeben von 1755), der geschäftigen Unterstadt, am Hafen des Tejo. Dort verdingt er sich als Übersetzer in einem Handelskontor, unspektakulär und auffällig in seiner Unauffälligkeit. Sein zweites und eigentliches Leben widmet er dem Schreiben, seiner einzigen Muse, sieht man vom Alkohol (Tod durch Leberkolik im Alter von 47 Jahren) einmal ab. Vergleichbar mit E.T.A. Hoffmann braucht er die Prozente und den Tabak, um in seinem Schreibfluss zu bleiben. Und da er viel schreibt, trinkt und raucht er auch ständig. Die bürgerliche Existenz ist nur Fassade. „Ich finde genügend Alkohol im Existieren“ rechtfertigt sich Pessoa.

Foto Belinda Helmert, Blick auf Baixa, die Unterstadt im Herzen Lissabons.

Pessoa lebt als Buchhalter und nutzt dies für seine Figur Bernardo Soares, sein literarisches alter Ego in „Das Buch der Unruhe“, das in deutscher Sprache dank der Entdeckung eines Schweizers erst 1982 das Licht der Öffentlichkeit erlangt. Buchhaltung und Bilanz wird zu einer seiner Metaphern:

Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder irgendeinem anderen Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir führen Buch und erleiden Verluste; wir ziehen die Summe und gehen vorrüber; wir schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer gegen uns.“

Die nach dem großen Beben 1755 wiederaufgebaute Unterstadt am Tejo (https://planetofhotels.com/guide/de/portugal/lissabon) heißt nach ihm auch „das Herz von Lissabon“. Das heutige, weithin sichtbare Wahrzeichen am Fluss bildet die Hängebrücke Ponte 25 de Abril, welche in einer Länge von über drei Kilometern mit ihren roten Eisengestänge in fast 200 Metern die beiden Ufer des Tejo verbindet (https://de.wikipedia.org/wiki/Ponte_25_de_Abril), hat er indes nie gesehen. Erbaut wurde sie unter dem diktator Salazar zum dreißigjährigen Bestehen des Estado Noevo, des neuen Portutals, das an die Stelle der Republik und der einstigen Kolonialmacht getreten war. Der oft widersprüchliche Autor, anfänglich ein Sympathisant, hat seine anfängliche Bewunderung für Salazar wenigstens eingestanden, wenn er schreibt:

„Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen. „

Jenes Erdebeben, das für den einzigartigen Bau der Unterstadt verantwortlich zeichnet, kostete über einem Drittel aller Bewohner das Leben ( Kleist verlegt in seiner Erzählung „Das Erdbeben von Chili“ kurzerhand nach Südamerika). Es gilt als eines der größten Naturkatastrophen Europas überhaupt und als Hinterfragung Grottes Wille. So schrieb Kant seine Theodizee „Über das Mißlingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee“ ausgehend von der Frage, weshalb dieses Gottesurteil ausgerechnet die Stadt des Lichts, Zentrum der Christianisierung, traf. In Variation dazu Pessoa:

„Es gibt sogar Leute, die Gott selbst ausbeutet, und das sind die Propheten und Heiligen in der Leere der Welt.“

Es sind Sätze wie diese, über die der Mit- und Nachdenkende stolpert und angenehm fällt.

Foto Belinda Helmert, Baixa, Eingang zur Rua Augusta, Triumphbogen, Praca de Comercio, Symbol des Wiederaufbaus nach dem verheerenden Erdbeben von 1755, das Kant bewog, eine Schrift über die Theodizee zu verfassen.

Widerstand der Trägheit

„Ich unterwerfe mich weder dem Staat noch den Menschen, ich leiste ihnen den Widerstand der Trägheit.“

Im „Buch der Unruhe“, das seinem literarischen Doppelgänger, dem unscheinbaren Buchhalter Bernardo Soares gewidmet ist, sind viele der bevorzugten Stationen in der Stadt des Lichts benannt, für die es seit seinem posthumen Weltruhm (ein Schweizer Verleger entdeckte ihn und verlegte seine Schriften um die fünfzig Jahre später) poetische Spaziergänge gibt. Einer davon ist die Rua dos Douradores, diese Straße bildet auch seinen täglichen Arbeitsmittelpunkt. Nachdem er siebzehnjährig, nach zehnjähriger Absenz in seine Geburtsstadt zurückkehrt, ist er fester denn je entschlossen, zu bleiben.Vielleicht um ein Gegengewicht zu seinem Fernweh im Kopf, seine Spaltungsprozesse zu bilden. In ein Klischee passt Pessoa jedenfalls nicht. (https://www.mare.de/wenn-das-herz-denken-konnte-content-4540)

Das Geburtshaus Fernando Pessoas (https://www.schwarzaufweiss.de/portugal/lissabon-pessoa.htm) liegt unweit seinem Stammcafé: das Café A Brasileira ist ein Kind seiner Zeit (https://de.wikipedia.org/wiki/Caf%C3%A9_A_Brasileira_(Lissabon), der Dekolonialisierung von Brasilien. Es liegt im westlichen Teil Oberstadt, dem Birro Alto, wo sich vor allem die Künstler und Verleger treffen und Pessoa eine Zeitschrift gründet, die bereits nach der zweiten Auflage bankrott ging, was ein Trauma bei ihm hinterlässt. Künftig weigerte sich der passionierte und äußerst vielseitige Schriftsteller, zu publizieren. Er schreibt, wie er es nennt, nur für seine Truhe (25 000 Manuskriptseiten).

Foto Belinda Helmert, A Brasileira am Chiado, Bezirk der Oberstadt, 1905 gegründet, eingerichtet im Belle Epoque Stil, ganz nach dem Geschmack Pessoas.

Auf seinen Stammtisch an der Rua Garrett verweist die lebensgroße Bronzestatue. Zahlreiche Literaten gehen hier und der ältesten Buchhandlung der Welt, der Livraria Bertrand do Chiado (1732 gegründet) ein und aus, als Künstlerviertel der Avantgarde bildet es den scheinbaren Gegenpol zur nüchternen Geschäftswelt in der Baixa. „Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen. Der Gedanke, die Oberstadt, das Herz, die Unterstadt. Eine Metonymie für Bewusstsein und Ungterbewusstsein, Ideal und Trieb, Traum und Realität. Ineinander verwoben, doch ein Herz denkt ebensowenig wie der Gedanke lebt

Saudade, Fado, Sehnsucht nach unmöglichen Dingen

Pessoa liebt den Fado, die saudade mit seinem exotischen Klang

Er wird selbst zum Literaten der Sehnsucht und des ewigen Versuchens, das im Paradox seiner Sehnsucht kulminiert: „Ich bin der, der ich nicht zu sein vermochte.

1988, im Jahr des Brandes, kehrt auch Pessoa wieder in den Chiado zurück. An einem Tisch vor dem Brasileira sitzt seitdem eine, von António Augusto Lagoa Henriques geschaffene Skulptur des Schriftstellers. Man kann sich auf einen bica (einem Espresso) zu ihm gesellen und über Einsamkeit zu zweit sinnieren.

Zwischen 1908 und 1912 lebt der eigenbrötlerische Schriftsteller wieder am Rand der eindrucksvollen Ruine Largo do Carmo, nahe dem Elevador Santa Justa, der die Unter- mit der Oberstadt verbindet. (https://lissabon.sehenswuerdigkeiten-online.de/sehenswuerdigkeiten/elevador-santa-justa.html). Von dieser Vogelperspektive hat er zweifellos den besten Ausblick auf Lisboa und genug Luft, um zu träumen.

Foto Belinda Helmert: Elevador Santa Justa bei Nacht, vom Baixo aus gesehen. Frei stehenden, 45 m hohen Aufzugs aus dem Jahr 1902 von Mesnier du Ponsard, ein Schüler Gustave Eiffels.

Pessoas letztes Wohnhaus (1920-1935) liegt im Stadtteil Campo de Ourique (https://xrei.com/de/campo-de-ourique-und-amoreiras/) und ist als kleines Kulturmuseum für Besucher geöffnet. Es liegt auf einem der sieben Hügel, auf denen Lissabon erbaut wurde, nicht nur Rom). Zu Lebzeiten des Schriftstellers gehört es jedoch noch zur Baixa. Nach dem ersten Weltkrieg durchlebt Lissabon eine schwere Krise und eine unruhige Zeit, die zu Bürgerkrieg und Revolution führt. Pessoa verachtet beide: die blasierte Aristokratie und die pöbelhaften Plebejer. Mal ist er für die Republik, mal für die Monarchie. Er sympathisiert mit Salazar, am Ende bricht er mit ihm – allerdings beides niemals öffentlich. Sein Schreiben verrät den politischen Wandel und die innere Emigration.

Die letzte Station jedoch bildet das wesentlich imposantere Quartier Belém, da der Tote in Lissabons Pantheon, Seite an Seite mit den berühmten Königen, Seefahrern und Persönlichkeiten der Stadt ruht: im Hieronymus-Kloster. Das Mosteiro dos Jerónimos (https://de.wikipedia.org/wiki/Mosteiro_dos_Jer%C3%B3nimos) ist geprägt von einem einzigartigen Baustil, der auch das Schreiben Pessoas optisch widerspiegelt. Man spricht vom Emanuelismus oder der Manuelinik, einer regionalen Besonderheit der Spätgotik, am ehesten dem Flamboyismus Frankreichs verwandt (https://www.portugal360.de/kultur/architektur), jedoch mit Seefahrerornamentik und verspielter, manieristischer. Aufgrund seiner Verworrenheit des labyrinthischen Stils dürfte die letzte Ruhestätte dem gläubigen, aber keines kirchlich gesinnten Freigeist gefallen, besonders die Schwerelosigkeit. Es ist, als ob die Wolken Flügel erhielten und der Himmel zu schweben beginnt auf dem Gestein.

Foto: Belinda Helmert, Hieronymuskloster, von Pessoa „ein Schönes Traumgesicht“ gehießen. Das Mosteiro dos Jerónimos befindet sich im Quartier Bélem und gehört ebenfalls zum Stil der Manuelinik, der portugiesischen Renaissance und sieglo d´oro.

Der Literat.

Die Ehrung der Bestattung in geweihter Erde und musealer Umgebung teilt sich Pessoa mit seinem wohl bedeutendsten Vorgänger, der den des Bau des erdbebenerprobten Hieronymitenklosters noch als Augenzeuge erlebte:Luís de Camões (1524-80) (https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/geschichten/2063774-Fernando-Pessoa-und-Luis-de-Cames-Poetische-Kinder-Lissabons.html). Camões’ nationaler und quasi unübersetzbarer Epos „Os Lusíadas“ („Die Lusiaden“) von 1572 ist unterteilt in Gesänge (Kapitel) und Strophen, wobei jede Strophe ein gereimtes Oktett ist. Inhalt bildet Vasco da Gamas Suche nach dem Seeweg nach Indien, Schlüssel zu Portugals Aufstieg zur Weltmacht neben dem ärgsten Rivalen Spanien. die Lusiaden, also die Nachkommen des Gottessohnes Lusus – in der römischen Mythologie der Gründer jenes Gebietes, das später zum Königreich Portugal wurde, sind die abenteuerlustigen Portugiesen selbst.

Aus seinem Schatten tritt der Melancholiker und Saudade-Liebhaber Pessoa heraus, wenngleich unmerklich, denn er ist weder von der Persönlichkeit noch, bedingt durch die unorthodoxe Schreibweise, ein Kind seiner Zeit. Zu ent- oder „verrückt“, zu verspielt und in sich gespalten erscheint er den Zeitgenossen. 72 Charaktere wurden auf seinen augenblicklich auf 35 000 Seiten angewachsenen Werk(en) gefunden. Man spricht von Heteronymen.

Heternonyme

Der anglo- und nicht nur bibliophile Pessoa beginnt in seiner Belesenheit mit Übersetzungen aus dem Englischen und dichtet zunächst auch in dieser Sprache, die er wie seine eigene beherrschte. Sie öffnet ihn nebenbei die Tür zur literarischen Welt, von der er sich weitgehend isoliert. Von einem Heteronym spricht man, wenn eine eigenständige Figur mit Biografie samt Sprachstil und Weltanschauung erschaffen wird und nicht nur ein Pseudonym, unter dem der gleiche Autor leicht zu entdecken ist. Heteronyme bedürfen folglich verschiedener poetischer Gattungen, Schreib- und Sichtweisen. Die bekanntesten vier im Werk Pessoas heißen: Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos und Bernardo Soares (in: „Das Buch der Unruhe“).

Pessoa personifiziert die Widersprüchlichkeit, das Paradox bis zur Schizophrenie. (https://de.wikipedia.org/wiki/Fernando_Pessoa). Die vier Zeitgenossen haben ihr eigenes, stets aufeinander bezogenes Leben, begegnen sich auch in seinem Werk, so als wären sie reale Nachbarn und nicht Fiktion. Weit mehr als alter Egos möchte man sie Ideenträger und psychologische Hauptanteile an der Seele ihres Schöpfers nennen. Ausgerechnet das angeblich ungebildete Landei Caeiro wird von allen, einschließlich Pessoa selbst, wenn er in der Ichform schreibt, als Meister verehrt. Im Gegensatz zu den von der Zivilisation geschädigten, dem Nihilismus beeinflussten und der Dekadenz preisgegebenen Intellektuellen ist Caeiro nicht von Orientierungslosigkeit, Desillusionierung und metaphysischer Obdachlosigkeit geplagt. Als Symbol der Illusion, des in Rauch Aufgehens aller Ideale, dient der Tabak.

Maske

Die Quadratur folgt auch aus der Vierheit der Elemente, dem eigenen Namen. Pessoa bedeutet Portugiesischen als „Person“, aber auch als „Maske“, „Fiktion“ und „Niemand“. In Form von Heteronymen spiegelt und multipliziert sich der Dichter, erzeugt Traum- und seine Spiegelbilder, da er sich auf die Figuren bezieht, als würden sie tatsächlich existieren. Wie ein Bauchredner kommuniziert er schreibend mit den teilweise erfunden, teilweise mit ihm verbundenen Charakteren und Biografien. Pessoa ist das Musterbeispiel einer multipolaren Persönlichkeit, die einsam lebt, aber im Kopf so viele Gespräche führt, dass er selbst fürchtet, irr zu werden und sich schreibend gesundet. In seinen Texten zwischen utopisierendem Traum und konkreter Wirklichkeit, unterhalten sich oftmals mehrere seiner Heteronyme miteinander.

Am Anfang steht die bukolische Hirtendichtung, darin Mallarmé verwandt. Einflüsse französischer Symbolisten, vor allem Baudelaire (Pessoas Aussage „Verstanden werden zu wollen heißt sich zu prostituieren“ ist eine direkte Reminiszenz an ihn) , Rimbaud, leugnet Pessoa nicht; seine Modernisierung der portugiesischen Poesie beginnt in der Lyrik, genauer der an die fiktive Vorlage Alvaro de Campos „Der Hüter der Herde“ angelehnte Paganismus, eine Form des Neo-Klassizismus, an der sich die anderen drei inklusive Pessoa abarbeiten. Ironischerweise urteilt der Autor, Caeiro schreibe schlechter, Campos akzeptabel und Reis besser als er selbst. „Die Literatur ist das Eingeständnis, dass das Leben in seiner jetzigen Form nicht ausreicht.“

Die multiplen Persönlichkeiten in ihm sind nicht nur Gegenstand, sondern Voraussetzung seiner Kreativität. (http://planetportugal.blogspot.com/2012/05/die-multiplen-personlichkeiten-des.html)

Lyrik

Dazu passend erfindet er den Titel einer periodisch geplanten Zeitschrift zur Erneuerung der ins Bedeutungslose verfallenen portugiesischen Poesie: Orpheu(s), denn die orphischen (dunklen) Gesänge beinhalten alle Paradoxa dieser Welt, insbesondere aber die Schönheit der Vergänglichkeit, des Verfalls und die gescheiterte Neugeburt, die auch dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Todessehnsucht) geschuldet ist. Pessoa dichtet hier wie fast immer durch sein Heteronym Alvaro de Campos, so dass man ihn mit der lyrischen Stimme in ihm gleichsetzen kann. Aus seiner Feder stammen die vom Schweizer Verleger Ammann (der Pessoas Weltruhm einleitete) gesammelten (keinesfalls von Pessoa so gefügten) poetischen Werke mit dem schlichten Titel „Poesias“. Ein Ende der Publikation ist aufgrund der Fülle von zu ordnenden Manuskripten noch nicht abzusehen (https://www.wallstein-verlag.de/autoren/egon-ammann.html). Allerdings existieren auch lyrische Werke in einem gänzlich anderen Stil unter dem Heteronym Alvaro de Campos, der sich im Verlauf seiner Entwicklung von seinem einstigen Vorbild abwendet und ihn verspottet. Auch „Oden“, die er Ricardo Reis zuschreibt, bilden Gedichte.

Als Theoretiker formuliert Pessoa sein ästhetisches Programm so:

Der erste Grad der lyrischen Dichtung ist derjenige, in dem der Dichter sich auf sein Gefühl konzentriert und dieses Gefühl zum Ausdruck bringt. Ist er jedoch ein Wesen mit wandelbaren und mannigfaltigen Gefühlen, so wird er gleichsam eine Vielzahl von Persönlichkeiten ausdrücken, die nur durch Temperament und Stil zusammengehalten wird.“

Der gesamte Text ist nachzulesen auf (http://www.planetlyrik.de/fernando-pessoa-poesie/2017/09/)

Prosa

Das bekannteste Werk, „Das Buch der Unruhe“, stellt eine Mischung aus ungeordneten, vom Verleger ausgewählten Aphorismen, Briefform, Arabeske (Gedankensplitter um Dinge und Gefühle oder Wahrnehmungen) und ästhetischen Essays bis hin zu philosophischen Reflexionen (Erkenntnistheorie, Epikurismus) dar. Diese Frakturen oder Fragmente stammen vom Icherzähler Bernardo Soares, dessen ereignislose Biografie die engste Verzahnung mit der Pessoas aufweist.

Über zwanzig Jahre schreibt dieser an seinem Vermächtnis, das Ammann auf 520 Notizen herunterbricht. Zwischen der Entstehungszeit und der Publikation liegen folglich drei Generationen. Dabei sticht die Zeitlosigkeit bzw. Voraussicht des Autors hervor und begründet vielleicht das rege Interesse an ihm. Bezeichnenderweise nennt Pessoa sein literarisches Pendant „Sklave seiner eigenen Vielheit“, eine multiple oder gar schizoide Persönlichkeit, die in ihrer Zerrissenheit und ewiger Suche, dem narzistischen Umkreisen des Selbst bei gleichzeitiger Substanzlosigkeit so sehr das Problem des postmodernen Menschen pointiert wie kaum ein anderer Künstler. Das Buch zieht seine intellektuellen Kreise, seine Veröffentlichung in Portugal Anfang der Achtziger Jahre befreit das Land kurz nach der Nelkenrevolution nicht mehr von der Diktatur, aber aus der literarischen Bedeutungslosigkeit.

(https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-fernando-pessoa-portugiesischer-dichter-todestag–100.html)

Eine der wenigen abgeschossenen und zu Lebzeiten (1922) veröffentlichten Prosawerke ist die Satire „Ein anarchistischer Bankier“. Ein hält ein raffiniertes Plädoyer, weshalb Anarchisten Bankiers sein müssen, um den Staat mit kapitalistischen Mitteln in die Knie zu zwingen. Die aus Gründen der Zensur groteske Geschichte widerspiegelt die politischen Gedanken des Autors, Pessoas Ekel vor Gewalt und allem rohen vulgären Handeln, die in den Zeiten der Attentate und während der Ersten Republik des Landes (Sturz der Monarchie 1910) dominierten. Pessoa reagiert auf den ausgebrochenen Bürgerkrieg 1921, im Volksmund als Blutnacht (a noite sangrenta), der ihn zu einem Gegner der Demokratie und der Republik, einem späteren Bewunderer Salazars prägt, der dieses dunkle Kapitel portugiesischer Geschichte beendet. Auf bizarre Weise bildet die Groteske daher ein literarischen Vorgriff und Gegenstück auf die frei von Parodie bleibenden Roman „Nachtzug nach Lissabon“ des Schweizer Philosophen Peter Bieri (https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtzug_nach_Lissabon). Portugal und die Schweiz verbinden nicht nur die zahlreichen Gastarbeiter, sondern auch die tiefe Zuneigung zu Pessoa, dem Meister der Paradoxa durch das Sezieren von Antithesen und Anbtiethik.

Der Autor Pessoa hasst Selbstgerechtigkeit und Lynchjustiz, das Demagogenhafte und das Spießertum des angepassten Bürgers ebenso wie die Gewalt der politischen Ideologen. Er vertritt definitiv den elitären Individualismus (Nietzsche gehört zu seinen bevorzugten Denkern) und die Freiheit des eigenständigen, kritisch reflektierenden Denkens. Als Ästhet verabscheut er Dummheit als die dritte und gefährlichste Form von Gewalt. Es muss möglich sein, so der Bankier, »Geld zu erwerben, es in so großer Menge zu erwerben, dass mein Einfluss nicht mehr spürbar werden konnte.« (https://www.lovelybooks.de/autor/Fernando-Pessoa/Ein-anarchistischer-Bankier-143096520-w/)

Lyrik 2

Das letzte (Gedicht)band in seiner Chronologie, die bei einem Autor, der gleichzeitig Werke beginnt, unterbricht und Projekte selten abschließt, schwierig zu bestimmen ist, lautet in deutscher Sprache „Botschaft“ und schließt mit seiner Publikation kurz vor seinem Tod den Kreis: es ist reimlose Lyrik, deren Syntax am ehesten mit der von Gottfried Benn vergleichbar ist. Wenn es ein Thema gibt, dann das: Portugal ist das Gesicht und Europa der Kopf, beides gehört zusammen. Eine nationalistische Isolierung, wie sie sich unter Salazar abzeichnete, lehnt der freigeistige und kosmopolitisch fühlende Autor ab. Ihn jedoch als liberale Stimme zu instrumentalisieren, gelingt nicht.

Das Band inkludiert eine historische Theorie der Wiederkehr, angelehnt an das zyklische Denken der Hellenen. Sind die vier Reiche der Griechen, Römer, Christen und das Britisches Empire nicht weltumspannend oder homogen, dafür despotisch zu nennen, so soll das fünfte Reich ein „Reich der Kultur und Universalmacht in einem“ sein. Diesem utopischen Gedanken liegt der zunehmende Messianismus des Melancholikers zu Grunde. Sein Hang zur Esoterik kommt auch im Untertitel zur Sprache.

Pessoa lässt sich keiner Weltanschauung oder Richtung zuordnen. Er will unbequem sein und einsam bleiben, auch darin Nietzsche oder Byron wesensverwandt. Letzterer, der Autor des faustisch geprägten (und mit bukolischen Elementen aufwartenden)„Manfred“, verbrachte 1817 eine Zeit in der Königsstadt Sintra, das mit Cabo de Roca den westlichsten Punkt Europas besitzt. Der weit gereiste englische Dichter bezeichnete die Bergresidenz als schönsten Platz, den er je sah. (https://www.spiegel.de/reise/europa/portugal-sintra-refugium-fuer-koenige-und-romantiker-a-187867.html

Foto: Belinda Helmert, Byron in Sintra, Residenz der Linie Sachsen-Coburg, die 1910 gestürzt wurde. Pessoa verweist in der Ode „Portugiesisches Meer“ (in „Botschaften) auf den Held seiner Jugend. Der Autor verlies Lissabon nur in Richtung Sintra.

Oh salziges Meer, wie viel von deinem Salz/ sind Tränen Portugals!“ So beginnt die berühmte Ode „Portugiesische Meer“ (https://faustkultur.de/literatur-europoesie/das-auge-des-steuermanns/)

Einen auditiven Einstieg des Dichters, der von sich sagte, „welch großes Glück, nicht ich zu sein“ liefert Lutz Görners Rezitat, in voller Länge (https://www.youtube.com/watch?v=LMe75czJNyI), hier nur der Beginn von „Der Tabakladen“, das von hunderttausend Gehirnen in einer Person handelt, der sich kritisch mit dem Begriff des Genius auseinandersetzt und seinem „Ich“ misstraut:

„Metaphysik als Folge von Magendrücken“ – Worte eines passionierten Trinkers und Rauchers, der sich in dem langen Poem „Der Tabakladen“ zu erkennen gibt.

Erwähnung aus dem umfassenden Gesamtwerk, das auch vereinzelt kurze Dramen enthält, die heute beginnen die Bühnen zu erobern verdienen auch die extravaganten Stadtführer bzw. Reisebücher „Lissabon. Was der Tourist sehen sollte“ und „ Mein Lissabon, Was der Reisende sehen sollte .“

Foto Belinda Helmert: Lissabon, die Stadt des Lichts und des Palisanderbaums, der aus Brasilien seinen Weg in die Stadt der Seefahrer machte.

Philosophie

Identität der Divergenz

Die Journalistin, Reise- und Kriminalautorin Catrin George Ponciano ist eine Bewunderin Pessoas. Auch sie viele Personen und Brüche in sich (https://www.wikiwand.com/de/Catrin_George_Ponciano). Sie begeistert

die Idee, einen Hilfsbuchhalter durch Lissabon laufen zu lassen und dessen Gedanken zum Drama im Menschen zwanzig Jahre lang zusammenzutragen, um die Gesellschaft Portugals im Umbruch zu sezieren.“ (https://dpg.berlin/buch-das-catrin-george-ponciano-das-lissabon-des-fernando-pessoa/) Ferner: „Alles ist Reflexion, die aus der nach innen gewandten Realität nach außen drängt und sich Gehör verschafft.“

Die Autorin spricht in ihrem Buch „Auf Fernando Pessoas Spuren“ (2021) über eineausgeprägt vegetative Wahrnehmungsfähigkeit“ Pessoas und seine innere Ambivalenz zu Lissabon, das er kaum verlassen hat. Er füllt die Lücken in seiner Identität, seine Spaltungen mit Erfindungen: „Zu jeder Situation entsteht der nötige Gefährte, und Fernando verleiht ihm Identität. So ist er niemals alleine.“

Plurales Denken

Dies kann man nicht als Relativismus, sondern als Perspektivismus, zumindest Pluralismus verstehen, unaufgeregter als Prechts Titel „Wer bin ich und wenn ja wie viele“, aber gewiss nicht weniger reflektiert. Pessoa ist redlich, wenn er irrt und geistreich, wenn er Banalitäten kommentiert. Er häutet sich, wenn Ich-Ideal und ideal-Ich ineinander übergehen. Sein Intellekt gewinnt dadurch an Leichtigkeit, gerade weil er niemanden zu überzeugen sucht oder sich selbst etwas beweisen will. Diese Nonchalence wirkt wohltuend im Zeitalter selbst-verordneter Massenhysterie und geistigem Nomadentum. Sich selbst in der Distanz zu erhalten im Wandel, ohne Starre, aber auch ohne permanente Aufruhr – Revolution ist ihm verpönt, Anpassung jedoch ebenso ­ hat etwas von Weisheit. Gerade, weil es die Ideologie mit ihrem unvermeidbaren Dogmatismus und Moralismus ablehnt:

Verschont mich von allen Kunstdoktrinen. Im übrigen bin ich verrückt und bin es mit vollem Recht!“ (Essay „Die Kunst der Verstellung durch Entpersönlichung“)

Wenn jemand die britische Kunst-Seele mit Byron Shelly, Keats, Poe liebend erfasst, dann steckt in ihm auch Pathos, Romantik und Trotz. Wille zum Eremiten, vielleicht. Wenn derselbe Mensch durch den heidnischen Eremiten Ricardo Reis spricht, eine Variante des Byronismus und des Fausts (Pessoa kannte Goethe leidlich), dann akzeptiert hier jemand unvoreingenommen das Labyrinth des Denkens, aus dem keine einfachen Antworten, keine simplen Wahrheiten herausführen.

Paradoxaler Kreisverkehr

Besitzen heißt verlieren.“

„Menschen sind Ausnahmen einer Regel, die nicht existiert.“

Unserem Unvermögen Schönheit abgewinnen, mit dem Widerstand der Trägheit und einer Landschaft, die sich nicht betreten lässt. Sätze im paradoxalen Kreisverkehr, denn nur wenn wir träumen, sind wir wirklich, der Wirklichkeit können wir nur angehören. Nachzuhören unter (https://www.youtube.com/watch?v=Rma51ef1bMI)

Reis glaubt an die Form, das ist gewiss, Campos hingegen an die reinen fünf Sinne der Wahrnehmung, Pessoa an die Kraft des Symbols oder der Chiffre, Caeiro als Epikurer an die reine Existenz. Der moderne Mensch ist fragmentiert; er verliert sich zunehmend in und an die Wirklichkeit. Mit einem Wort: er hört auf zu existieren, er verschwindet. In den Zeiten der Verunsicherung und der Angst bleibt nur die Ästhetik des Augenblicks, die reine Präsenz. Die Flüchtigkeit in Permanenz ist eines der zahlreichen Paradoxa:

„Ich weiß nicht, wessen sie ist, meine Vergangenheit, die ich erinnere, ein anderer war ich.“

Der verunsicherte Mensch ist ein Schlüsselwort der späten Siebziger Jahre, als die Werte (wieder einmal) in Frage gestellt und Rollenmuster aufgebrochen wurden durch die so genannte 68 er Bewegung. Populismus ist die unmittelbare Folge von Angst. Die Antwort auf die Wiederkehr des Nihilismus lautet dann entweder Dogmatismus, Verführung durch die Idee des starken und unfehlbaren Führers oder Indifferenz allem gegenüber, was zur sozialen Verwahrlosung führt. Beide Selbstschutz-Strategien durchschaut Pessoa. Er ist weder Demokrat bzw. Republikaner noch Oligarch, sondern puristischer Individualist. Er gönnt sich den Luxus, nicht klar sturkturiert, erfolgreich, karrierebewusst zu sein. Er vereint den Sozialismus mit dem Dandy, darin Byron ähnlich, der allerdings sein Leben dem Freiheitskampf in Griechenland widmete – ob aus Langeweile, Geltungsbedürfnis oder echter Überzeugung, wer will das abschließend beurteilen?

Die Freiheit spürt nicht, wer nie unter Zwang gelebt hat.

Sie gleicht einer Wolke ohne Schatten.

Foto Belinda Helmert, San Jernoninmo Kloster. Himmel, von Schwere getragen oder ein Ort zum Träumen für Pessoa.

Zeitlosigkeit des Träumens

Pessoa ist kein Macher, obschon er den modernismo quasi erfindet und den futurismo Italiens einbettet, etwa Marinetti, ohne wie dieser dauerhaft dem Faschismus und den Verlockungen der kulturellen Neugeburt, des Versprechens auf Revitalisierung und Renaturalisierung, zu verfallen. Das macht ihn zu einem Verwandten Heideggers oder Benns, um nur zwei zu nennen, das zumindest ist die Rolle des Existentialisten Caeiro.

Wenn ein Mensch dreißig Gedichte in einem Zug schreibt, keine schlechten oder gar faden, spricht man schnell von einem Genie

Campo und Caeriro werden zu Gegenspielern, so wie Reis und Pessoa und in dieser Konkurrenzsituation, der Parität der Kräfte, entwickeln sie sich weiter. Nichts ist schlimmer als die Einseitigkeit.

Zeitlosigkeit ist wie träumen. Der Traum ist das bestimmende Grundmotiv, der Kontrapunkt zur Nützlichkeit und zur Logik, dem Pragmatismus und dem Verloren sein an all die Dinge, die wir wissen oder besitzen wollen, bis sie abgenutzt erscheinen. Pessoa gelingt es scheinbar mühelos, liberal und konservativ zugleich zu sein, was ihn vor scheinheiligem Humanismus bewahrt. „Wir alle haben zwei Leben, den Traum und das Nützliche“

Foto Belinda Helmert: Lissabon bei Nacht, Saudade und Fado nahe der Pessoa-Statue

Saudade und Fado

Er schwört dem Kult der Erinnerung ab, obgleich er den Saudissimo (Saudade- Grundgefühl an eine bessere Zeit) des Fado kultiviert. Dieses typisch portugiesische Lebensgefühl, das nicht gleichzusetzen ist mit dem deutschen Weltschmerz, obschon es seine melancholisch Grundstimmung teilt, obgleich er mit Wehmut übersetzt wird. Doch die Sprache geht nicht in Begriffen auf und für jeden bedeutet saudade nuanciert oder subtil etwas anderes. Das Wort lässt sich nicht übersetzen. Es gleicht Heimweh nach einem Hafen, das einen Seefahrer befällt, selbst wenn er gerne zur See fährt.

So besagt einer der berühmtesten Vierzeiler Pessoas:

Saudades, só portugueses
Conseguem senti-las bem.
Porque têm essa palavra
para dizer que as têm.
Saudades – nur Portugiesen
können dieses Gefühl kennen.
Weil nur sie dieses Wort besitzen,
um es wirklich beim Namen zu nennen.

Ich stelle fest, dass ich mich, so oft ich heiter bin, doch immer traurig fühle.“

Dem saudade – Motiv entspricht musikalisch der Fado, wörtlich das Schicksal, jedoch nicht devote Ergebenheit passive Duldsamkeit, sondern aktives carpe diem bzw. amor fati. Aufgrund der Jahrhunderte lange währenden Anwesenheit der Mauren hat der Fado auch arabische Elemente und im Portugiesen schlummert neben dem okzentalischen auch eine orientalische Seele. So wird der Fado von seinen Interpreten, den fadista (es gibt hier kein Genus) nie gleich,sondern nahezu täglich oder gar stündlich in Abhängigkeit der inneren Stimmung wiedergegeben.

Allein Sein Wollen ist eine Kunst

Abschließend ein Wort zur Differenz von Einsamkeit und Alleinsein, von freiwilliger und erzwungener Entsagung, vom Verlust des Anderen und dem der eigenen Mitte. Das alles fließt in „Das Buch der Unruhe“ zusammen. Um den Unterschied zu bemerken braucht es Beobachtungsgabe. Ein Essay, der als eine Zusammenfassung des Buches gelten könnte, eine Art ästhetisches Manifest, lautet „Rückkehr der Götter“

Leute mit Herz und Hirn finden keine Bleibe in der Welt“ so heißt es – wie sollten sie auch, wo jeder Nagel seine Wand und jeder Deckel seinen Topf braucht. Bedeutungslosigkeit kann erstrebsam sein angesichts des vorherrschenden Monumentalismus und peinlicher medialer Selbstinszenierung. Pessoa ist weder Marktschreier noch Profiteur, wenn er schreibt, dass nicht die Götter verschwunden sind, sondern die Menschen, die an sie glauben (können, wollen oder müssen). Aber selbst als Gegner des Kapitalismus ist er zugleich gegen das Zwangskorsett der Revolution, denn beides sind Kinder desselben Machtrausches, wie es in „Das Buch der Unruhe“ heißt:

Sich nichts unterwerfen, keinem Menschen, keiner Liebe, keiner Idee, jene distanzierte Unabhängigkeit wahren, die darin besteht, weder an die Wahrheit zu glauben, falls es sie denn gäbe, noch an den Nutzen, sie zu kennen – dies, scheint mir, ist die rechte Befindlichkeit für das geistige, innere Leben von Menschen, die nicht gedankenlos leben können.“

(https://www.youtube.com/watch?v=rl37siLgl0k)

Traurig, wie nur ein Regen traurig sein kann… auch Erwartung kann eine Erinnerung sein.

Und in diesem Regen der unbändige Wunsch eines Buchhalters, sich immer neu zu erfinden, ein anderer zu sein, als der, der man letzten Endes doch ist.

Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig ein Buchhalter sein zu müssen, und Dichtung und Literatur sind ein Schmetterling, der sich auf meinen Kopf niederlässt und mich um so lächerlicher erscheinen lässt, je größer seine Schönheit ist.“

Foto: Belinbda Helmert, Lisboa, Belém, im Westen der Stadt, vom Erdbeben 1755 unberührt. Der Turm von Bethlehem stand einst mittig im Tejo; heute an seinem Ufer. Architektonisch stammt der Bau aus der Renaissance mit dem charaktristischem mauelinischen Stil (https://www.hisour.com/de/renaissance-architecture-in-portugal-33823/) . Bis ins 19. Jahrhunderte diente er als Gefängnis.

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