Hölderlin und der Wein, Weißrießling und Weinraub

Weiblicher Dionysos an der Loire

Wie aus Mundraub Tonnen von Rebklau werden kann oder wie Hölderlin den Schwarzrießling verehrte…

Trauben –in dürftiger Zeit

Kaum ein Dichter verwendet die Traube und den Wein so häufig als Symbol in seinen Gedichten, mal als Metonymie, mal als Gleichnis, mitunter als Oxymoron und als biblische Allegorie ohnehin. Es ist das heilige Getränk der Götter, vom alten Griechenland (Dionysien) über das nicht minder antike Rom (Bachus) über Christus: Doktorarbeiten beschäftigen sich mit dem Phänomen, dessen bekanntestes die Hochzeit von Kannaa und der Wandel von Wasser in Wein ist.

In Brot und Wein (damals noch Brod geschrieben), der siebten Strophe heißt es:

„und wozu Dichter in dürftiger Zeit? / Aber sie sind, sagst du, wie des Weingotts heilige Priester, / Welche von Lande zu Land zogen in heiliger Nacht.“

Wie sollte man tiefgründiger fragen über das Wesen eines Künstlers in heutiger Zeit, die Sprache mit Füßen tritt und billigen Wein den Vorzug gibt. Von Heiligkeit und Tiefe, der Qualität der Traube ist wenig übrig geblieben.

Zunge des Volkes und heilige Gefäße sollten die Dichter und Philosophen – bei Hölderlin noch ungetrennt – sein. Wie schal und flach muss ihn das heutige Angebot bekümmern?

Hölderlin stammt aus der Nähe von Nürtingen (dort wohnte der Dichter seit seinem vierten Lebensjahr), einem Dorf namens Lauffen am Neckar.

Hölderlins Geburts-Haus in Lauffen
Hölderlins Elternhaus in Nürtingen

Die nächstgrößere Stadt ist Heilbronn. Auch dem Fluss (zu Hölderlins Zeiten Nekar geschrieben) ist eine Ode gewidmet, das mit den Zeilen endet: „doch weicht mir aus treuem Sinn / Auch da mein Nekar nicht mit seinen / Lieblichen Wiesen und Uferweiden.“

Vielen Flüssen, darunter Main, Rhein und Dordogne (Hölderlin verweilte 1801 in Bordeaux) www.swr.de/swr2/literatur/av-o1189801-100.htm widmete der – in meinen Augen bedeutendste deutschsprachige – Dichter Zeilen, die alte und neue Welt miteinander verbindend.

Er wurde in eine Pfarrerfamilie hineingeboren und versuchte lebenslang sich als Dichter und nicht als Theologe zu beweisen, trotz Maulbronn, trotz Tübinger Stift. Letztes Jahr hatte er Jubiläum – es fiel Corona-bedingt eher virtuell und bescheiden aus.

Schwarzriesling zwischen drei Flüssen

Hölderlin war lebenslang ein Liebhaber der roten Traube, in die er quasi hineingeboren war. Traurig endete sein Leben im Wahn und Einsamkeit, Viele glauben daher noch immer, Hölderlin sei jung gestorben, um die Jahrhundertwende, denn ab 1804 verstummt der Dichter leise.

Das Leben im Tübinger Turm mit Blick auf die holden Schwäne und drei Flüssen, Neckar, Steinlach, Ammer https://www.landschafts-philosophie.de/tourenangebot/tubingen-eine-stadt-drei-flusse/ aber währt bis 1847 am Vorabend der Märzrevolution.

Tübinger Turm, Hölderlins Dominzil für 40 Jahre

Bis zuletzt trank er Rotwein, spielte Klavier und Flöte, dichtete, wenn auch in seltsam anmutender rigider Form und unterzeichnete mit Scardanelli – Belege für seine Schizophrenie.

Diese Zeilen sind aber dem Dichter und Denker, dem Ästheten und Genießer gewidmet, auf dessen Spuren ich 2007 in Recherche zu meinem Buch „Hölderlin: Eins ist Alles“ wanderte und zwei Bildungsreisen entlang seiner Handlungsorte veranstaltete. Nicht nur meine Magisterarbeit, mein ganzes Leben begleitete diese Ikone der Sprach-Reinheit bereichernd mein Leben. Er brachte mich auf die Idee von in vino poesia est, da sich seine Texte über Wein ideal zu önologischen und gustativen Anlässen eignen und die Landschaft zugleich Charakterkunde ist.

Der Schwarzriesling ähnelt dem Riesling in der Form, nicht aber im Geschmack oder Duft. Franzosen oder auch andere Weinliebhaber kennen ihn als Pinot Meunier. In Deutschland ist er auch volkstümlich als Müllerrebe bekannt. Es gibt noch mehr Namen für ein und dasselbe (Eins ist Alles, einmal prosaisch), aber die fast einzige Region, in der er gedeiht, ist Baden Württemberg. https://www.deutscheweine.de/wissen/rebsorten/rote-rebsorten/schwarzriesling/

Was man wissen darf: er ähnelt den Spätburgunder, ist aber eleganter und feingliedriger in seiner Textur. Passend zu einem Feingeist wie Hölderlin. In der Elegie dominiert die Innigkeit, so sagt es der Dichterin „Wechsel der Töne“. Da die überwiegende Thematisierung des Wein-Motivs sich in Elegien wiederfindet, darf man schlussfolgern, dass er Wein als Chiffre für Charakter erkannt hat.

Die Komposition beginnt grundlegend mit naiver Stimmung, führt über die heroische in die idealische Gemütslage, soweit die Theorie des Dichters, der immer in Trinität denkt, schreibt, dichtet. Wie der Wein, der eine untrennbare Einheit aus nachgeschalteter Farbe, Geruch und Geschmack enthält und Fingerabdruck der Landkarte ist.

Brot und Wein

Achte Strophe in der Elegie Brot und Wein:

„Brod ist der Erde Frucht, doch ists vom Lichte gesegnet,

Und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins.

Darum denken wir auch dabei der Himmlischen, die sonst

Da gewesen und die kehren in richtiger Zeit,

Darum singen sie auch mit Ernst die Sänger den Weingott“

Schon der Titel verweist auf die Verschränkung von Theologie (Brot als Leib und Wein als Geist Christi) mit Philosophie (Brot als irdische Materie, Wein als metaphysische Begeisterung) und Kunst (Brot als Form, Wein als Stoff). Vor allem aber sind Brot und Wein gleichzeitig Kultur- und Naturgüter, Sinnbild einer Synthesis von Mensch und Natur.

Brot und Wein sind geradezu mythische Allegorien der Verbindung beider Seinsbereiche, nicht nur im Hinblick auf das Christentum, sondern auch auf die vorsokratische Welt (Dionysien). Hölderlin ist an einer Annäherung zwischen antiker und christlicher Welt bzw. einem Rückgriff auf das Griechische gelegen.

Brot steht zudem für das materielle Sein, das Gewordene, Wein für das Spirituelle, das Werden. Brot und Wein repräsentieren die Verbindung von Natur und Kultur, denn sie werden durch Arbeit veredelte Produkte.

Hölderlin war vor allem Spinozist, also Pantheist. Hier repräsentiert Lebendiges der Erde das organische Verständnis Hölderlins auch der Götterwelt. Gott ist die Natur, es herrscht keine Trennung von Idee und Materie vor (Eins ist Alles). Das Auge steht für Apoll (Gott des Lichtes, des Sehens, des Verstandes, auch der Kunst), der Schatten für Dionysos (Gott des Unbewußten, Dunklen, Tiefen, Wahnes und des Weines). Apoll ist Brot, Dionysos der Wein und beides gehört zusammen wie Körper und Seele und Geist.

Die Erwähnung Isthmus (die Landenge vor Korinth, der größten Handelsrivalin Athens) und Parnaß ist nicht zufällig oder bloß dekorativ, es liegt auf der Strecke der Dionysien, der Weinfeste, die mit dem Gott des Wahns verbunden werden. Über den Parnaß kam der Gott der Ekstase, der Nacht und des Wahns(inns), auf den Olymp und bildete dort ein Gegenstück zum Lichtgott des Tages, Apoll (delphischer Felsen = am Fuße des Parnaß). Wurden vorher Tag und Nacht, so werden hier die damit verbundenen Gottheiten in ihrer Wechselwirkung wertgeschätzt.

Diebstahl in den Weinhängen: Paradies-Raub

Nun wurden tonnenweise Trauben in Lauffen gestohlen (Video: https://www.ardmediathek.de/video/swr-aktuell-baden-wuerttemberg/tonnenweise-weintrauben-in-lauffen-geklaut/swr-baden-wuerttemberg/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEzMDQ1NjI/)

500 Liter weg, vermutlich befinden sie sich in den Händen eines anderen Winzers. Weinbauer Moser will trotzdem nicht Trübsal blasen, denn er hat noch Tröpfchen zum Verkauf und der Preis wird steigen ….

Es handelt sich weniger um Riesling denn um roten Traubensaft, denn Lauffen ist das Gebiet  Muskat, Georg, Nero, Philipp, Katharina, so heißen sie. Dahinter verbirgt sich die Traube Schwarzer Rießling. Nicht alle Traubensorten sind wie er für die Weinkultur gemacht.Mehr dazu verrät Ihnen die Winzerfamilie Kühner, die ich kennenlernen durfte. https://www.rebveredelung-kuehner.de/

Steilhänge an der Mosel (Riesling)

Der Wanderer zwischen den Trauben

In Der Wanderer  (Erste Fassung, zweite Strophe) nimmt der Wein leitmotivische Funktion ein

„Und, wie ein Samenkorn, durchbrichst du die eherne Hülse,

Und die knospende Welt windet sich schüchtern heraus.

Deine gesparte Kraft flammt auf in üppigem Frühling,

Rosen glühen und Wein sprudelt im kärglichen Nord.“

Die Weinrebe veranschaulicht die Bodenhaftung, das Gaia – Element, ebenso wie Triebhaftigkeit und Richtungslosigkeit des Menschen, sie ist kurzum ein Medium der Verbindung, das in sich noch unentschieden ist (Licht und Schatten). Sie bedarf des Lichtes (Sonne) ebenso wie der unterirdischen Wasserzufuhr (Flüsse gelten im griechischen Mythos als Tore zur Unterwelt), steht also zwischen Leben und Tod. Im irdischen Genuß der Rebe liegen gleichermaßen Begeisterung und Trunkenheit, Rausch im positiven Sinn (Wahn) als auch im Negativen (Kontrolllosigkeit, Rohheit). Der Weinstock wird in die 3. Strophe aufgenommen „Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock, /

Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst.“ Landschaft dient als Allegorie und Topgrafie seelischer Bestandsaufnahme. Wer zuviel trinkt, den ergeht es wie den Bremer Stadtmusikanten.

Hölderlins Zeilen sind selten gefällig wie die Goethes, sie wollen nicht leicht und tänzerisch und volkstümlich klingen. Sie verlangen ein Nachdenken und ein sich lösen von Gewohnheiten. Eigentlich funktioniert Weingenuss genauso: um das echte und wahre herauszuschmecken bedarf es mehr als ein Prost und runter damit und ei wie das knallt. Vielleicht noch ein lecker dahinter. Wein ist Kultur, von der Auswahl und dem Geschmack einmal abgesehen: das Getränk sagt viel über uns aus, mehr noch, wie wir es zu uns nehmen. Die zweite Fassung ist noch tiefer, entfernt sich weiter von den physisch greifbaren Dingen, der phänomenalen Ebene

Seliges Land etwa ist Heimat und die wie Heimkehr meint nicht gefühlsduselig den Ort der Herkunft gar deutsche Vaterlandtümelei, sondern geistig-seelisches zu Hause, diese erfordert wie jede Identität eine Auseinandersetzung und Dialektik mit dem Fremden, einer Wanderung durch Seele und Geist, damit echte Bestimmung möglich wird und nicht einfach Vertrautes wiedergekaut und einer Idylle unterstellt.

Solche Wege sind beschwerlich und fallen uns nicht einfach so zu oder in den Schoß. In einer Konsumgesellschaft ist was Hölderlin „heilige Einfalt“ der „Begeistung“, sprich Begeisterung heißt, nicht zu finden. Es wird verwechselt mit haben und ex und hopp. Es wird artikuliert mit geil und krass und mega.

Der Wanderer dient als Metonymie ebenso wie die mehrfach erwähnte Weinrebe, da sie der Wanderer an mehreren Ebenen antrifft. Die Neubelebung des Geistes, die Verbindung von Vergangenem (stand ich) in Strophe 1, und Gegenwärtigen (hab ich) in Strophe 2 in der Zukunft  (kehr ich) liefert Synthesen in temporärer wie metaphysischer Hinsicht. Formal endet die Elegie, dem ästhetischen Gesetz Hölderlins folgend, mit einer idealischen Grundstimmung.

Es geht um Versöhnung von alter und junger Zeit. Aufbruch und Bewahrung. Dies steht z.B. im Gegensatz zur Aufbruchsstimmung in Hyperions Schicksalslied (einer Hymne), welches endet: „Doch uns ist gegeben / Auf keiner Stelle zu ruhn.“ Schließen wir mit Der Wanderer, zweite Fassung, letzte Strophe)

„Ausgegangen von euch, mit euch auch bin ich gewandert,

Euch, ihr Freudigen, euch bring’ ich erfahrner zurük.

Darum reiche mir nun, bis oben an von des Rheines

Warmen Bergen mit Wein reiche den Becher gefüllt!“

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