Philosophie als Therapie

Foto Bernd Oei: Cliffs of Moher, Steilküste und Küstenwanderweg von ca. 20 km, derzeit ab er nur von Doolin aus begehbar.

Flucht in die Isolation

Ludwig Wittgensteins Beziehung zu Irland war tiefgründig und zog sich über Jahrzehnte hinweg. Seine intensivste Zeit verbrachte er dort jedoch zwischen 1947 und 1949, direkt nachdem er seine angesehene Professur an der Universität von Cambridge aufgegeben hatte. Er litt unter schweren Depressionen, war vom akademischen Betrieb erschöpft und suchte radikale Isolation, um sein Hauptwerk – die Philosophischen Untersuchungen – fertigzustellen.

Der gebürtige Wiener (1889-1951), Positivist und führende Kopf der Analytischen Philosophie (Wiener Kreis) war ein Leben in extremer Einfachheit ohne modernen Komfort. Die raue, karge und windgepeitschte Natur half ihm, sich zu fokussieren – ähnlich wie Jahre zuvor in seinen Hütten in Norwegen. Er widerrief seinen „Tractatus“, Inbegriff des logischen Atomismus mit der These, Sprache funktioniere wie ein Abbild der Welt. Sätze haben nur dann Sinn, wenn sie logisch analysierbar und empirisch überprüfbar sind. Stattdessen propagierte er in seinem Spätwerk, den „Philosophischen Untersuchungen“ die Alltagssprache als Werkzeug. Die Bedeutung eines Wortes liegt nun nicht mehr in seiner Logik, sondern in seinem alltäglichen Gebrauch innerhalb von sozialen „Sprachspielen“.

Das Sprachspiel ist das konkrete Werkzeug, das Wittgenstein innerhalb dieser Epoche entwickelt hat. Sprache ist hier nicht mehr wie im „Tractatus logische Funktion (mit wahren oder falschen Aussagen), sondern eingebunden in Alltag, soziale und handlungsorientierte Situation. Demzufolge hat ein Wort keine fest zuschreibbare Bedeutung, sondern immer eine kontextbezogene.

Fotos Bernd Oei: Doolin , Country Clare, Westküste Irlands, Provinz Munster, 300 Ew. und perfekter Einstieg zu den spektakulären Steilklippen Cliffs of Moher https://de.wikipedia.org/wiki/County_Clare. Zwei Brücken führen über den Fluss Aille, der (Foto unten) hinter der Fisher Street in den Atlantik mündet.

Kriegstrauma

Zunächst zog Wittgenstein nach Connemara (Rosroe Pier), 150 km nördlich an der Westküste Irlands. Hier entstand seine Theorie der Sprachspiele. Er folgte seinem Freund Maurice O’Connor Drury, einem Studiumskollege, der inzwischen Psychiater geworden war und der ihn später in Dublin behandelte. Drurys Bruder gehörte jenes Landhaus in Rosroe Pier, das er Wittgenstein 1948 vermietete. Allerdings zwang ihn die Kälte des Winters in die Hauptstadt.

Wittgenstein litt an Depressionen und Suizidgedanken. Drei seiner Brüder hatten sich das Leben genommen und er selbst im Ersten Weltkrieg ein Trauma erlebt. Auf eigenen Wunsch, um sich an seine Grenzen zu bringen, lies er sich an die vorderste Front versetzen. Er war dort absolut isoliert, eine Situation, die er immer wieder aufsuchte, um wie anschließend zu bewältigen. Zudem verlor er im Krieg seine wichtigsten emotionalen Bezugspersonen.

Der Philosoph litt er an Perfektionismus. Der radikale Bruch hängt mit Tolstoi (er las ihn in der Einsamkeit des Krieges) und dem Fakt, das Logik Gefühle und das Grauen des Massensterbens nicht zu erklären vermag. Sätze über das Mystik, Gott, den Tod und die Erkenntnis, dass der Sinn der Welt außerhalb der Welt liegen muss, flossen direkt aus den existenziellen Schrecken des Schützengrabens auf das Papier.

Die Symptome, die Wittgensteins Krankheit begleiteten, waren extreme Erschöpfung, Gewichtsverlust (Appetitlosigkeit) Außerdem litt er unter starken, vom Krebs verursachten Schmerzen. Der tödliche Prostatakrebs wurde erst im Endstadium diganostiziert

Fotos Bernd Oei: Die Aille, die nach 43 km in den Atlantik mündet. https://en.wikipedia.org/wiki/Doolin

Streit mit Popper

Gibt es echte philosophische Probleme oder nur Sprachrätsel? Diese Frage beschäftigte 46 die Mitglieder des Cambridge Moral Science Club, der Wittgenstein und Popper angehörten. Wittgenstein vertrat die Position, dass es gibt keine echten philosophischen Probleme gibt und Philosophie nur auf die Folge sprachlichen Missverstehens beruht. Ihre Aufgabe besteht darin,, diese Sprachverwirrungen aufzulösen. Popper verwies Ethik, der Politik oder Struktur der Wissenschaft, die völlig unabhängig von sprachlichen Missverständnissen existieren.

Wittgenstein forderte Popper auf, ein Beispiel für ein echtes moralisches Gesetz zu nennen, wobei er erregt einen Schürhaken am Kamin ergriff. Popper antwortete daraufhin schlagfertig: „Man soll keine Gastredner mit Schürhaken bedrohen!“.

Der Unterschied zwischen dem von Popper und anfänglich von Wittgenstein vertretenen logischen Positivismus zur Analytischen Philosophie, die den späten Wittgenstein auszeichnet (und der 1946 am Kamin in Cambridge, dem Zentrum für Logik ausbrach) ist folgender: für die Positivisten geht es um die Struktur der Wissenschaft (Falsifizierung und Verifizierung von Aussagen), für die Sprache ein logisches Werkzeug bilden muss. Für die Analytiker geht es um den angemessene Gebrauch der Alltagssprache.

Dementsprechend interessiert sich die Schule der Positivisten einzig und allein um den Wahrheitsgehalt (er ist der Sinn jeder Aussage, die überprüfbar sein muss). Den Analytiker interessiert, ob der Satz den Regeln des Sprachspiels, der Konvention, der Kontextualisierung entspricht.

Um das an einem konkreten Beispiel festzumachen: Für den Wiener Kreis blieben Sätze über Gott, Kunst oder Ethik völlig sinnlos, da unwissenschaftlich. Für Analytiker haben Sätze über Ethik oder Kunst oderReligion eine eigene, wichtige Bedeutung, folgen aber anderen Regeln als die Naturwissenschaft.

Foto Bernd Oei: Rauer Atlantik, der an das Fischerdorf Doolin grenzt unweit der Fisher Street. https://en.wikivoyage.org/wiki/Doolin

Foto Bernd Oei: Doolin,.der Atlantik und Aufstieg zum Cliffs of Moher Coastal Walk, 8 km, der etwa 2 Stunden in Anspruch nimmt.

Foto Bernd Oei: Cliffs of Moher, Steilklippen mit maximal 214 m Tiefe. Nur ein Teil des 19 km – Küstenweges ist freigegeben. https://de.wikipedia.org/wiki/Cliffs_of_Moher

Linguistic Turn

Wittgenstein spielt beim sogenannten Linguistic Turn in den Sozial- und Kulturwissenschaften eine absolute Schlüsselrolle – und zwar vor allem durch sein Spätwerk der Sprachspiele. Als die Geschichts- und Politikwissenschaften begannen, den Fokus auf Sprache zu legen, griffen sie direkt auf Wittgensteins Kernidee zurück: Sprache ist soziales Handeln.

Wittgenstein gilt als die Schlüsselfigur des Linguistic Turn und hat diesen bemerkenswerterweise gleich zweimal auf völlig unterschiedliche Weise ausgelöst: Im “ Tractatus“versuchte er, eine mathematisch exakte Universalsprache zu definieren. Alles, was nicht logisch präzise abgebildet werden kann, ist für das Denken gesperrt Elementarer Satz: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.

In den Sprachspielen erkannte er, dass die normale Sprache nicht perfekt logisch sein muss. Sinn entsteht durch das soziale Handeln. Er lenkte den Linguistic Turn weg von der starren Logik hin zur Analyse unserer alltäglichen Kommunikation. Elementarer Kontrast: „Die Mannigfaltigkeit von Sätzen ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen, und andere veralten und werden vergessen.“

Für das Frühwerk Wittgensteins gilt unumstößlich: Die Sprache hat eine feste, logische Struktur. Sie bildet eine unüberwindbare Grenze um meine Welt. Was außerhalb dieser Logik liegt, ist unsagbar. Sie hat daher eine fest Grenze wie das Land. Für das Spätwerk hingegen gilt: Die Sprache ist „nichts Festes“, sondern ein lebendiger, sich ständig erweiternder Werkzeugkasten. Es gibt keine starre Grenze mehr. Wenn die menschliche Praxis, Kultur oder Technologie wächst, entstehen einfach „neue Sprachspiele“ – und damit erweitert sich auch unsere Welt. Sie ist also eine Küste, deren Verlauf sich stetig ändert.

Fotos Bernd Oei: Cliffs of Moher. Unten mit dem Blick auf Liscannon, das südlich gelegene Nachbardorf von Doolin.

Der Widerspruch lebt

So wie Wittgensteins Persönlichkeit von Widersprüchen geprägt war (u.a. Homosexualität und Katholizismus oder Reichtum und Entsagung), so ist auch sein Denken, obschon von Logik und Sachlichkeit geprägt, ambivalent bzw. das Früh- mit dem Spätwerk unvereinbar. Häufig ist von der doppelten Revolution des Denkens die Rede. Zunächst die Perfektion der Logik, eine klare, präzise Sprache, die vermuten lässt, dass sich alles eindeutig klären und definieren lässt, weil Sätze hier nahezu wie Mathematik funktionieren. Abschließend eine Analyse der Alltagssprache, die das Fundament für Linguistik, Soziologie und Kulturwissenschaften legte.

Wer heute über Sprache nachdenkt, kommt an Wittgenstein nicht vorbei – egal, ob man einen mathematisch-technischen oder einen sozialen, lebendigen Ansatz verfolgt. Pikanterweise habe ich, dessen Leben hauptsächlich um Sprache kreist, mich nie näher mit ihm beschäftigt und keines seiner Hauptwerke verstanden. Was klar ist: Wittgenstein lebte kompromisslose Aufrichtigkeit und war kein Professor, der stur ein Leben lang seine einmal gefundene These verteidigte. So wendete sein engster Feund Drury Wittgensteins Methode der Sprachkritik jedoch zeitlebens auf das Verständnis psychischer Krankheiten an.

Fotos Bernd Oei: Cliffs of Moher (das erste bei Gegenlicht)

Tractatus

Die wichtigste Einsicht oder These des frühen Wittgensteins lautet, dass die Welt aus Fakten besteht. So lauten die ersten beiden Paragraphen (immer kurze Sätze) „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ / „Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.“ Unter TAtsachen fällt der Bezug, die Relation zwischen den Dingen wie die Zuweisung einer Eigenschaft zu einem Objekt.

Die zweite Hypothese betrifft den Bildcharakter des Gedankens. Wie bereits einmal oben erwähnt:

Die zweite Hypothese betrifft den Bildcharakter des Gedankens. Wie bereits einmal oben erwähnt: es gibt nur schwarz-weiß: entweder ein Satz kongruiert mit der Realität oder eben nicht. Wenn die Struktur des Satzes mit der Struktur der Welt übereinstimmt, ist der Satz wahr; wenn nicht, ist er falsch. So lautet § 5: „Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze.“

Aus beidem ergibt sich: Nur Sätze, die sich auf konkrete, überprüfbare Tatsachen in der Welt beziehen (wie in den Naturwissenschaften), haben laut Wittgenstein überhaupt einen Sinn. Sätze über den Sinn des Lebens, Gott, Gut und Böse (Ethik) oder das Schöne (Ästhetik) können die Welt nicht logisch abbilden.

Fotos Bernd Oei: Wanderweg entlang der Steilküste von Cliffs of Moher

Philosophischen Untersuchungen

Ein Wort hat keine feste, metaphysische Bedeutung an sich. Es ist kein Etikett, das auf einem Gegenstand klebt. Demzufolge sind Sätze mehrdeutig, aber nicht beliebig, da sie Regeln folgen. Anstelle der Logik herrscht nun der Gebrauchswert vor, welcher auch den Sinn an die Stelle der Funktion rückt. So lautet die Kernhypothese § 1: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

Sprache ist kein einzelnes, großes Abbild der Welt. Sie ist eine gigantische Ansammlung von unzähligen, verschiedenen Sprachspielen. Diese folgen Kategorien wie Befehlen, Bitten, Witze erzählen, Lügen, Begrüßen oder wissenschaftliches Messen – all das sind unterschiedliche Sprachspiele mit jeweils eigenen, ungeschriebenen Regeln. Es gibt kein „Ur-Modell“ von Sprache. Sie funktioniert eher wie ein offener Werkzeugkasten.

Zum einen teilen die verschiedenen Sprachspiele keine feste gemeinsame Essenz, sondern überschneiden sich wie die Züge von Familienmitgliedern (Familienähnlichkeit). Zum anderen ist Sprache untrennbar mit unserem Handeln und unserer Kultur verwoben – sie ist eingebettet in eine gemeinsame Lebensform. Sprechen ist eine Praxis, kein theoretisches Konstrukt.

Fotos Bernd Oei: Cliffs of Moher Coastal Walk – Blick in die Tiefe

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