Adorno: Minimal Moralia: alles fun factory?

folgender Beitrag zum Leitbegriff der Industriekultur im Angesicht einer Freitzeitgesellschaft, die als „postliberale“ Gesellschaft der Industrie gefolgt ist.

selbsterklärend: der junge Adorno im alten gespiegelt: „Philosophie ist eine traurige Wissenschaft“

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Eine, wenngleich verkürzte und nicht ganz richtige Deutung des Begriffes Kulturindustrie ist die Gleichsetzung mit Massenkultur. Adorno betont, dass sich „Industrie“ nicht auf die Herstellung kultureller Güter bezieht, sondern eher auf das kulturelle System, das Massenmedien künstlich als alternative Realität hervorbringen. Spezifisch meinte er damit den Missbrauch der Medien zur Aufklärung: der Bürger wähnt sich aufgeklärt, ist es aber nicht substanziell. Er wird weniger kritisch und mehr pseudo-kritisch. Er ist lenkbarer als zuvor. In Krisenzeiten wie der Pandemie bewahrheitet sich dies.

Ein Phänomen der Industriegesellschaft („Industriekultur“) ist die parallele Entwicklung einer Massengesellschaft bei gleichzeitiger innerer Vereinsamung. Die „einsame Menge“ entsteht, wo Demonstrationen aufzeigen, dass es bestimmte Werte gibt, die jedoch nur noch auf Parolen und Rituale zurückgreifen, die häufig nichts mit den eigenen Zielen gemein haben. Man müht sich, der Form gerecht zu werden, betäubt oder belügt sich erfolgreich, am Ende aber steht obriges Zitat auf dem konfektionierten (Grab)Stein.

Meist ersetzt die Propaganda der Massenmedien die wirkliche Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Das Pathos der Rituale dient zur zweckhaften Solidarität. Menschen werden über bloße Ideen zu Feinden für Menschen mit anderen Ideen. Sie spalten sich in Lager, über die eigene Ideologie hinaus wird nicht mehr kommuniziert.

Aufklärung züchtet Irrationalismen und Autoritäten

Der Weg erscheint immer als Linie, als Gerade, als Abbreviatur des Lebens. Geradlinig ist aber nicht natürlich. Die Gerade erzeugt Monotonie und Aggression. Schuld haben immer die anderen, die sich nicht einfügen in die gerade Linie.

Die Aggression richtet sich daher nicht mehr gegen das Einzelne oder den Einzelnen, sondern gegen das System. Der schlesische Weberaufstand von 1844 (Maschinensturm) gilt historisch als irrationale Bewegung, denn mit der Zerstörung der den eigenen Arbeitsplatz vernichtenden automatisierten Webstühle wird nicht das System zerstört, sondern nur das äußere Feindbild. Adorno sieht darin den Widerspruch, die Zerstörung der Symptome als irrational einzustufen, während die Aggression gegen die Ursache durchaus als rational gebilligt wird.

Ersetzen wir den Weberaufstand mit Pegidia oder Friday no future oder Querdenker. Es ändert nichts an obrigen Paradigma.

Unter der Maxime „Handel bestimmt Handeln“ sensibilisiert Adorno dafür, dass unsere Handlungen auch vereinsamen. Die amorphe Masse ist ein Leitmotiv Adornos. Er führt sie dabei als Folge auf die Tausch- und Leistungsgesellschaft zurück. Der moderne Mensch definiert das Sein über den Status des Habens. Alle träumen vom Haus im Grünen. Oder dem peferfekten Körper. Das Leben wird durchgetyled wie Gel im Haar. Die Anarchie der Warenproduktion verhindert jedoch die Individualität, das auratische Ich-Erlebnis, zugleich die soziale Ordnung.

Im Tausch gegen Güter erhält der Arbeiter lediglich ein Stück Zeit zurück, die er vorher für die Herstellung anderer Güter aufgewendet hat. Im Warentausch liegt Anarchie, weil es keinen Herrscher, keinen Nutznießer gibt. Alle Wertigkeit des eigenen Seins wird auf die Ware reduziert, selbst das Gefühl. Dinge werden lediglich ge- und nicht mehr behandelt. Als Beispiel dient die Prostitution auch jenseits der Sexualität (Körper für Illusion). Das eigene Gefühl wird verkauft wie eine Ware, die Intimität mit Preisen statt Werten versehen. Transparenz bedeutet, es existiert nur, was auf dem Markt Wertigkeit besitzt. Daher wird der ideelle Wert als nicht tauschbares Gut verringert.

Industriekultur erzeugt Schein-Wirklichkeit und Pseudo-Individualität

Adorno greift den leibnizschen Gedanken von Fenstern zur Welt auf, wenn er von einem telegenen „gesellschaftlichen Monadensystem“ spricht, in der das Individuum allein in der Masse bleibt. Als Ausgleich dienen paradoxerweise Massenbewegungen, Trends, Mode, Veranstaltungen. Ein jedes Fenster ist gleich abgezirkelt in seiem Planquadrat, auch wenn es glaubt, einzigartig zu sein. Der Blick nach draußen erweist sich als Illusion.

Das Christentum mit seinem Totalitätsanspruch auf innere Wahrheit kann die Tendenz zur Vereinzelung nicht verhindern, weil es durch die Kirchen längst zum Marktteilnehmer mutiert ist. Wir leben in einer Schein- und Konsumgesellschaft, die kaum noch direktes Erleben vorsieht:

„Das Pathos der Distanz schafft nur Schein statt Wirklichkeit.“

Für Adorno bildet die Kunst das einzige Refugium für den Widerstand in Form einer ästhetischen Massenrevolution. Sie wirkt ästhetisch, weil sie sinnlich uns leiblich auf uns und die Ideenwelt einwirkt und uns mit der Würde des Menschen versöhnt. Kunst, im Gegensatz zu dem Fetisch der Waren- und Konsumwelt repräsentiert die Einmaligkeit des Moments (Aura).

Die Folgen sind schablonenhafter Individualismus (wie er durch marken entsteht) statt echte Individualität. h. eine Schein-Spontaneität und Schein-Identität, die auf vorgefertigte Muster wie Gruppenzugehörigkeit beruht, Austausch von Lebenserfahrung durch virtuelle und mediale Schein-Erfahrung (Konsum) und das Unbehagen an der Kultur: das Übermaß an Rationalität wird kompensiert durch irrationale Anti- und Sympathie, die wiederum auf mediale Konstrukte basieren.

Der homo oikonomikos sieht sich hauptsächlich durch die Bedingungen des Kapitalismus und Liberalismus geprägt: Adorno führt Freuds psychologischem ein soziologisches Modell hinzu.

Medien erzeugen Schein-Realität und Kritiklosigkeit

Industriekultur, das heißt primär Medienkultur. Ihre Regeln berauben den Menschen schleichend und unmerklich seiner Individualität. Er wird in eine bunte, abwechslungsreiche Form gepresst, vergisst über die Freizeitindustrie beförderte Zerstreuung, dass er nur noch in Illusionswelten verkehrt. Die von den Existentialisten propagierte freie Wahl ist daher ein Mythos:

„Die Abwechslung ist nur ein Skelett, an dem sich im Prinzip nichts ändert.“

Industrie steht für Adorno als ein Synonym für die Normierung des Menschen und seine Reduzierung auf reproduzierbare Funktionalität. Der Mensch wird wie der Konsum zum Produkt, denn alles zielt darauf ab, austauschbar zu sein. Soziale Kontakte, Einfühlungsvermögen und Werte, die nicht leistungsbezogen abgerechnet werden können, verlieren zunehmend an Bedeutung. Intimität, Zauber, Authentizität, Fantasie werden zunehmend von Werbung und Warenwelt substituiert. Sogar wie Eros hanzuhaben und zu vervollkommen ist, wird gelehrt, geplant, vorgetaktet.

Der Einfluss Walter Benjamins, speziell seines Essays „Die Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ wird deutlich, wenn Adorno schreibt:

Selbst die Romantik ist rational disponiert, weil sie die verwesende Aura konserviert und vernebelt“.

Kunst verkommt zum Spektakel oder event

In der Industriekultur verkommt Kunst zum äußerlichen Spektakel und bleibt ohne politische Wirkung. Als Beispiel führt Adorno Feuerwerke als prototypisch für moderne Kunstwerke an; der Künstler wird zum Vollzugsorgan der Modernen und zum Adepten des Geschmacks nach Zerstreuung. Das Feuerwerk brennt nur, wenn technischer und materieller Maximalaufwand betrieben werden; die Ästhetik der Quantität hat die der Qualität zermalmt. Das Gegenbeispiel liefert Beethovens neunte Sinfonie, der es gelingt, dem rationalen Trieb abstrakter Vergeistigung in der Romantik das emotionale Bedürfnissen nach Natürlichkeit entgegen zu setzen und Naturergriffenheit zu evozieren. Beethovens Musik „sänftigt die Gesellschaft zum Versöhnenden.“

Die Technik ermöglicht neue Kunstformen und schränkt sie gleichermaßen ein. Das nicht mehr Beethoven, ja nicht einmal ein fleischlicher Imitator nötig ist, seine Kunst zu zelebrieren, sondern lediglich eine Schallplatte, macht den zersetzenden Charakter der Reproduzierbarkeit deutlich: der Kunstgenuss wird seiner Einmaligkeit, seines Ortes und seiner Sozialisierung beraubt. Die Kunst folgt der Vereinsamung oder dem Diktat der Produktionsverhältnisse.

In der Eisberg-Theorie geht es darum, dass nur ein Bruchteil sichtbar wird von dem, was als Phänomen vorhanden ist. In der Schweigespirale, dass nur deshalb geschwiegen wird, weil jeder darauf wartet, dass jemand etwas sagt. Und die Kamin-Theorie besagt, dass jeder nur Freude haben kann, wenn er sich selbst sein darf und diese bei mangelndem Selbstwertgefühl, das von Kindheit an systematisch abtrainiert wird, erst wiedererlernt werden muss. Das erinnert an Platons Anamnese: Erkennen ist Wiedererkennen. Auf einen seelisches Neuanfang, der mehr ist als ein bunter Kamin in der tristen Landschaft, vielleicht ein Leuchtturm auf stürmischer See.

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