Foucault, Das Verschwinden des Subjekts

Foto: Bernd Oei, Skulptur im Innenhof des Restaurants la villa, Bremen, Altenwall

Macht und Wissen

Fast alles dreht sich im Werk von Michel Foucault um die Verbindung von Macht, Wissen und Diskurs-Formatierung. Einiges daraus liest aktueller denn je, obgleich der Geist der Postmoderne aus der 68 er Bewegung stammt, als universitäten noch Hochburgen des Widerstands waren und Philosophen sich politisch eimischten, als Träger der Opposition und Querdenker zum geforderten Mainstream. Und als die Linke noch sozial und pazifistisch ausgerichtet war … weder Macht noch Wissen sind bei foucault negativ hinterlegt. Man muss halt denken können und sie mit Freiheit verbinden, nicht mit Zwang.

„Schulen haben die gleichen sozialen Funktionen wie Gefängnisse und Irrenhäuser – sie definieren, klassifizieren, verwalten und regulieren Menschen.“

Ein Zitat aus Foucault, Überwachen und Strafen – das primär über Systeme der Ausgrenzung und Einschließung handelt.

Konformitätsszwang beginnt schon bei den Kleinen.Schulen erziehen – die aktuelle Situation während der Pandemie Covid 19 dokumentiert dies eindrücklich – zu Gehorsam, mitunter auch dem, was als soziales Verhaltengewünscht wird, wie Denunziation, so war es 1933 und so auch während der Hygienemaßnahmen. Es ist offenkundig, dass Mündigkeit, Selbst- und Eigenständigkeit, kritisches Demokratieverständnis etc. nicht erwünscht waren oder sind. Der Verwaltungsapparat steht vor allem und wer nicht ins System passt, wird im schlimmsten Fall nicht nur ausgegrenzt (marginalisiert), sondern stigmatisiert. Der Widerspenstige gilt als asozial oder wahnsinnig, als gefährlich und unbelehrbar; daher muss er reguliert werden. Die Stühle bleiben leer…

Foto Bernd Oei,: Blick vom Balkon Villa Ichon auf den Innenhof des italienischen Restaurants la villa in den Wallanlagen, Bremen, https://www.antonios-lavilla-bremen.de/

Schüler sollten in ihren Fähigkeiten ermutigt werden, sich zu entfalten und nicht auf ihre Mängehingewiesen und bestraft werden. Denken, so Foucault muss man lernen und von Gedanken unterscheiden. Letztere sind Möglichkeiten und an Vorstellungsvermögen, Imagination gebunden. Denken aber ist ein Prozess der Reflexion, Gedanken und Analysen bzw. Kommentare einer Idee. Dazu gehört auch der Diskurs mit seinen Regeln.

Der gesamte Unterricht erweist sich als Aneignung und Monopolisierung von Diskursen, als Erziehung zum Nacheifern und Auswendig-Lernen, zum Katechismus und zum Zensurieren. Jedes Erziehungssystem ist daher eine politische Methode zur Fixierung von Rollen. Was geweckt und gefördert werden sollte ist Neugier und Lust am Wissen und eigene Wege, um sich Wissen zu erschließen. Das bedeutet primär

„die kritische Arbeit des Denkens an sich selber… die Anstrengung, anders zu denken. Es ist immer etwas Lächerliches im philosophischen Diskurs, wenn er von außen den anderen vorschreiben und vorsagen will, wo ihre Wahrheit liegt und wie sie zu finden ist.“ (Der Gebrauch der Lüste)

Foto: Bernd Oei, Muse in der Villa Ichon Am Wall, Bremen, https://www.villa-ichon.de/

Bio-Macht

Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und auch anders wahrnehmen kann als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist.“

Ein Zitat aus Sexualität und Wahrheit 2, Der Gebrauch der Lüste. Hintergrund bildet hier die öffentliche Kontrolle über die Sexualität und damit die Einschränkung des Privaten durch die öffentliche Spähre. Bereits hier verwendet Focuault den Begriff der Bio-Macht als eine Strategie den Körper des Individuums dem angeblichen Gemeinwohl unterzuordnen.

Ziel ist die Zurichtung eines wünschenswerten Zustandes, die Regulierung der Bevölkerung durch z. B. Geburtenkontrolle oder Eindämmung einer Pandemie (Volksseuche).

Der abendländische Mensch lernt allmählich, was es ist, eine lebende Spezies in einer lebenden Welt zu sein, einen Körper zu haben, sowie Existenzbedingungen, Lebenserwartungen, eine individuelle und kollektive Gesundheit, die man modifizieren, und einen Raum, in dem man sie optimal verteilen kann.

Das Zitat ist Der Wille zum Wissen, 1, Sexualität und Wahrheit entlehnt. Darin geht es primär um den Geständnis-Zwang und Anpassung an die Norm. Das Individuum will Teil eines Ganzen sein – es gleicht zunehmend einer Arabeske.

Foto Bernd Oei, Villa Ichon, Stuckedecke im goldenen Saal aus der Gründerzeit, https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Ichon

Sexualität ist ein zentraler Eingriffspunkt der Bio-Macht, um über den Körper eine Gesinnung zu regulieren und Normalität zu statuieren. Das Beispiel mit der Ausgrenzung der Homosexualität oder dem Geständnis-Zwang durch Aufklärung lässt sich übertragen auf die Corona-Politik, zumal an anderer Stelle die Lepraerkrankung als Volksseuche als Beispiel für Bio-Macht dient. Erstmals taucht der Begiff Bio-Macht 1975 auf, weit vor dem ersten hiv-Befund 1981.

Macht über das Leben und Recht auf Eingriff in den Körper stehen jedoch bereits hier auf dem Prüfstand. Grundsätzlich plädiert Foucault für ein selbstbestimmtes Leben und eigenverantwortliche Ethik. Krankheit wurde geschichtlich im politischen Diskurs der Biopolitik nicht mehr als ein Problem eines einzelnen Körpers betrachtet, sondern auf die Problematik des kollektiven Gesamtkörpers übertragen. Damals wie heute wurden Statistiken evaluiert, um Hygeine-Maßnahmen abzuleiten. Die Konsequenz: Aus der Macht des Leben schützen wird ein Sterben lassen:

Die Souveränität machte sterben und ließ leben. Nun tritt eine Macht in Erscheinung, die ich als Regulierungsmacht bezeichnen würde und die im Gegenteil darin besteht, leben zu machen und sterben zu lassen.“ (Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft)

Eine Zäsur, wer oder was leben darf und was sterben muss, gab es im Euthanasie – Programm der Faschisten. Die Normierung stand damals auf dem Prüfstand, im Namen der Volksfürsorge, die vor Krankheit und unwerten Leben schützen sollte. Foucault prägt dafür den Begriff „Verstaatlichung des Biologischen“:

Biopolitik hat es mit der Bevölkerung, mit der Bevölkerung als politischem Problem, als zugleich wissenschaftlichem und politischem Problem, als biologischem und Machtproblem zu tun ich denke, dass dies der Augenblick ist, in dem sie in Erscheinung tritt.“

Auch dieses Zitat ist „In Verteidigung der Gesellschaft“, einer Vorlesungsreihe 1975/76 Foucaults über die Subversion des Wissens entlehnt. Hier taucht auch erstmals der Begriff vom Verschwinden des Subjekts auf, der abschließend erläutert wird.

Foto: Bernd Oei, Treppenaufgang in der Villa Ichon, Bemen,Altenwallcontrescarpe

Kontrolle der Todes-Rate als Biopolitik und Gouvernalität

Die Macht hat nicht auf den Tod, sondern auf die Sterberate Zugriff. Subversive Bio-Politik bedeutet die im 17. Jahrhundert aufkommende Fürsorgepflicht des Staates, der Wachstum und Gesundheit seines Volkes verwaltet – aufkosten oder zulasten des entmündigten Individuums. Dieser massive Eingriff heißt Foucault auch Gouvernalität, weil sie mit administrative Restriktion einhergeht.

In „Wille zum Wissen“ Band 1 spricht Foucault davon, Macht sei nur zu ertragen, wenn sie einen Teil verschleiert und Mechanismen verbirgt, die zur Durchsetzung von scheinbar ehrenwerten humanen Zielen als notwendig gelten. Bio-Politik ist zugleich Todes-Raten Kalkulation. Biologie spiegelt sich in der Politik, „wenn der Körper rechnerische Planung des Lebens wird“, an dem manipulative Eingriffe vorgenommen werden dürfen. Bevölkerungs-Regulierung erfordert ein hohes Maß an Zustimmung, die über Angst erzeugt werden kann. Die administrative Kontrolle, die zum Zwang ausartet, heißt Foucault Gouvernalität. Hier potenziert sich die „Normalisierungsmacht“ als Zwang, gesund zu sein, wie sie Foucault bereits in seinem System „Überwachen und Strafen“ an den Schulen festgemacht hat. Der Blick durchdringt den (gläsernen) Mensch.

Der Diskurs ist als eine anonyme gesellschaftsspezifische Organisationsform des Wissens, vor allem in Verbindung mit bestimmten Gegenstandsbereichen und mit Blick auf ihre Verwendbarkeit bei der Ausübung von Macht zu begreifen.

Foo:Bernd Oei, Villa Ichon, Ausblick vom Balkon auf das Theater am Goetheplatz, https://de.wikipedia.org/wiki/Theater_am_Goetheplatz

Normailitätsrichter

Die Normalitätsrichter sind überall anzutreffen. Wir leben in der Gesellschaft des Richter-Professors, des Richter-Arztes, des Richter-Pädagogen, des Richter-Sozialarbeiters: sie alle arbeiten für das Reich des Normativen; ihm unterwirft ein jeder an dem Platz, an dem er steht, den Körper, die Gesten, die Verhaltensweisen, die Fähigkeiten, die Leistungen. In seinen kompakten und diffusen Formen, mit seinen Eingliederungs-, Verteilungs-, Überwachungs- und Beobachtungssystemen war das Kerkersystem in der modernen Gesellschaft das große Fundament der Normalisierungsmacht.“ (Foucault, Überwachen und Strafen)

Der Schritt zur Corona-Politik ist offensichtlich. Anstelle der Regulierung von Sexualität geht es um Kontaktvermeidung. Verwaltung richtet eigene Quarantäne-Ambulanzen und Zugangs-Restriktionen ein. Anstelle der Prostitution werden Impf-Zertifikate kontrolliert, Teile der Gesellschaft werden als Krankheitserreger diffamiert. Hygienemaßnahmen treffen nicht mehr die sozial untere Schicht, doch wird sie als Risikogruppe wegen mangelnder Aufklärung oder Renitenz gegenüber den Maßnahmen mit Auflagen drangsaliert.

Aus dem Inzesttabu wird ein Impfverweigerer-Tabu. Foucaults „Repressionshypothese“ erscheint aktuell und übertragbar. Basis bildet der Eingriff des Staates durch Zwangsmaßnahme bei gleichzeitiger Mobilisierung der Gesellschaft durch Streuung gezielter Informationspolitik. Auch dies führt zurück auf die Junktion von Wissen und Macht. Gouvernalität beschreibt den gestiegenen Einfluss des Staates durch Lenkung demokratischer Prozesse auf Einschneidung der Persönlichkeitsrechte. Innovativ an Foucaults Begriff ist die Perspektive, den Staat nicht als eigenständiges Phänomen, sondern als Produkt historisch gewachsener, spezifischer Machtverhältnisse zu klassifizieren.

Ob man Leprakranke aus der Gesellschaft ausschließt oder Wahnsinnige oder Homosexuelle oder Juden spielt dabei keine Rolle, daher lässt sich die Theorie auch auf die restriktive Corona-Politik ausweiten. In keinem Fall handelt es sich um national einzugrenzende Phänomene und in jedem Fall stießen sie auf eine Mehrheit, welche die Stigmatisierung einzelner Volksgruppen zumindest tolerierte.

Das denkende und sprechende Subjekt verschwindet

In „Archäologie des Wissens“ wird das Verschwinden des Subjekts aufgegriffen, das bereits in dem Beitrag über subversives Wissen als fehlender GEgen-Diskurs Thematisierung fand. Grundsätzlich ist Macht für Foucault ein Dispositiv, worunter er dynamische und instabile Kräfteverhältnisse subsumiert, die im Gegensatz zu Herrschaft und Gewalt auf Selbstbeschränkung bzw. freiwillige Unterwerfung basiert. Durch die mediale Infrastuktur wird das Individuum, sprich das vermeintlche Subjekt (bei Foucault existiert keine klassische Trennung von Subjekt und Objekt, vielmehr herrscht bei Macht und Wissen immer Intersubketivität und Wechselwirkung durch Interaktivität statt) auf den Kommentar verwiesen.

Der Kommentar tritt an die Stelle des Ereignisses selbst, dem der Medien-Konsument nicht beigewohnt hat oder von dem er nur eine Teilrealität erfasst. Der Kommentar sagt ihm, wie das Ereignis einzuordnen ist, er kontextualisiert und codiert es nicht mehr selbst. Dadurch entsteht un-oder teilbewusst eine selektive Bewertung des Ereignisses, die Objektivität wird postuliert, aber verschleiert. Damit verschwindet das Subjekt -der Wille zur Wahrheit wird eskamortiert, Neues mit Neuigkeit verwechselt.

Der Kommentar muß zum ersten mal das sagen, was doch schon gesagt worden ist und muß unablässig das wiederholen, was eigentlich niemals gesagt worden ist.“ (Foucault, Die Ordnung des Diskurses).

Die Prophezeiung, dass der Mensch aus der Wissenschaft (ihrem Denken, ihrem Diskurs) verschwinden wird, ist längst eingetreten. Die medien sind nicht mehr investigativ oder durch Diversität charakterisiert. Eine schleichende Verdummung durch unterhaltung, dEsinformation und <Kommenar anstelle sachlicher und kritischer Berichterstattung setzt ein. Die Medien führen Straf-und Belohnungssysteme fort, die bereits in der Schule beginnen. Medien archivieren und formatieren Mythen, wo sie besser destruieren sollten.

Fot: Bernd Oei, Kamin und Parkett in der Villa Ichon, Altenwall, Bremen

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