Ein Titan in Bremen – Garten ohne Jahreszeiten

Foto: Belinda Helmert, Titanenwurz in der Botanika, 20. 6. 2022

Manche Dinge sieht man nur ein- höchstens zweimal im Leben. Der Titanenwurz in Bremen/Botanika bot so eine Gelegenheit für das, was Benjamin ein aurtatisches Erlebnis heißt. Gewöhnlich kommt er endemisch nur auf Sumatra vor, wo ich auf Bogor das weltgrößte Exemplar 1994 bestaunte. Ableger gab es u. a. in Bonn, Berlin und Frankfurt, zuletzt auch in Bremen zu besichtigen. Da die Blüte nur alle drei bis vier Jahre und nur für zwei Tage erscheint, ist es eher selten, das Wunder in Natura zu sehen. (https://www.botanika-bremen.de/titanenwurz.html) Eine Diskrepanz von Wachstumsdauer und Schönheit …

Foto: Belinda Helmert: Der Titanenwurz, die weltweit größte Blume, zählt zu den Kessel- oder Gleitfallenblumen

Naturphänomen mit raschem Verfallsdatum

Der Titan ist foto- und natürlich auch telegen (https://www.butenunbinnen.de/videos/titanenwurz-bluete-sensation-stinken-botanika-bremen-102.html), aber mit oder ohne Verwesungs-Geruch, erleben ist halt immer noch eine Dimension für sich. Man stelle sich die Kraft vor, die so ein Wuchs auf über 2,20 m Höhe und annähernd 2 m Breite Umfang kostet; mit Wurzeln von über 25 kg, die auch 100 kg erreichen können. Zudem müssen zwei Exemplare, Männchen und Weibchen bestäubt werden, denn der Titan kennt eine Titanin und beide müssen sich für ein gemeinsames Blühen aufraffen, damit die Insekten von der einen zur anderen fliegen können. Es muss also viel zusammenkommen, daher ist von einem biologischen Wunder die Rede, denn wann schwingen Mann und Frau schon im gleichen Takt? Die Pflanze entwickelt nur ein einziges großes Laubblatt, welches jedoch mehrere Meter Höhe erreichen kann und einem kleinen Baum ähnelt.

Foto: Belinda Helmert, 20.6., Titanenwurz, dem Aronstab wesensverwandt

Pestilenz im Keim erstickt

Damit der Geruchslockstoff besonders gut verströmt, erhöht die Pflanze die Temperatur im Kolben gegenüber der Umgebung und der Blütenstand gleicht einer Geruchsfackel. Während der ersten Nacht ist der Geruch besonders intensiv, danach deutlich geringer.(https://www.bgbm.org/de/pr/titanenwurz-geht-bluete-amorphophallus-titanum-groesste-stinke-blume-der-welt-aus-indonesien)

Der Gestank lässt sich in Olf – nicht Olaf – messen (https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/olf-titanwurz-stinken-geruch-messen-bremen-100.html). Er ist bestialisch und nichts für empfindliche Nasen. Am Montag Abend jedoch, Zeitpunk unserer Begegnung, verhielt sich der Titanenwurz olfaktiv unauffällig. Das Maskentragen hatte daher andere Gründe bzw. Motive.

Foto: Belinda Helmert,Tiitanenwurz. Auf jede Vegettionsphase folgt eine Ruhephase. Der Titan nimmt Anlauf….

lange Wachstumsphase und noch längere Rem-Phase

Man möchte anthroposophisch meinen, die Pflanze träumt. Aller Urspung beginnt mit der Zelle, die wird aber mythisch nicht erfasst; man sagt, im Stein schläft Gott, in der Pflanze atmet er, im Tier beginnt er zu träumen und im Menschen erwacht er (und das Bewusstsein). Vielleicht träumt aber auch schon die Pflanze. Mittels Aasgeruch lockt die Titanenwurz in der Natur Fliegen durch ein Täuschungsmanöver in den Blütenstand, die für ihre Eiablage einen verwesenden Tierkadaver suchen. Im Blütenstand der Titanenwurz finden die Fliegen keinen geeigneten Brutplatz – aber sie bestäuben bei ihrem Besuch die weiblichen Blüten, die nur in der ersten Nacht Pollen aufnehmen können. Erst in der zweiten Nacht öffnen sich die männlichen Blüten und geben ihren Pollen ab – eine perfekte Strategie, um Selbstbestäubung zu verhindern.

Foto: Belinda Helmert. Infokarte der Botanika Bremen über die Wachstumsphasen des Titanenwurz

Phalluszentriertheit: Patriarchat in floraler Form

Der Amorphophallus titanum (https://de.wikipedia.org/wiki/Titanenwurz) ist mehr als ein Hingucker oder ein Stinkstiefel – das alles ist Futter für die Sinnlichkeit. Maximilian Albert Dauthendey, in Würzburg 1867 geboren, verbachte die meiste Zeit reisend in der Welt, u.a. 1914 auch auf Java und Sumatra. Zum Phallus, der nicht nur namensgebend, sondern auch sinnbildlich im Titanenwurz mitschwingt, dichtete er (http://www.zeno.org/Literatur/M/Dauthendey,+Max/Gedichte/Phallus/Phallus) :

Phallus

…. Sonne nährt Phallus, Sie denkt auch für ihn.

Wurzeln sprechen ihm Kräfte ins Ohr,

Die Quellen und alle Metalle tief in der Erde

Machen ihn stark.

Herbst näßt den roten, brünstigen Wald,

Phallus schreit mit den dampfenden Hirschen;

Frühling treibt den Saft ins Gestämm ….

Foto: Belinda Helmert, Eingang zur Sonderausstellung Titanenwurz, Amoprphophallus

Max Dautherley und der Garten ohne Jahreszeiten

Dauthendey nennt ein Kapitel in seinem Roman „Garten ohne Jaheszeiten“. Der Titel des in Indonesien spielenden expressionistischen Narrativs lautet. Der „lingam“, was übersetzt Ursprung (von Welt) bedeutet. Es fällt nicht schweer, die Zeugung mythisch dem Titanenwurz zuzuschreiben, der auch in „Phallus“ anklingt und im griechischen Mythos um die gestürzten Titanen-Götter, um Uranos Entmannung durch Chronos und dessen Ermordung durch Zeus herzuleiten.

Am Anfang war, ebenfalls indonesisches Wort, Tohuwabohu, alles durcheinander, die Giechen nannten es apreiron, daraus entstand Chaos. dieses tohu-wa-bohu ist seinerseits aramisch, auch aramäischen Ursprungs und steht mit dem Urchristentum in Verbindung .( https://de.wikipedia.org/wiki/Tohuwabohu). Man will damit die schöpferische und die zerstörerische Kraft als weiblich-männliches Prinzip in einer Wurzel zusammenführen.

Zurück zu dem Roman (http://www.zeno.org/Literatur/M/Dauthendey,+Max/Roman/Lingam/Der+Garten+ohne+Jahreszeiten?e), der posthum und meines Wissens erstmals 1954 publiziert wurde, aber hauptsächlich auf Malang entstand, wo der Autor auch starb und das zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Dautehrney war Pazifist und hat viele Gedichte, auch Dramen und eben diesen Roman nebst anderen Geschichten hinterlassen, um für den Weltfrieden einzutreten und die Schrecken des Krieges zu verdeutlichen: in einer Zeit, in der es als Ehre galt, für das Vaterland zu sterben und Pazifismus unter Hochverrat geahndet wurde, als strafbar galt.

Das Kapitel „Garten ohne Jahreszeiten“ aus dem Roman „Lingam“ enthält eine Passage von seltsam anmutender Aktualität:

„Nie kam den Menschen in der dünnen Ätherluft dort oben die Kraft zu einer wilden Tat. Sie lebten in der Höhe, in der Luftleere, halb trunken, wie Mäuse unter der Glasglocke einer Luftpumpe. Sie waren in der verdünnten Luft einem sanft schläfrigen und zartem Zustand von Kraftlosigkeit verfallen, als hätte sich ihr Blut verflüchtigt, und nur eine ideale, blaue Leere schwang in ihren Adern.“

only bad news are good news

Foto: Belnda Helmert, Titannwurz, englisch auch Leichenblume genannt, mit geöffnetem Trichter

Zurück zum Titanenwurz. Am Tag unseres Besuches, Montag Abend gegen 19 Uhr, war sein Blütenstand auf 2,20 m angewachsen. Das Blatt war nahezu purpurfarben, ie penisartige Blüte gelb mit leichtem Grünstich. Es waren in der halben Stunde unserer Anwesenheit, die mit einer Mini-Führung zusammenfiel etwa 20 Menschen zugegen. Möglicherweise nicht repräsentativ, doch musste man bei einer solche einmaligen Gelegenheit doch mit einem größeren Ansturm bzw. Interesse rechnen. Ein positives Naturphänomen löst offenkundig doch nicht so viel Euphorie aus wie es in und bei Katastrophen der Fall ist; man denke an Erdbeben, Hurricanes und Eruptionen. Daher drängt sich der Verdacht auf, dass schlechte Nachrichten sich tatsächlich nicht nur besser verkaufen, sondern vom menschlichen Gehirn auch als wichtiger selektiert und langfristiger gespeichert werden.

Da man nicht wusste, wann die Pflanze implodiert, womit auch die Gasausdünstung ihren Höhepunkt erreicht, hätte man ein seltenes Gut mitbringen müssen: Geduld (https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/besonderheit-titanenwurz-vor-der-bluete-91611276.html) – manchmal überstrapazierte Tugend, doch meistens vom Aussterben bedroht. Wie der Gigant selbst, der alles andere als effektiv vorgeht. Saurier sollen ausgestorben sein, der Mensch tut sein Bestes, sich als Fehlkonstruktion selbst auszulöschen.

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