Die Kopulation einer Nähmaschine mit einem Regenschirm

Foto: Bernd Oei, Der Fluss Adour bei Lourdes auf seinen Weg nach Tarbes, Hautes Pyrénées

Auf den Spuren von Isidor Ducasse (Lautréamont)

Park, Kloster, Schilfrohr oder wo Husaren träumen

Foto Bernd Oei: Tarbes, Jardin Massey Ende Oktober 2018. Der Name der Stadt leitet sich ab von Tarbis, einer äthiopischen Königin die Moses verführen wollte (wer weiß, vielleicht erfolgreich). Der Name des Parks geht zurück auf den hier geborenen Landschafts- und Gartenarchitekten Placide Massey, unter König Louis Philippe I der erste seiner Zunft. Im Hintergrund das Musée de Massey, das Ducasse kannte.

Ich erreiche Tarbes in den Nachmittagstunden. Es ist dunkel, eine Busfahrtliegt hinter mir, da der Zug derzeit nicht in Tarbes einfährt. Die Stadt mit der schwarzen Göttin als Namensgeberin liegt in dem Département Hautes Pyrénées (Region Okziatnien) auf etwa 300 Höhenmeter, 22 km nördlich von dem berühmten Wallfahrtsort Lourdes, das auf einem 960 m hohem Plateau gelegen ist. Im Osten der Stadt liegt der Jardin de Massey. Ein kleiner Zug transportiert gehmüde Besucher durch die Landschaft. (https://www.tarbes-tourisme.fr/je-decouvre/nos-incontournables/massey/).

Der Park Massey (https://www.tarbes.fr/mon-quotidien/ville-verte/parcs-et-jardins/jardin-massey/) hat es in sich und Isidore Ducasse ihn gekannt, als er mit 13 Jahren 1859 in Tarbes eintraf, denn er war gerade angelegt (nicht zur Gänze fertig gestellt) worden. Heute misst er 87 Hektar (etwa hundert Fußballfelder) mit einem Museum für Husaren (leiche Kavallerie) – noch heute logiert Frankreichs einziges Fallschirm-Regiment (hussard-parachustistes) in Tarbes. Das Militärmuseum (https://www.tarbes.fr/mes-loisirs/tarbes-culture/musee-massey/) ist mit 17 000 Exponaten bestückt – ich habe es dennoch nicht besucht.

Stattdessen das Kloster (Le cloître), im Sonnenschein roséfarben und an Toulouse erinnernd. (https://tropter.com/de/frankreich/grossraum-frankreich/tarbes/massey-garden/kloster) Ich schaute mir eines der ältesten Fotoaufnahmen an, aus der Zeit der Daguerrotypie, die Baudelaire verachtet hat, weil sie demn Bild die Seele rauben. Wie Ducasse, einer der ersten Bewunderer Baudelaires, dazu stand, ist nicht bekannt. Aber er muss das Kloster etwa so vorgefunden haben wie auf dem archaisch anmutenden Lichtbild (https://oldthing.de/AK-Ansichtskarte-Tarbes-Cloitre-du-Jardin-Massey-Tarbes-0036010318).

Foto Bernd Oei, Tarbes, Kloster und Kreuzgang im Jardin Massey

Ducasse, aus dem erzkatholischem Montevideo kommend, weil ihn der Vater vor dem nicht endenden Bürgerkrieg mit Argentinien schützen wollte, hatte eine lange Seefahrt hinter sich und seine Mutter längst verloren. Er war in der Catedral Metropolitana de Montevideo getauft worden (https://de.wikipedia.org/wiki/Catedral_Metropolitana_de_Montevideo) als Sohn eins Konsulatsbeamten, am 4. April 1846: er wurde nur 24 Jahre alt.

Unsterblichkeit erlangte er durch sein Werk „Die Gesänge des Maldoror“, das eine vergleichbare Wirkung wie Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ besaß und eine Tradition der Selbstmorde begründete. Das Kloster war bereits bei seiner Ankunft nur noch Kreuzgang-Kulisse. Der Botaniker und Schöpfer des nach ihm benannten Parks verstarb inmitten der exotischen, von ihm angelegten Blumen und Bäume.

Exotische Tiere und Pflanzen kannte Isidore Ducasse zu Genüge und wie kein anderer Literat hat er sie in sein einzig vollendetes Werk, den Gesängen des Maldoror, einfließen lassen. Der Philosoph Gaston Bachelard, selbst Naturforscher, zählte 700 Namen und verfasst eine Monografie darüber. Das Museum mit seinem für die damalige Zeit gewiss ungewöhnlichen Exponaten (auch wilden Tieren) konnte ihn von daher nicht übermäßig beeindruckt haben.

Foto Bernd Helmert, Schilfrohr (roseau) in Tarbes, Park Massey

Im ersten Gesang hören wir:

„Arrête-toi dans ton travail. L’émotion t’enlève tes forces ; tu me parais faible comme le roseau ; ce serait une grande folie de continuer“.

1954 übersetzt von Ré Soupeault, selbst Fotografin, Dichterin und enfant terrible, geboren als Meta Erna Niemeyer im heute polnischen Pommern (https://www.lostwomenart.de/artist/re-soupault/) auf höchstem Niveau:

„Halte ein in deiner Arbeit. Die Rührung raubt dir die Kräfte; du scheinst mir schwach wie ein Schilfrohr; es wäre große Narrheit fortzufahren.“

Die Paraphrasierung von Pascals Schilfrohr-Gleichnis ( https://www.aphorismen.de/zitat/11373) ist charakteristisch für „Die Gesänge Maldorors“, die nicht nur einem Bestiarium, sondern auch einer Enzykloädie gleichen. Wie Pascal studierte Ducasse auch Mathematik und entstammte einer jesuitischen Konfession.

Fluss, Brücke oder der baskische Traum

Ich gehe dem Fluss entlang, der Tarbes am östlichen Rand passiert, so dass man ihn einige Kilometer entlang folgen kann. Er heißt Adour, baskisch Aturri, entspringt den Pyrenäen auf etwa 1600 m Höhe und mündet nach etwa 300 km bei Bayonne, das ich 2013 auf meiner Pilger-Reise am Jakobsweg durch das Reich Heinrich Navarras kennenlernen durfte. Der Gebirgsfluss war kein Unbekannter und hätte im 16. Jahrhundert um ein Haar die Stadt an der Atlantikküste unter sich begraben. Nur ein kleiner Teil davon ist heute noch schiffbar; in Tarbes erreicht er selten eine Tiefe über einen Meter. Als der pubertierende angehende Dichter die Stadt erblickte, transportierte man auf der Adour durchaus noch Wein von Bordeaux.

Foto Bernd Oei: Die Adour durchquert Tarbes auf seinem Wer nordwestlich zur Atlantikküste bei Bayonne

Auch Isidore Ducasse wuchs am Fluss auf, dem Rio de la Plata, der zwar nicht so lang wie die Adour, dafür aber beeindruckend breit (Mündung 220 km) ist. Der Silberfluss taucht auch in seinen Gesängen auf:

„Er möchte glauben, daß er das himmlische Leuchten gesehen habe; aber er sagt sich, daß das Licht vom Bug der Schiffe herkam oder vom Widerschein der Gaslaternen; und er hat recht … Er weiß, daß er der Grund für dieses Verschwinden ist; und er beschleunigt den Schritt, in traurige Gedanken versunken, um nach Hause zu gelangen. Da erscheint die Lampe mit silbernem Schnabel wieder an der Oberfläche und setzt ihren Weg fort in eleganten und spielerischen Arabesken.“

Auch die Brücke von Tarbes mit ihren 90 Metern und Bögen stand bereits bei der Ankunft des jungen Isidore Ducasse, der sie des öfteren auf seinem Schulweg überquert haben dürfte. Die Kinder sprechen hier baskisch, deren Laute an rollende Kieselsteine erinnert. Vielleicht träumte er so.

Foto Bernd Oei, Tarbes, der Fluss Adour. Das Wort bedeutet iin der Gascogne mit Blut versorgen. Es ist die Lebensader der Region und verbindet sie mit dem Baskenland
(https://www.water-ways.net/de/laender/frankreich/riviere-adour.php)

Kathedrale, Engel, das Böse oder der gestürzte Gott

Auch die Kirche Le Carmel, benannt nach Maria-vom-Berg-Karmel, kannte Ducasse aus seinen Jahren in Tarbes. Carmel bedeutet Weinberg Gottes; über 20 km lang und etwa die Hälte breit mit einer Mittelgebirgshöhe von etwa 550 Metern ist er im heutigen Israeal gelegen. Lange verehrte man hier den Gott Baal, einen Berg- und Fruchtbarkeitsgott, den die Kanaaniten (Phönizier) aus ihrer ursprünglichen Heimat, dem Jordanland mitbrachten. Ein Karmeliten-Orden wurde jedoch erst 1870 und damit bereits nach der Abreise des Schülers Ducasse gegründet. Heute dient das ehemals sakrale Gebäude Kunstausstellungen, u.a sind Werke von Braques, Bacon, Giacometti und Miró dort ausgestellt. (https://www.tarbes.fr/mes-loisirs/tarbes-culture/le-carmel/)

Foto Bernd Oei, Tarbes, Le Carmel, aus einem Karmeliter-Konvent 1870 hervorgegangen und heute Kunsthalle für moderne Malerei und auch virtuelle Kunst (.https://www.tarbes.fr/mes-loisirs/re-decouvrir-la-ville/visites-virtuelles-de-la-ville/le-carmel-exposition-de-g-rojouan/)

Les chants de Maldoror: https://www.atramenta.net/lire/oeuvre7194-chapitre-3.html

Überssetzung Die Gesänge des Maldoror https://epdf.tips/die-gesnge-des-maldoror.html

So wie man De Sade unrecht tut, ihn auf monströse sadistische Folterszenen zu reduzieren oder seine Romane als Pornografie zu disqualifizieren, so wird man dem Autor mit dem Pseudonym Lautréamont nicht gerecht, wenn man „Les Chants de Maladoror“ auf Satanismus, Blasphemie und Kakaphonie herunterbricht. Auch wenn Ausschweifung, Exhibitionismus und obszöne Gewaltfantasien wie die Kopulation eines Mörders mit einem Hai das Werk einem sentimentalen Gemüt brutal erscheinen, so gehört es mit Recht zur unverwechselbaren Weltliteratur und sucht seinesgleichen.

Der Schöpfer der genialen Poesie war nur wenige Jahre älter als Rimbaud und plante, nachdem er die Schattenseite des Lebens in dämonischer Lust zelebriert hatte, an Prosalyrik des Lichts. Abgesehen davon, dass die Bibel, insbesondere das AT reich ist an grausamen Schilderungen verlief auch die Geschichte des Bürgerkriegs in Südamerika, die den Knaben zweifellos traumatisierte um keinen Deut weniger. Die Realität eilt folglich dem Reich der Poesie immer um einen Schritt voraus und die Fantasie vermag die Ausgeburten menschlicher Qualen nie zu erreichen.

Die Frage nach dem Ursprung des Bösen und der Lust des Menschen sich und seinesgleichen Leid zuzufügen, beschäftigte den jungen Mann, der Tarbes im Alter von sechzehn Jahren schon wieder in verlies, um nach einem kurzen Aufenthalt in Pau und Rückkehr nach Paris zu ziehen, dem Babylon des 19. Jahrhunderts.

Ducasse war in der Theologie sehr bewandert. Das gewählte Pseudonym Lautréamont deutet auf den Engel Amon hin (l´autre, der andere, Amont). Amon ist auch der Name eines Königs von Juda im siebten Jahrhundert, der mit zweiundzwanzig (das Alter, in dem Ducasse seinen Roman schrieb) König wurde und mit 24 verstarb (wie der Dichter auch). Historischen Quellen nach wurde er vom eigenen Volk wegen seiner Grausamkeiten gelyncht. Zu jenen Zeiten konnten die Tyrannen folglich nicht schalten und walten wie sie wollten. Amon ist jedoch auch eine abweichende Schreibweie von Amun, dem Sonnengott der ersten klassischen Periode im alten Ägypten, bevor er zum Kriegsgott und zuletzt zum Windgott herabsank. Sein Name taucht in alten Hieroglyphen immer wieder in Verbindung mit Re, dem wesentlich bekannteren Sonnengott auf; er wurde auch als Vater von Re tituliert und von Pharaonen im Namen getragen.

Foto Bernd Oei, Tarbes, einschiffige Kathedarale, ältestes Bauwerk der Stadt. Der Name Notre-Dame-de-la-Sède verweist auf den Bischofsitz, den Tarbes seit dem 4. Jahrhundert innehatte. Ihre Gründung erfolgte im 12. Jahrhundert. Das romanische Aussehen stammt aus dem 18. Jahrhundert : Ducasse sah die Kathedrale in diesem Zustand. (https://fr.wikipedia.org/wiki/Cath%C3%A9drale_Notre-Dame-de-la-S%C3%A8de_de_Tarbes)

Mit der Kirche habe ich den westlichen Rand der Altstadt erreicht, von deren Kern nur noch wenig erhalten geblieben ist. Ich suche mir eine Bleibe für die Nacht, denn die Lichtverhältnisse sind an diesem Oktobertag nicht die besten und Regen kommt auf. Mit meiner Flasche Pastis in der Hand und dem staubigen Rucksack auf dem Rücken verweigert mir ein Herbergsvater (hospitalier) zum ersten Mal seit meiner annähernd acht Monate währenden Reise den Zutritt zu einem Nachtlager. Diesen finde ich im teuersten Hotel der Stadt, Le Rex am place Gambetta. Es ist das einzige Mal, das ich in einem Vier Sterne Hotel für hundert Euro übernachte. (https://www.lerexhotel.com/).

Brunnen, Gewitter, Geburtshaus oder nichts als göttlicher Zufall

Es ist auch das einzige Vollbad, das ich mir gönne, während draußen ein Gewitter einsetzt. Am Abend statte ich nur noch dem Brunnen La fontaine de l’Inondation (https://www.tarbes.fr/mes-loisirs/re-decouvrir-la-ville/tarbes-ville-dart/les-fontaines/) einen Besuch ab, der an die Überschwemmung von 1875 erinnert – fünf Jahre nach dem Tod von Isidore Ducasse, der sich in einem Hotel in der Rue Notre-Dame-des-Victoires Nr. 23 am 24. November das Leben nahm. Die Marmorgruppe des Brunnens aus dem Jahr 1900 stammt von einem Zeitgenossen des Dichters: Louis Mathet, der auch im Museum Massey ausgestellt ist (https://www.tourisme-occitanie.com/fr/fiche/patrimoine-culturel/la-fontaine-de-l-inondation-tarbes_TFOPCUMIP065V50010S/). Für eine Aufnahme ist es schon zu dunkel. Mit den apokalyptischen Visionen des Dichtergenies geht es dann zu Bett.

Am nächsten Morgen ist der Himmel immer noch grau, schwer und bedeckt. Mir gegenüber steht der Brunnen Les Fontaines de Verdun, umgeben von Cafés und damit genügend Sitzplätzen für es tarbais, die Bewohner der Stadt. ( https://www.tarbes.fr/mes-loisirs/re-decouvrir-la-ville/tarbes-ville-dart/les-fontaines/) Das passt, denke ich, denn der Krieg und Gemetzel waren ständige Begleiter des von Alpträumen geprägten Dichters, der 1869 Paris erreichte. Auch diese permanent pulsierende Fontäne hat er nie gesehen; er stammt aus dem Jahr 1991 aus der Hand von Jean Max Lorca.

Foto Bernd Oei, Tarbes, Les Fontaines de Verdun, Wasserspiele am Morgen im Zenrum an der Avenue Foche auf dem place de Verdun
(https://www.tourisme-occitanie.com/fr/fiche/patrimoine-culturel/la-grande-fontaine-de-verdun-tarbes_TFOPCUMIP065V50010N/)

Einer der Sätze, den ich im Kopf habe lautet: Zufall ist vielleicht das Pseudonym Gottes„.Der Aphorismus stammt von Gautier.

Zum einen, weil es ein glücklicher Zufall fügte, dass die Manuskriptseiten überhaupt gefunden, gedruckt werden konnten – die Rede ist natürlich von „Les Chants de Maldoror“ und dass sein Buch die Nachwelt spät erreichte, was zum posthumen Ruhm des jungen Dichter beitrug und nicht unwesentlich zur Gründung der Surrealisten. Zum anderen, weil die „Zufälle“ selbst eine Rolle in den Gesängen spielen; der Mathematiker in Ducasse kam nicht umhin, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. André Gide notierte 1905, es sei der glücklichste Zufall seines noch jungen Lebens gewesen, das Buch von ihm in die Hände zu bekommen.

Zwölf Jahre später entdeckte Philippe Soupault, en enger Freund André Brétons das vergessene Buch in seiner einzigen Ausgabe durch den Verleger Gustave Balitout. Der berühmte Satz mit der kolulierenden Nähmaschine und dem Regenschirm aus dem letzten Gesang, beginnend mit beau comme … un parapluie wurde zum Manifest des Surrealismus, dem Namen des Clubs, in dem sich die Surrealisten fortan trafen, darunter auch die Ehefrau Soupaults, die Lautréamont übersetzen sollte. Für Soupault bildete die Begegnung der beiden willkürlichen Alltagsgegenstände die Allegorie des Zufalls schlechthin.

Foto Bernd Oei, La mairie. Rathaus von Tarbes, 1906 eingeweiht. Bei Sonnenschein ist die Fassade gelb. Von hier aus wird die Stadt mit ihren 42 000 Einwohnern regiert.
(https://fr.wikipedia.org/wiki/Mairie_de_Tarbes#/media/Fichier:Mairie_de_Tarbes_(Hautes-Pyr%C3%A9n%C3%A9es)_1.jpg)

Ich besuche das Haus eines anderen Literaten, einem echten Sohn der Stadt, nicht einem Durchreisenden wie Isidore Ducasse. Sein Name ist Théophile Gautier (1811-72) und er war ursprünglich ein Maler und zudem ein enger Freund meines persönlichen französischen Favoriten Gustave Flaubert, über den ich in einer Grenzgänger-Reihe zwei Bücher verfasste (Die Entazuberung des Gefühls und Das goldene Meer). Wie Ducasse besuchte Gautier (https://de.wikipedia.org/wiki/Th%C3%A9ophile_Gautier) das städtische Gymnasium und verlies die Stadt recht jung in Richtung Paris. Auch in meiner Monografie „Baudelaire und die Moderne“ ist ihm ebenswo wie Ducasse alias Lautréamont ein Kapitel gewidmet.

Foto Bernd Oei, Tarbes, Geburtshaus von Théophile Gautier am 30.08. 1811. Da er ein Maler war, erscheint die Nutzung des Erdgeschosses für den Verkauf von Graffiti Sprühdosen passend.

In Tarbes bezeichnete vor einer Woche ein Krankenhausarzt die Impfung als « Genozid ». Es kam zu einer Kettenreaktion. (https://profidecatholica.com/2021/09/01/tarbes-ein-mediziner-bezeichnet-einen-volkermord-hinter-der-impfung/). Was an der Behauptung, der Impfstoff sei toxisch, kann ich nicht beantworten, auch nicht, ob die Häufung von Herzmuskelerkrankung, mitunter mit tödlichem Ausgang auf eine biochemische Unverträglichkeit zurückzuführen ist. Der Zufall will es, dass nach den Skandalautoren Gautier und Lautréamont das provinzielle Tarbes (für Gnostiker der Vorort der Hölle, auf dieas Paradies Lourdes folgt) erneut zum medialen Schauplatz wird.

Tarbes im Wandel

Foto Bernd Oei,Tarbes, Schule in der Rue Abbé Tonér, die Ducasse und vor ihm Gautier besuchten und die 1911 in lycée Théophile-Gautier umbenannt wurde. (https://fr.wikipedia.org/wiki/Lyc%C3%A9e_Th%C3%A9ophile-Gautier_(Tarbes))
Ansicht er Schule zur Zeit von Gautier und Ducasse (https://www.bigorre.org/les_lieux/@lycee_theophile_gautier). Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1513 und hat dementsprechende Umbauten hinter sich

Bei Ankunft des dreizehnjährigen Isidore Ducasse um die Mitte des Jahrhunderts zählte Tarbes etwa 14 000 Einwohner; die Stadt lag an einem Handelweg an das 160 km nordöstlich gelegene Toulouse und einem Furt (gué), der den Übergang über die seichte Adour auch ohne Brücke ermöglichte, Flachkähne fuhren weiter bis zur Mündung bei Bayonne. Die Herren des Landes waren die Herzöge von Bigorre aus der Gascogne.

Passenderweise zu Ducasse bildete es sich aufgund seiner Handeslbeziehung zu Südamerika zu einem Zentrum des franzöischen Tango (jährliches Festival im August). Die Menschen sprachen einen Dialekt, der dem Baskischen verwandt ist. Ducasse beherrschte fließend Spanisch, Französisch und Englisch; nach dem Wunsch des Vaters sollte er Ingenieur werden. Ein Theater besaß er Ort zu Zeiten Ducasse nicht; das Théâtre des Nouveautés mit seinen 600 Plätzen entstand erst gegen Ende des Jahrhunhderts.

Foto Bernd Oei, bossiertes Patrizierhaus nahe der Adour mit bossierter Fassade, Ende des 18. Jahrhundets, das Ducasse gekannt haben muss.. Bossenwerk oder Rustika (von lateinisch ländlich) ist Mauerwerk aus Steinquadern, deren Stirnseite nur grob behauen (bossiert) ist. DAs Wort verdankt seiner Herkunft la bosse (Anschwellung) und le bossage (Befestigungsdorn),

Ducasse erlebte den Beginn der Industrialisierung, eine Aufbruchstimmung, die mit Lärm, Bauten und tiefgreifenden Wandel verbunden war, u. a. auch den Triumph der Eisenbahn. Der Bahnhof fiel mit der Ankunft des werdenden Dichters 1859 zusammen; die Strecke verbindet heute Toulouse und Bayonne. Die Verwandlungen beherrschen die Gesänge des Maldoror. Der Antiheld, dessen einziges Bestreben es ist, Gott an Bosheit zu übertreffenührt in verschiedenen Gestalten und Metamorphosen eine Schlacht gegen die menschliche Kreatur und Gott, der für ihn zugleich der Teufel ist.

Von diesem Erscheinungsbild um die Jahrhundertwende ist die heutige Station weit entfernt.

„Ich habe das Leben wie eine Wunde empfangen, und ich habe dem Selbstmord verboten, die Narbe zu heilen. Ich will, dass der Schöpfer zu jeder Stunde seiner Ewigkeit den klaffenden Riss betrachte. Das ist die Sühne, die ich ihm auferlege.“

(dritter Gesang, zitiert aus https://dewiki.de/Lexikon/Die_Ges%C3%A4nge_des_Maldoror)

Geometrie, Bowie und Ernst oder Weshalb ich keinen Regenschirm trage

Ich gehe durch Nieselregen. Sonne, von der Ducasse, so viel schreibt, weil sie in Montevideo wohl immer scheint, habe ich in meinen zwei Tagen in Tarbes vergeblich gesucht. Er hat die Welt neu gezeichnet, mit allen Kreaturen, den kaum ein Tier fehlt in seiner übernatürlichen Reise zum eigenen inneren Wesenskern. Vielleicht macht der Überfluss der Natur uns einsam. Oder das Meer an Möglichkeiten lässt uns ertrinken.

Ich trage keinen Regenschirm mit mir, vielleicht aus Angst, auf einem Seziertisch zu enden, wohlmöglich noch mit einer Nähmaschine. Wenn die Lösung das Problem ist, schreibt der erst Achtzehnjährige, dann bleibe ich lieber ein staunendes Kind.

Im Kopf höre ich David Bowies heroes, ein Sng für die Ewigkeit, für alle, die jung sterben. (We can be heroes just for one day). Ich wünsche, ich könnte schwimmen wie die Delphine, singt er. Im Fall von Maldoror sind es Haie mit denen er schwimmen und sich paaren möchte. We can be us, just for one day. Nichts ist schwerer, als sich selbst zu sein, dann noch zu zweit …

Foto Bernd Oei, mutmaßliches Wohnhaus von Isidore Ducasse zwischen 1859 und 1865 in der Innenstadt von Tarbes

Lautréamont entdeckte den Surnaturalismus, eine Stufe des Surralismus, der auch magischer Realismus genannt wird und dem etwa zeitgliech Rimbaud folgte. Er stellt eine bizarre Mischung aus realen, häufig mit Naturerkenntnis einhergehender Forschung und Traum dar, folglich Rückstände der Romantik. Diese Residuen kann man die man bei Baudelaires Schritt in die Moderne und seinen beginnenden Symbolismus der Großstadtlyrik erkennen.

So interessierte sich der junge Ducasse, ein großer Bewunderer Baudelaires wie dieser für die Malerei, besonders für das Groteske in den Gemälden von Bosch, Bruegel und Goya Er liebt aber auch die Geometrie, wie die Hymne an die Mathematik im zweiten Gesang beteuert:

„O strenge Mathematik, ich habe dich nicht vergessen, seit deine gelehrten Lektionen, süßer als Honig, wie eine erfrischende Woge in mein Herz drangen. (…) Arithmetik! Algebra! Geometrie! grandiose Dreifaltigkeit! leuchtendes Dreieck!“

So bleiben aber diese grandiosen, irrationalen Einfälle zur Schönheit in Erinnerung, deren berühmtestes Beispiel jene über die Begegnung mit dem Zufall ist, die das Leben unberechenbar gestaltet. Zwei Realitäten, die sich gewöhnlich nicht berühren und in keinem funktionalen Zusammenhang stehen, konvergieren. Max Ernst erklärte In Anlehnung an Lautréamonts „zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch im sechsten und letzten Gesang hat Max Ernst die Struktur des surrealistischen Bildes als „accouplement de deux réalités en apparence inaccouplables sur un plan qui en apparence ne leur convient pas.“

Mit neunzehn Jahren verließ Isidore Tarbes und betritt die Bühne von Montmartre, Paris, das Konzept von den Gesängen ist bereits in seinem Kopf. Fünf Jahre später hat er sich mit Gift aus dem Leben geschlichen. (https://www.theonet.fr/isidore-ducasse-comte-de-lautreamont/) Bereits beim Tod der Mutter 1847 ist vom Suizid und mysteriösen Umständen die Rede. incipit tragoedia.

„Nur wenige Auserwählte werden mein Buch verstehen“, schreibt der junge Autor als Einleitung in seine Prosalyrik.

Immer, wenn ich etwas nicht logisch zu erklären vermag, kommt mir dieser Satz in den Sinn.

Beau comme la rencontre fortuite sur une table de dissection d‘une machine à coudre et d’un parapluie.

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